Doktor Benn
R. Aley
Er steigt hinunter ins Gewölbe seines Krankenhauses
und schneidet die Toten auf. Ein Nimmersatt,
sich zu bereichern an Geheimnis.
Er sagt: „tot ist tot“. Dennoch fromm im Nichtglauben
liebt er die Häuser der Gebete, träumende Altäre,
Augen, die von fern kommen. Er ist ein evangelischer
Heide, ein Christ mit dem Götzenhaupt, mit der
Habichtnase und dem Leopardenherzen. Sein Herz
ist fellgefleckt und gestreckt. Er liebt Fell
und er liebt Met und die großen Böcke, die am
Waldfeuer gebraten wurden. Ich sagte einmal zu
ihm, Sie sind allerleiherb, lauter Fels, rauhe
Ebene, auch Waldfrieden, und Bucheckern und Strauch
und Rotrotdorn und Kastanien im Schatten und
Goldlaub, braune Blätter und Rohr. Oder Sie sind,
Erde mit Wurzeln und Jagd und Höhenrauch und
Löwenzahn und Brennesseln und Donner. Er steht
unentwegt, wankt nie, trägt das Dach einer Welt
auf dem Rücken. Wenn ich mich vertanzt habe, weiß
nicht, wo ich hin soll, dann wollte ich, ich wäre
ein grauer Samtmaulwurf und würfe seine Achselhöhle
auf und vergrübe mich in ihr. Eine Mücke bin ich
und spiele immerzu vor seinem Angesicht. Aber eine
Biene möcht ich sein, dann schwirrte ich um seinen
Nabel. Lang bevor ich ihn kannte, war ich seine Leserin;
sein Gedichtbuch – Morgue – lag auf meiner Decke:
Grauenvolle Kunstwunder, Todesträumerei, die Kontur
annahm. Leiden reißen ihre Rachen auf und verstummen,
Kirchhöfe wandeln in die Krankensäle und pflanzen sich
vor die Betten der Schmerzensreichen an. Die
kindtragenden Frauen hört man schreien aus den
Kreissälen bis ans Ende der Welt. Jeder seiner Verse
ein Leopardenbiß, ein Wildtiersprung. Der Knochen
ist sein Griffel, mit dem er das Wort auferweckt.