Notturno

Strauss, Richard

Hoch hing der Mond; das Schneegefild

lag weit und öde um mich her,

wie meine Seele bleich und leer.

Und neben mir – so stumm und wild,

so stumm und kalt wie meine Not,

als wollt' er weichen nimmermehr,

saß starr – und wartete – der Tod.

Da kam es her, wie einst so mild,

so bang und sacht,

aus ferner Nacht;

so kummerschwer

kam seiner Geige Hauch daher,

und vor mir stand sein stilles Bild.

Der mich umflochten wie ein Band,

daß meine Blüte nicht zerfiel

und daß mein Herz die Sehnsucht fand,

die große Sehnsucht ohne Ziel:

dar stand er nun in öden land,

und stand so trüb und feierlich,

und sah nicht auf, noch grüßte mich, –

nur seine Töne ließ er irr'n

und weinen durch die kühle Flur,

und mir entgegen schaute nur

auf seiner Stirn,

als wär's ein Auge hohl und fahl,

der tiefen Wunde dunkles Mal.

Und trüber quoll das trübe Lied,

und quoll so heiß, und wuchs und schwoll,

so heiß und voll

wie Leben, das nach Liebe glüht, –

wie Liebe, die nach Leben schreit,

nach ungenoßner Seligkeit,

so wehevoll,

so wühlend quoll

das strömende Lied und flutete, –

und leise leise blutete

und strömte mit

ins bleiche schneefeld, rot und fahl,

der tiefen Wunde dunkles Mal.

Und müder glitt die müde Hand,

und vor mir stand

ein bleicher Tag,

ein ferner bleicher Jugendtag,

da Starr im Sand

zerfallen seine Blüte lag,

da seine Sehnsucht sich vergaß

in ihrer Schwermut Uebermaß

und seiner Traurigkeiten müd

zum Ziel Er schritt, –

und liet auf schrie das wienende Lied,

das wühlende, und flutete,

und seiner Saiten Klage schnitt

und seine Stirme blutete

und weinte mit

in meiner starre Seelennot,

als sollt' ich hören ein Gebot,

als sollt' ich fühlen, was ich litt,

und fühlen alles Leidens Schuld

und alles Lebens warme Huld, –

und also, blutend, wandt' er sich

ins bleiche Dunkel – und verblich.

Und bebend hört' ich mir entgehn,

entfliehn das Lied, und wie so zart

so zitternd ward

der langen Töne fernes Flehn, –

da fühlte ich kalt ein Rauschen wehn

und grauenschwer

die Luft sich rühren um mich her,

und wollte bebend doch ihn sehn,

sein Lauschen sehn,

Der wartend saß bei meiner Not,

und wandte mich, – da lag es kahl.

das bleiche Feld: und still und fahl

zog fern vondannen – auch der Tod.

Hoch hing der Mond; und mild und müd

hinschwand es in die leere Nacht,

das flehende Lied, –

und schwand und schied,

des toten Freundes flehendes Lied.