Der Witwe Töchterlein

R. Hirsch

Die Witwe weint die lange Nacht

In ihres Herzens Pein;

Denn, ach! zu Grabe ward gebracht

Ihr einzig Töchterlein.

Sie jammert laut in ihrem Schmerz:

Du kennst nicht Menschennoth,

Du kennest nicht ein Mutterherz,

Erbarmungsloser Gott!

Wie sie so ruft in bitterm Leid,

Sitzt vor ihr bleich und hold

Das Kind in seinem Todtenkleid,

Im Kranz von Flittergold.

Es schaut sie traurig an und spricht:

Ach, weine nicht so sehr!

Sonst kann ich zu des Himmels Licht

Aufsteigen nimmermehr.

Mein Kleid ist schwer, mein Kleid ist naß

Von Thränen ohne Zahl,

Und zieht mich ohne Unterlaß

Zu dir und deiner Qual.

Da kämpfte sie mit aller Macht,

Bis sie den Schmerz verwand,

Und wieder in der dritten Nacht

Bei ihr das Kindlein stand.

Sein Antlitz war so sonnenklar

Und leuchtend sein Gewand;

Ein Licht erglänzte wunderbar

In seiner weißen Hand.

Es lächelt ihr so selig zu

Und spricht sie freundlich an:

Süß, Mutter, ist die Grabesruh,

Und Gott hat wohlgethan!

Wie nun es endlich ihr entwich,

Da betete sie viel,

Sie lobte Gott inbrünstiglich

Und ohne End' und Ziel.