Die ägyptische Helena

Strauss, Richard

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Aegyptische Helena Libretto

SYSTEMERSTER AUFZUG

Gemach in Aithras Palast. Ein Ausgang ins Freie, nicht in der Mitte des Hintergrundes, sondern seitlich rechts. Zur Linken ein Tisch, schön gedeckt für zwei, zwei thronartige Stühle dabei. In der Mitte auf einem Dreifuss die alleswissende Muschel. An der rechten Seitenwand ein Thronsessel, auf dem Aithra sitzt - vor ihr auf einem niedrigen schemelartigen Stuhl die Dienerin, auf einer Harfe spielend. Draussen ist Nacht. Das Gemach ist schön erleuchtet

steht auf

AITHRADas Mahl ist gerichtet,

AITHRAdie Nacht schwebt nieder,

AITHRAwo ist mein Geliebter?

AITHRAEr lässt mich allein.

AITHRAIch laure: er kommt nicht -

AITHRAIch traure: wo. bist du?

AITHRAO lass nicht so lange

AITHRAdie junge, die bange

AITHRAGeliebte allein!

AITHRADie Nacht sinkt nieder,

AITHRAlass heute nicht wieder,

AITHRAPoseidon, die Freundin allein!

AITHRAWo bist du, Poseidon,

zart

AITHRAwo bist du?

ungeduldig

AITHRAWo ist er denn?

MUSCHELDrei Tauben schweben

MUSCHELglänzend wie Perlen

MUSCHELfern überm Meer.

MUSCHELSie grüssen dich

MUSCHELvon Poseidon

MUSCHELund versichern

MUSCHELmit sanftem Girren

MUSCHELseine Liebe,

MUSCHELseine Treue,

MUSCHELseine Sehnsucht

MUSCHELimmer auf s neue!

AITHRAO du Lügnerin! Einmal sind es Reisende, einmal Delphine, einmal Tauben!

MUSCHELSeine Liebe, seine Treue

MUSCHELimmer aufs neue!

heftig

AITHRAAntworte mir ohne Umschweife: wo ist Poseidon?

sehr feierlich

MUSCHELBei den Äthiopen!

zornig

AITHRABei den Äthiopen?

DIENERINIch laufe um das Fläschchen mit dem Lotossaft.

traurig

AITHRAAch, eine Zauberin sein und so ohnmächtig gegen den stärkeren Zaubrer!

DIENERINIch laufe und hole das Fläschchen!

AITHRAIch will nicht!

DIENERINDu brauchst es!

AITHRAIch will nicht!

DIENERINEs wird dich beruhigen.

AITHRAIch will nicht!

DIENERINDu brauchst es!

AITHRAIch will nicht!

DIENERINDann wühlet

DIENERINkein Schmerz durch die Adern!

AITHRAIch will nicht!

DIENERINDann stillet

DIENERINsich innen das Hadern!

AITHRAIch will nicht!

leise und sehr deutlich

DIENERINEin halbes Vergessen

DIENERINwird sanftes Erinnern;

DIENERINdu fühlest im Innern

DIENERINdir wiedergegeben

DIENERINden göttlichen Mann!

Aithra setzt sich zu Tisch, kindhaft junge Mädchen schweben auf den Fussspitzen herein und bedienen sie

AITHRAIch will nicht betäubt sein, ich will mich zerstreuen!

AITHRAIch will Gesellschaft haben!

AITHRAFür was ist mir denn Gewalt gegeben, jeden Sturm zu entfesseln,

AITHRAjedes Schiff an die Klippen zu reissen!

Der Mann steht auf, er ist der einzige an Bord, der nicht schläft.

kopfschüttelnd

DIENERIN"Der Mann steht auf!"" Sie sieht ein Schiff mit schlafenden Leuten.

MUSCHELEr weckt einen von den Schläfern auf -

DIENERIN"von den Schläfern"

MUSCHELund gibt dem das Steuer in die Hand -

DIENERIN"gibt dem das Steuer in die Hand"

MUSCHELEr selber steigt hinunter in den Schiffsraum.

DIENERIN"Er steigt hinunter in den Schiffsraum."

hält im Essen inne

AITHRAVon wem erzählt sie?

DIENERINSie sieht ein Schiff mit schlafenden Leuten.

MUSCHELJetzt ist er unten. Die Schlafende regt sich. Die Schlafende ist von allen Frauen der Welt die Schönste!

AITHRAWarum gleich die Schönste! Wer kann das entscheiden?

MUSCHELEr beugt, sich zu ihr, er will sie küssen!

AITHRAEine schöne Frau, gut!

DIENERINDer Mann auf dem Schiff will die Schlafende, die seine Frau ist, küssen.

AITHRAUnd das ist alles?

MUSCHELNein! Jetzt holt er -

nicht sehr gespannt

AITHRAWas holt er?

MUSCHELEr greift mit der Linken ein Tuch -

DIENERIN"ein Tuch,"

MUSCHELdas will er über ihr Gesicht werfen -

DIENERIN"über ihr Gesicht"

MUSCHELdenn in der Rechten hält er einen Dolch - er will sie töten.

DIENERINEr greift mit der Linken ein Tuch -

MUSCHELAithra, hilf doch! Der Mann ermordet die Frau!

DIENERINAithra, hilf doch: der Mann auf dem Schiff ermordet seine Frau!

aufspringend

AITHRAWie denn? Was soll ich? Wer sind denn die Leute?

MUSCHELHelena ist es! Helena von Troja! Und er ist Menelas! Schnell! Er schleicht sich näher! Verdeckt er ihr mit dem Tuch das Gesicht, so ist sie verloren!

DIENERINSchnell! Er schleicht sich näher. Gleich ist sie verloren!

AITHRASause hin, Sturm! Flieg hin wie der Blitz! Wirf dich auf das Schiff! Rede, was siehst du?

MUSCHELDer Sturm hat das Schiff! Er hat es! Er hat es!

MUSCHELDie Masten splittern! Die Schlafenden taumeln drunter und drüber. Weh! Sie scheitern.

DIENERINSie scheitern!

AITHRAUnd die Frau? Und der Mann? Hat er sie ermordet, der Teufel?

MUSCHELSie schwimmen! Da - er trägt sie. Befiehl doch Ruhe, lass alle sich retten!

AITHRAWer trägt wen? Legt euch, Wellen!

MUSCHELMenelas trägt Helena hoch in den Armen! Die brandenden Wellen machen ihm Platz und er schwingt sich ans Land.

AITHRALeg dich, Sturm, zu meinen Füssen! Hier ganz still!

AITHRA- Eine Fackel, ihnen den Weg zu zeigen.

Die Dienerin packt eine Fackel, läuft hinaus. Der Sturm legt sich gänzlich

AITHRAIst es wirklich Helena? Die berühmte? So ist denn Troja gefallen! Und ich soll hier sie empfangen? In meinem Haus? Mit ihr reden? Mit Helena von Troja! Mit der berühmtesten, der gefährlichsten, der herrlichsten Frau der Welt.

AITHRAWas wir sahen, da wir sehnten

AITHRAträumend uns aus uns hinaus,

AITHRAeinmal kommt es, nächtig prächtig,

AITHRAunversehens uns ins Haus!

Aithra zieht sich langsam zurück in ein Seitengemach nach rechts, wo sie aber dem Zuschauer sichtbar bleibt. Das Gemach bleibt einen Augenblick leer, dann kommt die Dienerin gelaufen, voran leuchtend, hinter ihr ein leicht gewappneter schöner Mann, der einen gekrümmten Dolch im Munde trägt und an der Hand eine sehr schöne Frau mehr hinter sich dreinreisst als führt, deren üppiges goldblondes Haar aufgegangen ist. Die Dienerin verschwindet.

Helena erblickt einen Spiegel, geht hin und steckt unbefangen ihr Haar auf. Menelas sieht sich um, befangen wie ein Mensch, der aus Finsternis ans Licht und aus Todesgefahr in ein schön erleuchtetes Zimmer kommt; dann legt er den Dolch, der schon nicht mehr zwischen den Zähnen, sondern in seiner Hand ist, auf den Dreifuss nächst der Muschel hin

MENELASWo bin ich? Was ist das für ein Haus?

sofort Herrin der Lage

HELENAEin Feuer brennt. Ein Tisch ist gedeckt.

HELENAWill nicht mein Gemahl mit mir sitzen und essen?

leise und beklommen

MENELASWas haben die Götter mir zubereitet?

HELENASchön glänzt der Saal, zwei Throne stehen.

HELENAEin König und eine Königin

HELENAsind hier erwartet. Setzen wir uns!

für sich

MENELASNie werden wir beide zusammen essen.

HELENADer Mann und die Frau - so ward ich gelehrt,

HELENAteilen den Tisch und teilen das Lager.

MENELASDein Lager war zuunterst im Schiff,

MENELASmeines war droben unter den Sternen

MENELASzehn Nächte lang.

lächelnd

HELENADoch heute nacht war dir das zur Last.

HELENADu kamst herab mit leisen Tritten -

erstaunt

MENELASDu schliefest nicht?

leidenschaftlich

HELENAWar ich's nicht, die dich nicht schlafen liess?

schmerzlich

MENELASDu warst es!

beiseite

MENELASAhnt sie, was ich ihr antat

MENELASohne den Sturm?

MENELASOder ist sie ganz arglos?

Er tritt von ihr weg

AITHRAEin gräulicher Mann!

AITHRAWie er sich bitten lässt

AITHRAzu etwas Schönem!

HELENAWohin trittst du?

HELENAWillst du noch einmal von mir weggehn?

HELENALieber, das fruchtet doch nichts.

AITHRAEs ist nicht zu begreifen!

HELENADir ist auferlegt,

HELENAmich nicht zu verlassen,

HELENAund mir ist verhängt,

HELENAzurückzukehren

HELENAin deine Arme,

HELENAund so ist es geschehn!

HELENASag doch, ob je

HELENAin all diesen Jahren

HELENAdein Wünschen gelassen hat von mir

HELENAnur für eine Stunde?

Menelas sieht zu Boden

HELENADu schweigest. Siehst du?

qualvoll

MENELASHelena!

mit voller Liebe

HELENAMenelas!

Sie tritt ihm entgegen, er weicht fast schaudernd zurück

HELENAHelena ist dem Tisch näher getreten. Eine zarte, kindhafte Mädchengestalt schwebt auf Fussspitzen hinter dem Tisch hervor, füllt aus einem Mischkrug eine flache Trinkschale, bietet sie Helena dar

ergreift die Schale, tritt mit ihr auf Menelas zu

HELENABei jener Nacht, der keuschen einzig einen,

HELENAdie einmal kam, auf ewig uns zu einen;

HELENAbei jenen fürchterlichen Nächten,

HELENAda du im Zelte dich nach mir verzehrtest;

HELENAbei jener Flammennacht, da du mich zu dir rissest

HELENAund mich zu küssen doch dir hart verwehrtest,

HELENAund bei der heutigen endlich, da du kamest,

HELENAmich jäh und zart aus allem Schrecknis nahmest:

HELENAbei ihr, die mich aufs neu dir schenkt,

HELENAtrink hier, wo meine Lippe sich getränkt!

Sie berührt mit den Lippen den Rand der Schale, reicht diese dann Menelas

finster

MENELASEin Becher war

MENELASsüsser als dieser,

MENELASherrlich gebildet,

MENELASaus dem trank Paris,

MENELASund nach seinem Tod

MENELASseiner Brüder viele.

sehr bitter

MENELASDu warst eine Schwägerin ohnegleichen!

HELENAAber du bist der Beglückte,

HELENAdenn sie alle sind tot - und du bist mein Herr!

HELENASo nimm die Feige,

HELENAdarein ich drücke

HELENAdie Spur meiner Lippen,

HELENAund freue dich!

Das kleine Mädchen, das die Früchte gereicht hat, tanzt ab

grausam bitter

MENELASZu viele, Helena, haben gekostet

MENELASvon der herrlichen Frucht,

MENELASdie du anbietest!

HELENAHast du aber von einem gehört,

HELENAder ihrer satt ward?

MENELASHeute nacht

MENELAStrat ich zu dir,

MENELASdort, wo du schliefest,

MENELASum dich zu itöten!

lächelnd und bezaubernd

HELENAWeil du nur so

HELENAund nicht anders glaubst zu empf angen

HELENAmein letztes Geheimnis:

HELENAdarum meine Züge

HELENAwillst du gewahren

HELENAzauberisch zärtlich im Tode verzerrt?

HELENAO Liebender, du ohne Mass und Grenzen!

ergreift den gekrümmten Dolch und bringt ihn ihr vor die Augen

MENELASKennst du die gekrümmte Waffe?

sehr ruhig

HELENAAls Paris vor dir lag

HELENAund fleht` um sein Leben,

HELENAentrissest du ihm

HELENAden krummen Dolch -

HELENAich kenn` ihn recht wohl -

ausbrechend

HELENAund mit der eignen Waffe

HELENAdurchschnittest du ihm die lebendige Kehle!

leise

HELENAAls Paris starb unter deinem Stahl,

HELENAden Tag wusstest du wieder,

HELENAdass du mir gehörtest,

HELENAund ich - ich gehöre dir!

nun fest entschlossen zur Tat

MENELASHelena! Merke zuletzt meine Rede!

MENELASMerke: Einem gehört ein Weib -

MENELASund ich will meine Tochter so aufziehn -

unerschüttert

HELENADeine? Ich denke, sie ist auch die meine!

ohne sich beirren zu lassen

MENELASSo auf ziehn will ich meine Tochter

MENELASdass sie sich der Mutter

MENELASnicht braucht zu schämen!

MENELASDenn für eine Tote errötet man nicht.

mit unbesiegbarer Kraft

HELENAMenelas, merke zuletzt meine Rede!

HELENAEinem gehört ein Weib

HELENAund so bin ich die deine!

HELENADich hab-' ich gewählt

HELENAaus dreissig Freiern,

HELENAmutigen, schönen!

HELENASieh mir ins Gesicht -

HELENAund lass alles, was war,

HELENAalles, alles, ausser diesem,

HELENAdass ich dein bin!

MENELASIch war nicht der erste der Helden

MENELASund nicht der zweite -

HELENAVergiss den bösen Traum,

HELENAwach auf bei deiner Frau!

MENELASWarum hast du mich gewählt

MENELASzu solchem Leiden?

MENELASHab' ich im Traum Troj a verbrannt?

HELENALasse, was war, und küsse mich wieder!

MENELAS

für sich

HELENANimmer darf das Kind sie sehn!

HELENAIn deinen Armen bring mich heim!

MENELASBewahret mich rein, ihr oberen Götter!

HELENAHelfet dem Weibe, ihr unteren dunklen!

MENELASHelfet, was sein muss, mir zu vollenden!

HELENAErde und Nacht,

HELENAMond und Meer,

HELENAhelf et mir jetzt!

MENELASErde und Nacht,

MENELASMond und Meer,

MENELASweichet hinweg!

MENELASHELENA und MENELAS

MENELASErde und Nacht,

MENELASMond und Meer,

MENELAShelfet, was sein muss,

MENELASmir zu vollenden!

MENELASBewahret mich rein,

MENELASihr oberen Götter!

MENELASHelfet, was sein muss,

MENELASmir zu vollenden!

HELENAHelfet dem Weibe, ihr

HELENAunteren dunklen!

HELENAWach auf bei deiner Frau!

HELENAIn deinen Armen bringe mich heim!

HELENAHELENA und MENELAS

HELENAErde und Nacht,

HELENAMond und Meer,

HELENAhelfet mir jetzt!

MENELASWeichet hinweg!

Die Lichter verdunkeln sich, nur der Mond fällt von draussen herein. Ein Strahl trifft Helenas Antlitz. Menelas - den Dolch erhoben, sie in die Kehle zu treffen, steht wie gebannt vor ihrer Schönheit. Sein Arm mit der Waffe sinkt

beschwörend

AITHRAIhr, grünen Augen

AITHRAim weissen Gesicht,

AITHRAdie ihr lauernd listig

AITHRAeuch pappelnd vermummt,

AITHRANachtelf en ihr,

AITHRAlüstern Lebendiges

AITHRAzu euch zu ziehn,

AITHRAich hab' hier im Haus

AITHRAeinen heissen Kerl,

AITHRAeinen rechten Raufbold,

AITHRAden schafft mir vom Leib!

Vor Aithra erscheint flüchtig ein und der andre Elf, gleichsam um ihre Befehle entgegenzunehmen, und verschwindet ebenso rasch

AITHRAMit Lärm einer Schlacht

AITHRAbestürmt ihm den Kopf,

AITHRAnarret ihn fest!

AITHRALasst ihn anlaufen

AITHRAan zwanzig Bäume,

AITHRAsein Schwert in der Hand.

AITHRADreht ihn! Drillt ihn!

AITHRAZwinkert und zwitschert!

AITHRADreht ihn! Drillt ihn!

AITHRABelfert und balzt,

AITHRAschnattert und schnaubt,

AITHRAdrommetet und trommelt!

AITHRAHudelt ihn! Hetzt ihn!

AITHRAFlitz, flitz, flitz 1

Die Rückwand des Hauses wird durchsichtig, man erblickt das Treiben der Elfen, von denen einzelne sich als Krieger verkleiden, Helme aufsetzen, Schilde und Speere schwingen

HELENAOhne Zaudern

HELENAtöte mich denn!

MENELASWie liebliches Weh

MENELASnoch in dieser Gebärde

MENELASdie süsse Kehle

MENELASgedehnt wie dürstend

MENELASdem Eisen entgegen!

Abermals anspringend, hält er abermals inne

HELENANimm mich ins Messer!

HELENANimm mich, Liebster!

teilweise unsichtbar

DIE ELFENMit Lärm einer Schlacht

DIE ELFENbestürmt seinen Kopf!

MENELASWie ist mir?

DIE ELFENDrommetet und trommelt!

MENELASWas hör' ich?

DIE ELFENParis hier!

DIE ELFENMit Lärm einer Schlacht

DIE ELFENbestürmt seinen Kopf!

DIE ELFENHaltet ihn fest.

MENELASWer ruft? Was für Waffen?

DIE ELFENParis hier! Hier steht Paris!

MENELASParis hier?

dringender

HELENAWas dein Herz begehrt,

HELENAtu endlich mit mir!

verwirrt

MENELASAuch ins Messer fällst du noch so?

MENELASAuch der Stich in den Hals

MENELASwird zärtlich sein?

DIE ELFENParis!

MENELASParis?

DIE ELFENHier steht Paris!

MENELASHier steht Paris?

MENELASDen Feldruf hör' ich!

MENELASGehn die Toten hier um und rufen

MENELASund wollen noch einmal erschlagen sein?

ganz nahe

DIE ELFENHelena will ich wieder gewinnen!

MENELASHier steht Menelas

MENELASund dein Tod!

MENELASSteh mir, Gespenst!

Er stürzt ab ins Freie

DIE ELFENHahahahahahaha, hahahaha!

DIE ELFENParis hier!

DIE ELFENHahahahahahaha, hahahaha!

verschwindend

DIE ELFENParis hier!

DIE ELFENHahahahahahaha, hahahaha!

Helena wankt nun todmüde auf den Thron der Aithra und fällt dort mehr zusammen, als dass sie sich setzt. Aithra tritt hervor. Helena, bei ihrem Anblick, will aufstehen

AITHRABleib sitzen! Schone dich!

Sie setzt sich auf den niedrigen Sessel

HELENAWer bist du? Wem ist dies Haus?

AITHRADu bist in Poseidons Haus, Helena, und bist mein Gast!

AITHRADoch lass uns keine Minute verlieren!

AITHRAIch werde dich retten, ich bin deine Freundin!

AITHRAIn wenigen Augenblicken kehrt der Fürchterliche zurück.

AITHRAOh, wie ich ihn hasse!

steht auf, späht hinaus

HELENAOh, wie ich ihn liebe!

lacht

MUSCHELMenelas! Jetzt läuft er wie ein Toller einem Nebelschwaden nach, den er für Helena hält!

HELENATroja ist dahin - und jetzt gehöre ich ihm!

DIE ELFENHa, ha, ha, ha, ha, ha, ha!

DIE ELFENHetzt ihn auf s neu!

DIE ELFENJagt ihn im Kreis um sich selber herum!

DIE ELFENHelena hier! Paris da!

DIE ELFENHa, ha, ha, ha, ha, ha, ha!

AITHRADu bist durchnässt,

AITHRAmeinst du zu trocknen

AITHRAbedarf es des Feuers?

AITHRAIch trockne dich

AITHRAmit meinen Augen!

sieht Aithra lächelnd an

HELENAWie sanfte Wärme mich durchdringt!

AITHRADie lieblichen Wangen

AITHRAso entstellt

AITHRAvom Salz des Meeres!

Sie streicht ihr die Wange

HELENAWie du mich anrührst!

AITHRAOhne Glanz die Haare!

AITHRAMeinst du, ich brauche

AITHRASalben und Öl,

AITHRAdamit sie dir leuchten?

Sie streift leicht über Helenas Haar

vor dem Spiegel, den auf Aithras Wink die Mädchen herangebracht haben

HELENAWie ich erglänze!

entzückt

AITHRAAllerschönste!

HELENABeste! Was hast du aus mir gemacht?

AITHRADein herrliches Wesen zurück dir gebracht.

nachdem sie sich abermals an dem eigenen Spiegelbild geweidet

HELENAWas machst du aus mir?

HELENASo sah die aus, die Menelas

HELENAin seine Brautkammer trug.

HELENABin ich so jung und soll sterben?

mit der Trinkschale

AITHRANicht sterben! Leben! Leben!

AITHRASchnell! Trinke!

nimmt die Schale

HELENAWer bist du?

ganz leise, nur hauchend

DIENERINEin halbes Vergessen

DIENERINbringt sanftes Erinnern.

HELENAWas ist das für ein Trank?

leise

DIENERINDu fühlest im Innern

DIENERINdir wiedergegeben

DIENERINdein unschuldig Leben -

für sich, leise

HELENAWie ist mir auf einmal?

HELENAWohin schwindet meine Angst?

DIENERINund wie du dich fühlest,

DIENERINso bist du fortan!

AITHRAWie die Nacht aus deinen Augen schwindet!

HELENAWer bist du?

AITHRADeine unbedeutende Freundin Aithra!

HELENAZauberin!

AITHRASchönste!

Sie fassen einander bei den Händen

AITHRAAITHRA und HELENA

AITHRAStärker als Krieger, reicher als Könige

AITHRAsind zwei Frauen, die sich vertrauen!

tritt noch einmal vor den Spiegel, dann wendet sie sich beseligt

HELENAWer tötet Helena, wenn er sie ansieht?

Aithra betrachtet sie voller Bewunderung

HELENAWie leicht wird alles!

AITHRARecht so! Trinke! Und vergiss deine Angst!

Sie reicht ihr abermals die Schale

nachdem sie getrunken, fröhlich wie ein Kind

HELENAMenelas! Warum denn mich töten?

Sie schwankt wie schlaftrunken, die kleinen Mädchen drücken sich an sie und stützen sie

HELENASchlafen! - Mich schläfert - Schläfst du neben mir, Liebster?

AITHRAWie stell' ich‘s an, sie zu retten?

AITHRAMuschel, wo ist er?

MUSCHELGanz nahe!

HELENAIch hab's gehört - schon in halben Schlaf hinein -

wie ein Schlummerliedchen

HELENAGanz nahe

HELENAschon schwebt mir

HELENAein unschuldig Glück.

HELENAGebt acht: ich entschwinde!

HELENANein, lasset: ich finde

HELENAschon wieder zurück!

Sie schliesst, auf die Kleinen gestützt, die Augen.

an der Tür hinausspähend

DIENERINDer Nebelstreif flattert vor ihm!

DIENERINHierher zu! Auf das Haus!

DIENERINEr mit dem Schwert hinterdrein!

DIENERINEr kommt!

DIE ELFENHa, ha, ha, ha, ha, ha, ha,

DIE ELFENNarret ihn fest,

DIE ELFENHa, ha, ha, ha,

DIE ELFENjagt ihn im Kreis um sich selber herum!

AITHRALeget sie auf mein Bett! Und kleidet sie im Schlaf in mein schönstes Kleid! In das blaue! Fort! Alle fort!

Die Kinder schweben mit Helena ab ins linke Gemach. Menelas, den Dolch in der Faust, kommt von aussen hereingestürzt als ein Verfolgender. Aithra springt ihm aus dem Weg, birgt sich in den Vorhängen und schreit

AITHRAAi!

DIE ELFENAi!

verstört vor sich hin

MENELASIm weissen Gewand - zerrüttet das Haar -

MENELASund doch schöner als je

MENELASflüchtete sie in Angst - und warf

MENELASzwei herrliche Arme - um eine verfluchte Gestalt,

MENELASdie im Mondlicht aussah wie Paris!

MENELASMit einem Streich doch traf ich die beiden!

MENELASIch Verfluchter!

MENELASAuch mein Kind seh' ich nicht wieder -

MENELASO Waise ohne Vater und Mutter!

tritt hervor

AITHRAFürst von Sparta, du bist mein Gast!

völlig verstört, sucht eilig den, wie er meint, blutigen Dolch unter dem Vorhang zu verbergen. Dumpf und vor sich hin

MENELASFremdes Weib - Insel der Schrecken!

MENELASMörderisch Haus! - Graues Geschick!

leise zu den Dienerinnen

AITHRADas Lotosfläschchen! Er hat es nötig! Schnelles Vergessen grässlichen Übels!

Die Dienerinnen bringen den Becher und den Mischkrug, giessen ein, träufeln aus dem Fläschchen in den Trank.

Aithra winkt Menelas, den niedrigen Sitz einzunehmen

MENELASHier sitzen bei dir als ein friedlicher Gast?

MENELASSo weisst du nicht, wer deine Schwelle betrat?

winkt ihm nochmals, er setzt sich

AITHRALeise! Nicht störe den lieblichen Schlummer der schönsten Frau:

AITHRAsie schläft da innen

AITHRAermüdet von einer langen Reise!

MENELASWer?

AITHRADeine Frau.

MENELASDu redest von wem?

AITHRAVon Helena doch! Von wem denn sonst?

MENELASDie schliefe?

Er springt auf

AITHRADa innen auf meinem Lager!

für sich

MENELASZerspalten das Herz!

MENELASZerrüttet der Sinn!

MENELASWeh in den Adern,

MENELASweh eurer Pfeile

MENELASlernäisches Gift!

MENELASAch nur für Stunden,

MENELASfür wenige Augenblicke

MENELASziehet die Spitzen

MENELASder Pfeile zurück!

MENELASGebt mir mich selber,

MENELASmein einig Wesen

MENELASder unzerspaltenen

MENELASMannheit Glück!

MENELASO gebt, ihr Götter,

MENELASo gebt mir mich selber,

MENELASgebet mir Armen

MENELASmich selber zurück!

zögernd einsetzend

AITHRAMenelas - gedenkst du des Tages

AITHRAvor dreimal drei Jahren,

AITHRAda du sie verliessest - und zogest zur Jagd?

sie völlig verstehend, mit zornig verfinsterter Miene

MENELASDu! Sprich nicht von Paris und jenem Tage!

AITHRAHöre! Seit jenem verwunschenen Tage

AITHRAhast du deine Frau mit Augen nicht wieder gesehn!

Menelas hebt jäh die Hände über seinen Kopf

steht auch auf, tritt dicht vor ihn

AITHRAMerke! Als jener frech und verwegen

AITHRAausreckte die Hand nach deinem Weibe -

AITHRAheimlich sorgten die Götter um dich -

MENELASHüte dich Weib, dass ich dich nicht strafe!

AITHRAFurchtbar sind deine Blicke, Fürst!

AITHRATrinke hier aus diesem Becher,

AITHRAtrinke mit mir!

Sie trinken beide, Aithra nur zum Schein

AITHRAHeimlich sorgten die Götter um dich:

AITHRAIn die Arme legten sie ihm

AITHRAein Luftgebild, ein duftig Gespenst,

AITHRAwomit sie narren die sterblichen Männer!

unsichtbar

DIE ELFENEin Luftgebild, ein duftig Gespenst,

DIE ELFENwomit Götter narren die sterblichen Männer,

DIE ELFENja ja, ja ja, ja ja, ja ja!

AITHRADein Weib indessen, die schuldlose Schöne,

AITHRAverbargen sie an entlegenem Ort

AITHRAvor dir und der Welt!

MENELASAn welcher Stätte? Achte die Worte,

MENELASbevor du sie redest!

noch dringender

MENELASAn welcher Stätte?

AITHRAAm Hang des Atlas steht eine Burg,

AITHRAmein Vater sitzt dort: ein gewaltiger Herr

AITHRAund gefürchteter König!

AITHRADrei Töchter wuchsen im Hause auf,

AITHRAzauberkundig alle drei:

AITHRASalome, die stolze,

AITHRAdie schöne Morgana

AITHRAund Aithra, die junge!

MENELASHüte dich, Weib!

AITHRAZu uns ins Haus brachten sie schwebend deine Frau!

MENELASHüte dich, Weib!

AITHRASchuldlos schlummernd,

AITHRAwähnend, sie liege in deinen Armen,

AITHRAlag sie bei uns

AITHRAdie Jahre im Haus.

AITHRADieweilen thronte

AITHRAdas Luftgespenst

AITHRAzuoberst unter Priamus Töchtern

AITHRAund buhlte mit seinen herrlichen Söhnen

AITHRAund freute sich am Brande der Welt

AITHRAund am Tc>de der Helden Tag f ür Tag!

MENELASDie, welche hier meinem Drohen trotzte?

AITHRAEin Luftgebild!

DIE ELFENEin Luftgebild!

AITHRADie Wespe die!

DIE ELFENDie Wespe, die! Ein Luftgebild! Ein Gespenst!

MENELASHier noch stand sie

MENELASunsagbar lieblich!

AITHRAEin Luftgebild!

MENELASEin Luftgebild!

AITHRAEin Gespenst!

MENELASFurchtbares Weib!

MENELASDeine Worte sind furchtbar

MENELASund stärker als alle trojanischen Waffen!

MENELASDu raubst sie mir völlig

MENELASmit zitterndem Hauch

MENELASaus lächelndem Munde!

MENELASweh, nun erblick' ich sie nimmer wieder,

MENELASich ganz unseliger Mann!

leise

AITHRAWenn ich sie nun in die Arme dir lege,

AITHRAdie du verloren

AITHRAvor dreimal drei Jahren und einem Jahre -

AITHRADie herrliche Reine,

AITHRAdie Unberührte!

MENELASIch werde sie sehn?

AITHRADu wirst sie sehn,

AITHRAmit diesen Augen!

MENELASSo ist es wahr: es wohnen in Höhlen

MENELASauf einsamer Insel Zauberinnen,

MENELASdie zeigendem, der zu ihnen dringt,

MENELASdie Bilder der Toten!

AITHRADu wirst sie sehn!

AITHRABereite dich!

in grösster Verwirrung

MENELASWas werde ich sehn!

MENELASUnseliger Mann!

AITHRAWas ficht dich an?

AITHRABereite, dich!

MENELASO furchtbare Stunde!

AITHRABereite dich!

MENELASVom Reiche der Toten -

AITHRABereite dich!

MENELASgrässliche Kunde!

AITHRABereiteclich!

MENELASIch höre Becken

MENELASdumpf geschlagen,

MENELASNachtgeister bringen

MENELASdie Tote getragen!

AITHRAWas horchst du hinunter?

AITHRAZärtlich verzaubert dich was denn aufs neue?

AITHRASieh hin, was dir die Götter bereiten!

Sie winkt. Das Hauptgemach verfinstert sich, und nur aus dem Gemach zur Linken dringt eine Helle hervor. Die Vorhänge heben sich, und auf einem breiten Lager wird Helena sichtbar, lieblich entschlummert, in einem strahlend blauen Gewand. Sie öffnet die Augen

1. Hälfte

DIE ELFENO Engel, für Elfen

DIE ELFENarglistig arme,

DIE ELFENdie zwinkern im Zwielicht -

DIE ELFENallzu herrlich!

2. Hälfte

DIE ELFENHi hi hi hi, hi hi hi hi.

zu den Elfen

AITHRAIhr Nachtgesindel

AITHRAschweigt nun schon!

AITHRASchmiegt euch zuFüssen der Herrin!

Helena hebt sich langsam vom Lager, vom Schlaf erquickt, in strahlender Schönheit

MENELASder kaum wagt, hinzusehen

MENELASDie ich zurückliess auf meinem Berge,

MENELASdie ich zu denken nie gewagt,

MENELASdie Jungfrau, die Fürstin, die Gattin, die Freundin!

MENELASO Tag aus dem jenseits, der nächtlich mir tagt!

Helena steigt vom Lager herab, mit reizendem Staunen blickt sie um sich. Aithra, die neben Menelas stand, gleitet lautlos zu Helena hinüber; was sie sagt, ist zum Schein zu Menelas gesprochen, in der Tat flüstert sie es Helena ein

AITHRAAm Hang des Atlas

AITHRAsteht eine Burg,

AITHRAda lag sie und schlief -

AITHRAdieweilen thronte

AITHRAdas Luftgespenst,

AITHRAihr gleichgebildet,

AITHRAdie Wespe die,

AITHRAauf Priamus Burg

AITHRAund sag zu oberst

AITHRAunter den Töchtern -

AITHRAdrei Schwestern hüteten Helenas Schlaf.

Helena ist währenddem vollends herabgestiegen. Es scheint, als ginge sie auf Menelas zu, aber scheu, mit gesenktem Blick und wie mit gefesselten Füssen. Zu beiden

AITHRANie Erahntes bereiten die Götter ihren erwählten herrlichen Kindern!

bebend

MENELASDie zu denken ich mir verwehrte!

leise, mit gesenkten Augen

HELENABin ich noch immer die einstens Begehrte?

triumphierend und halblaut zu Menelas

AITHRASieh doch den Blick zur Erde gesenkt!

AITHRAWo ist nun das brennende Auge

AITHRAjener, die vom Manne gekostet?

AITHRAWage doch endlich bezaubert zu sein!

MENELASWas tun? Sie reissen

MENELASdas Herz mir in Stücken!

MENELASMit ihrem Entrücken,

MENELASmit ihrem Beglücken

MENELASwas tun? Sie reissen das Herz mir entzwei!

ihm Helena zuführend

AITHRADie Reine!

MENELASWas tun?

innig scheu

HELENADie Deine!

leidvoll

MENELASWas tun?

höhnend

DIE ELFENO Schönste der Schönen -

dringender

AITHRAEmpfange!

beklommen

MENELASWas tun?

DIE ELFENchi chi chi chi

zurückweichend

HELENAWie darf ich?

AITHRANicht zage!

MENELASWas sagen?

AITHRAWir reissen das Herz nicht entzwei!

angstvoll

HELENAWas sag' ich?

MENELASSie reissen das Herz mir entzwei!

HELENAUnd reisse das Herz ihm entzwei!

DIE ELFENO Schönste der Schönen -

DIE ELFENso billig willst du

DIE ELFENdie Götter versöhnen?

DIE ELFENchi chi chi chi chi chi

DIE ELFENchi chi chi chi

zur Seite tretend, sich von Aithra, die ihre Hand ergriffen hat, lösend

HELENALass ihn! Er will mich nicht!

DIE ELFENchi chi chi chi chi

MENELASWer bist du, Wesen, das einer ewig

MENELASjungen Göttin gleicht - und meiner Frau?

HELENALass ab! Er verschmäht mich.

mit verhohlenem Triumph

HELENAEr liebt jene andre!

DIE ELFENchi chi chi chi

die Augen zu Helena hebend, mit tiefster Innigkeit

MENELASWie gewänne ich Gunst in deinen Augen -

MENELASda ich um jener willen dich verliess?

Helena wirft ihm einen Blick zu und schweigt

AITHRAAntworte ihm, der so liebt!

sehr innig

HELENAIch weiss von keinem, der mich verliess,

HELENAnur von einem,

HELENAder liebend bei mir war

HELENAin meinen Träumen,

HELENAindessen ich schlief!

MENELASSo weisst du von keinem,

MENELASder dich verliess -

MENELASnur von einem,

MENELASder liebend bei dir war,

MENELASweil er dich erwählte!

drückt ihren Kopf an seine Schulter

HELENAWeil er mich erwählte!

AITHRASchnell nun rüst' ich das Schiff

AITHRAund schicke euch heim!

spottend

DIE ELFENNun rüstet das Schiff

DIE ELFENund schicket sie heim!

DIE ELFENha ha ha ha, ha ha ha ha!

DIE ELFENDas Spiel ist aus!

Nachdem Helena sich von Menelas gelöst hat, geht sie, erschrocken über Aithras Wort, auf diese zu

ihr ins Gesicht sehend

AITHRAWie - oder nicht?

sehr gedehnt fragend

DIE ELFENWie - oder nicht?

halblaut

HELENAMir bangt vor dem Haus!

HELENAVerzaubert im Neuen

HELENAmir bangt vor dem Alten!

HELENALass mich mich freuen,

HELENAlass mich ihn halten!

DIE ELFENWie - oder nicht?

HELENAWo niemand uns kennt,

HELENAwo Helenas Name

HELENAein leerer Hauch

HELENAwie Vogellaut,

HELENAwo von Troja nie

HELENAkein Ohr vernahm,

HELENAdort birg uns der Welt

HELENAfür kurze Frist,

HELENAvermagst du das auch?

schnell, halblaut

AITHRAZu Füssen des Atlas

AITHRAliegt eine Oase:

AITHRAein zauberisch Zelt

AITHRAbau' ich euch dort -

HELENAUnd wie die Fahrt?

AITHRAAuf meinem Bette

AITHRAihr legt euch liebend

AITHRAund schlummert ein -

AITHRAden Mantel werf 'ich

AITHRAüber euch!

für sich, zwischen Jubel und Beklommenheit

MENELASMit ihrem Entrücken,

MENELASmit ihrem Beglücken

MENELASsie wenden mit Händen

MENELASdas Herz in der Brust!

AITHRADer Mantel trägt euch,

AITHRAund ihr erwacht

AITHRAam erleuchteten Ort

AITHRAzu zweien allein!

MENELASZu Füssen des Atlas?

MENELASEin zauberisch Zelt?

HELENAZauberin! Liebste,

HELENAzu zweien allein!

mit den Augen an Helena hängend

MENELASIhr jähen Götter!

MENELASnun gebt mir mich selber,

MENELASnun gebt mir die Jugend,

MENELASschnell gebt sie zurück,

MENELASdamit ohne Zagen

MENELASich wage zu tragen

MENELASdies jähe Glück!

zu Helena

AITHRADas Nötigste nur

AITHRAin eine Truhe,

AITHRAich schicke es mit!

leise

AITHRADas Fläschchen vor allem,

AITHRALotos, der liebliche

AITHRATrank des Vergessens,

AITHRAdem alles wir danken!

AITHRAVielleicht bedarf es

AITHRAetlicher Tropfen

bedeutungsvoll

AITHRAvon Zeit zu Zeit

AITHRAin seinem Trank

AITHRAoder in deinen -

MENELASWie lieblich sie flüstern,

MENELASdie reizenden Frauen,

MENELASwie klug sie blicken!

AITHRA- damit das Böse

AITHRAvergessen bleibe

AITHRAund ruhe unter

AITHRAder lichten Schwelle

AITHRAauf ewige Zeit!

mit ihr wie ein Gebet

HELENADamit das Böse

HELENAdarunten bleibe

HELENAvergraben unter

HELENAder lichten Schwelle

HELENAauf ewige Zeit!

für sich

MENELASO meine Tochter,

MENELASglückliches Kind!

MENELASWelch eine Mutter,

MENELASwelch eine Schwester

MENELASbring' ich dir heim!

Helena tritt auf die Schwelle vom Schlafgemach und blickt von dort nach Menelas um. Menelas ist bei ihr, kniet nieder, drüclct den Kopf an ihr Knie. Sie zieht ihn zu sich empor. Der Vorhang zum Schlafgemach entzieht sie den Blicken. Im Hauptgemaah ist lautlos die Dienerin eingetreten. Aithra winkt ihr, die Lichter zu löschen. Sie ergreift den schwarzen Zaubermantel, der vor ihrem Thron liegt. Im Hauptgemach erlöschen die Lichter, so auch im Schlafgemach

unsichtbar, leise, aber boshaft

DIE ELFENAuf ewige Zeit!

DIE ELFENhahahaha!

DIE ELFENDie teuren Seelen!

DIE ELFENDas Beste verhehlen,

DIE ELFENhahahaha,

DIE ELFENdas darf nicht sein!

Aithra, den Mantel haltend, scheint noch zu zögern, sie ist vom Mondlicht unsicher beleuchtet. Im Nebengemach rechts wird bei schwachem Licht die Dienerin sichtbar; sie legt Gewänder in eine Truhe, zu oberst Kostbarkeiten, darunter das Fläschchen, das sie in einen goldenen Behälter verschliesst

stampft auf

AITHRAWollt ihr jetzt schweigen?

Aithra wartet noch eine Weile, bis alles still ist. Auch die Dienerin hat die Truhe verschlossen und ist auf ihren Armen eingeschlafen. Aithra wendet sich jetzt, den Mantel schwingend, dem Schlafgemach zu

Vorhang

SYSTEMZWEITER AUFZUG

Ein Gezelt, weit geöffnet auf einem Palmenhain, hinter dem das Atlasgebirge sichtbar wird. Zur Linken Eingang in den inneren Raum des Gezeltes. Hier steht eine Truhe mit reichen vergoldeten Beschlägen. Helena entnimmt dieser einen goldenen Spiegel und flicht Perlenschnüre in ihr Haar. Menelas schläft zu ihren Füssen auf einem Pfühl

indem sie ihr Haar aufsteckt

HELENAZweite Brautnacht!

HELENAZaubernacht,

HELENAüberlange!

HELENADort begonnen,

HELENAhier beendet:

HELENAGötterhände

HELENAhielten das Frühlicht

HELENAnieder in Klüften;

HELENAspät erst jäh

HELENAauf flog die Sonne

HELENAdort überm Berg!

HELENAPerlen des Meeres,

HELENASterne der Nacht

HELENAsalbten mit Licht

HELENAdiesen Leib.

HELENAÜberblendet

HELENAvon der Gewalt

HELENAwie eines Kindes

HELENAbebte das schlachterzogene Herz!

HELENAKnabenblicke

HELENAaus Heldenaugen

HELENAzauberten mich

HELENAzum Mädchen um,

HELENAzum Wunder ward ich mir selbst,

HELENAzum Wunder, der mich umschlang.

HELENAAber im Nahkampf

HELENAder liebenden Schwäne

HELENAdes göttlichen Schwanen Kind

HELENAsiegte über den sterblichen Mann!

HELENAUnter dem Fittich

HELENAschlief er mir ein.

HELENAAls meinen Schatz

HELENAhüte ich ihn

HELENAfunkelnd im goldnen Gezelt

HELENAüber der leuchtenden Welt.

erwacht

MENELASWo ist das Haus?

blickt mit Staunen um sich

MENELASDie Zauberin wo?

heftig

MENELASWer bist du?

er besinnt sich des jäh Erlebten

MENELASAch! Wüsst' ich das nicht?

MENELASSie wusch mich rein von Helenas Blut,

MENELASher führte sie dich und gab dich mir!

immer mit einem Beiklang des erstaunten Nachsinnens

MENELASDoch welch ein Trank ward mir gegeben?

MENELASWie sänftigt' jäh er meine Wut?

MENELASWie fand ich Kraft, mich neu zu heben,

MENELASdich zu empfangen wie den Mut?

HELENAAufs neu von ihm muss ich dich tränken,

HELENAer sänftigt wunderbar dein Blut -

HELENAnie darfst du sie als Fremde kränken,

HELENAdie dir auf deinem Lager ruht!

Sie geht gegen die Truhe

immer in der gleichen fragenden Befangenheit

MENELASWie kamest du, dich mir zu neigen

MENELASdem einsamen verwaisten Mann?

MENELASVon wo sah ich empor dich steigen?

MENELASWie zog ich dich zu mir heran?

sich abermals ihm voll zuwendend

HELENAErkenne doch die ewig Deine!

HELENATritt dir nicht unser Brauttag nah?

HELENAErkenn in seinem sanften Scheine,

HELENAerkenne: dies ist Helena!

MENELASDer Brauttag rühret

MENELASmich geisterhaft an:

MENELASDie Nymphe erküret

MENELASden sterblichen Mann.

fast angstvoll gequält fragend

MENELASAus welchen Reichen

MENELASsteigt sie hervor

MENELASein herrlich Gleichen

MENELASdem Aug‘ und dem Ohr?

HELENAO lass zu dir dringen

HELENAdas köstliche Hier,

HELENAder Gattin Umschlingen

HELENAim Zauberrevier!

HELENADen Becher zur Hand

Sie wendet sich der Truhe zu, entnimmt ihr ein schönes Gewebe, worin der Becher eingehüllt, indem sie dies emporhebt, gleitet auch Menelas krummes Schwert aus der Hülle und fällt ihr vor die Füsse

HELENAich bring' ihn gleich,

HELENAder ewig dich bannt

HELENAins Freudenbereich!

springt hin und fasst das Schwert, sie wegdrängend

MENELASDahin der Becher! Dies ist das Schwert!

MENELASDies ist das Schwert, mit dem ich sie schlug!

MENELASVon allen unseligen Wesen der Welt

MENELASkam keines ihr nah - wie dies Schwert und ich!

wendet den Blick fast mit Grauen auf Helena

MENELASReizende du -

MENELASSpiegelbild,

MENELASflötende Stimme,

MENELASfliehe vor mir!

MENELASDass der Erwachte dich nicht jage!

MENELASDenn die Unglücklichen sind gefährlich,

MENELASwenn man sie reizet!

HELENAVon dir jage die Helena denn,

HELENAdu Ungeheurer unter der Sonne!

MENELASO süsses Gebild

MENELASzu trüglicher Wonne

MENELASgesponnen aus

MENELASder flirrenden Sonne -

MENELASLuftsirene!

MENELASNicht nahe dich!

MENELASDen Arm nicht dehne!

MENELASNicht fahe mich!

MENELASWem ungeheuer

MENELASGrausen tagt,

MENELASdem Abenteuer

MENELASbleibt er versagt!

Er wendet sich, das Schwert an die Brust gedrückt, als wolle er vor ihr ins Ungewisse fliehen

indem sie das goldene Gehäuse, worin das Fläschchen mitsamt dem Becher in die Truhe zurückwirft

HELENAOhnmächtiger Trank, fahre dahin!

HELENADem Falschen die Falsche hast du vermählt!

HELENADer mich gesucht durch Flammen und Tod,

HELENAer flieht vor mir in die Wüste hinaus!

HELENAAus flirrender Stille schlage der Blitz!

HELENADunkle Gewalt breche herein!

HELENAWas scheinversöhnet entzweie sich neu!

HELENAWir ducken uns nicht unter dem Streich,

HELENAentgegen recken wir unser Haupt!

Das Annahen einer Reiterschar, jäh wie ein Sturmwind, wird hörbar

MENELASAus flirrender Stille

MENELASwas naht heran?

MENELASDurch rötlichen Staub

MENELASfunkeln die Lanzen!

HELENAMenelas! Her!

HELENASchütze, was dein ist!

Krieger der Wüste in Kettenpanzern eilen heran und nehmen im Hain ausserhalb des Zeltes Stellung. Läufer stürmen herein, werfen sich vor Helena nieder. - Altair, der Fürst der Berge, ein königlicher Mann mit rabenschwarzem Haar, tritt heran, Bannerträger ihm zur Seite. Er lässt sich auf einem Knie vor Helena nieder, indem er mit der Hand die Erde, dann die Stirn berührt. Die Läufer erheben sich und stellen sich im Hintergrund vor die Lanzenträger. Altair erhebt sich auf ein gnädiges Zeichen von Helena und winkt seinem Gefolge. Die Läufer treten auseinander. Zwei schwarze Sklaven laufen hervor und breiten vor Helenas Füssen einen golddurchwirkten Teppich. Helena lächelt und setzt sich auf die Truhe, die mit ihren goldenen Beschlägen einem Thronsitz gleicht. Menelas, das blosse Schwert in der Hand, tritt hinter Helena. Altair steht ausserhalb des Teppichs. Helena winkt ihm mit anmutiger Herablassung, den Teppich zu betreten. Altair tut es, indem er am Rande des Teppichs noch einmal die Knie zur Erde beugt. Helena sieht sich nach Menelas um und winkt ihm, sich neben sie zu setzen. Dann bedeutet sie Altair, indem sie ihr Kinn gegen ihn hebt, zu sprechen

mit gesenktem Antlitz

ALTAIRMir ist befohlen:

ALTAIRich breite dies Land,

ALTAIRo Ungenannte, vor deinen Fuss!

lächelt

HELENAWer gab so schönen Befehl?

ALTAIRSo will es Aithra,

ALTAIRso will es Morgana,

ALTAIRund Salome gebietet es so!

ALTAIRDer ich dies Land

ALTAIRzu Lehen trage

ALTAIRvon ihnen dreien

ALTAIRKöniginnen -

er hebt den Kopf und erblickt Helena

ALTAIRDu Göttin, die schön ist

ALTAIRwie steigende Sonne,

ALTAIRgewaltig gleich

ALTAIReinem Heer, das funkelnd

ALTAIRin heiligen Kampf zieht,

ALTAIRich neige mich dir in den Staub!

HELENAFürst der Berge, wir grüssen und danken!

Das Gefolge tritt auseinander und gibt dem Blick eine Gasse frei. Hinten werden von Schwarzen grosse Truhen vorbeigetragen, so, als nähmen sie die Richtung auf den rückwärtigen Zelteingang. Helena steht auf und tritt auf Altair zu; Menelas ist gleichfalls aufgestanden. Indem sich Helena wendet, stürzen drei bis auf die Augen verhüllte Mädchen zu ihren Füssen. Die Mädchen sind schnell aufgesprungen, und ihre Stelle hat eine kleine Schar von schlanken Jünglingen eingenommen, fast noch Knaben - unter ihnen Da-ud, die sich vor Helena mit gesenkten Häuptern auf die Knie werfen

dies alles mit gebietender Gebärde beherrschend, aber den Blick leidenschaftlich auf Helena gerichtet

ALTAIREilig zusammengeraffte Gaben,

ALTAIRunwert des Hauchs

ALTAIRdeiner furchtbaren Lippen!

ALTAIRBefiehl, und im spielenden Kampfe

ALTAIRfliesset das Blut dieser Knaben,

ALTAIRjauchzend vergossen

ALTAIRfür einen einzigen Blick

ALTAIRaus deinen goldenen Wimpern!

Er wirft sich auch vor ihr nieder und drückt den Saum ihres Gewandes an die Lippen

auf dies alles hinblickend, leidvoll entrückt

MENELASO Spiegelbild!

MENELASSo stand meine Frau

MENELASauf den Zinnen von Troja!

MENELASLodernd so brannten

MENELASdie Könige auf,

MENELASach! und die Greise

MENELASbei ihrem Anblick

MENELASund alle riefen:

MENELASDIE JÜNGLINGE und ALTAIR

springen auf, und indem sie ihre Schwerter aus der Scheide reissen und gegen Himmel stossen, rufen sie wild

MENELASHeisse uns sterben im Sande

MENELASfür einen einzigen Hauch

MENELASvon deinen verschlossenen Lippen!

mit höchst gesteigerter Ergriffenheit eines jungen Herzens, einen Schritt hervortretend

DA-UDDenn es ist recht, dass wir kämpfen

DA-UDund dass wir sterben im Blachfeld

DA-UDum dieser willen -

DA-UDdenn sie ist die Schönste auf Erden!

Er verhüllt sich und tritt hinweg

aus seinen Gedanken auffahrend und Da-ud anstarrend

MENELASParis ist da! Paris aufs neue!

MENELASFrech und verwegen reckt er die Arme

MENELASnach meiner Frau! - Wo ist mein Schwert?

Altair winkt, und die Jünglinge, ihre blanken Schwerter gehoben, treten nach rückwärts und sind verschwunden

sucht mit dem Blick Menelas und tritt zu ihm

HELENALiebster, was ist dir? Bleib mir zur Seite!

HELENAMich ängstigt dein Blick!

MENELASMich ängstigt der deine, schöne Göttin!

MENELASEr ist mir zu jung und zu wenig umnachtet.

HELENADu willst mir fliehn!

sie umschlingt ihn

HELENADu willst mich lassen?

für sich

ALTAIRVermessene Gunst dem schönen Begleiter!

löst sich von ihr

MENELASWas bedarf st du des armen Begleiters!

MENELASDer Namenlosen, der Fremdlingin, die über Nacht kam,

MENELASknien sie hin und zücken die Schwerter und rufen -

MENELASDie STIMMEN der JÜNGLINGE

ausserhalb, unsichtbar

MENELASHeisse in spielendem Kampfe

MENELASfliessen das Blut unserer Adern

MENELASfür einen funkelnden Blitz

MENELASaus deinen furchtbaren Augen!

für sich, zornig

ALTAIRUnerträgliches Spiel! -

zu Helena

ALTAIRWorüber zürnet dein Günstling?

ALTAIRAuch für ihn sind Geschenke im Zelt!

Jagdhörner hinter der Szene. Er klatscht in die Hände. Zu Menelas

ALTAIRSchöne Waffen! Vielleicht gefällt dirs,

ALTAIRLiebling der Göttin, aus ihnen zu wählen!

Schwarze, Jagd- und Kriegswaffen tragend, treten hervor

misst Altair mit einem hoheitsvollen Blick, nun völlig seiner selbst bewusst, stolz und ernst

MENELASHerrliche Waffen hab' ich geführt

MENELASauf blachem Feld und in flammenden Gassen.

mit kaum verhohlener Geringschätzung

ALTAIRAuch die Jagd kann Tapfre ergetzen;

ALTAIRdir zu Ehren stell` ich ein Jagen jetzt an:

ALTAIRDer Jagd zum Begleiter gab ich Da-ud

ALTAIRmit einem wilden Blick auf Helena

ALTAIRund das Wild, ich hoff' es,

ALTAIRwird des Jägers wert sein!

Da-ud tritt auf den Wink Altairs hinter einer Palme hervor und neigt sich vor Menelas, die Hand aufs Herz gelegt

die beiden nicht beachtend, blickt sein Schwert an, das bei der Zeltstange hängt

MENELASDas Wild, ich hoff' es,

MENELASwird des Jägers wert sein!

Altair wirft Menelas einen Blick der Verachtung zu, gebietet Da-ud durch einen Wink, zu bleiben und geht. Menelas blickt Da-ud an

MENELASWas ficht mich an?

MENELASEin fremder Knabe!

MENELASEin fremdes Weib! Ein fremdes Land!

MENELASEin Abenteuer! Ein bunter Traum!

MENELASUnd Hörner laden zur Jagd.

Die drei Schwarzen treten heran, Jagdspeere und ein Hifthorn, auch einen leichten silbernen Helm darbietend.

Menelas, indem er gegen das Zeltinnere tritt, wo andere Schwarze bereitstehen und sich anschicken, ihm statt des langen Oberkleides ein kurzes zu reichen, tritt ins Zelt und wird für eine kurze Zeit unsichtbar. Helena betrachtet Da-ud

schmilzt unter ihrem Blick und wagt nicht die Augen zu heben. Dann mit plötzlicher Kühnheit

DA-UDIch werde neben dir reiten!

DA-UDIch allein! jener nicht,

DA-UDdein Begleiter! Er darf nicht!

lacht

HELENAKnabe, hüte dich vor dem Feuer,

HELENAoder du schmilzest wie Wachs.

den brennenden Blick zu ihr hebend

DA-UDIn den Armen des landlosen Königs,

DA-UDdes Abendländers mit falbem Haar,

DA-UDhast du das Feuer nicht fürchten gelernt!

DA-UDEr kennt es selber nicht!

DA-UDEr kommt aus dem Mondscheinland.

DA-UDDu aber, du bist geboren zur Herrin

DA-UDüber die Länder der Sonne -

DA-UDund ich bin geboren

DA-UDzu deinem Knechte

DA-UDbis in den Tod!

DA-UDSo steht es geschrieben,

DA-UDund so wird es geschehn.

Er sinkt vor Helena hin, die Stirn auf ihrem Fuss. Dann erhebt er sich blitzschnell und verschwindet.

Helena wendet sich lachend von ihm. Menelas, zur Jagd gekleidet, aber noch nicht gewaffnet, tritt aus dem Nebenraum des Zeltes. Helena nimmt dem Sklaven den Helm ab und reicht ihn Menelas

MENELASSo schön bedient,

MENELASdu reizende Nymphe,

MENELASzog ich schon einmal

MENELAShinaus zur Jagd!

Helena lächelt

MENELASAm nächsten Morgen

MENELASdann kam ich nach Haus -

MENELASleer das Nest!

MENELASFort war das Weibchen

MENELASund kam nicht wieder.

MENELASDas ist ein Lied von einer Toten!

MENELASWie ist dein Name, schönes Wesen?

MENELASGestern zur Nacht

MENELASwar ich verwirrt:

MENELASich hab' ihn nicht richtig gehört.

HELENAMeinen Namen?

HELENAO du Verstörter!

HELENADeiner Seele Seele

HELENAhauchst du von dir,

HELENAwenn du ihn rufest!

mit zerstreutem Blick

MENELASWas du redest, ist lieblich,

MENELASschöne Sirene!

MENELASGerne stünd' ich und lauschte

MENELASbis an den Abend

MENELASder silbernen Stimme!

MENELASAber dies Schwert

MENELASwill fort auf die Jagd,

MENELASund Hörner rufen nach mir!

Er nimmt das Schwert und drückt es an sich

HELENAZur Jagd auf Gazellen

HELENAdie furchtbare Waffe!

sie will ihm das Schwert aus der Hand nehmen

HELENAFort mit ihr! Ins Zelt hinein!

entzieht ihr's

MENELASVergib mir, Göttin: dies Schwert und ich,

MENELASwir beide gehören zusammen.

MENELASDein ist dies Zelt

MENELASund viele Schätze -

MENELASSchiffbrüchig irr' ich,

MENELASein gramvoller König,

MENELASin fremdem Bereich.

MENELASDies Schwert ist alles,

MENELASdas mir geblieben,

MENELASnicht rühre daran!

Er küsst das Schwert und steckt es in den Gürtel

HELENAMit einem Blick

HELENAder sehenden Augen

HELENAerkenne mich wieder!

MENELASSolche Blicke

MENELASkosten zu viel

MENELASdem armen Herzen!

MENELASUnd sie fruchten zu wenig.

MENELASDenn wer wegging zur Jagd

MENELASund kehrt heim zu seinem Weibe -

MENELASer kann nie wissen,

MENELASob er die gleiche wiederfindet!

Die Hörner rufen mit Entschiedenheit. Er eilt weg, nachdem er das Schwert in seinen Gurt gesteckt hat. Die ihm nacheilenden Sklaven bieten ihm Jagdwaffen dar: der eine Bogen und Köcher, der andere leichte Spiesse - von diesen ergreift er zwei und verschwindet

HELENAMenelas, steh! Er ist dahin!

HELENAUnd kehrt er zurück - wie ihn entzaubern?

HELENAZu kindlich ist ihm die Miene der Nymphe,

HELENAzu jung und arglos des Auges Blick

HELENAund zu fremd seinem Herzen!

Drei Sklavinnen, die Gesichter hinter Goldschmuck verborgen wie hinter einem Visier, kommen spähend aus dem Zeltinnern hervor. Helena ohne ihrer zu achten, vor sich hinsinnend

HELENAZaubergerät zieht uns hinüber -

HELENAzurückzukehren - dies ist die Kunst!

HELENAAithras Becher war zu stark -

HELENAund nicht stark genug für Menelas Herz!

Die drei Frauen haben in Helenas Rücken die andere Seite der Bühne gewonnen. Auf einen Wink der Mittelsten eilen die beiden anderen zur Truhe hin, öffnen sie und suchen nach etwas. Die Mittelste, Aithra, schiebt das goldene Visier auseinander und enthüllt sich

freudig

HELENAAithra! Liebe Herrliche!

HELENAO Zauberin! Schnellhörende!

AITHRASchweig! Dich zu retten flog ich her!

Sie blickt mit Spannung auf die beiden, welche die Truhe durchwühlen

ERSTE DIENERINdas goldene Gehäuse emporhebend

ERSTE DIENERINDie Fläschchen beide unberührt!

freudig

AITHRAO unberührt! Nun küss' ich dich

AITHRAvor Freude - du Gerettete!

AITHRAO hör, was mich in wilder Hast

AITHRAherjagt zu dir!

dunklen Tones

HELENANicht um den Trank

HELENAbedarf es, dass du fliegend eilst!

HELENAIch will ihn nicht! Ich brauch' ihn nicht!

AITHRAVersteh mich doch, du Liebliche!

AITHRADie Dirne dort, die lässige,

AITHRAihr schläferte, so legte sie

AITHRAdas Goldgehäuse in die Truh-'-

AITHRAzwei Fläschchen hält es: siehe die,

AITHRAwie leicht du die verwechseltest!

ernst

HELENAUnd was enthält das andre dann?

AITHRAErinnerung! Die grässliche,

AITHRAvon der mit meinem letzten Hauch

AITHRAich deine Lippen wahren will!

feierlich

HELENAErinnerung!

ohne ihren Ton zu achten

AITHRADer Höllentrank,

AITHRAvor dem wie Gift des Tartarus

AITHRAdie Götter fliehn, die Seligen!

greift nach dem Fläschchen

HELENADies ist -

entzieht ihr's, hebt's hoch empor

AITHRAO nicht den Duft davon,

AITHRAsolang ich dir es wehren kann!

sehr bestimmt

HELENADies ist der Trank, den ich bedarf!

HELENAErinnerung!

AITHRADu rufst das Wort,

AITHRAdu Ahnungslose, silbern hin

AITHRAund schaffst, wenn dirs die Lippe netzt,

AITHRAdich zur Lebendig-Toten um!

HELENAZur Tot-Lebendigen hat dein Trank

HELENAmich umgeschaff en diese Nacht!

AITHRAGerettet, Liebste, hat er dich

AITHRAvom nahen Tode durch sein Schwert!

AITHRABesänftigt herrlich schlief er ein

AITHRAund kannte dich für Helena

AITHRAund küsste dich für unberührt!

HELENAEr kennt mich für ein fremdes Weib,

HELENAdas du zur Nacht ihm zugeführt,

HELENAund wähnt, dass er mit mir betrog

HELENAdie Helena, die tot er wähnt -

leise

AITHRADu Selige, so bist doch du's,

AITHRAdie immer wieder siegt und siegt!

HELENADie eitle Freude lass dahin!

HELENAIch siege heute oder nie

HELENAund hier durch diesen Trank allein!

Sie ergreift das Fläschchen ungeachtet Aithras Widerstand

Auf Helenas Wink haben die beiden Dienerinnen aus dem Zeltinnern einen Dreifuss gebracht, darin ein Mischkrug sowie zwei andere Krüge, worin Wein. Unter dem folgenden geschieht das Mischen des Trankes und das Einträufeln des Balsams aus dem Fläschchen von ihnen und Helena zusammen

AITHRAO dreifache Törin!

AITHRADen einzigen Balsam,

AITHRAden Trank der Götter

AITHRAverschmähest du mir!

HELENAGehorchet und mischet,

HELENAwas einzig mir f rommt,

HELENAwenn heiss mein Jäger

HELENAzum Zelte mir kommt!

schmerzvoll

AITHRAO dreifache Törin!

zu den Mischenden und Umgiessenden

HELENAUnd noch und noch!

HELENAUnd nicht genug

HELENAvom dunklen Trank

HELENAErinnerung!

AITHRADen einzigen Balsam!

HELENAAuf zuckt die Flamme

HELENAalter Qual:

HELENAvor ihr das Hier

HELENAwird öd und fahl!

dringend

AITHRADas süsse Vergessen!

HELENADoch was dahin,

das tritt hervor

HELENAgeistmächtig aus

HELENAdem dunklen Tor!

verzweifelt

AITHRAVerschmähest du mir?

HELENAUnd was von drunten

HELENAwieder kommt,

HELENAist einzig, was

HELENAdem Helden frommt.

HELENAHELENA und DIENERINNEN

HELENAUnd noch und noch!

HELENAUnd nicht genug

HELENAvom Zaubertrank

HELENAErinnerung!

indem sie schnell das goldene Schmuckvisier vor ihr Gesicht fallen lässt

AITHRAHabet acht!

Altair nähert sich dem Zelt, zwischen den Palmen hervortretend

HELENAWer kommt?

Sie winkt den Dienerinnen, schnell mit den Geräten ins Zeltinnere zu verschwinden

stehenbleibend

ALTAIRDer begnadete Vogelsteller,

ALTAIRdem der herrlichste Vogel der Welt

ALTAIRmit rauschendem Fittich flog in sein Netz!

HELENAO Wirt ohnegleichen! Welche Rede!

einen Schritt auf sie zu

ALTAIRDiese, die dem Liebenden ziemet!

HELENAMit was für Schritten wagst du zu nahn?

ALTAIRMit denen des Jägers, naht er der Hindin.

HELENAWas für ein Blick?

ALTAIRBald dir der vertraute!

ALTAIRHörst du die Pauken?

Helena lächelt

ALTAIRDir zu Ehren geb' ich ein Fest,

ALTAIRein nächtliches Gastmahl ohnegleichen!

dicht bei ihr

ALTAIRMeine Gastmähler sind gefährlich

ALTAIRfür landlose wandernde Fürsten -

ALTAIRaber die Schönheit weiss ich zu ehren!

ALTAIRDas wirst du erkennen,

ALTAIRdu Ahnungslose,

ALTAIRdu pilgernde Unschuld!

Helena lacht stärker

ALTAIRLache nicht, Herrin!

ALTAIRDu hast wenig erlebt, und dürftiges Land nur betreten

ALTAIRals eines fahrenden Mannes scheue geduldige Sklavin.

heftig

ALTAIRAber ein Ohne-Land, solch ein Herr ohne Knechte

ALTAIRdarf nicht die Fackel der Welt in seinem Bettelsack tragen:

ALTAIRdenn sie ist stärker als er und zündet ihm nachts das Gezelt an.

sind unterdessen ohne die Geräte wieder herausgetreten und folgen mit den Augen der Jagd

DIENERINNENHei! Die Gazelle!

ERSTE DIENERINDer Falke hat sie!

ZWEITE DIENERINSie bricht zusammen!

ERSTE DIENERINBeide zugleich

ERSTE DIENERINdie kühnen Reiter

ERSTE DIENERINstürmen dahin!

DIE BEIDEN DIENERINNENHerrliche Jagd!

ALTAIRDu bist die Schönste auf Erden:

ALTAIRum einen Blick deiner Augen

ALTAIRschmachtend im Sande verderben,

ALTAIRdas überlass' ich den Knaben!

ALTAIRDenn ich weiss anders zu werben!

HELENAHüte dich, Fürst,

HELENAdu Schnellentflammter!

hoheitsvoll

HELENAÜber dem Gast

HELENAwachen die Götter,

HELENAund einen jeden

HELENAgleich einer Wolke

HELENAhüllen sie ein

HELENAin sein Geschick!

zwischen den Zeltvorhängen halbverborgen, Helena zurufend

AITHRAHelena, ich lache!

AITHRADeine Bedrängnisse alle,

AITHRAach deine Schmerzen

AITHRAsind die Kinder

AITHRAdeiner Schönheit -

AITHRAund sie gleichen

AITHRAdoch immer wieder

AITHRAihrer goldenen Mutter!

AITHRAja, sie glänzen wie Purpur und Gold!

anfangs wie gebannt von ihrer Schönheit

ALTAIRFlammen und Waffen

ALTAIRstatt Blumenketten

ALTAIRdich zu erraffen!

ALTAIRAus stürzenden Städten

ALTAIRüber dem Brande

ALTAIRhoch der Altan -

ALTAIRdes Herrschers Zelt:

ALTAIRund die Schönste

ALTAIRdem Stärksten gesellt!

Helena Schritt für Schritt folgend, indessen sie vor ihm zurückweicht

ALTAIRUnd stürben darüber

ALTAIRZehntausende hin,

ALTAIRverwehe ihr Seufzen

ALTAIRder nächtige Wind,

ALTAIRverwehe ihr sterbendes Stöhnen!

ALTAIRDie STIMMEN der JÜNGLINGE

ausserhalb, sehr nahe

ALTAIRIm Sande verschmacht'ich als ein Verfluchter,

ALTAIRder dich gesehn und nicht besessen!

ALTAIRDie BEIDEN DIENERINNEN

lachen hell auf

ALTAIRBeide zugleich

ALTAIRwerfen den Spiess!

ALTAIRBeide treffen!

ALTAIRHerrliche Jagd!

ERSTE DIENERINAber was jetzt?

ERSTE DIENERINHelena, sieh!

voll Staunen

ZWEITE DIENERINSie heben die Waffen!

ERSTE DIENERINDer das Schwert!

ERSTE DIENERINMenelas!

ZWEITE DIENERINDer den Spiess,

ZWEITE DIENERINsich zu wehren!

DIE BEIDEN DIENERINNENGegeneinander

gellend

DIE BEIDEN DIENERINNENElelelei!

ERSTE DIENERINDen Rappen herum

ERSTE DIENERINwirft Da-ud!

ZWEITE DIENERINMenelas jagt

ZWEITE DIENERINhinter ihm her!

ERSTE DIENERINDer Rappe ist schneller

ERSTE DIENERINden Hügel hinan!

ZWEITE DIENERINEr fliegt ihm nach!

ERSTE DIENERINEr holt ihn ein!

hat sich nach rückwärts zu den Dienerinnen gewendet

AITHRAHa! Der Abgrund

AITHRAhinterm Hügel!

AITHRAAchte dein Leben!

schreiend

DIENERINNENElelelei!

DIENERINNENAITHRA und DIENERINNEN

DIENERINNENAh! Er stürzt!

DIENERINNENWeh, Da-ud!

Die Hörner hinter der Szene, heftig, blasen die Jagd ab

den trunkenen Blick auf Helena

ALTAIRDer Knabe stürzt!

ALTAIRStürze er hin!

ALTAIRPfeile im Köcher,

ALTAIRSöhne im Zelt

ALTAIRhab' ich genug!

ALTAIRHörst du die Pauken?

ALTAIRHeute nacht

ALTAIRdir und mir

ALTAIRund keinem dritten

ALTAIRbereit' ich ein Fest!

Schwarze bringen von rückwärts auf einem Teppich den toten Da-ud getragen und legen ihn in der Mitte nieder. Altair ist Schritt für Schritt zurück-gewichen und tritt jetzt hinter den äussersten Vorhang des Zeltes. Aithra und die Dienerinnen nähern sich dem Toten. Die Sklaven sind sogleich verschwunden. Helena steht rechts von den sich um Da-ud mühenden Frauen. Menelas, das blosse Krummschwert in der Hand, tritt rechts hervor. Sein Auge ist starr und furchtbar, als verfolge er einen Schritt für Schritt vor ihm zurückweichenden Feind. So dringt er mit schweren Schritten bis gegen die Mitte vor, wie angezogen von Da-uds Gegenwart, aber ohne ihn eigentlich zu sehen. Aithra und die Dienerinnen werden den Herannahenden gewahr und springen erschrocken auf, ihm die Hände in Abwehr entgegenstreckend. Menelas bleibt wie ein Mondsüchtiger vor dem Toten stehen

ihm entgegentretend, ihn sanft anrufend

HELENAMein Geliebter! Menelas!

wird mit einem Schlage wach und lächelt sie unbefangen an

MENELASHelena, du?

MENELASWie kamst du her?

MENELASO Traumgebild!

HELENADie Waffe da,

HELENAdie furchtbare, gib!

Sie windet ihm sanft das Schwert aus der Hand

lächelnd

MENELASDie Waffe hier - was sollte sie mir?

Er lässt ihr das Schwert

HELENAGegen den Knaben,

HELENAGegen den Gastfreund,

HELENAder mit dir jagte,

HELENAhobest du sie zu tödlichem Streich!

MENELASGegen ihn erhob ich die Waffe? Warum nur?

links hinter dem Zeltvorhang hervorspähend

ALTAIRSein Schwert wird schwingen

ALTAIRder Mann der Schönsten -

ALTAIRso steht es geschrieben -

ALTAIRbis ihn erreichet das stärkere Schwert!

HELENADu wolltest, dag in diesem Knaben

HELENAParis von Troja noch einmal stürbe.

liebt erschrocken die Hände überm Kopf

MENELASJa, er reckte frech und verwegen

MENELASer sinnt nach

MENELASseine Arme nach -

HELENAdenn dies ist der einzige Weg

HELENAnahezukommen - Menelas - sage mir wem?

MENELASihr, die tot ist

MENELASund allen Toten,

MENELASdie um mich starben unbedankt!

HELENAIhr, die lebt und bei der zu bleiben

HELENAeinzig trachtet dein Herz,

HELENAmich verschmähend -

HELENAdenn sie und nicht ich -

HELENAsie ist deine Frau!

starrt sie mit dem Ausdruck höchsten Entsetzens an, dann fährt er langsam mit der Hand über die Stirn, wie um Vergangenes sich aus dem Gedächtnis zu streichen und wendet sich traurig zu dem toten Da-ud, den Schwarze von der Erde gehoben und nun ihn haltend, regungslos dastehen

MENELASUnter geschlossenem Lid

MENELASstraft mich dein brechendes Auge!

MENELASAber mein Freund - dahin er dich sandte -

MENELASden gleichen Weg gehet nun Menelas auch.

HELENADu aber bedarfst

HELENAeinen heiligen Trank,

HELENAeinen gewaltig starken!

HELENADen hab' ich im Zelt!

Helena winkt den Dienerinnen, die mit dem Mischkrug und den kleineren Krügen herantreten und mit fürchterlichem Ernst unter streng vorgeschriebenen Gebärden und Handreichungen das unterbrochene Werk der Bereitung des Trankes fortsetzen. Indem die Dienerinnen in rhythmisch wiederkehrenden Abständen Helena den Mischkrug reichen, träufelt diese aus dem Fläschchen den Zaubersaft hinein

zu Helena

AITHRAGefahr umgibt dich!

AITHRANicht jetzt den Trank,

AITHRAes ist nicht die Stunde:

AITHRAich warne dich!

von der Arbeit aufsehend, nach hinten horchend

ERSTE DIENERINWahre dich, Herrin,

ERSTE DIENERINhörst du die Pauke?

ERSTE DIENERINAltairs Feste

ERSTE DIENERINsind gefährlich!

ZWEITE DIENERINSeine verschnittenen Knechte

ZWEITE DIENERINunter dem weibischen Kleid

ZWEITE DIENERINtragen sie Panzer

ZWEITE DIENERINund schmeidige Klingen!

AITHRAIch warne dich!

ist mit dem Mischen des Trankes fertig

HELENAAithra, schweige!

HELENAJetzt und hier

HELENAbeginnet Helenas Fest!

Während links die Zeremonie des Mischens vor sich geht, haben rechts Schwarze Menelas umgeben, ihm den Panzer abgeschnallt, setzen ihm eine funkelnde Tiara auf. Es ist indessen im Bereich des Zeltes dunkel geworden, von draussen her naht Halbhelle vor Mondaufgang. Links leuchten Sklavinnen, rechts schwarze Sklaven zu den beiden Zeremonien. Die zum Fest ladende Pauke scheint sich indessen zu nähern. Das Annahen von Menschen, die Einholung zum Fest wird fühlbar. Draussen wird die Spitze des Zuges sichtbar. Gestalten in prächtigen Gewändern, mannweibisch, die Hälfte des Gesichtes verhüllt, Schwarze und Weisse vermischt. Etliche tragen Lanzen in den Händen. Hinten im Zug werden Banner sichtbar sowie die dröhnende Pauke

vor dem Zelt auf den Knien

DIE SKLAVENDie wir zum Feste dich laden,

DIE SKLAVENempfange die Boten in Gnaden!.

DIE SKLAVENLiebessklaven -

DIE SKLAVENo rasende Schickung,

DIE SKLAVENqualgeschieden

DIE SKLAVENvom Reich der Entzückung!

AITHRAGefahr ist nah!

AITHRAWir müssen uns wahren!

AITHRAAll unserer Sinne

AITHRAbedürfen wir jetzt!

AITHRALass den Trank!

DIE SKLAVENWächter der seligen Stunde,

DIE SKLAVENwir unausdenklich Betrübten!

DIE SKLAVENAus unserem weibischen Munde

DIE SKLAVENhöre den Schrei des Verliebten:

DIE SKLAVENIm Sande verschmacht'ich als Verfluchter,

DIE SKLAVENder dich gesehen und nicht besessen!

leises, fernes Donnern

zur ersten Dienerin

AITHIRADas Ohr an den Boden! Was erhorchst du?

AITHIRAPoseidon, höre! Aithra ruft!

tritt zu den Sklaven

HELENAZurück und harret

HELENAan der Erde,

HELENAbis man euch ruft.

Die Sklaven werfen sich nieder, die Stirnen in den Staub. Auf einen Wink Helenas ziehen die Dienerinnen den Zeltvorhang zu

ERSTE DIENERINzu Aithra

ERSTE DIENERINEin Rollen hör' ich

ERSTE DIENERINvon Meereswogen,

ERSTE DIENERINals stürze Springflut

ERSTE DIENERINins innere Land.

zur zweiten Dienerin

HELENADes Königs Schwert!

AITHRADas sind die Meinen!

AITHRAHelena, hörst du?

AITHRARosse und Reiter

AITHRAaus der Kraft des Meeres:

AITHRAPoseidon schickt mir

AITHRAdie herrliche Schar!

HELENAMenelas, siehe dein Schwert!

Eine der stummen Sklavinnen geht ins Zeltinnere und bringt das Schwert. Helena winkt ihr, es über sich zu halten, wobei die Sklavin ihr Haupt verhüllt. Hierauf enthüllt sie den Becher, den eine andere der Sklavinnen ihr gereicht hat

MENELASDen Becher seh' ich, den du mir bringst!

aussen

DIE SKLAVENWeh dem Unterliegenden,

DIE SKLAVENden die Träne nässte!

DIE SKLAVENWeh dem Ausgeschlossenen

DIE SKLAVENvom Lebensfeste!

DIE SKLAVENAh-hu! Ah-hu! Ah-hu!

indem sie den Becher hinhält und ihn aus dem kleinen Kruge füllen lässt

HELENAStöre mich nicht!

AITHRAGefahr ist nahe!

AITHRARettung auch!

AITHRAWahre dein Leben,

AITHRAdu wagst zuviel!

HELENAAlles wage ich jetzt!

AITHRAVom lieblichen Lotos

AITHRAeinen Becher

AITHRAund lebet selig

AITHRAheute wie gestern

AITHRAimmer aufs neu!

vortretend

MENELASWeib, tritt hinweg!

MENELASUnnahbare Stunde

MENELAShebt jetzt an!

Aithra und ihre Dienerinnen kauern rechts hin, verhüllen sich. vor Helena hintretend

MENELASHelena - oder wie ich sonst dich nenne -,

MENELASZaubergebild, mir zum letzten Gruss auf Erden gesendet,

MENELASmich zu trösten bist du dort auf die Insel gekommen.

MENELASUm den verlorenen Mann, der mit der furchtbaren Waffe

MENELASrechtmässig grausam seines Schicksals Gefährtin ermordet,

MENELASschlangest du sanft deinen Arm - für eine Nacht ihm gegeben.

MENELASReinigerin! Und nun stehst du vor mir und reichst mir den Becher

MENELASund wenn der Trank mir die Adern durchfliessen wird, bin ich ein Toter.

HELENAWarum macht dich dies lächeln? Du lächeltest jetzt wie ein Knabe!

MENELASWeil ich gedenke, dass Ehegatten der Tod nicht scheidet, o Herrin!

HELENASo völlig gehörest du jener?

MENELASWarum zitterst du da?

HELENASoll ich dich auf immer verlieren?

MENELASHast du mich jemals besessen?. Lag mich der Toten und lebe!

Helena führt den Becher an die Lippen

MENELASNicht netze die Lippen,

MENELASmir ist er bestimmt!

HELENADu trinkst es der andern -

HELENAich trinke mit dir!

Sie trinkt und hält dann den Becher empor

MENELASDen Todestrank mir!

MENELASoder ich sterbe

MENELASdurch dieses Schwert!

ihm den Trank bietend

HELENABei jener Nacht, der keuschen einzig einen,

HELENAdie einmal kam, auf ewig uns zu einen -

HELENAbei jenen fürchterlichen Nächten,

HELENAda du im Zelte dich nach mir verzehrtest

für sich

MENELASWelche Worte

MENELASaus diesem Munde!

MENELASUnverrückt,

MENELASihr ewigen Götter,

MENELASlasst meinen Sinn!

HELENABei jener Flammennacht, da du mich zu dir rissest

HELENAund mich zu küssen strenge dir verwehrtest -

HELENAund bei der heutigen endlich, da du kamest,

HELENAaus meiner Hand den Trank des Wissens nahmest:

mit grosser Erhebung

HELENAbei ihr, die mich auf s neu dir schenkt,

HELENAtrink hier, wo meine Lippe sich getränkt.

nachdem er den Becher geleert, in einem jähen Aufschrei

MENELASWer steht vor mir?

MENELASEr greift nach dem Schwert.

lächelnd

HELENAAithra! Er wird mich töten!

springt auf die Bühne

AITHRAHelena! Lebe! Sie bringen dein Kind!

lässt das Schwert sinken und starrt Helena an

MENELASTot-Lebendige!

MENELASLebendig-Tote!

MENELASDich seh' ich, wie nie

MENELASein sterblicher Mann

MENELASsein Weib noch sah!

Er wirft das Schwert weg und streckt die Arme nach ihr wie nach einem Schatten. Helena blickt ihn voll an

MENELASEwig erwählt

MENELASvon diesem Blick!

MENELASVollvermählt,

MENELASo grosses Geschick!

MENELASOh, wie nahe

MENELASUnnahbare scheinest,

MENELASbeide zu einer

MENELASnun dich vereinest:

MENELASHerrliche du!

MENELASUngetreue,

MENELASewig eine

MENELASewig neue!

MENELASEwig Geliebte!

MENELASEinzige Nähe!

MENELASWie ich dich fasse,

MENELASwie ich in dir vergehe!

AITHRAOhne die Leiden,

AITHRAwas wärst du gewesen,

AITHRAohne die beiden

AITHRAherrlichen Wesen?

AITHRAOhne die deine

AITHRAUngetreue,

AITHRAewig eine

AITHRAewig neue?

HELENADeine, deine

HELENAUngetreue

HELENAschwebend überm

HELENAGefilde der Reue!

mit seinen Sklaven, welche Dolche schwingen, dringt durch die seitlichen Zeltvorhänge jäh herein

ALTAIRZu mir das Weib!

ALTAIRIn Ketten den Mann!

ALTAIREr brach das Gastrecht

ALTAIRraffet ihn hin!

Die Sklaven bemächtigen sich Helenas und Menelas und reissen sie auseinander. Hinter dem Zelt erhebt sich ein dumpfes Klirren, immer gewaltiger, als schüttle ein Sturm einen Wald von Eisen

jubelnd

AITHRADas sind die- Meinen!

AITHRAHelena - Heil!

Aithra reisst den Zeltvorhang zurück. Draussen im vollen Mond steht wie eine Mauer eine Schar Gepanzerter in blauem Stahl, die Gesichter vom Visier verhüllt, die Arme über den Heft des blossen Schwertes gekreuzt, die Schwerter auf den Boden gestützt. Im Halbkreis, den sie bilden, mittelst auf einem weissen Ross das Kind Hermione, völlig in Goldstoff gekleidet

höchst gewichtig, ohne sich zu regen

DIE GEPANZERTENNieder in Staub!

DIE GEPANZERTENZitternd entfleuch!

DIE GEPANZERTENOder wir stürzen

DIE GEPANZERTENwie Blitze auf euch!

in der Mitte, ihr Antlitz enthüllend

AITHRAAithra ist da!

AITHRABöser Knecht!

AITHRAUnbotmässiger

AITHRAwilder Vasall!

mit den Seinen sich in den Staub werfend

ALTAIRAithra! Wehe!

ALTAIRWeh! Altair!

AITHRAHelena! Siehe! Sie bringen dein Kind!

Das Kind Hermione wird von zwei Gewappneten vom Pferde gehoben und tritt heran

bleibt in der Mitte auf einen Wink Aithras stehen, das volle Licht fällt auf sie, in ihrem goldenen Gewand und goldenem Haar gleicht sie einer kleinen Göttin

HERMIONEVater, wo ist meine schöne Mutter?

den Blick trunken auf Helena geheftet

MENELASWie du auf s neue

MENELASdie Nacht durchglänzest,

MENELASwie junger Mond

MENELASdich schwebend ergänzest!

er wendet sich gegen das Kind

MENELASO meine Tochter,

MENELASglückliches Kind!

MENELASWelch eine Mutter

MENELASbring' ich dir heim!

Zwei der Gepanzerten heben Hermione wieder in den Sattel. Zugleich werden die für Menelas und Helena bestimmten beiden herrlich gezäumten Pferde vorgeführt

MENELASHELENA und MENELAS

MENELASGewogene Lüfte, führt uns zurück

MENELASheiliger Sterne segnende Schar!

MENELASHohen Palastes dauerndes Tor

MENELASöffne sich tönend dem ewigen Paar!

Indem sich Helena und Menelas anschicken, die Pferde zu besteigen, fällt der Vorhang

Die ägyptische Helena | Strauss, Richard | Lyric Companion