Der Minne Gegenseitigkeit

N. Liebmann

Ob ich deinem Herzen

Unlieb, weiß ich nicht; ich liebe dich.

Eins nur macht mir Schmerzen:

Du siehst neben oder über mich.

Wollt'st doch das vermeiden,

Solcher Liebe Leiden

Trag' ich nun nicht länger mehr.

Hilf mir drum, die Last ist gar zu schwer!

Wär's der Vorsicht wegen,

Daß du selten schaust mir ins Gesicht?

Mir zu Nutz und Segen?

Nun, dann tadl' ich freilich dich drum nicht.

Nein, dann mag's geschehen,

Magst mich nicht ansehen!

Blick nur dann auf meinen Fuß,

Darf's nicht mehr sein, dann sei das der Gruß.

Schau ich, die gefallen

Mir wohl könnten, alle prüfend an,

Ehr' ich dich vor allen,

Wie ich ohne Ruhm wohl sagen kann.

Edle, reiche Frauen

Sind auch sonst zu schauen

Und dazu von stolzem Mut;

Leicht wohl sind sie mehr, doch du bist gut.

Herrin, drum besinne

Dich, ob ich nur etwas lieb dir sei.

Eines einz'gen Minne

Gilt nichts, ist der andre nicht dabei.

Lieb' ist nichts nur einsam,

Sie muß sein gemeinsam,

So gemeinsam, daß sie zieh'

Durch zwei Herzen, aber weiter nie.