Psalm

O. Schoeck

Liebe ist Wahrheit! Und wie die Sonne strahlt

sie durch Wolken, durch brütende Nebel, golden

und leuchtend, auf dampfende Erde; Liebe ist

Wahrheit im düstersten Wesen, dunkel ver-

schlossen, erzittert ein Schimmern, einmal viel-

leicht nur, doch einmal im Leben. üiber die Erde

pilgerte Einer, den Saum seines Kleides berührte

nicht irdischer Staub, Friede sein Odem, die

Worte Güte, wandelt er Wüsten in wogende

Ährenmeere zum Segen vieler Geschlechter.

Seiner Sohlen Spuren entsprangen Quellen der

Labsal, der Erquickung, und Blumen der Lust, wie

ein Wunder ersprossen, säumten den Weg, wo

sein Wanderstab glitt. Sein erster, sein letzter

Hauch war Liebe, sein entsetzliches Scheiden

am Kreuz. Heilige Schauer! Kann ich

einen Menschen ihn heissen, den Heiligen, dem

Hohen? Göttlicher Stolz, ihn so nennen zu dürfen!

Sehnender Augen unendliches Sternenheer

wache durch drückendes Dunkel glühe der

lichten Vollendung entgegen. Über Trümmern

geborstener Welten schaut einst die drängende

Seele seliger Liebe urewige Klarheit.