Ariadne auf Naxos
Strauss, Richard
Responsief blok lib/tran/syn
Ariadne auf Naxos Libretto
SYSTEMVORSPIEL
Ein tiefer, kaum möblierter und dürftig erleuchteter Raum im Hause eines grossen Herrn. Links und rechts je zwei Türen. In der Mitte ein runder Tisch. Im Hintergrund sieht man Zurichtungen zu einem Haustheater. Tapezierer und Arbeiter haben einen Prospekt aufgerichtet, dessen Rückseite sichtbar ist. Zwischen diesem Teil der Bühne und dem vorderen Raum läuft ein offener Gang querüber. Der Haushofmeister tritt auf.
ihm entgegen
MUSIKLEHRERMein Herr Haushofmeister! Sie suche ich im ganzen Hause
HAUSHOFMEISTERWomit kann ich dienen? Muss allerdings bemerken, dass ich pressiert bin. Die Vorbereitungen zur heutigen grossen Assemblee im Hause des reichsten Mannes von Wien - wie ich meinen gnädigen Herrn wohl betiteln darf -
MUSIKLEHREREin Wort nur! Ich höre soeben, was ich allerdings nicht begreifen kann -
HAUSHOFMEISTERUnd das wäre?
MUSIKLEHRERund was mich in erklärliche Aufregung versetzt
HAUSHOFMEISTERIn Kürze, wenn ich bitten darf!
MUSIKLEHRERdass bei der heutigen festlichen Veranstaltung hier im Palais - nach der Opera seria meines Schülers - kaum traue ich meinen Ohren - noch eine weitere, und zwar gleichfalls sozusagen musikalische Darbietung in Aussicht genommen ist - eine Art von Singspiel oder niedrige Posse in der italianischen Buffo-Manier! Das kann nicht geschehen!
HAUSHOFMEISTERKann nicht? Wieso?
MUSIKLEHRERDarf nicht!
HAUSHOFMEISTERWie beliebt?
MUSIKLEHRERDas wird der Komponist nie und nimmer gestatten!
HAUSHOFMEISTERWer wird? Ich höre: gestatten. Ich wüsste nicht, wer ausser meinem gnädigen Herrn, in dessen Palais Sie sich befinden und Ihre Kunstfertigkeiten heute zu produzieren die Ehre haben, etwas zu gestatten - geschweige denn anzuordnen hätte!
MUSIKLEHREREs ist wider die Verbredung. Die Opera seria Ariadne wurde eigens für diese festliche Veranstaltung komponiert.
HAUSHOFMEISTERUnd das ausbedungene Honorar wird nebst einer munifizenten Gratifikation durch meine Hand in die Ihrige gelangen.
MUSIKLEHRERIch zweifle nicht an der Zahlungsfahigkeit eines steinreichen Mannes.
HAUSHOFMEISTERFür den Sie samt Ihrem Eleven Ihre Notenarbeit zu liefern die Auszeichnung hatten. - Was dann steht noch zu Diensten ?
MUSIKLEHRERDiese Notenarbeit ist ein ernstes bedeutendes Werk. Es kann uns nicht gleichgültig sein, in welchem Rahmen dieses dargestellt wird!
HAUSHOFMEISTERJedennoch bleibt es meinem gnädigen Herrn summo et unico loco überlassen, welche Arten von Spektakel er seinen hochansehnlichen Gästen nach Vorsetzung einer feierliclien Kollation zu bieten gesonnen ist.
MUSIKLEHRERZu diesen die Verdauung fördernden Genüssen rechnen Sie demnach die heroische Oper Ariadne?
HAUSHOFMEISTERZuvörderst diese, danach das für Punkt neun Uhr anbefohlene Feuerwerk, und zwischen beiden die eingeschobene Opera buffa. Womit ich die Ehre habe, mich zu empfehlen.
geht ab
MUSIKLEHRERWie soll ich das meinem Schüler beibringen?
Geht ab. Ein junger Lakai führt einen Offizier herein.
DER LAKAIHier finden Euer Gnaden die Mamsell Zerbinetta. Sie ist bei der Toilette. Ich werde anklopfen.
horcht und klopft an die Tür rechts vorne
DER OFFIZIERLass Er das sein und geh' Er zum Teufel.
stösst den Lakai heftig weg und tritt ein
taumelt, rettet den Leuchter auf einen Wandtisch rechts zwischen den beiden Türen und klaubt sich zusammen
DER LAKAIDas ist die Sprache der Leidenschaft, verbunden mit einem unrichtigen Objekt.
kommt eilig von rückwärts
KOMPONISTLieber Freund! Verschaffen Sie mir die Geigen. Richten Sie ihnen aus, dass sie sich hier versammeln sollen zu einer letzten, kurzen Verständigungsprobe.
DER LAKAIDie Geigen werden schwerlich kommen, erstens weil's keine Füss nicht haben, und zweitens, weil's in der Hand sind!
naiv, belehrend, ohne sich verspottet zu glauben
KOMPONISTWenn ich sage: die Geigen, so meine ich die Spieler.
gemein, von oben herab
DER LAKAIAch so! Die sind aber jetzt dort, wo ich auch hin sollt'! und wo ich gleich sein werd' - anstatt mich da mit Ihnen aufzuhalten.
ganz naiv, zart
KOMPONISTWo ist das?
gemein plump
DER LAKAIBei der Tafel!
aufgeregt
KOMPONISTJetzt? Eine Viertelstunde vor Anfang meiner Oper beim Essen?
DER LAKAIWenn ich sag': bei der Tafel, so mein' ich natürlich bei der herrschaftlichen Tafel, nicht beim Musikantentisch.
KOMPONISTWas soll das heissen?
DER LAKAIAufspielen tun sie. Capito? Sind also für Sie derzeit nicht zu sprechen.
aufgeregt, unruhig
KOMPONISTSo werde ich mit der Demoiselle die Arie der Ariadne repetieren -
will an die vordere Tür rechts
hält ihn ab
DER LAKAIHier ist nicht die Demoiselle darin, die Sie suchen, diejenige Demoiselle aber, die hier drin ist, ist für Sie ebenfalls nicht zu sprechen.
naiv, stolz
KOMPONISTWeiss Er, wer ich bin? Wer in meiner Oper singt, ist für mich jederzeit zu sprechen!
lacht spöttisch
DER LAKAIHehehe!
winkt ihm herablassend, geht ab
klopft an die Tür, bekommt keine Antwort; dann, plötzlich zornrot, dem Lakai nach
KOMPONISTEselsgesicht! sehr unverschämter frecher Esel!
KOMPONISTDer Eselskerl lässt mich allein hier vor der Tür -
KOMPONISTHier vor der Tür mich stehn und geht.
KOMPONISTO, ich möcht' vieles ändern noch
KOMPONISTIn zwölfter Stund - und heut wird meine Oper -
KOMPONISTO der Esel! Die Freud'! Du allmächtiger Gott!
KOMPONISTO du mein zitterndes Herz! Du allmächtiger Gott!
sinnt der Melodie nach, rucht in seinen Rocktaschen nach einem Stück Notenpapier, findet eines, zerknittert's, schlägt sich an den Kopf
KOMPONISTDem Bacchus eintrichtern, dass er ein Gott ist!
KOMPONISTEin seliger Knabe!
KOMPONISTKein selbstgefälliger Hanswurst mit einem Pantherfell!
KOMPONISTMir scheint, das ist seine Tür.
läuft an die zweite Tür links, klopft; hält indessen mit voller Stimme die gefundene Melodie fest
KOMPONISTO du Knabe! Du Kind! Du allmächtiger Gott!
Die Tür geht auf, Perückenmacher taumelt heraus, empfängt soeben eine Ohrfeige vom Tenor, der als Bacchus, aber mit kahlem Kopf, die Lockenperücke in der Hand, nach ihm zornig heraustritt.
TENORDas! Für einen Bacchus! Das mir aufzusetzen, mutet Er zu. Da hat Er, Lump, für seinen Bacchuskopf!
gibt ihm einen Fusstritt
ist zurückgesprungen
KOMPONISTMein Wertester! Sie allerdringendst muss ich sprechen!
zum Tenor
PERÜCKENMACHERDero misshelliges Betragen kann ich belächelnd nur einer angenommenen Gemütsaufwallung zurechnen.
KOMPONISTMein Wertester!
Der Tenor schlägt die Tür zu.
schreiend gegen die geschlossene Tür
PERÜCKENMACHERHabe meinerseits keine Ursache, wegen meiner Leistungen vor Ihnen zu erröten!
sich ihm nähernd, naiv-bescheiden
KOMPONISTHat der Herr leicht ein Stückerl Schreibpapier?
KOMPONISTHätt' mir gern was aufnotiert!
KOMPONISTIch vergess' nämlich gar so leicht.
PERÜCKENMACHERKann nicht dienen!
läuft ab
noch sehr im Négligé, mit dem Offizier aus dem Zimmer rechts
ZERBINETTAErst nach der Oper kommen wir daran. Es wird keine kleine Mühe kosten, die Herrschaften wieder lachen zu machen, wenn sie sich erst eine Weile gelangweilt haben.
kokett
ZERBINETTAOder meinen Sie, es wird mir gelingen?
Der Offizier küsst ihr stumm die Hand. Die Primadonna und der Musiklehrer treten ein. Sie trägt über dem Ariadne-Kostüm den Frisiermantel. Der Musiklehrer will sich verabschieden.
PRIMADONNASchnell, lieber Freund! Einen Lakai zu mir! Ich muss unbedingt sofort den Grafen sprechen.
Schliesst ihre Tür; der Komponist hat sie gesehen, will hin.
hält ihn auf
MUSIKLEHRERDu kannst jetzt nicht eintreten - sie ist beim Frisieren.
Tanzmeister kommt von rückwärts, tritt zu Zerbinetta und dem Offizier
gewahrt erst jetzt Zerbinetta, zum Musiklehrer
KOMPONISTWer ist dieses Mädchen?
zu Zerbinetta
TANZMEISTERSie werden leichtes Spiel haben, Mademoiselle. Die Oper ist langweilig über die Begriffe, und was die Einfälle anlangt, so steckt in meinem linken Schuhabsatz mehr Melodie als in dieser ganzen Ariadne auf Naxos.
zum Komponisten
MUSIKLEHRERSei sie wer immer!
drängender
KOMPONISTWer ist dieses entzückende Mädchen?
MUSIKLEHRERUm so besser, wenn sie dir gefällt. Es ist die Zerbinetta. Sie singt und tanzt mit vier Partnern das lustige Nachspiel, das man nach deiner Oper gibt.
zurückprallend
KOMPONISTNach meiner Oper? Ein lustiges Nachspiel? Tänze und Triller, freche Gebärden und zweideutige Worte nach Ariadne! Sag' mir's!
zaghaft
MUSIKLEHRERIch bitte dich um alles. -
tritt von ihm weg; edel
KOMPONISTDas Geheimnis des Lebens tritt an sie heran, nimmt sie bei der Hand, und sie bestellen sich eine Affenkomödie, um das Nachgefühl der Ewigkeit aus ihrem unsagbar leichtfertigen Schädel fortzuspülen!
lacht krampfhaft
KOMPONISTO ich Esel!
MUSIKLEHRERBeruhige dich!
wütend
KOMPONISTIch mag mich nicht beruhigen! Ein heiteres Nachspiel! Ein Übergang zu ihrer Gemeinheit! Dieses masslos ordinäre Volk will sich Brücken bauen aus meiner Welt hinüber in die seinige! 0 Mäzene! Das erlebt zu haben, vergiftet mir die Seele für immer. Es ist undenkbar, dass mir je wieder eine Melodie einfällt! In dieser Welt kann keine Melodie ihre Schwingen regen!
Pause, dann mit verändertem Ton, ganz gemütlich
KOMPONISTUnd gerade früher ist mir eine recht schöne eingefallen! Ich habe mich über einen frechen Lakaien erzürnt, da ist sie mir aufgeblitzt - dann hat der Tenor dem Perückenmacher eine Ohrfeige gegeben - da hab' ich sie gehabt! - Ein Liebesgefühl, ein süss bescheidenes, ein Vertrauen, wie diese Welt es nicht wert ist - da:
den Text improvisierend
KOMPONISTDu, Venus' Sohn - gibst süssen Lohn
KOMPONISTFür unser Sehnen und Schmachten!
KOMPONISTLalala - mein junges Herz
KOMPONISTUnd all mein Sinnen und Trachten:
KOMPONISTO du Knabe, du Kind, du allmächtiger Gott!
eilig gemütlich
KOMPONISTHast' ein Stückerl Notenpapier?
Der Musiklehrer gibt ihm welches. Der Komponist notiert. Harlekin, Scaramuccio, Brighella und Truffaldin sind im Gänsemarsch aus Zerbinettas Zimmer herausgekommen.
vorstellend
ZERBINETTAMeine Partner! Meine erprobten Freunde! jetzt meinen Spiegel, mein Rot! Meinen Crayon!
Die vier laufen ins Zimmer, kommen bald wieder, bringen ein Strohstühlchen, Spiegel, Dosen, Puderquasten.
mit einem Blick auf Zerbinetta, besinnt sich plötzlich; fast tragisch
KOMPONISTUnd du hast es gewusst! Du hast es gewusst!
MUSIKLEHRERMein Freund, ich bin halt dreissig Jahrl'n älter als wie du
MUSIKLEHRERund hab' halt gelernt, mich in die Welt zu schicken.
KOMPONISTWer so an mir handelt, der ist mein Freund gewesen,
KOMPONISTgewesen, gewesen, Gewesen!
zerreisst wütend das Notierte, läuft auf und nieder, dann nach hinten
öffnet ihre Türe
winkt dem Musiklehrer
PRIMADONNAHaben Sie nach dem Grafen geschickt?
tritt ein wenig vor, bemerkt Zerbinetta und die übrigen
PRIMADONNAPfui! Was gibt's denn dafür Erscheinungen!
Zerbinetta hat auf dem Strohstühlchen rechts im Vorder rund Platz genommen, schminkt sich zu Ende, von ihren Partnern bedient.
zum Musiklehrer, nicht gerade leise
PRIMADONNAUns mit dieser Sorte von Leuten in einen Topf! Weiss man hier nicht, wer ich bin? Wie konnte der Graf -
mit einem frechen Blick auf die Sängerin und absichtlich laut
ZERBINETTAWenn das Zeug so langweilig ist, dann hätte man doch uns zuerst auftreten lassen sollen, bevor sie übellaunig werden. Haben sie sich eine Stunde lang gelangweilt, so ist ist es doppelt schwer, sie lachen zu machen.
zu Zerbinetta
TANZMEISTERIm Gegenteil. Man kommt vom Tisch, man ist beschwert und wenig aufgelegt, man macht unbemerkt ein Schläfchen, klatscht dann aus Höflichkeit und um sich wach zu machen. Indessen ist man ganz munter geworden: » Was kommt jetzt?«, sagt man sich.
TANZMEISTERDie ungetreue Zerbinetta und ihre vier Liebhaber, ein heiteres Nachspiel mit Tänzen, leichte, gefällige Melodien, ja! eine Handlung, klar wie der Tag, da weiss man, woran man ist, das ist unser Fall, sagt man sich, da wacht man auf, da ist man bei der Sache! - Und wenn sie in ihren Karossen sitzen, wissen sie überhaupt nichts mehr, als dass sie die unvergleichliche Zerbinetta haben tanzen sehen.
beruhigend zur Primadonna
MUSIKLEHRERErzürnen Sie sich nicht um nichts und wieder nichts. Ariadne ist das Ereignis des Abends, um Ariadne zu hören, versammeln sich Kenner und vornehme Personen im Hause eines reichen Mäzens, Ariadne ist das Losungswort, Sie sind Ariadne, morgen wird überhaupt niemand mehr wissen, dass es ausser Ariadne noch etwas gegeben hat.
läuft rückwärts vorüber
DER LAKAIDie Herrschaften stehen vom Tisch auf! Man sollte sich hier beeilen.
MUSIKLEHRERMeine Damen und Herren, an Ihre Plätze.
Alles kommt in Bewegung, die Arbeiter rückwärts sind fertig. Der Tenor, als Bacchus, sowie Najade, Dryade und Echo sind eingetreten. Der Haushofmeister tritt auf den Musiklehrer zu; mit Wichtigkeit.
HAUSHOFMEISTERIhnen allen habe ich eine plötzliche Anordnung meines gnädigen Herrn auszurichten.
MUSIKLEHRERIst schon geschehen, wir sind bereit, in drei Minuten mit der Oper Ariadne anzufangen.
mit Grandezza
HAUSHOFMEISTERDer gnädige Herr haben sich nunmehr wiederum anders besonnen.
MUSIKLEHREREs soll also nicht mit der Oper begonnen werden?
PRIMADONNAWas ist das?
HAUSHOFMEISTERUm Vergebung. Wo ist der Herr Tanzmeister? Ich habe einen Auftrag meines gnädigen Herrn an Sie beide.
tritt herzu
TANZMEISTERWas wünscht man von mir?
HAUSHOFMEISTERMein gnädiger Herr belieben das von ihm selbst genehmigte Programm umzustossen.
MUSIKLEHRERJetzt im letzten Moment! Ah, das ist doch ein starkes Stückl!
HAUSHOFMEISTER- umzustossen und folgendermassen abzuändern.
TANZME1STERDas Nachspiel wird Vorspiel, wir geben zuerst Die ungetreue Zerbinetta, dann Ariadne. Sehr vernünftig.
HAUSHOFMEISTERUm Vergebung. Die Tanzmaskerade wird weder als Nachspiel noch als Vorspiel aufgeführt, sondern mit dem Trauerstück Ariadne gleichzeitig.
TENORHa, ist dieser reiche Herr besessen?
MUSIKLEHRERWill man sich über uns lustig machen?
PRIMADONNASind die Leute wahnsinnig? Ich muss augenblicklich den Grafen sprechen!
Komponist nähert sich erschrocken. Zerbinetta horcht von rechts.
mit hochmütiger Ironie
HAUSHOFMEISTEREs ist genau so, wie ich es sage. Wie Sie es machen werden, das ist natürlich Ihre Sache.
dumpf
MUSIKLEHRERUnsere Sache!
HAUSHOFMEISTERMein gnädiger Herr ist der für Sie schmeichelhaften Meinung, dass Sie beide Ihr Handwerk genug verstehen, um eine solche kleine Abänderung auf eins, zwei durchzuführen; und es ist nun einmal der Wille meines gnädigen Herrn, die beiden Stücke, das lustige und das traurige, mit allen Personen und der richtigen Musik, so wie er sie bestellt und bezahlt hat, gleichzeitig auf seiner Bühne serviert zu bekommen.
MUSIKLEHRERWarum gleichzeitig?
leichtfertig
ZERBINETTADa muss ich mich ja beeilen!
läuft in ihr Zimmer
HAUSHOFMEISTERUnd'zwar so, dass die ganze Vorstellung deswegen auch nicht einen Moment länger dauert. Denn für Punkt neun Uhr ist ein Feuerwerk im Garten anbefohlen.
MUSIKLEHRERJa, wie um aller Götter willen stellt sich denn Seine Gnaden das vor?
vor sich, ganz für sich leise
KOMPONISTEine innere Stimme hat mir von der Wiege an etwas Derartiges vorausgesagt.
HAUSHOFMEISTEREs ist wohl nicht die Sache meines gnädigen Herrn, wenn er ein Spektakel bezahlt, sich auch noch damit abzugeben, wie es ausgeführt werden soll. Seine Gnaden ist gewohnt, anzuordnen und seine Anordnungen befolgt zu sehen.
nach einer Pause, nochmals umkehrend, herablassend
HAUSHOFMEISTERZudem ist mein gnädiger Herr schon seit drei Tagen ungehalten darüber, dass in einem so wohlausgestatteten Hause wie dem seinigen ein so jämmerlicher Schauplatz wie eine wüste Insel ihm vorgestellt werden soll, und ist eben, um dem abzuhelfen, auf den sublimen Gedanken gekommen, diese wüste Insel durch das Personal aus dem anderen Stück einigermassen anständig staffieren zu lassen.
TANZMEISTERDas finde ich sehr richtig. Es gibt nichts Geschmackloseres als eine wüste Insel.
KOMPONISTAriadne auf Naxos, Herr. Sie ist das Sinnbild der menschlichen Einsamkeit.
TANZMEISTEREben darum braucht sie Gesellschaft.
KOMPONISTNichts um sich als das Meer, die Steine, die Bäume, das fühllose Echo. Sieht sie ein menschliches Gesicht, wird meine Musik sinnlos.
TANZMEISTERAber der Zuhörer unterhält sich. So wie es jetzt ist, ist es, um stehend einzuschlafen.
Pirouette
HAUSHOFMEISTERUm Vergebung, aber ich bitte sich höchlich zu beeilen, die Herrschaften werden sogleich eintreten.
ab
MUSIKLEHRERIch weiss nicht, wo mir der Kopf steht. Wenn man zwei Stunden Zeit hätte, um über die Lösung nachzudenken.
KOMPONISTDarüber willst du, nachdenken? Wo menschliche Gemeinheit, stier wie die Meduse, einem entgegengrinst. Fort, was haben wir hier verloren?
MUSIKLEHRERWas wir hier verloren haben? Die fünzig Dukaten unter anderem, von denen du das nächste halbe Jahr zu leben gedachtest.
vor sich
KOMPONISTIch habe nichts mit dieser Welt gemein! Wozu leben in ihr?
nimmt den Musiklehrer beiseite
TANZMEISTERIch weiss wirklich nicht, warum Sie beide einem so vernünftigen Vorschlag solch übertriebene Schwierigkeiten entgegensetzen.
MUSIKLEHRERMeinen Sie denn irn Ernst, es liesse sich machen?
TANZMEISTERNichts leichter als das, Die Oper enthält Längen
leiser
TANZMEISTERgefährliche Längen. Man lässt sie weg. Diese Leute wissen zu improvisieren, finden sich in jede Situation.
MUSIKLEHRERStill, wenn er uns hört, begeht er Selbstmord.
TANZMEISTERFragen Sie ihn, ob er seine Oper lieber heute ein wenig verstümmelt hören will, oder ob er sie niemals hören will. Schaffen Sie ihm Tinte, Feder, einen Rotstift, was immer!
zum Komponisten
TANZMEISTEREs handelt sich darum, Ihr Werk zu retten!
drückt die ihm von allen Seiten gereichten Noten leidenschaftlich an die Brust
KOMPONISTLieber ins Feuer!
Man bringt Tinte, - Feder, ein Licht dazu.
TANZME1STERHundert grosse Meister, die wir auf den Knien bewundern, haben ihre erste Aufführung mit noch ganz anderen Opfern erkauft.
rührend, hilflos
KOMPONISTMeinen Sie? Hat er recht, du? Darf ich denn? Muss ich denn?
drückt ihn sanft an den Tisch, wo man die Noten ausbreitet und das Licht danebenstellt; zum Musiklehrer
TANZMEISTERSehen Sie zu, dass er genug streicht. Ich rufe indessen Zerbinetta, wir erklären ihr in zwei Worten die Handlung! Sie ist eine Meisterin im Improvisieren; da sie immer nur sich selber spielt, findet sie sich in jeder Situation zurecht, die anderen sind auf sie eingespielt, es geht alles wie am Schnürchen.
Er holt sich Zerbinetta aus dem Zimmer, spricht zu ihr. Komponist fängt an, beim Schein der Kerze zu streichen.
zum Musiklehrer, leise
PRIMADONNASehen Sie zu, dass er dem Bacchus einiges wegnimmt; man erträgt es nicht, diesen Mann soviel singen zu hören.
tritt verstohlen zum Komponisten, beugt sich zu ihm
TENORDer Ariadne müssen Sie streichen. Niemand hält es aus, wenn diese Frau unaufhörlich auf der Bühne steht.
flüsternd, nimmt den Tenor beiseite
Er nimmt ihr zwei Arien weg, Ihnen keine Note. Verraten Sie mich nicht.
tritt ebenso zur Primadonna hinüber
Sie behalten alles. Er nimmt dem Bacchus die halbe Rolle, lassen Sie sich nichts merken.
zu Zerbinetta, lustig geistreich
TANZMEISTERDiese Ariadne ist eine Königstochter. Sie ist mit einem gewissen Theseus entflohen, dem sie vorher das Leben gerettet hat.
zwischen Tür und Angel
ZERB1NETTASo etwas geht selten gut aus.
TANZMEISTERTheseus wird ihrer überdrüssig und lässt sie bei Nacht auf einer wüsten Insel zurück!
zum Komponisten
MUSIKLEHRERNoch das, es muss sein!
verständnisvoll
ZERBINETTAKleiner Schuft!
TANZMEISTERSie verzehrt sich in Sehnsucht und wünscht den Tod herbei.
ZERBINETTADen Tod! Das sagt man so. Natürlich meint sie einen anderen Verehrer.
TANZMEISTERNatürlich, so kommt's ja auch!
hat aufgehorcht, kommt näher
KOMPONISTNein, Herr, so kommt es nicht! Denn, Herr! sie ist eine von den Frauen, die nur einem im Leben gehören und danach keinem mehr.
ZERBINETTAHa!
verwirrt, starrt sie an
KOMPONIST- keinem mehr als dem Tod.
ZERBINETTADer Tod kommt aber nicht. Wetten wir. Sondern ganz das Gegenteil. Vielleicht auch. ein blasser, dunkeläugiger Bursche, wie du einer bist.
MUSIKLEHRERSie vermuten ganz recht. Es ist der jugendliche Gott Bacchus, der zu ihr kommt!
fröhlich, spöttisch
ZERBINETTAAls ob man das nicht wüsste! Nun hat sie ja fürs nächste,
ZERBINETTAwas sie braucht.
sehr feierlich
KOMPONISTSie hält ihn für den Todesgott. In ihren Augen, in ihrer Seele ist er es, und darum, einzig nur darum -
aus der Tür
ZERBINETTADas will sie dir weismachen.
KOMPONISTEinzig nur darum geht sie mit ihm - auf sein Schiff! Sie meint zu sterben! Nein, sie stirbt wirklich.
ZERBINETTATata. Du wirst mich meinesgleichen kennen lehren!
KOMPONISTSie ist nicht Ihresgleichen!
schreiend
KOMPONISTIch weiss es, dass sie stirbt.
leise
KOMPONISTAriadne ist die eine unter Millionen, sie ist die Frau, die nicht vergisst.
ZERBINETTAKindskopf.
Sie kehrt ihm den Rücken; zu ihren vier Partnern, die herangetreten sind.
ZERBINETTAMerkt auf, wir spielen mit in dem Stück Ariadne auf Naxos. Das Stück geht so: eine Prinzessin ist von ihrem Bräutigam sitzen gelassen, und ihr nächster Verehrer ist vorerst noch nicht angekommen. Die Bühne stellt eine wüste Insel dar. Wir sind eine muntere Gesellschaft, die sich zufällig auf dieser wüsten Insel befindet. Ihr richtet euch nach mir, und, sobald sich eine Gelegenheit bietet, treten wir auf und mischen uns in die Handlung!
während sie spricht, vor sich
KOMPONISTSie gibt sich dem Tod hin - ist nicht mehr da - weggewischt - Stürzt sich hinein ins Geheimnis der Verwandlung - wird neu geboren - entsteht wieder in seinen Armen! - Daran wird er zum Gott. Worüber in der Welt könnte eins zum Gott werden als über diesem Erlebnis?
sieht ihm in die Augen
ZERBINETTACourage! jetzt kommt Vernunft in die Verstiegenheit!
KOMPONISTLebendig war's! Stand da - so!
malt's mit den Händen in die Luft
ZERBINETTAUnd wenn ich hineinkomme, wird's schlechter?
vor sich
KOMPONISTIch überlebe diese Stunde nicht!
ZERBINETTADu wirst noch ganz andere überleben.
verloren
KOMPONISTWas wollen Sie - in diesem Augenblick - damit sagen?
mit äusserster Koketterie, scheinbar ganz schlicht
ZERBINETTAEin Augenblick ist wenig - ein Blick ist viel. Viele meinen, dass sie mich kennen, aber ihr Auge ist stumpf. Auf dem Theater spiele ich die Kokette, wer sagt, dass mein Herz dabei im Spiele ist? Ich scheine munter und bin doch traurig, gelte für gesellig und bin doch so einsam.
naiv entzückt
KOMPONISTSüsses, unbegreifliches Mädchen!
ZERBINETTATörichtes Mädchen, musst du sagen, das sich manchmal zu sehnen verstünde nach dem einen, dem sie treu sein könnte, treu bis ans Ende.
KOMPONISTWer es sein dürfte, den du ersehnest! Du bist wie ich - das lrdische unvorhanden in deiner Seele.
zart
ZERBINETTADu spricht, was ich fühle. - Ich muss fort. Vergisst du gleich wieder diesen einen Augenblick?
KOMPONISTVergisst sich in Äonen ein einziger Augenblick?
Zerbinetta macht sich los, läuft schnell in ihr Zimmer nach rechts. Der Musiklehrer, als Regisseur der Oper, hat die übrigen Figuren, den Tenor, dann die drei Nymphen nach rückwärts, wo die Bühne angenommen ist, dirigiert und kommt jetzt eilfertig nach vorne, die Primadonna abzuholen, die noch einmal in ihr Garderobezimmer verschwunden war.
MUSIKLEHRERAn Ihre Plätze, meine Damen und Herren! Ariadne! Zerbinetta! Scaramuccio, Harlekin! Auf die Szene, wenn ich bitten darf!
PRIMADONNAIch soll mit dieser Person auf einer Szene stehen! Woran denken Sie!
MUSIKLEHRERSeien Sie barmherzig! Bin ich nicht Ihr alter Lehrer?
PRIMADONNAJagen Sie mir die Kreatur von der Bühne - oder ich weiss nicht, was ich tue!
MUSIKLEHRERWo hätten Sie eine schönere Gelegenheit als auf der Bühne, ihr zu zeigen, welch unermesslicher Abstand zwischen Ihnen befestigt ist!
PRIMADONNAAbstand! Ha! Eine Welt, hoffe ich.
MUSIKLEHRERLegen Sie diese Welt in jede Gebärde und - man wird Ihnen anbetend zu Füssen sinken.
küsst ihr die Hand, fährt sie ein paar Schritte nach rückwärts, kommt dann sogleich wieder, den Komponisten zu holen
umarmt den Musiklehrer stürmisch
KOMPONISTSeien wir wieder gut! Ich sehe jetzt alles mit anderen Augen! Die Tiefen des Daseins sind unermesslich! - Mein lieber Freund, es gibt manches auf der Welt, das lässt sich nicht sagen. Die Dichter unterlegen ja recht gute Worte,
Jubel in der Stimme
KOMPONISTjedoch, jedoch, jedoch, jedoch, jedoch! - Mut ist in mir, Freund. - Die Welt ist lieblich und nicht fürchterlich dem Mutigen - und was ist denn Musik?
mit fast trunkener Feierlichkeit
KOMPONISTMusik ist eine heilige Kunst, zu versammeln alle Arten von Mut wie Cherubim um einen strahlenden Thron! Und darum ist Musik die heilige unter den Künsten!
Zerbinetta erscheint rückwärts, mit einem frechen Pfiff ihre Partner auf die Bühne zu rufen. Harlekin kommt eilfertig aus dem Zimmer rechts, läuft, seinen Gurt schnallend, auf die Bühne.
KOMPONISTWas ist das? Wohin?
Scaramuccio, wie Harlekin, gleichfalls seine Toilette im Laufen beendend
KOMPONISTDiese Kreaturen!
Truffaldin, Brighella, den gleichen Weg wie die vorigen
KOMPONISTIn mein Heiligtum hinein ihre Bocksprünge!
KOMPONISTAh!
MUSIKLEHRERDu hast es erlaubt!
rasend
KOMPONISTIch durfte es nicht erlauben! Du durftest mir nicht erlauben, es zu erlauben! Wer hiess dich mich zerren, mich! in diese Welt hinein? Lass mich erfrieren, verhungern, versteinen in der meinigen!
Stürzt verzweifelt davon. Der Musiklehrer sieht ihm nach, schüttelt den Kopf.
SYSTEMOPER
Ariane vor der Höhle auf dem Boden, regungslos. Najade links. Dryade rechts. Echo rückwärts an der Wand der Grotte.
NAJADESchläft sie?
DRYADESchläft sie?
NAJADENein! sie weinet!
DRYADEWeint im Schlafe! horch! sie stöhnet.
ZU ZWEIENAch! so sind wir sie gewöhnet.
NAJADETag um Tag in starrer Trauer.
DRYADEEwig neue bittre Klagen.
NAJADENeuen Krampf und Fieberschauer.
DRYADEWundes Herz auf ewig, ewig
ECHOEwig! Ewig!
DRYADEUnversöhnet!
ZU DREIENAch, wir sind es eingewöhnet.
ZU DREIENWie der Blätter leichtes Schaukeln,
ZU DREIENWie der Wellen sanftes Gaukeln
ZU DREIENGleitets' über uns dahin. -
ZU DREIENIhre Tränen, ihre Klagen,
ZU DREIENAch, seit wieviel, wieviel Tagen,
ZU DREIENSie beschweren kaum den Sinn!
an der Erde
ARIADNEWo war ich? tot? und lebe, lebe wieder
ARIADNEUnd lebe noch?
ARIADNEUnd ist ja doch kein Leben, das ich lebe!
ARIADNEZerstückelt Herz, willst ewig weiter schlagen?
richtet sich halb auf
ARIADNEWas hab' ich denn geträumt? Weh! schon vergessen
ARIADNEMein Kopf behält nichts mehr;
ARIADNENur Schatten streichen
ARIADNEDurch einen Schatten hin.
ARIADNEUnd dennoch, etwas zuckt dann auf und tut so weh!
ARIADNEAch!
in der Kulisse
ECHOAch!
HARLEKINWie jung und schön und masslos traurig!
ZERB1NETTAVon vorne wie ein Kind, doch unterm Aug' wie dunkel!
BRIGHELLAUnd schwer, sehr schwer zu trösten, fürchte ich!
ohne ihrer irgendwie zu achten; vor sich, monologisch
ARIADNEEin Schönes war, hiess Theseus - Ariadne
ARIADNEUnd ging im Licht und freute sich des Lebens!
ARIADNEWarum weiss ich davon? ich will vergessen!
ARIADNEDies muss ich nur noch finden: es ist Schmach
ARIADNEZerrüttet sein, wie ich!
ARIADNEMan muss sich schütteln: ja, dies muss ich finden:
ARIADNEDas Mädchen, das ich war!
ARIADNEJetzt hab' ich's - Götter! dass ich's nur behalte!
ARIADNEDen Namen nicht - der Name ist verwachsen
ARIADNEMit einem anderen Namen, ein Ding wächst
ARIADNESo leicht ins andere, wehe!
als wollten sie sie erinnern, wachrufen
DRYADEAriadne!
abwinkend
ARIADNENicht noch einmal! Sie lebt hier ganz allein,
ARIADNESie atmet leicht, sie geht so leicht,
ARIADNEKein Halm bewegt sich, wo sie geht,
ARIADNEIhr Schlaf ist rein, ihr Sinn ist klar,
ARIADNEIhr Herz ist lauter wie der Quell:
ARIADNESie hält sich gut, drum kommt auch bald der Tag,
ARIADNEDa darf sie sich in ihren Mantel wickeln
ARIADNEDarf ihr Gesicht mit einem Tuch bedecken
ARIADNEUnd darf da drinnen liegen
ARIADNEUnd eine Tote sein!
Sie träumt vor sich hin.
in der Kulisse
HARLEKINIch fürchte, grosser Schmerz hat ihren Sinn verwirrt.
ZERBINETTAVersucht es mit Musik!
BRIGHELLAGanz sicher, sie ist toll!
ohne den Kopfzu wenden, vor sich; als hätte sie die letzten Worte in ihren Traum hinein gehört
ARIADNEToll, aber weise, ja! - Ich weiss, was gut ist,
ARIADNEWenn man es fern hält von dem armen Herzen.
in der Kulisse
ZERBINETTAAch, so versuchet doch ein kleines Lied!
in der Kulisse, singt
HARLEKINLieben, Hassen, Hoffen, Zagen,
HARLEKINAlle Lust und alle Qual,
HARLEKINAlles kann ein Herz ertragen
HARLEKINEinmal um das andere Mal.
HARLEKINAber weder Lust noch Schmerzen,
HARLEKINAbgestorben auch der Pein,
HARLEKINDas ist tödlich deinem Herzen,
HARLEKINUnd so musst du mir nicht sein!
HARLEKINMusst dich aus dem Dunkel heben,
HARLEKINWär' es auch um neue Qual,
HARLEKINLeben musst du, liebes Leben,
HARLEKINLeben noch dies eine Mal!
Echo wiederholt seelenlos wie ein Vogel die Melodie von Harlekins Lied. Ariadne, unbewegt, träumt vor sich hin.
ZERBINETTASie hebt auch nicht einmal den Kopf.
HARLEKINEs ist alles vergebens. Ich fühlte es während des Singens.
Echo wiederholt nochmals die Melodie.
ZERBINETTADu bist ja ganz aus der Fassung.
HARLEKINNie hat ein menschliches Wesen mich so gerührt.
ZERBINETTASo geht es dir mit jeder Frau.
HARLEKINUnd dir vielleicht nicht mit jedem Mann?
vor sich
ARIADNEEs gibt ein Reich, wo alles rein ist:
ARIADNEEs hat auch einen Namen: Totenreich.
hebt sich im Sprechen vom Boden
ARIADNEHier ist nichts rein!
ARIADNEHier kam alles zu allem!
ARIADNEBald aber nahet ein Bote,
ARIADNEHermes heissen sie ihn.
ARIADNEMit seinem Stab
ARIADNERegiert er die Seelen:
ARIADNEWie leichte Vögel,
ARIADNEWie welke Blätter
ARIADNETreibt er sie hin.
ARIADNEDu schöner, stiller Gott!
ARIADNESieh! Ariadne wartet!
ARIADNEAch, von allen wilden Schmerzen
ARIADNEMuss das Herz gereinigt sein,
ARIADNEDann wird dein Gesicht mir nicken,
ARIADNEWird dein Schritt vor meiner Höhle.
ARIADNEDunkel wird auf meinen Augen,
ARIADNEDeine Hand auf meinem Herzen sein.
ARIADNEIn den schönen Feierkleidern,
ARIADNEDie mir meine Mutter gab,
ARIADNEDiese Glieder werden bleiben,
ARIADNEStille Höhle wird mein Grab.
ARIADNEAber lautlos meine Seele
ARIADNEFolget ihrem neuen Herrn,
ARIADNEWie ein leichtes Blatt im Winde
ARIADNEFolgt hinunter, folgt so gern.
ARIADNEDunkel wird auf meinen Augen
ARIADNEUnd in meinem Herzen sein,
ARIADNEDiese Glieder werden bleiben,
ARIADNESchön geschmückt und ganz allein.
ARIADNEDu wirst mich befreien,
ARIADNEMir selber mich geben,
ARIADNEDies lastende Leben,
ARIADNEDu, nimm es von mir.
ARIADNEAn dich werd' ich mich ganz verlieren,
ARIADNEBei dir wird Ariadne sein.
Harlekin (verwegen); Brighella(jung, tölpelhaft); Scaramuccio (Gauner, 50jährig); Truffaldin (alberner Alter); hinter ihnen Zerbineita. Kommen von vorne auf die Bühne, schicken sich an, Ariadne durch einen Tanz zu erheitern. Zerbinetta bleibt seitwärts an der Kulisse.
DIE VIERDie Dame gibt mit trübem Sinn
DIE VIERSich allzusehr der Trauer hin.
DIE VIERWas immer Böses widerfuhr,
DIE VIERDie Zeit geht hin und tilgt die Spur.
DIE VIERWir wissen zu achten
DIE VIERDer Liebe Leiden,
DIE VIERDoch trübes Schmachten,
DIE VIERDas wollen wir meiden.
DIE VIERSie aufzuheitern,
DIE VIERNaht sich bescheiden
DIE VIERMit den Begleitern
DIE VIERDies hübsche Kind.
Sie tanzen.
DIE VIEREs gilt, ob Tanzen,
DIE VIEROb Singen tauge,
DIE VIERVon Tränen zu trocknen
DIE VIEREin schönes Auge.
DIE VIEREs trocknet Tränen
DIE VIERDie schmeichelnde Sonne,
DIE VIEREs trocknet Tränen
DIE VIERDer lose Wind:
DIE VIERSie aufzuheitern,
DIE VIERBefahl den Begleitern,
DIE VIERO traurige Dame,
DIE VIERDies hübsche Kind.
indes die vier weitertanzen
ZERBINETTAWie sie sich schwingen,
ZERBINETTATanzen und singen,
ZERBINETTADer eine oder der andere
ZERBINETTAGefiele mir schon.
ZERBINETTADoch die Prinzessin
ZERBINETTAVerschliesst ihre Augen,
ZERBINETTASie mag nicht die Weise,
ZERBINETTASie liebt nicht den Ton.
indem sie zwischen die vier Tänzer tritt
ZERBINETTAGeht doch! Lasst's doch! Ihr fallet zur Last!
indem sie weitertanzen
DIE VIERSie aufzuheitern,
DIE VIERBefahl den Begleitern,
DIE VIERO traurige Dame,
DIE VIERDas hübsche Kind!
DIE VIERDoch wie wir tanzen,
DIE VIERDoch wie wir singen,
DIE VIERWas wir auch bringen,
DIE VIERWir haben kein Glück.
indem sie sie mit Gewalt fortdrängt
ZERBINETTADrum lasset das Tanzen,
ZERBINETTALasset das Singen,
ZERBINETTAZieht euch zurück!
ZERBINETTAZurück! Versteht ihr nicht! Ihr seid nur lästig!
Sie schafft sie weg. Dann mit einer tiefen Verneigung vor Ariadne
ZERBINETTAGrossmächtige Prinzessin, wer verstünde nicht,
ZERBINETTADass so erlauchter und erhabener Personen Traurigkeit
ZERBINETTAMit einem anderen Mass gemessen werden muss
ZERBINETTAAls der gemeinen Sterblichen. - Jedoch
Einen Schritt nähertretend, doch Ariadne achtet in keiner Weise auf sie.
ZERBINETTASind wir nicht Frauen unter uns, und schlägt denn nicht
ZERBINETTAIn jeder Brust ein unbegreiflich, unbegreiflich Herz?
Abermals näher, mit einem Knicks, Ariadne, ihrer nicht zu achten, verhüllt ihr Gesicht.
ZERBINETTAVon unserer Schwachheit sprechen,
ZERBINETTASie uns selber eingestehen,
ZERBINETTAIst es nicht schmerzlich süss ?
ZERBINETTAUnd zuckt uns nicht der Sinn danach?
ZERBINETTASie wollen mich nicht hören -
ZERBINETTASchön und stolz und regungslos,
ZERBINETTAAls wären Sie die Statue auf Ihrer eigenen Gruft -
ZERBINETTASie wollen keine andere Vertraute
ZERBINETTAAls diesen Fels und diese Wellen haben?
Ariadne tritt an den Eingang ihrer Höhle zurück.
ZERBINETTAPrinzessin, hören Sie mich an - nicht Sie allein,
ZERBINETTAWir alle - ach, wir alle - was Ihr Herz erstarrt,
ZERBINETTAWer ist die Frau, die es nicht durchgelitten hätte?
ZERBINETTAVerlassen! in Verzweiflung! ausgesetzt!
ZERBINETTAAch, solcher wüsten Inseln ~ind unzählige
ZERBINETTAAuch mitten unter Menschen, ich - ich selber
ZERBINETTAIch habe ihrer mehrere bewohnt
ZERBINETTAUnd habe nicht gelernt, die Männer zu verfluchen.
Ariadne tritt vollends in die Höhle zurück, Zerbinetta richtet ihre weiteren Tröstungen an die Unsichtbargewordene.
ZERBINETTATreulos - sie sinds!
ZERBINETTAUngeheuer, ohne Grenzen!
ZERBINETTAEine kurze Nacht,
ZERBINETTAEin hastiger Tag,
ZERBINETTAEin Wehen der Luft,
ZERBINETTAEin fliessender Blick
ZERBINETTAVerwandelt ihr Herz!
ZERBINETTAAber sind wir denn gefeit
ZERBINETTAGegen die grausamen - entzückenden,
ZERBINETTADie unbegreiflichen Verwandlungen?
ZERBINETTANoch glaub' ich dem einen ganz mich gehörend,
ZERBINETTANoch mein' ich mir selber so sicher zu sein,
ZERBINETTADa mischt sich im Herzen leise betörend
ZERBINETTASchon einer nie gekosteten Freiheit,
ZERBINETTASchon einer neuen verstohlenen Liebe
ZERBINETTASchweifendes freches Gefühle sich ein!
ZERBINETTANoch bin ich wahr, und doch ist es gelogen,
ZERBINETTAIch halte mich treu und bin schon schlecht,
ZERBINETTAMit falschen Gewichte wird alles gewogen -
ZERBINETTAUnd halb mich wissend und halb im Taumel
ZERBINETTABetrüg' ich ihn endlich und lieb' ihn noch recht!
ZERBINETTASo war es mit Pagliazzo
ZERBINETTAUnd mit Mezzetin!
ZERBINETTADann war es Cavicchio,
ZERBINETTADann Burattin,
ZERBINETTADann Pasquariello !
ZERBINETTAAch, und zuweilen,
ZERBINETTAWill es mir scheinen,
ZERBINETTAWaren es zwei!
ZERBINETTADoch niemals Launen,
ZERBINETTAImmer ein Müssen!
ZERBINETTAImmer ein neues
ZERBINETTABeklommenes Staunen.
ZERBINETTADass ein Herz so gar sich selber,
ZERBINETTAGar sich selber nicht versteht!
ZERBINETTAAls ein Gott kam jeder gegangen,
ZERBINETTAUnd sein Schritt schon machte mich stumm,
ZERBINETTAKüsste er mir Stirn und Wangen,
ZERBINETTAWar ich von dem Gott gefangen
ZERBINETTAUnd gewandelt um und um!
ZERBINETTAAls ein Gott kam jeder gegangen,
ZERBINETTAJeder wandelte mich um,
ZERBINETTAKüsste er mir Mund und Wangen,
ZERBINETTAHingegeben war ich stumm!
ZERBINETTAKam der neue Gott gegangen,
ZERBINETTAHingegeben war ich stumm!
Echo, unsichtbar, wiederholt das Rondo, aber ohne Text, ad libitum. Harlekin springt aus der Kulisse.
HARLEKINHübsch gepredigt! Aber tauben Ohren!
ZERBINETTAJa, es scheint, die Dame und ich sprechen verschiedene Sprachen.
HARLEKINEs scheint so.
ZERBINETTAEs ist die Frage, ob sie nicht schliesslich lernt, sich in der meinigen auszudrücken.
HARLEKINWir wollen's abwarten. Was wir aber nicht abwarten wollen -
Er ist mit einem Sprung dicht bei ihr, sucht sie zu umarmen.
macht sich los
ZERBINETTAWofür hältst du mich?
HARLEKINFür ein entzückendes Mädchen, dessen Beziehungen zu mir dringend einer Belebung bedürfen
ZERBINETTAUnverschämter! und ausserdem: hier! Zwei Schritte von der Wohnung der Prinzessin!
HARLEKINPah! Wohnung, es ist eine Höhle.
ZERBINETTAWas ändert das?
HARLEKINSehr viel, sie hat keine Fenster.
versucht abermals sie zu küssen
macht sich energisch los
ZERBINETTAIch glaube, du wärest wirklich fähig!
HARLEKINZweifle nicht, zu allem!
misst ihn mit dem Blick, halbfür sich
ZERBINETTAZu denken, dass es Frauen gibt, denen er ebendarum gefiele -
HARLEKINUnd zu denken, dass du von oben bis unten eine solche Frau bist!
stecken links und rechts ihre Köpfe aus der Kulisse
BRIGHELLAPst! Pst! Zerbinettal
hat sich Harlekin entzogen, läuft nach vorn, vor sich, beinahe ad spectatores
ZERBINETTAMänner! Lieber Gott, wenn du wirklich wolltest, dass wir ihnen widerstehen sollten, warum hast du sie so verschieden geschaffen?
DIE VIEREine Störrische zu trösten,
DIE VIERLasst das peinliche Geschäft!
DIE VIERWill sie sich nicht trösten lassen,
DIE VIERLass sie weinen, sie hat recht!
Zerbinetta tanzt von einem zum anderen, weis jedem zu schmeicheln.
mit albernem Ton
BRIGHELLADoch ich bin störrisch nicht,
BRIGHELLAGibst du ein gut Gesicht.
BRIGHELLAAch, ich verlang' nicht mehr,
BRIGHELLAFreu' mich so sehr.
mit schlauem Ausdruck
SCARAMUCCIOAuf dieser Insel
SCARAMUCCIOGibt's hübsche Plätze.
SCARAMUCCIOKomm', lass dich führen,
SCARAMUCCIOIch weiss Bescheid!
täppisch lüstern
TRUFFALDINWär' nur ein Wagen,
TRUFFALDINEin Pferdchen nur mein,
TRUFFALDINHätt' ich die Kleine
TRUFFALDINBald wo allein!
diskret im Hintergrund
HARLEKINWas sie vergeudet Augen und Hände,
HARLEKINLaur' ich im stillen Hier auf das Ende!
von einem zum anderen tanzend
ZERBINETTAImmer ein Müssen,
ZERBINETTANiemals Launen,
ZERBINETTAImmer ein neues
ZERBINETTAUnsägliches Staunen!
in beliebiger Verschränkung
BRIGHELLAIch bin nicht störrisch.
HARLEKINIch laure im stillen.
im Tanzen
ZERBINETTASo war's mit Pasquariello
ZERBINETTAUnd so mit Mezzetin!
SCARAMUCCIOHätt' ich das Mädchen
TRUFFALDINIch wüsste Bescheid!
im Tanzen
ZERBINETTADann mit Cavicchio
ZERBINETTAUnd mit Burattin!
ZWEIKomm', lass dich führen,
ZWEIIch laure im stillen!
im Tanzen
ZERBINETTAAch, und zuweilen
ZERBINETTAWaren es zwei!
ZWEIEs gibt hübsche Plätze:
ZWEIIch weiss Bescheid!
ZERBINETTAAch, und zuweilen
ZERBINETTAWaren es zwei!
Unterm Tanzen scheint sie einen Schuh zu verlieren. Scaramuccio , flink, erfasst den Schuh und küsst ihn. Sie lässt sich ihn von ihm anziehen, wobei sie sich auf Truffaldin stützt, der ihr von der anderen Seite zu Füssen gefallen ist.
zu Truffaldin
ZERBINETTAWie er feurig sich erniedert!
aufs neue tanzend
ZERBINETTAMach' ich ihn auf diese neidig
ZERBINETTAWird der steife - wie geschmeidig,
ZERBINETTAWird der steife Bursch sich drehn!
steif tanzend und singend
BRIGHELLAMacht sie mich auf diese neidig,
BRIGHELLAAch, wie will ich mich geschmeidig
BRIGHELLAUm die hübsche Puppe drehn!
gleichfalls tanzend
SCARAMUCCIOMacht sie uns auf diesen neidig,
SCARAMUCCIOHei, wie alle sich geschmeidig,
SCARAMUCCIOHui, um ihre Gunst sich drehn!
ebenso
TRUFFALDINWie sie jeden sich geschmeidig,
TRUFFALDINEinen auf den anderen neidig,
TRUFFALDINOhne Pause weiss zu drehn!
Während die drei sich drehen, wirft sich Zerbinetta rückwärts Harlekin in die Arme und eilt, mit ihm zu verschwinden.
finden sich allein
SCARAMUCCIOMir der Schuh!
SCARAMUCCIOMir der Blick!
SCARAMUCCIOMir die Hand!
SCARAMUCCIODas war das Zeichen,
SCARAMUCCIOSchlau aus dem Kreise muss ich mich schleichen!
SCARAMUCCIOMich erwartet das himmlische Wesen,
SCARAMUCCIOMich zum Freunde hat sie erlesen!
Alle drei schleichen verstohlen in die Kulisse, gleich darauf erscheint zuerst Scaramuccio, von rechts kommend, vor der Bühne, verlarvt.
SCARAMUCC10Pst, wo ist sie? Wo mag sie sein?
späht herum, geht rechts um die Bühne herum
verlarvt, von links kommend, leise, dummschlau
BRIGHELLAPst, wo ist sie? Wo mag sie sein?
wendet sich nach rechts, stösst dort mit dem zurückkehrenden Scaramuccio zusammen
verlarvt, von links, an der linken Ecke in eben dem Augenblick hervorkommend, als Brighella nach rechts den ersten Schrtt tut
TRUFFALDINPst! wo ist sie? Wo mag sie sein?
Stösst mit den beiden zusammen; alle drei taumeln sie in die Mitte.
jeder für sich
ALLE DREIVerdammter Zufall! Aber man erkennt mich nicht!
Zerbinetta und Harlekin sind links vorne wieder erschienen.
ZERBINETTADass ein Herz so gar sich selber,
ZERBINETTAGar sich selber nicht versteht!
Brighella, Scaramuccio, Truffaldin sehen einander an.
HARLEKINAch, wie reizend, fein gegliedert!
ZERB1NETTAHand und Lippe, Mund und Hand!
DIE DREI GESELLENAi! Ai!
HARLEKINHand und Lippe, Mund und Hand,
HARLEKINWelch ein zuckend Zauberband.
DIE DREI GESELLENAi! ai! ai! ai! Der Dieb! Der Dieb!
DIE DREI GESELLENDer nieder-, niederträchtige Dieb!
Die Bühne bleibt nach AbgaiZg derfünf Masken (Zerbinetta, Harlekin usw.) leer. Zwischenspiel des Orchesters, auf Bacchus bezüglich, durchausftemdarlig, geheimnisvoll; sodann Najade, Dryade, Echo treten, fast zugleich, hastig auf von rechts, links und rückwärts.
aufgeregt
DRYADEEin schönes Wunder!
NAJADEEin reizender Knabe!
DRYADEEin junger Gott!
ECHOEin junger Gott, ein junger Gott!
DRYADESo wisst ihr - ?
NAJADEDen Namen?
DRYADEBacchus!
NAJADEMich höret.
ECHOMich höret doch an!
DRYADEDie Mutter starb bei der Geburt.
NAJADEKönigstochter.
DRYADEEines Gottes Liebste!
NAJADEWas für eines Gottes?
enthusiastisch
ECHOEines Gottes Liebste!
eifrig
NAJADEWas für eines Gottes?
DRYADEAber den Kleinen - hört doch! - Nymphen,
DRYADENymphen zogen ihn auf!
begeistert
ECHONymphen zogen ihn auf!
DRYADENymphen! das zarte, göttliche Kind!
ZU DREIENAch, dass nicht wir es gewesen sind.
vogelhaft
ECHOAch, dass nicht wir es gewesen sind.
DRYADEEs wächst wie die Flamme unter dem Wind.
NAJADEIst schon kein Kind mehr - Knabe und Mann!
DRYADESchnell zu Schiffe mit wilden Gefährten!
NAJADENächtig im Wind die Segel gestellt!
DRYADEEr am Steuer, er am Steuer.
NAJADEKühn! der Knabe!
vogelhaft
ECHOEr am Steuer.
DRYADEHeil dem ersten Abenteuer!
ECHOEr am Steuer!
DRYADEDas erste! Ihr wisst, was es war?
NAJADECirce! Circe! an ihrer Insel
NAJADELandet das Schiff, zu ihrem Palast
NAJADESchweift der Fuss, nächtlich mit Fackeln -
DRYADEAn der Schwelle empfängt sie ihn,
DRYADEAn den Tisch zieht sie ihn hin,
DRYADEReicht die Speise, reicht den Trank
eifrigst
NAJADEDen Zaubertrank-! Die Zauberlippen!
NAJADEAllzu süsse Liebesgabei
ECHOAllzu süsse Liebesgabe!
Triumph im Ton
DRYADEDoch der Knabe - doch der Knabe!
DRYADEWie sie frech und überheblich
DRYADEIhn zu ihren Füssen winkt
DRYADEIhre Künste sind vergeblich,
DRYADEWeil kein Tier zur Erde sinkt!
ZU DREIENAlle Künste sind vergeblich,
ZU DREIENWeil kein Tier zur Erde sinkt!
DRYADEAus den Armen ihr entwunden
DRYADEBlass und staunend, ohne Spott -
DRYADENicht verwandelt, nicht gebunden
DRYADESteht vor ihr ein junger Gott!
ZU DRE1ENNicht verwandelt, nicht gebunden
ZU DRE1ENSteht vor ihr ein junger Gott!
vogelhaft entzückt
ECHONicht verwandelt!
am Eingang der Höhle
DRYADEAriadne!
NAJADESchläft sie?
DRYADESchläft sie?
NAJADENein! sie hört uns!
ECHONicht verwandelt!
der Ariadne meldend
DRYADEEin schönes Wunder!
NAJADEEin Knabe! Ein Gott!
immer gegen die Höhle hin
DRYADEGestern noch der Gast der Circe,
DRYADEMit ihr liegend bei dem Mahle
DRYADENippend von dem Zaubertrank -
ECHONicht verwandelt!
NAJADEHeute ist er hier bei uns!
DRYADEHörst du?
NAJADEHörst du?
ZU ZWEIENAriadne!
Bacchus' Stimme wird hörbar. Im gleichen Augenblick, wie von Magie hervorgezogen, tritt Ariadne lauschend aus der Höhle. Die drei Nymphen, lauschend, treten seit- und rückwärts zurück.
erscheint auf einem Felsen, Ariadne und den Nymphen unsichtbar
BACCHUSCirce, kannst du mich hören?
BACCHUSDu hast mir fast nichts getan
BACCHUSDoch die dir ganz gehören,
BACCHUSWas tust du denen an?
BACCHUSCirce, ich konnte fliehen,
BACCHUSSieh, ich kann lächeln und ruhn -
BACCHUSCirce, was war dein Wille,
BACCHUSAn mir zu tun?
in sein Singen hinein, vor sich, leisest
ARIADNEEs greift durch alle Schmerzen,
ARIADNEAuflösend alte Qual: ans Herz im Herzen greift's.
leise, zaghaft
DRYADETöne, töne, süsse Stimme,
DRYADEFremder Vogel, singe wieder,
DRYADEDeine Klagen, sie beleben,
DRYADEUns entzücken solche Lieder!
schwermütig, lieblich
BACCHUSDoch da ich unverwandelt
BACCHUSVon dir gegangen bin,
BACCHUSWas haften die schwülen Gefühle
BACCHUSAn dem benommenen Sinn?
BACCHUSAls wär' ich von schläfernden Kräutern
BACCHUSBetäubt, ein Waldestier! -
BACCHUSCirce, was du nicht durftest,
BACCHUSGeschieht es doch an mir?
wie oben
ARIADNEO Todesbote, süss ist deine Stimme!
ARIADNEBalsam ins Blut, und Schlummer in die Seele!
nachdem die Stimme zu verstummen scheint, leise
DRYADETöne, töne, süsse Stimme,
DRYADESüsse Stimme, töne wieder!
DRYADEDeine Klagen, sie beleben!
DRYADEUns entzücken deine Lieder!
fröhlich, mit etwas wie graziösem Spott
BACCHUSCirce, ich konnte fliehen!
BACCHUSCirce, du hast mir fast nichts getan!
BACCHUSSieh, ich kann lächeln und ruhn!
BACCHUSCirce - was war dein Wille,
BACCHUSAn mir zu tun?
zugleich mit ihm, die Augen geschlossen, die Händegehoben nach der Richtung, von der die Stimme tönt, leise
ARIADNEBelade nicht zu üppig
ARIADNEMit nächtlichem Entzücken
ARIADNEVoraus den schwachen Sinn!
ARIADNEDie deiner lange harret,
ARIADNENimm sie dahin!
Bacchus tritt hervor, steht vor Ariadne.
in jähem Schreck, schlägt die Hände vors Gesicht
ARIADNETheseus!
dann schnell sich neigend
ARIADNENein! nein! es ist der schöne stille Gott!
ARIADNEIch grüsse dich, du Bote aller Boten!
Najade, Dryade, Echo haben sich unter tiefer Verneigug zurückgezogen.
ganz jung, zartest im Ton
BACCHUSDu schönes Wesen? Bist du die Göttin dieser Insel?
BACCHUSIst diese Höhle dein Palast? sind diese deine Dienerinnen?
BACCHUSSingst du am Webstuhl Zauberlieder?
BACCHUSNimmst du den Fremdling da hinein
BACCHUSUnd liegst mit ihm beim Mahl,
BACCHUSUnd tränkest du ihn da mit einem Zaubertrank?
BACCHUSUnd ach, wer dir sich gibt, verwandelst du ihn auch?
BACCHUSWeh! Bist du auch solch eine Zauberin?
ARIADNEIch weiss nicht, was du redest.
ARIADNEIst es, Herr, dass du mich prüfen willst?
ARIADNEMein Sinn ist wirr von vielem Liegen ohne Trost!
ARIADNEIch lebe hier und harre deiner, deiner harre ich
ARIADNESeit Nächten, Tagen, seit wievielen,
ARIADNEAch, ich weiss es nicht mehr!
BACCHUSWie? kennest du mich denn?
BACCHUSDu hast mit einem Namen mich gegrüsst.
ARIADNENein! nein! Der bist du nicht,
ARIADNEMein Sinn ist leicht verwirrt!
BACCHUSWer bin ich denn?
neigt sich
ARIADNEDu bist der Herr über ein dunkles Schiff,
ARIADNEDas fährt den dunklen Pfad.
nickt
BACCHUSich bin der Herr über ein Schiff.
jäh
ARIADNENimm mich! Hinüber!
ARIADNEFort von hier mit diesem Herzen!
ARIADNEEs ist zu nichts mehr nütze auf der Welt.
sanft
BACCHUSSo willst du mit mir gehen auf mein Schiff?
ARIADNEIch bin bereit. Du fragst? Ist es, dass du mich prüfen willst?
Bacchus schüttelt den Kopf. Ariadne mit unterdrückter Angst
ARIADNEWie schaffst du die Verwandlung? mit den Händen?
ARIADNEMit deinem Stab? Wie, oder ist's ein Trank,
ARIADNEDen du zu trinken gibst? Du sprachst von einem Trank!
verträumt in ihrem Anblick
BACCHUSSprach ich von einem Trank, ich weiss nichts mehr.
nickt
ARIADNEIch weiss, so ist es dort, wohin du mich führest!
ARIADNEWer dort verweilet, der vergisst gar schnell!
ARIADNEDas Wort, der Atemzug ist gleich dahin!
ARIADNEMan ruht und ruht vom Ruhen wieder aus;
ARIADNEDenn dort ist keiner matt vom Weinen -
ARIADNEEr hat vergessen, was ihn schmerzen sollte:
ARIADNENichts gilt, was hier gegolten hat, ich weiss -
Sie schliesst die Augen.
tieferregt, unbewusst feierlich
BACCHUSBin ich ein Gott, schuf mich ein Gott,
BACCHUSStarb meine Mutter in Flammen dahin,
BACCHUSAls sich in Flammen mein Vater ihr zeigte,
BACCHUSVersagte der Circe Zauber an mir,
BACCHUSWeil ich gefeit bin, Balsam und Äther
BACCHUSFür sterbliches Blut in den Adern mir fliesst.
BACCHUSHör' mich, Wesen, das vor mir steht,
BACCHUSHör' mich, du, die sterben will:
BACCHUSDann sterben eher die ewigen Sterne,
BACCHUSAls dass du stürbest aus meinen Armen!
ängstlich zurückweichend vor der Gewalt seines Tones
ARIADNEDas waren Zauberworte! Weh! So schnell!
ARIADNENun gibt es kein Zurück. Gibst du Vergessenheit
ARIADNESo zwischen Blick und Blick?
ARIADNEEntfernt sich alles,
ARIADNEAlles von mir?
ARIADNEDie Sonne? Die Sterne?
ARIADNEIch mir selber?
ARIADNESind meine Schmerzen mir auf immer, immer
ARIADNEGenommen? Ach!
verhauchend
ARIADNEBleibt nichts von Ariadne als ein Hauch?
Sie sinkt, er hält sie. Alles versinkt, ein Sternenhimmel spannt sich über den zweien.
mehr ergriffen als laut
BACCHUSIch sage dir, nun hebt sich erst das Leben an
BACCHUSFür dich und mich!
Er küsst sie.
entwindet sich ihm, unbewusst, sieht mit bangem Staunen um sich
ARIADNELag nicht die Welt auf meiner Brust? hast du,
ARIADNEHast du sie fortgeblasen?
ARIADNEDa innen lag die arme Hündin
ARIADNEAn' Boden gedrückt, auf kalten Nesseln
ARIADNEMit Wurm und Assel und ärmer als sie -
BACCHUSNun steigt deiner Schmerzen innerste Lust
BACCHUSIn dein' und meinem Herzen auf!
ARIADNEDu Zauberer, du! Verwandler, du!
Blickt nicht aus dem Schatten deines Mantels
ARIADNEDer Mutter Auge auf mich her?
ARIADNEIst so dein Schattenland! also gesegnet!
ARIADNESo unbedürftig der irdischen Welt?
BACCHUSDu selber! du bist unbedürftig,
BACCHUSDu meine Zauberin!
AR1ADNEGibt es kein Hinüber?
AR1ADNESind wir schon da?
AR1ADNEWie konnt' es geschehen?
AR1ADNEAuch meine Höhle, schön gewölbt
AR1ADNEÜber ein seliges Lager,
AR1ADNEEinen heiligen Altar!
AR1ADNEWie wunder-, wunderbar verwandelst du!
BACCHUSDu! Alles du!
BACCHUSIch bin ein anderer, als ich war!
BACCHUSDer Sinn des Gottes ist wach in mir,
BACCHUSDein herrlich Wesen ganz zu fassen!
BACCHUSDie Glieder reg' ich in göttlicher Lust!
BACCHUSDie Höhle da! Lass mich, die Höhle deiner Schmerzen
BACCHUSZieh' ich zur tiefsten Lust um dich und mich!
Ein Baldachin senki sich von oben langsam über beide, sie einschliessend
hinter der Bühne, unsichtbar
DRYADETöne, töne, süsse Stimme
DRYADEFremder Vogel, singe wieder
DRYADEDeine Klagen, sie beleben,
DRYADEUns entzücken solche Lieder.
an seinem Arm hängend
ARIADNEWas hängt von mir in deinem Arm?
ARIADNEO, was von mir, die ich vergehe.
ARIADNEFingest du Geheimes
ARIADNEMit deines Mundes Hauch?
ARIADNEWas bleibt, was bleibt von Ariadne?
ARIADNELass meine Schmerzen nicht verloren sein!
ARIADNEBei dir lass Ariadne sein!
tritt aus der Kulisse, weist mit dem Fächer über die Schulter auf Bacchus und Ariadne zurück und wiederholt mit spöttischem Triumph ihr Rondo
ZERBINETTAKommt der neue Gott gegangen,
ZERBINETTAHingegeben sind wir stumm!
BACCHUSDeiner hab' ich um alles bedurft!
BACCHUSNun bin ich ein anderer, als ich war,
BACCHUSDurch deine Schmerzen bin ich reich,
BACCHUSNun reg' ich die Glieder in göttlicher Lust!
BACCHUSUnd eher sterben die ewigen Sterne,
BACCHUSEh' denn du stürbest aus meinen Armen
Der Baldachin hat sich geschlossen.