Eugen Onegin

Tschaikowski, Peter

Evgenij Onegin

LARINA, Gutsbesitzerin (Mezzosopran)

TATJANA, ihre ältere Tochter (Sopran)

OLGA, ihre jüngere Tochter (Alt)

FILIPJEWNA, Kinderfrau (Mezzosopran)

EUGEN ONEGIN (Bariton)

LENSKI, ein Dichter, sein Freund (Tenor)

FÜRST GREMIN (Bass)

EIN HAUPTMANN (Bass)

SARETZKI, Sekundant (Bass)

TRIQUET, ein Franzose (Tenor)

GUILLOT, Onegins Kammerdiener (stumme Rolle)

CHORBauern, Bäuerinnen, Ballgäste, Gutsbesitzer, Offiziere

SYSTEMOrchestervorspiel

SYSTEMERSTER AUFZUG

SYSTEMERSTES BILD

Garten. Links das Gutshaus mit Terrasse, rechts ein schattiger Baum, umgeben von Blumenbeeten. Im Hintergrund ein zerfallener Zaun, hinter dem das Dorf und die Kirche zu sehen sind. Gegen Abend.

Larina, unter dem Baume sitzend, kocht Früchte ein. Filipjewna steht helfend neben ihr. Auf der Terrasse Olga und Tatjana.

TATJANA, OLGAVernahmest du, als gleich der Nachtigall

TATJANA, OLGAder Sänger nachts im Hain von Liebe klagte?

TATJANA, OLGAAls die Schalmei, noch eh der Morgen tagte,

TATJANA, OLGAim Wald erweckt' sehnsücht'gen Widerhall?

TATJANA, OLGAVernahmest du?

TATJANA, OLGAWard dir nicht bang im innersten Gemüt,

TATJANA, OLGAals deines Sängers Weisen zu dir flehten,

TATJANA, OLGAals aus dem Wald du sahst den Jüngling treten

TATJANA, OLGAund dich so fragend traf sein scheuer Blick?

TATJANA, OLGAWard dir nicht bang?

zu Filipjewna

LARINAKennst du das Lied, das sie jetzt singen?

LARINAVor vielen Jahren hab ich's oft -

LARINAentsinnst du dich? - und gern gesungen.

FILIPJEWNAJa, damals waren Sie noch jung.

LARINAUnd liebte rührende Romane!

LARINANicht, weil ich sie gerade las,

LARINAnein, bloss weil die Prinzess Aline,

LARINAmeine moskowische Kusine,

LARINAfür diese schwärmte ohne Mass.

FILIPJEWNAIch weiss noch alles.

FILIPJEWNASie waren damals noch sehr jung,

FILIPJEWNAdoch Braut schon. Ganz heimlich aber

FILIPJEWNAgalt Ihre Neigung einem Kavalier,

FILIPJEWNAder Ihnen raubte Ihre Ruh',

FILIPJEWNAwas Ihr Verlobter nie erreichte,

LARINAStolz war er, sehr galant,

LARINAEin Spieler, tollkühn und gewandt.

FILIPJEWNAO schöne, längst entschwundne Zeit!

LARINAIch pflegte mich gleich ihm zu tragen,

LARINAganz nach der Mode, elegant.

LARINADoch ohne erst mein Herz zu fragen ...

FILIPJEWNAVerfügt ward über Ihre Hand!

FILIPJEWNASogleich aufs Land, Sie abzulenken,

FILIPJEWNAbracht' Sie Ihr Gatte ohn' Bedenken.

FILIPJEWNAErst freute Sie der Haushalt wenig,

FILIPJEWNAbis Sie sich langsam dran gewöhnten.

FILIPJEWNAGott sei gepriesen!

FILIPJEWNADer Himmel lässt oft für das Glück

FILIPJEWNAGewöhnung als Ersatz zurück.

LARINAErst sträubt' ich mich; beinahe

LARINAwär' ich entlaufen meinem Mann.

LARINADann nahm ich mich des Haushalts an,

LARINAbis ich mich langsam dran gewöhnte.

LARINADer Himmel lässt oft für das Glück

LARINAGewöhnung als Ersatz zurück.

LARINABald waren meine Jugendträume

LARINAvergessen wie die Poesie,

LARINAwie alles andre, ach, zuletzt

LARINAdurch Haub' und Arbeitskleid ersetzt.

SYSTEMFILIPJEWNA.

LARINAWeiss noch, wie Sie die »Liese« tauften, die »Celine«,

LARINAund allen Modeputz zuletzt

LARINAdurch Haub' und Arbeitskleid ersetzt.

LARINAMein Gatte trug mich auf den Händen,

LARINAumsorgte mich an allen Enden.

LARINADer Himmel lässt oft für das Glück

LARINAGewöhnung als Ersatz zurück.

SYSTEMFILIPJEWNA.

LARINAIhr Gatte trug Sie auf den Händen,

LARINAumsorgte Sie an allen Enden.

LARINADer Himmel lässt oft für das Glück

LARINAGewöhnung als Ersatz zurück.

Die Vorigen. Landleute, die sich allmählich nähern

VORSÄNGERNicht streift mehr mein Fuss

VORSÄNGERdurch Wald und Feld ohne Ruh' und Rast.

SYSTEMCHOR DER LANDLEUTE.

VORSÄNGERNicht streift mein Fuss ohne Ruh' und Rast.

VORSÄNGERNicht hebt mehr mein Arm

VORSÄNGERam schwülen Tag die gewohnte Last.

SYSTEMCHOR DER LANDLEUTE.

VORSÄNGERNicht hebt mein Arm die gewohnte Last. -

VORSÄNGERWas pochst du mein törichtes Herz,

VORSÄNGERso laut und lang in stürmischer Hast?

VORSÄNGERWas fange ich an,

VORSÄNGERda ich dich nicht lassen kann?

Treten mit geschmückten Garben vor Larina hin.

VORSÄNGERGlück und Segen, die wünschen wir,

VORSÄNGERteure Herrin, an diesem Tag.

VORSÄNGERSieh, unsre Ernte ist unter Dach,

VORSÄNGERnimm als Geschenk diese Garb

VORSÄNGERim Bänderschmuck.

VORSÄNGERAlles ist eingebracht!

LARINANehmt meinen Dank!

LARINASeid willkommen in meinem Haus.

LARINALasst froh uns sein

LARINAund singt ein lustig Lied!

CHOR DER LANDLEUTEWie gern, o Mütterchen,

CHOR DER LANDLEUTEerfüllen wir deinen Wunsch.

CHOR DER LANDLEUTEEs soll ein Lied erklingen.

CHOR DER LANDLEUTEIhr Mädchen, lasst uns ein lustig Liedlein singen!

Während des Gesanges Tanz der Schnitterinnen.

CHOR DER LANDLEUTEDurch das Feld, da fliesst ein Bächlein,

CHOR DER LANDLEUTEübern Bach, da führt ein Steglein,

CHOR DER LANDLEUTEführt zu einem kleinen Gärtlein,

CHOR DER LANDLEUTEund im Garten sitzt ein Mägdlein.

CHOR DER LANDLEUTEWer kommt übern Steg gegangen,

CHOR DER LANDLEUTEblond die Locken, rot die Wangen,

CHOR DER LANDLEUTEohne Scheu und ohne Bangen?

CHOR DER LANDLEUTEHüt dich, Mägdlein, wirst gefangen.

CHOR DER LANDLEUTESpielmann ist's, er kommt gezogen,

CHOR DER LANDLEUTEseiner Fiedel, seinem Bogen

CHOR DER LANDLEUTEkommen Herzen nachgeflogen:

CHOR DER LANDLEUTEalle Welt ist ihm gewogen.

CHOR DER LANDLEUTEMädchen hört die Fiedel klingen,

CHOR DER LANDLEUTEhört den muntern Spielmann singen,

CHOR DER LANDLEUTEtief ins Herz die Lieder dringen,

CHOR DER LANDLEUTELiebe wohnt auf ihren Schwingen.

CHOR DER LANDLEUTELiebchen, schläfst du oder wachst du?

CHOR DER LANDLEUTEMädchen, weinst du oder lachst du?

CHOR DER LANDLEUTEKomm doch, einen Kuss versprachst du.

CHOR DER LANDLEUTEEh' der Spielmann ausgesungen,

CHOR DER LANDLEUTEeh' der letzte Ton verklungen,

CHOR DER LANDLEUTEwar es seiner List gelungen,

CHOR DER LANDLEUTEMädchen kam zu ihm gesprungen.

CHOR DER LANDLEUTEWie die Blüten an den Zweigen

CHOR DER LANDLEUTEalle sich dem Winde neigen,

CHOR DER LANDLEUTEalso nahmst mit deinem Geigen

CHOR DER LANDLEUTEjedes Herz du dir zu eigen.

TATJANAIch folge gern beim Klange dieser Lieder

TATJANAdem Spiel der Phantasie, das mich entrückt

TATJANAso weit von hier, so fern.

OLGAAch, Tatjana, du träumst am hellen Tag!

OLGAGanz anders fühlt mein Herz; bei diesem Lied

OLGAmöcht' ich am liebsten tanzen.

SYSTEMArie

OLGA»Durch das Feld, da fliesst ein Bächlein,

OLGAÜbern Bach, da führt ein Steglein.«

OLGAZu stummem, schwermutsvollem Sehnen,

OLGAzum Träumen spür ich keinen Hang.

OLGANie habe ich des Nachts mit Tränen

OLGAgeseufzt aus bangem Herzensdrang.

OLGAWarum auch seufzen, wenn jeden Morgen

OLGAein neuer froher Tag beginnt?

OLGAMutwillig bin ich, kenn keine Sorgen,

OLGAund alle nennen mich »das Kind«.

OLGADer Lebensfreude, der Zufriedenheit

OLGAdie Hand zum Dauerbunde reich ich,

OLGAder frohbeschwingten Hoffnung gleich ich

OLGAan Lebenslust, an Heiterkeit.

zu Olga

LARINAO du, mein kleiner Liebling!

LARINASo ausgelassen ist mein gutes Kind.

LARINAGewiss, am liebsten würdest jetzt tanzen?

LARINAIst's nicht so?

FILLPJEWNATatjana, liebes Mädchen, fehlt dir was?

FILLPJEWNADu siehst so leidend aus.

TATJANANein, Liebe, bin gesund.

zu den Landleuten

LARINAHabt Dank für den Gesang, ihr guten Leute,

LARINAund geht nun dort hinein.

LARINAFilipjewna, bewirte reichlich sie mit Wein.

LARINAHabt Dank, ihr Leute.

im Abgehen

CHOR DER LANDLEUTEDir, Herrin, danken wir.

Filipjewna mit den Bauern ab ins Haus.

Larina. Olga. Tatjana, die sich auf den Stufen der Terrasse niedergesetzt und in ein Buch vertieft hat.

OLGAAch, Mutter, sehen Sie doch nur Tjana an.

LARINAWieso? Wahrhaftig, du siehst blass aus, Tjana.

TATJANAIch sehe aus wie immer.

TATJANASei'n Sie nicht ängstlich, Mutter.

TATJANAOh, wie interessant ist das Buch, das ich lese!

lacht

LARINAUnd deshalb siehst du blass aus?

TATJANAGewiss, die Schilderung der Schicksalswege

TATJANAder Liebenden erregt mich lebhaft.

TATJANAAch, ich fühle mit ihnen,

TATJANAfühle, was sie leiden.

LARINARuhig, Tjana, wie du

LARINAhab einst auch ich mich unnütz aufgeregt

LARINAbeim Bücherlesen.

LARINAErdichtung ist alles. Die Zeit verging,

LARINAund ich sah ein:

LARINAIm Leben gibt es keine Helden.

LARINABin ruhig jetzt.

OLGAAch, allzu ruhig sind Sie und merken nicht,

OLGAdass Sie noch in der Schürze!

OLGAEi, wenn nun Lenski kommt und sieht Sie so!

Larina bindet eilig ihre Schürze los.

OLGAHorch, da fährt ein Wagen vor!

OLGALenski ist's!

LARINAEr ist es wirklich.

blickt vom Buche auf

TATJANAUnd nicht allein.

LARINAWer mag's nur sein?

Die Vorigen. Filipjewna. Dann Lenski und Onegin.

eilig

FILIPJEWNAAch, gnädige Frau, soeben kommt Herr Lenski

FILIPJEWNAund mit ihm Herr Onegin.

erhebt sich und will gehen

TATJANAAch, am besten, ich lauf fort.

hält sie zurück

LARINAWohin, Tatjana? Man nimmt dir's übel.

LARINAGrosser Gott, und meine Haube sitzt mir schief!

OLGASind wir bereit?

zu Filipjewna

LARINAGeschwind, wir bitten sehr.

Filipjewna ab.

SYSTEMRezitativ

tritt mit Onegin auf und küsst Larina die Hand

LENSKIMesdames, verzeihn Sie meine Kühnheit.

LENSKIIch habe meinen Freund - Nachbar Onegin ist's -

LENSKIzu Ihnen mitgebracht.

ONEGINDarf ich es wagen?

LARINAIch bitte sehr, wir sind erfreut.

LARINAWillkommen! - Hier meine Töchter.

ONEGINAh, sehr erfreut bin ich.

LARINASoll'n wir ins Zimmer gehn?

LARINAGanz nach der Herrn Belieben.

LARINASonst können wir im Freien bleiben.

LARINAIch bitte, ganz nach der Herren Wunsche.

LARINAWir sind Nachbarn; bedarf es da der Förmlichkeit?

LENSKIWie schön ist's hier, ich liebe

LENSKIdiesen alten, schattenreichen Garten.

LENSKIHier ist's behaglich.

LARINANun gut denn, ich eile rasch ins Haus,

LARINAdamit uns nichts gebreche zum gastlichen Empfang.

Sie geht ins Haus.

Lenski und Onegin auf der einen, Tatjana und Olga auf der anderen Seite der Bühne.

SYSTEMQuartett

TATJANAWas ich erträumt, geschah. Ich fühle,

TATJANAich weiss, er ist's, nur er allein.

TATJANADes Tages Licht, der Nächte Kühle,

TATJANAja, selbst der Träume bunten Schein

TATJANAdurchdringt sein Bild, das mich erfüllte,

TATJANAbevor sich's meinem Aug' enthüllte.

TATJANAWie fasst es mich mit Allgewalt,

TATJANAwie ward, was ich ersehnt, Gestalt!

OLGAEs wird Onegins plötzliches Erscheinen

OLGAin unserem Haus bedeutungsschwer

OLGAfür alle Nachbarn, deren Meinen

OLGAgeteilt war; man rät hin und her,

OLGAvermutet vieles im geheimen,

OLGAdoch niemand kann so recht sich reimen,

OLGAwas wirklich an der Sache war.

OLGADoch sicher gibt es bald ein Paar.

ONEGINSag, wer von beiden ist Tatjana?

LENSKIDort jene ist's mit dunklem Haar,

LENSKISo schön und schweigsam wie Swetlana.

ONEGINDenn sie zu kennen, drängt es mich. -

ONEGINDu hast mehr Liebe für die zweite?

LENSKIUnd wenn?

ONEGINWär' ich Poet, ich weihte

ONEGINder andern mich mit Herz und Blut,

ONEGINdenn Olgas Antlitz fehlt die Glut.

ONEGINEs gleicht van Dyks Madonnenbilde,

ONEGINso rund und hübsch, doch leblos ganz,

ONEGINgleich wie des Mondes starrer Glanz

ONEGINmit seiner sanften, aber kalten Milde.

LENSKIWohl passten mehr im Stoff zusammen

LENSKIGranit und Woge, Eis und Flammen,

LENSKIdie Prosa und die Poesie

LENSKIals wir seltsames Freundespaar.

SYSTEMRezitativ

nähert sich Olga

LENSKIO Wonne, o Seligkeit,

LENSKIich seh dich endlich wieder!

OLGAMich dünkt, wir sahen uns doch gestern erst.

LENSKIMag sein, doch war's ein Tag,

LENSKIein ganzer langer Tag Getrenntseins,

LENSKIeine Ewigkeit!

OLGAEwigkeit! Was für ein überspanntes Wort

OLGAfür nur so kurze Zeit!

LENSKIJa, eine Ewigkeit war's,

LENSKIdie fern von dir mich hielt!

Sie promenieren im Garten.

der sich zu Tatjana gewendet

ONEGINUnd fühlten Sie sich nie

ONEGINgelangweilt und verstimmt

ONEGINan diesem stillen Ort,

ONEGINder schön zwar, aber abgelegen?

ONEGINEs fehlt hier wohl, so kommt mir vor,

ONEGINempfindlich an Zerstreuung?

TATJANANun, ich lieb zu lesen.

ONEGINSchon gut!

ONEGINLektüre gibt uns reichlich Nahrung

ONEGINfür Geist und Herz.

ONEGINDoch geht's nicht immer an,

ONEGINstets nur zu lesen.

TATJANADer Garten lockt mich oft zu träumen ...

ONEGINUnd folgen Sie den Träumen gern?

TATJANAEin ernstes, träumerisches Wesen

TATJANAwar eigen mir von Kindheit an.

ONEGINEs ist ein Hang, der mir nicht fremd;

ONEGINVorzeiten war auch ich Phantast.

Promenieren im Garten.

kommt wieder mit Olga

SYSTEMArioso

LENSKIJa, ich lieb Sie, Olga, wild und heiss,

LENSKIwie nur ein leidenschaftlich Fühlen

LENSKIdes Dichters noch zu lieben weiss.

LENSKIStets ein Gedanke, stets ein Sehnen,

LENSKIder gleiche Wunsch, das gleiche Wähnen,

LENSKIdieselbe Lust, dasselbe Leid.

LENSKIAls Kind schon fühlt' ich mich gefangen,

LENSKIobwohl mir Liebe noch so fern,

LENSKIwenn du beim Spiel mit heissen Wangen

LENSKIso herzlich lachtest und so gern.

LENSKIMit dir im Waldesschatten weilt' ich

LENSKIund mit dir deine Spiele teilt' ich.

LENSKIJa, ich liebe dich, ja, ich liebe dich!

LENSKIMit der Allgewalt der hingegebnen Seele!

LENSKIDu allein erfüllst mein Sinnen,

LENSKIdir allein gilt all mein Sehnen,

LENSKImeine Freude, meine Tränen.

LENSKIJa, ich liebe dich mit einer Kraft,

LENSKIdie keinem Schmerz und keiner Freude weicht,

LENSKIsich keiner Zeit und Trennung beugt,

LENSKIdie nie in sich verglüht,

LENSKImit einer Leidenschaft und Glut,

LENSKIdie ewig sprüht!

LENSKIJa, ich liebe dich immerdar,

LENSKItreu, innig, rein und wahr.

OLGAIn unserm Heimatdorfe hier

OLGAso Seit' an Seit' erwuchsen wir.

OLGAUnd oft im Geiste als ein Paar

OLGAsahn uns die Eltern schreiten zum Altar.

Die Vorigen. Larina und Filipjewna auf der Terrasse. Es ist Nacht geworden.

zu Lenski und Olga

LARINADa seid ihr ja, und wo ist denn Tatjana?

SYSTEMFILIPJEWNA.

LARINAAm See hab mit dem Gast ich sie gesehn,

LARINAich geh sogleich sie rufen.

LARINASag ihr, Zeit wär' es nun,

LARINAdass wir ins Zimmer gehn,

LARINAum unsern Gästen zur Stärkung etwas anzubieten.

Zu Lenski

LARINAHerr Lenski, ich bitte sehr.

LENSKIWir folgen Ihnen.

Larina, Olga, Lenski gehen ins Haus.

mit Tatjana wieder auftretend, im Vorübergehen

ONEGINMein Oheim ging auf Gottes Wegen,

ONEGINals seine schwere Krankheit kam,

ONEGINer liess sich ehren, hätscheln, pflegen,

ONEGINund das war klug von ihm; man nahm

ONEGINan ihm ein Beispiel sich zum Heile.

ONEGINDoch Himmel, weiche Langeweile,

ONEGINbeim Kranken sitzen Tag und Nacht,

ONEGINnicht aufstehn, ob er schläft, ob wacht!

Geht mit Tatjana ins Haus.

die den beiden lauschend gefolgt ist

FILIPJEWNAO du mein Täubchen, gesenkt das Köpfchen,

FILIPJEWNAso geht sie stumm und wagt nicht aufzublicken.

FILIPJEWNAZu schüchtern ist sie, oder sollt'

FILIPJEWNAam Ende gar der junge Mann ihr Eindruck machen?

Nachdenklich den Kopf schüttelnd ab ins Haus.

SYSTEMZWEITES BILD

Einfaches Zimmer Tatjanas. Weisse, mit Kattun beschlagene altmodische Möbel, ebensolche Vorhänge. Ein Bett, darüber ein Bücherbrett. Kommode, weiss bedeckt, darüber ein Spiegel. Vasen mit Blumen. Am Fenster ein Tisch mit Schreibzeug.

Tatjana, vor dem Spiegel in Gedanken versunken, im Nachtgewand. Filipjewna steht neben ihr.

FILIPJEWNANun ist's genug geschwatzt, schon spät ist's, Tjana,

FILIPJEWNAFrüh soll ich morgen dich zur Messe wecken.

FILIPJEWNALeg dich zur Ruh.

TATJANAMich flieht der Schlaf, dumpf und schwül ist's.

TATJANADas Fenster öffne, setz dich her.

tut wie befohlen, setzt sich dann neben Tatjana

FILIPJEWNATatjana, was fehlt dir, Kind?

TATJANAWas weiss ich? Erzähl mir was aus alter Zeit.

FILIPJEWNAWovon denn, Tjana? Manche Sagen

FILIPJEWNAund Märchen aus vergangnen Tagen

FILIPJEWNAvon Mädchen und Prinzen, die sich vermählt,

FILIPJEWNAhab ich schon früher oft erzählt.

FILIPJEWNADoch heut wär's ein vergeblich Fragen.

FILIPJEWNAWas ich gewusst, vergass ich. Lang,

FILIPJEWNAwie lang ist jene schöne Zeit vorüber.

TATJANASag mir noch eines, Beste.

TATJANAIn jener längst vergangnen Zeit

TATJANAwarst du verliebt, eh' du gefreit?

FILIPJEWNAO nein, Tatjana, ich und lieben!

FILIPJEWNAWie hätt' zu lieben ich gewagt.

FILIPJEWNADie Schwieger hätte mich verjagt

FILIPJEWNAaus ihrem Haus mit derben Hieben.

TATJANAWie kam es denn zu deiner Ehe?

FILIPJEWNAGott hat's gewollt, dass es geschehe.

FILIPJEWNAIch zählte selbst kaum achtzehn Jahre,

FILIPJEWNAer, mein Iwan, war jünger noch.

FILIPJEWNANicht lang braucht' er um mich zu werben,

FILIPJEWNAbei meiner Sipp' er Beifall fand.

FILIPJEWNADer Vater gab ihm meine Hand,

FILIPJEWNAvor Angst vermeinte ich zu sterben.

FILIPJEWNASie lösten weinend mir das Haar,

FILIPJEWNAund mit Gesang ging's zum Altar.

FILIPJEWNADann kam ich unter fremde Leute…

FILIPJEWNADu aber hörst mir ja nicht zu!

Filipjewna umarmend, leidenschaftlich

TATJANAAch, Teure, wüsst' ich nur zu sagen, was ich leide!

TATJANAWie ich vergeh vor Angst und Qual.

TATJANAIch könnte weinen ohne Ende ...

SYSTEMFILIPJEWNA.

TATJANAMein Herzenskind, komm, leg dich nieder.

TATJANABarmherz'ger Himmel, steh mir bei.

TATJANASoll ich dich mit geweihtem Wasser sprengen?

TATJANAWerd nur nicht krank!

TATJANAKrank bin ich nicht.

TATJANADu magst's nun wissen:

TATJANAich bin verliebt ... verrat mich nicht.

TATJANAVerrat mich nicht, ich bin verliebt!

FILIPJEWNAWas hör ich?

TATJANAJetzt geh und lasse mich allein.

TATJANAGib Feder mir, Papier und Tinte,

TATJANAden Tisch rück her. Bald gehe ich zur Ruh.

FILIPJEWNANun, gute Nacht denn, Tjana!

Sie entfernt sich.

Tatjana allein

erhebt sich, nachdem sie lange in Gedanken gesessen, mit dem Ausdruck fester Entschlossenheit

TATJANAUnd wär's mein Untergang, erfahren

TATJANAwill ich zuvor, was schon seit Jahren

TATJANAverschwiegne Wünsche in mir fragen,

TATJANAdie ungestüm ans Licht sich wagen.

TATJANAIch schlürf das süsse Gift Verlangen,

TATJANAder Sehnsucht Bann hält mich gefangen.

TATJANAIch seh ihn stets, an jedem Ort

TATJANAverfolgen mich sein Blick, sein Wort.

Sie geht zum Schreibtisch, schreibt, hält dann inne.

TATJANANein, das ist nichts, geschwind ein andres!

Sie zerreisst den Brief.

TATJANAWie sonderbar! Ich weiss nicht Rat,

TATJANAich weiss nicht, wie beginnen!

Sie schreibt und durchliest dann das Geschriebene.

TATJANA»Ich schreib an Sie ohn' all Bedenken,

TATJANAist damit alles nicht gesagt?

TATJANASie dürfen ungestraft mich kränken,

TATJANAich beug mich wehrlos Ihrer Macht.

TATJANAJedoch glimmt für mein traurig Los

TATJANAein kleiner Funke Mitleid bloss,

TATJANAso werden Sie mich wohl verstehen.

TATJANAErst wollt' ich mein Geheimnis wahren,

TATJANAund niemals, niemals gäb' mein Mund

TATJANAdes Herzens Wünschen Ihnen kund «

Sie legt den Brief beiseite.

TATJANANimmermehr!

TATJANAJa, tief im Herzen soll's verschlossen sein,

TATJANAvon andern ungeahnt soll's glühen, brennen-

TATJANADoch ach, es füllt die Seele mir ein Überschwang,

TATJANAgebieten kann ich nicht des Herzens Drang.

TATJANAMag kommen, was da will! Wohlan, ich will's bekennen!

Sie schreibt.

TATJANA»Was führte Sie in unsre Einsamkeit?

TATJANAWas war's? Welch Wünschen, welch Verlangen?

TATJANAVerschont wär' ich von allem Leid,

TATJANAvon allem Zweifel, Hoffen, Bangen,

TATJANAdes unerfahrnen Herzens Wallen

TATJANAhätt' wohl dereinst geheilt die Zeit.

TATJANAEin andrer hätte mir gefallen.

TATJANAIhn hätte ich geliebt vor allen,

TATJANAder Hausfrau Pflichten mich geweiht. «

Sie denkt nach und erhebt sich rasch.

TATJANAEin andrer!? Nein, nimmer hätt' auf Erden

TATJANAich einen andren mir erwählt.

TATJANADu musstest mir vom Schicksal werden,

TATJANAvom Himmel bin ich dir vermählt.

TATJANANicht hat das Schicksal mich verblendet

TATJANAmit sel'ger Hoffnung Morgenrot,

TATJANAGott selbst hat dich zu mir gesendet,

TATJANAmein Hort bist du bis in den Tod.

TATJANAIch sah im Traume dich schon lange,

TATJANAich liebte dich, eh ich dich sah,

TATJANAdu warest mir schon immer nah,

TATJANAich folgte deiner Stimme Klange.

TATJANASchon längst ... nein, nein, es war kein Traum.

TATJANADu nahtest dich, ich sah dich kommen,

TATJANAmein Herzschlag stockte, ich erglühte,

TATJANAund jubelnd rief's in mir: er ist's!

TATJANAFürwahr, du warst mein Schlummersegen,

TATJANAbeschwingtest mich zu jeder Tat,

TATJANAdu warst's, der mir auf allen Wegen,

TATJANAbei Arme und beim Krankenpflegen

TATJANAzur Seite trat.

TATJANADu warst's, den ich beständig hörte,

TATJANAder all mein Sinnen mir betörte,

TATJANAdes Gruss mich eingewiegt zur Nacht.

TATJANAHast holde Namen mir gegeben,

TATJANAerweckt in mir ein neues Leben

TATJANAund neues Hoffen angefacht.

Geht an den Tisch und setzt sich wieder zum Schreiben nieder, zaudert wie überlegend.

TATJANASag, nahst als Schutzgeist du und Führer,

TATJANAbist gar ein listiger Verführer?

TATJANAGib Antwort, lös die Zweifel mir.

TATJANARaubst du mir meinen Seelenfrieden,

TATJANAlockt mich ein Trugbild nur in dir?

TATJANAIst anderes mir zubeschieden?

Erhebt sich wieder, geht sinnend umher.

TATJANASei's, wie es will. Mein ganzes Los

TATJANAist an das Traumgesicht gebunden,

TATJANAich komme niemals davon los,

TATJANAdurch dich allein kann ich gesunden.

TATJANABedenke nur, bin ganz allein,

TATJANAund niemand will mich hier verstehen.

TATJANAVerlassen muss ich untergehen,

TATJANAwenn du nicht wirst mein Rettet sein.

TATJANAIch bau auf dich, du wirst mich hören,

TATJANAein einzig Wort des Trostes sprich;

TATJANAdoch straft verdienter Vorwurf mich,

TATJANAso wird dein Wort den Traum zerstören.

Geht rasch zum Tisch und beendet hastig den Brief. Aufstehend versiegelt sie denselben.

TATJANAIch schliesse. Oh, verstoss mich nicht,

TATJANAmissbrauche nimmer mein Vertrauen,

TATJANAAuf dich, du holdes Traumgesicht,

TATJANAauf deine Ehre will ich bauen.

Tatjana, die zum Fenster gegangen und den Vorhang zurückgeschlagen hat. Tageslicht flutet ins Zimmer. Später Filipjewna.

TATJANASieh, es weicht das Dunkel dem Morgenrot,

TATJANAund alles rings erwacht.

Setzt sich ans Fenster.

TATJANADes Hirten Flöte ... sonst alles still.

TATJANAIch armes Mädchen!

Versinkt in Nachdenken.

tritt ein

FILIPJEWNAZeit ist's, mein Herzenskind, steh auf!

FILIPJEWNASieh da, so früh schon bist du munter,

FILIPJEWNAmein süsser Morgenvogel du!

FILIPJEWNADein Zustand raubte mir die Ruh',

FILIPJEWNAdoch Gott sei Lob und Dank,

FILIPJEWNAes geht dir besser!

FILIPJEWNADu bist gesund, ich seh es schon,

FILIPJEWNADie Wangen blühen rot wie Mohn.

ist vom Fenster getreten und hat den Brief ergriffen

TATJANAAch, Amme, tu mir eine Liebe.

FILIPJFWNAGern, Herzchen, alles gern für dich.

TATJANADenk ja nicht, dass ich unrecht handle,

TATJANAdoch lass mich bitte nicht im Stich.

FILIPJEWNASo sprich doch nur, was ist dein Wille?

TATJANASchick deinen Sohn in aller Stille

TATJANAmit diesem Brief zu O ... zum Herrn . . .

TATJANAzum Nachbarn hin. Doch hätt' ich gern,

TATJANAdass niemand in der Welt erfahre,

TATJANAvon wem der Brief, noch wer ihn hingesandt.

FILIPJEWNAWohin, sag, wen hast du genannt?

FILIPJEWNAVerzeih und denke meiner Jahre.

FILIPJEWNAEs gibt so viele Nachbarn hier,

FILIPJEWNAund nicht zu merken sind sie schier.

TATJANAKannst du nicht fassen, was ich sage?

FILIPJEWNAMein Schatz, vergiss nicht, ich bin alt.

FILIPJEWNADas Alter ist 'ne böse Plage,

FILIPJEWNAdenn früher fasst' ich alles bald.

FILIPJEWNAMan brauchte mir nur zu befehlen…

TATJANAAch, Amme, musst du mich so quälen?

TATJANASo leicht ist alles zu verstehn.

TATJANAHier diesen Brief betrifft's, dass du es weisst.

TATJANAZum Nachbarn soll er, der Onegin heisst.

SYSTEMFILIPJEWNA.

TATJANASei wieder gut und zürne nicht, mein Kind.

TATJANAIch bin, wie alte Leute sind.

TATJANAJa, schon begreif ich's, verlass dich drauf.,

TATJANAMein Gott, du siehst ganz blass, Tatjana!

TATJANA's ist nichts, es kam mir nur zu Sinn ...

TATJANASchick jetzt den Brief zum Nachbarn hin.

Nachdem Filipjewna den Brief genommen, verharrt sie noch immer unschlüssig. Tatjana bedeutet ihr, zu gehen. An der Tür bleibt Filipjewna abermals stehen, überlegt, kommt wieder zurück. Endlich gibt sie zu erkennen, dass sie begriffen habe, und entfernt sich. Tatjana setzt sich an den Tisch und versinkt während des Orchesternachspiels in tiefes Sinnen.

SYSTEMDRITTES BILD

Ein abgelegener Teil des Gutsgartens mit dichten Holunder- und Akazienbüschen. Eine alte Bank.

Mädchen, die Beeren pflücken, tummeln sich im Hintergrund zwischen den Sträuchern.

MÄDCHENKommet, Mädchen, alle ihr,

MÄDCHENeilet in das Buschrevier,

MÄDCHENhöret, wie der Spielmann geigt,

MÄDCHENkommt, eh' seine Fiedel schweigt.

MÄDCHENHebt die Füsse, tanzet froh,

MÄDCHENbrennt's im Herzen lichterloh.

MÄDCHENSingt von Freude, Lust und Lieb',

MÄDCHENsingt von eurem Herzensdieb.

MÄDCHENSingt und lockt mit eurem Sang

MÄDCHENbei der Fiedel hellem Klang

MÄDCHENjeden Burschen schmuck und frei,

MÄDCHENalle locket sie herbei.

MÄDCHENUnd wenn gar ein Falscher kommt,

MÄDCHENder uns nicht besonders frommt,

MÄDCHENnehme der sich wohl in acht,

MÄDCHENwird verhöhnt und ausgelacht.

Tatjana tritt eilig auf und sinkt erschöpft auf die Bank. Mädchen verlieren sich im Hintergrunde.

TATJANAEr kommt, Onegin. - O Himmel, mir wird heiss und kalt!

TATJANAWas er wohl denkt?

TATJANAAch, warum folgt' ich nur dem ungestümen Blut?

TATJANAWie fand ich Törin nur den Mut,

TATJANAOnegin diesen Brief zu senden.

TATJANABang pocht das Herz; wie soll das enden?

TATJANADenn eine innre Stimme spricht:

TATJANAes war umsonst, er liebt dich nicht.

TATJANAHilf, gnäd'ger Gott, hilf mir im Unheil!

TATJANAVerlass mich nicht! Wer naht? Wer kommt?

TATJANAEs ist sein Schritt! Er ist's!

Tatjana, die von der Bank aufspringt. Onegin, der auf sie zugeht. Sie lässt den Kopf sinken.

ONEGINSie schrieben mir, wozu es leugnen?

ONEGINSie gestanden ohne Zögern wahr und offen

ONEGINdes reinen Herzens stilles Hoffen,

ONEGINund mir gefiel die Ehrlichkeit,

ONEGINdie ein Gefühl, das vor der Zeit

ONEGINin mir erloschen war, erneut.

ONEGINIch sag das alles ohne Schmeichelei.

ONEGINAufrichtig, wie Sie selbst, und frei

ONEGINwill ich zu Ihnen sprechen also.

ONEGINErst meine Beichte, wie ich bin.

ONEGINDann seien Sie die Richterin.

für sich

TATJANAO Himmel, wie beschämend und wie grausam!

Setzt sich auf die Bank.

SYSTEMArie

ONEGINWenn mich für die Häuslichkeit im Leben

ONEGINerkoren hätte das Geschick,

ONEGINals Gatte, Vater mich zu geben,

ONEGINich zögert' keinen Augenblick.

ONEGINSie gleichen meinem Ideal,

ONEGINich wüsste keine bessre Wahl.

ONEGINDoch bin ich nicht zum Glück geboren,

ONEGINmein Herz liegt mit sich selbst im Streit,

ONEGINwas Sie mir bieten, wär' verloren,

ONEGINverkehrte sich in Gram und Leid.

ONEGINJa, glauben Sie, die Ehe würde

ONEGINuns beiden bald zur Qual und Bürde.

ONEGINWie sehr mein Herz auch wallt und glüht,

ONEGINGewohnheit macht es schlaff und müd.

ONEGINNein, keine Rosen, eher Schmerzen

ONEGINbringt Hymen uns mit seinem Zwang,

ONEGINund dulden hiess es, lebenslang.

ONEGINEntschwundnen Jahren, Träumen, Trieben

ONEGINwinkt ewig keine Wiederkehr.

ONEGINIch liebe Sie mit Bruderliebe,

ONEGINvielleicht noch zärtlicher, noch mehr.

ONEGINDie Zukunft wird einst recht mir geben.

ONEGINDie Liebe ist im Mädchenleben

ONEGINmeist Täuschung, Spiel der Phantasie.

ONEGINDrum lernen Sie sich überwinden,

ONEGINdenn solche Unerfahrenheit

ONEGINbringt oft sich selber Weh und Leid.

im Hintergrunde

CHOR DER MÄDCHENKommet, Mädchen, alle ihr,

CHOR DER MÄDCHENeilet in das Buschrevier,

CHOR DER MÄDCHENhöret, wie der Spielmann geigt,

CHOR DER MÄDCHENkommt, eh' seine Fiedel schweigt.

Onegin reicht Tatjana die Hand. Sie sieht ihn lange fragenden Blickes an, erhebt sich dann und geht, sich auf ihn stützend, langsam ab.

CHOR DER MÄDCHENSingt und lockt mit eurem Sang

CHOR DER MÄDCHENbei der Fiedel hellem Klang!

CHOR DER MÄDCHENJeden Burschen schmuck und frei,

CHOR DER MÄDCHENalle locket sie herbei.

CHOR DER MÄDCHENDoch wenn dann ein Falscher kommt,

CHOR DER MÄDCHENnehme der sich wohl in acht,

CHOR DER MÄDCHENwird verhöhnt und ausgelacht.

SYSTEMZWEITER AUFZUG

SYSTEMVIERTES BILD

Festlich erleuchteter Saal im Larinschen Hause.

Ballgäste in altmodischem Staat, darunter Militär in Uniform, teils in Gruppen zusammensitzend, teils Walzer tanzend. Onegin, Lenski, Olga und Tatjana nehmen am Tanze teil. Der Hauptmann macht den Ballordner. Larina geht mit besorgter Hausfrauenmiene auf und ab.

ALLGEMEINER CHORWelch heller Glanz! Vergnügt sind alle Gäste.

ALLGEMEINER CHOREs laden sie zum frohen Feste

ALLGEMEINER CHORMahl und Tanz.

ALLGEMEINER CHORGeniesst und lebt! Lasst laut ertönen

ALLGEMEINER CHORder Freude und dem Schönen

ALLGEMEINER CHOReuer Hoch!

ÄLTERE GUTSBESITZERHier auf dem Lande erleben wir selten

ÄLTERE GUTSBESITZERso einen schönen, berauschenden Ball.

ÄLTERE GUTSBESITZERDenn als Zerstreuung muss einzig uns gelten

ÄLTERE GUTSBESITZERRüdengebell und der Peitschen Geknall.

ÄLTERE DAMENUnd kehren sie von dem Jagen dann wieder

ÄLTERE DAMENdurch Felder und Wälder, mit Saus und Braus,

ÄLTERE DAMENdann sind sie todmüde und legen sich nieder,

ÄLTERE DAMENuns bleibt nur die Sorge um Küche und Haus.

umringen den Hauptmann

JUNGE DAMENAch, Trifon Petrowitsch,

JUNGE DAMENwie ist's doch so reizend,

JUNGE DAMENwir danken von Herzen dir…

JUNGE DAMENDoch tanzen nun wollen wir.

DER HAUPTMANNBitte sehr, ich selbst bin ganz glücklich…

DER HAUPTMANNSteh gern zu Diensten, so fangen wir an.

Allgemeiner Tanz. Onegin tanzt mit Tatjana. Die andern hören allmählich auf zu tanzen und beobachten das Paar.

ÄLTERE DAMENSeht nur, seht nur, die Täubchen, sie tanzen!

ÄLTERE DAMENDas gibt ein Brautpaar; nun, es ist Zeit!

ÄLTERE DAMEN's ist schad um Tatjana! Erst wird er scharmieren,

ÄLTERE DAMENdann tyrannisieren; es heisst auch: er spielt.

ÄLTERE DAMENIst ohne Manieren, er spricht wie ein Narr

ÄLTERE DAMENund küsst den Damen nie die Hand.

ÄLTERE DAMENIst Freimaurer wohl, trinkt Rotwein nur,

ÄLTERE DAMENund nicht zu wenig, das ist bekannt.

hat die letzten Worte gehört

ONEGINOh, wie sie lästern. Schon allzuviel

ONEGINverriet mir boshafter Zungen Getuschel.

ONEGINAber recht nur geschah mir!

ONEGINWozu trieb es mich auf diesen faden Ball?

ONEGINWozu? Nie dank ich dir, Lenski,

ONEGINdass du mich überredet.

ONEGINIch tanze jetzt sofort mit seiner Olga.

ONEGINDa ist sie … ich bitte.

zu Olga

LENSKIFür mich war dieser Tanz bestimmt!

ONEGINDas muss ein Irrtum sein.

Tanzt mit Olga

LENSKIAch, wirklich also? Nicht glauben kann ich's.

LENSKIOlga, nein, das ist zuviel!

ALLGEMEINER CHORHoch die Freude, welch schönes Fest!

ALLGEMEINER CHORWelche Pracht, wie festlich!

ALLGEMEINER CHORHoch die Freude, welch schönes Fest!

ALLGEMEINER CHORWelch ein Mahl, wie köstlich!

ALLGEMEINER CHORWie prächtig ist das Fest!

ALLGEMEINER CHORHoch die Freude, welch Festesglanz!

ALLGEMEINER CHORVergnügt sind alle Gäste.

ALLGEMEINER CHOREs laden uns zum frohen Feste

ALLGEMEINER CHORMahl und Tanz. Geniesst und lebt!

ALLGEMEINER CHORHeil allem Schönen! Ein Hoch, ein Hoch dem Schönen!

ALLGEMEINER CHORSeid lustig und preist den Glanz des Festes!

ALLGEMEINER CHORHoch die Freude, hoch die Lust!

geht auf Olga zu, die soeben aufgehört hat, mit Onegin zu tanzen

LENSKIWomit hab ich von Ihnen diesen Spott verdient?

LENSKIO Olga, warum strafen Sie mich so? Was tat ich nur?

OLGAGanz ohne Grund, mein Freund, trifft Ihr Vorwurf mich.

LENSKIO nein, Sie tanzten den Walzer,

LENSKIfast jeden Tanz nur mit Onegin

LENSKIund refusierten, so oft ich gebeten.

OLGAWladimir, wie ungerecht!

OLGAEs ist ein Nichts, das dich erregt!

LENSKINichts! Wie, das nennst du nichts?

LENSKISoll ich vielleicht mit unbewegtem Herzen

LENSKIzusehn, wie du ihm zugelächelt, kokettlert?

LENSKIIch sah, er bog sich zu dir, er drückte dir

LENSKIdie Hand; ich sah es wohl.

OLGADas ist nur blinde Eifersucht,

OLGAWahnbild erhitzter Sinne!

OLGAHarmlos Geplauder war's. Artig ist er.

LENSKIArtig, so! Ach, Olga muss ich an dir zweifeln?

OLGALass doch die Grillen!

LENSKINein, du liebst mich nicht mehr!

LENSKIDoch den Kotillon tanzt du mit mir?

tritt dazwischen

ONEGINNein, mit mir!

ONEGINSie haben mir Ihr Wort gegeben.

OLGAUnd will es halten.

OLGANur um Sie zu strafen, Sie Eifersücht'ger!

LENSKIOlga!

OLGAAuf keinen Fall! - Ach, sehen Sie,

OLGAwie alles sich um Herrn Triquet dort drängt.

Die Vorigen. Triquet, von einer Schar Damen umringt.

ONEGINWer ist's?

OLGAEr wohnt bei Charlikows und ist Franzos'.

DIE BALLGÄSTEMonsieur Triquet, Monsieur Triquet.

DIE BALLGÄSTEChantez de grâce un couplet!

TRIQUETIck 'aben un couplet bei mir.

TRIQUETMais, wo sein nur Mademoiselle?

Man stellt Tatjana in die Mitte eines Kreises, der von den Gästen gebildet wird. Triquet wendet sich mit seinem Gesang an sie.

Sie will fort, aber man hält sie zurück.

TRIQUETSie müssen 'ier sein, 'ier vor mir!

TRIQUETCar le couplet est fait pour elle!

DIE BALLGÄSTEHier ist sie, hier ist sie!

TRIQUETVoilà, die Königin dieser Nacht!

TRIQUETMesdames, ick werden fangen an,

TRIQUETMick nit zu stören, bitt' ick sehr.

Couplet

TRIQUETA cette fête conviés,

TRIQUETde celle dont le jour est fêté,

TRIQUETcontemplons le charme et la beauté.

TRIQUETSon aspect doux et enchanteur

TRIQUETrépand sur nous tous sa lueur,

TRIQUETde la voir quel plaisier, quel bonheur!

TRIQUETBrillez, brillez toujours, belle Tatjana!

DIE BALLGÄSTEBravo, bravo, Monsieur Triquet!

DIE BALLGÄSTEGanz vortrefflich ist gelungen

DIE BALLGÄSTEdas kleine reizende Couplet!

TRIQUETQue le sort comble ses désirs,

TRIQUETque la joie, les jeux, les plaisirs

TRIQUETfixent sur ses lêvres le sourire!

TRIQUETQue sur le ciel de ce pays,

TRIQUETétoile qui toujours brille et luit,

TRIQUETelle éclaire nos jours et nos nuits!

TRIQUETBrillez, brillez toujours, belle Tatjana!

DIE BALLGÄSTEBravo, bravo, Monsieur Triquet!

DIE BALLGÄSTEGanz vortrefflich ist gelungen

DIE BALLGÄSTEdas kleine reizende Couplet!

verbeugt sich nach allen Seiten und überreicht dann kniend das Couplet Tatjana

SYSTEMDER HAUPTMANN.

TRIQUETMessieurs, Mesdames, zu Ihren Plätzen bitt' ich.

TRIQUETIm Augenblicke schon beginnt der Kotillon!

Er reicht Tatjana die Hand zum Tanz. Die Tänzer ordnen sich paarweise, Onegin mit Olga an der Spitze.

Lenski steht nachdenklich hinter ihnen.

zu Lenski

ONEGINLenski, du schliesst dich aus?

ONEGINDu blickst finster gleich wie Child Harold!

ONEGINFehlt dir was?

LENSKIWieso? Mir fehlt nichts,

LENSKIich staun darüber bloss,

LENSKIwie redlich deine Freundschaft.

ONEGINIn der Tat,

ONEGINein solcher Vorwurf kommt mir überraschend.

ONEGINSag, weshalb grollst du mir?

erst ruhig, dann immer heftiger

LENSKIIch grollen?

LENSKINicht im mindesten, bestürzt nur sehe ich,

LENSKIwie mit Esprit und blendendem Getu'

LENSKIdu allen Mädchen hier die Köpfe

LENSKIund die Sinne zugleich verdrehst.

LENSKIKein Zweifel, dir genügt nicht mehr allein Tatjana,

LENSKIals treuer Freund versuchst du zu entreissen

LENSKImir die Braut, störst ihres Herzens Ruh',

LENSKIum dann zu höhnen, wenn du sie betört.

LENSKIOh, wie edel bist du!

mit ruhiger Ironie

ONEGINWie? Von Sinnen scheinst du mir.

LENSKIVon Sinnen! Du heissest mich von Sinnen!

LENSKIWelche Sprache! Dieser Ton beleidigt mich!

Man hat aufgehört zu tanzen. Neugierige nähern sich Onegin und Lenski.

EINIGE BALLGÄSTEHört, was gibt es?

LENSKIOnegin, Sie sind nicht mehr mein Freund.

LENSKIJede Gemeinschaft sei zwischen uns zerrissen.

LENSKIIch - ja - ich verachte Sie!

DIE BALLGÄSTEWas muss man hören! Wie, man zankt in diesem Hause?

DIE BALLGÄSTEEs scheint ein ernster Zwist sich anzuspinnen.

leise zu Lenski

ONEGINHör, Lenski, Unrecht tust du mir in der Tat.

ONEGINMan merkte schon, siehst du es nicht,

ONEGINzuviel von unserm Streite.

ONEGINErfahre, dass ich keinen Frieden noch

ONEGINund keine Ruhe gestört, und auch

ONEGINfortan nicht stören will,

LENSKIDoch warum hast du ihr die Hand gedrückt,

LENSKIihr zugeflüstert? Sie lachte gar und wurde rot.

LENSKIWas, was hast du gesprochen?

ONEGINHör auf jetzt, das ist töricht,

ONEGINein jeder hört uns.

ausser sich

LENSKIOh, was kümmert's mich? Sie haben mich gekränkt.

LENSKIGenugtuung, mein Herr, verlange ich!

DIE BALLGÄSTEWie konnt' es soweit kommen?

LENSKINun wohl, ich wollte nur,

LENSKIdass Herr Onegin mir erkläre

LENSKIsein seltsames Benehmen.

LENSKIDa er verweigert dies zu tun,

LENSKIso hab ich kurzerhand ihn nun gefordert.

zu Lenski

LARINAO Himmel, welche Szene! Gerade hier in meinem Hause!

LENSKIHier im Hause verflossen die Stunden

LENSKImir dereinst wie ein kindliches Spiel,

LENSKIhier im Hause, hier hab ich empfunden

LENSKIerster Liebe erhebend Gefühl.

LENSKIAber heut musst' ich leider erfahren,

LENSKIdass das Leben kein Liebesroman,

LENSKIdass die Ehre ein leeres Gebaren,

LENSKIdass die Freundschaft getäuscht werden kann.

LENSKIStrahlt nicht klar wie ein sonniger Morgen

LENSKIdes bezaubernden Mädchens Gestalt,

LENSKIund doch wohnt in der Seele verborgen

LENSKIgar ein Dämon, unselig und kalt. -

LENSKIWie wagt' ich jemals an dir zu zweifeln?

LENSKIDu Engel bist schuldlos,

LENSKInur jener Verräter ist schuldig,

LENSKIihn zieh ich zur Sühne!

LENSKIJa, du bist schuldlos, Engel,

LENSKIer, der Verräter, trägt die Schuld.

LENSKIIch aber will als Freund erreichen,

LENSKIdass des Verführers falsches Schmeicheln

LENSKIund seine tück'sche Heuchelei

LENSKIder Unschuld nicht verderblich sei.

LENSKIDass meiner Liebe Heiligtume

LENSKIkein falscher Freund zu nahen wage,

LENSKIund mir kein gift'ger Wurm zernage

LENSKIden Blütenschmelz der Frühlingsblume.

ONEGINIch fühle, mein Gewissen spricht

ONEGINbar jeder Schuld mein Handeln nicht.

ONEGINIch habe mit Wollen und mit Wissen

ONEGINein fest geknüpftes Band zerrissen.

ONEGINDa so sein Sinn mir zugetan,

ONEGINwie konnt' ich nähren seinen Wahn,

ONEGINvoll Falschheit sei, den er verehrte,

ONEGINkein Mann von Ehre und Gefühl

ONEGINder Freund, zu dem sein Herz sich kehrte.

ONEGINMein ist die Schuld, umsonst alle Reue,

ONEGINbeklagen muss ich, was geschah.

ONEGINDoch kommt die Einsicht nun zu spät.

ONEGINIch bin beleidigt und ich muss mich schlagen.

TATJANAErschüttert bin ich, meinen Sinnen

TATJANAunfassbar ist Eugens Beginnen.

TATJANAVon Eifersucht bewegt

TATJANAbebt mein Herz in der Brust.

TATJANAUnd das Schicksal mit grausamer Han

TATJANAgreift in mein Leben,

TATJANAraubt mir des Herzens Frieden.

TATJANAWeh, er tötet mich. Allein ich klage nicht,

TATJANAder Tod durch ihn ist süss und licht.

TATJANAIch sterbe, mir sagt es das Schlagen

TATJANAdes Herzens, doch ich will nicht klagen.

TATJANAAch, der Tod durch ihn ist Seligkeit,

TATJANAes blüht mir doch auf Erden kein Glück.

OLGAIch fürchte, da sie so verblendet,

OLGAdass dieses Fest mit Tränen endet.

OLGAAch, leicht erregt ist Eifersucht,

OLGAder kleinste Anlass sie entfacht,

OLGAein Wort, ein Blick kann Grund ihr geben.

OLGANun werden sie sich beide schlagen,

OLGAhab ich nicht dazu beigetragen?

LARINAIch fürchte, da sie so verblendet,

LARINAdass dieses Fest mit Tränen endet.

LARINAAch, rasch erregt ist Eifersucht,

LARINAder kleinste Anlass sie entfacht,

LARINAein Wort, ein Blick kann Grund ihr geben.

LARINAWas wird man nun sagen, wenn beide sich schlagen?

DIE BALLGÄSTEArmer Lenski, wie erregt er ist!

DIE BALLGÄSTEDas schöne Fest ist jäh geendet,

DIE BALLGÄSTEda zum Duell der Streit sich wendet.

DIE BALLGÄSTEGar leicht erregt ist Eifersucht,

DIE BALLGÄSTEder kleinste Anlass sie entfacht.

DIE BALLGÄSTENur streiten und schlagen will beiden behagen.

DIE BALLGÄSTEOh, welch ein Ende nimmt dies Fest!

DIE BALLGÄSTESie können ohne Streit nicht leben,

DIE BALLGÄSTEda muss es einen Zweikampf geben.

DIE BALLGÄSTEEin Zank entspinnt sich gar zu schnell,

DIE BALLGÄSTEund morgen gibt es ein Duell.

ONEGINZu Diensten stehe ich, genug nun!

ONEGINRuhig hört' ich Sie, Verblendeter.

ONEGINEine Lektion verdienen Sie - zur Bessrung!

LENSKIGut denn, auf morgen! Erwarten wir, wer Lektion benötigt!

LENSKIVerblendet . . . ich mag's sein, doch Sie ...

LENSKIsind ehrlos, ein Verführer!

ONEGINWenn Sie nicht enden, sind Sie des Todes!

Larina, Olga und einige Gäste halten Lenski und Onegin zurück. Tatjana weint still vor sich hin.

BALLGÄSTEWelch ein Skandal!

BALLGÄSTELasst uns den Zweikampf verhindern.

BALLGÄSTEEs darf nicht geschehen,

BALLGÄSTEdass Blut hier fliesse.

BALLGÄSTEWir werden's nicht dulden,

BALLGÄSTEso trennt doch die beiden.

BALLGÄSTELasst zum Zweikampf es nicht kommen,

BALLGÄSTEhaltet sie zurück!

OLGAWladimir, komm doch zu dir, hör mein Flehen!

LENSKIAch, Olga, leb wohl, leb wohl!

Er stürzt fort.

LARINA, OLGA, BALLGÄSTEAlles vergeblich!

SYSTEMFÜNFTES BILD

Winterlandschaft in der Nähe einer Wassermühle. Erste Morgendämmerung.

Lenski sitzt in Gedanken versunken unter einem Baum. Saretzki geht ungeduldig auf und ab.

SARETZKINun, Lenski, wo bleibt Euer Gegner nur?

SARETZKIWird er kommen?

LENSKIBestimmt kommt er.

SARETZKIDoch immerhin erscheint mir's sonderbar.

SARETZKIDie höchste Zeit, halb sieben schon!

SARETZKIIch dacht', er wartet längst auf uns.

Zieht sich nach dem Hintergrund zurück.

SYSTEMArie

in Nachsinnen verloren

LENSKIWohin, wohin seid ihr entschwunden,

LENSKIo Jugendzeit, o Liebesglück?

LENSKIWas wird der nächste Tag mir bringen?

LENSKIMein Blick vermag nicht zu durchdringen,

LENSKIwas mir verbirgt der Zukunft Schoss.

LENSKIWas frag ich? Jedem fällt sein Los.

LENSKI's ist gleich, ob ich des Todes Beute,

LENSKIob mich verschont des Gegners Blei.

LENSKIVon Gott kommt alles, wie's auch sei.

LENSKIEr lenkt das Gestern und das Heute,

LENSKIer sendet uns des Tages Pracht,

LENSKIer sendet uns die dunkle Nacht.

LENSKIIndes der Tag zu neuem Leben

LENSKIim Frührotscheine auferwacht,

LENSKIwird mich vielleicht, ach, schon umschweben

LENSKIgeheimnisvolle Grabesnacht,

LENSKIwo der Vergessenheit zum Raube

LENSKImein Name wird samt meinem Staube.

LENSKIWie bald vergisst die Welt! Doch du

LENSKIgedenkst noch mein, wenn ich im Grabe ruh.

LENSKIJa, kommen wirst du, weinen, klagen

LENSKIund denken: mir war einst geweiht

LENSKIdie Liebe seiner Jugendzeit.

LENSKIO welche Seligkeit doch gibt

LENSKIein Strahl des Glücks nach dunklen Tagen!

LENSKIAch, Olga, dich hab ich geliebt!

LENSKIO komm zu mir, geliebtes Herz,

LENSKIdein Trauter ruft, er harrt der holden Braut!

LENSKIO komm, o komm!

LENSKIWohin, wohin seid ihr entschwunden,

LENSKIo Jugendzeit, unnennbar sel'ges Liebesglück?

Die Vorigen. Onegin mit seinem Kammerdiener Guillot, der den Pistolenkasten trägt.

SARETZKIDa kommen sie. Doch wer ist sein Begleiter?

SARETZKIMir unbekannt.

mit einer Verbeugung

ONEGINEntschuldigen die Herrn,

ONEGINwenn ich so spät erscheine.

SARETZKIWo aber blieb Ihr Sekundant?

SARETZKIAls Sekundant bin ich Pedant,

SARETZKIich halt vor allem auf Methode.

SARETZKIMir widerstebt's, dass umgebracht

SARETZKIein Mitmensch werd' im Unbedacht.

SARETZKIBefördert werd' der Mensch zum Tode

SARETZKInicht anders als nach gutem Brauch.

ONEGINDafür sind Sie zu loben auch.

ONEGINMein Sekundant steht hier: Monsieur Guillot!

ONEGINIch hoffe, man hat nichts dagegen,

ONEGINobwohl er Ihnen unbekannt.

ONEGINEr ist zwar nicht von Rang und Adel,

ONEGINdoch sonst ein Bursche sonder Tadel.

Guillot verbeugt sich, Saretzki erwidert.

zu Lenski

ONEGINNun, so beginnen wir?

LENSKIIch steh zu Diensten.

SYSTEMDuett

während Saretzki und Guillot die Vorbereitungen zum Zweikampf treffen

LENSKI, ONEGINMein Feind! Seit wann droht unserm Bunde

LENSKI, ONEGINder Feindschaft heisser Durst nach Blut!

LENSKI, ONEGINUnd haben sonst zu jeder Stunde

LENSKI, ONEGINGedanken, unser Hab und Gut

LENSKI, ONEGINgeteilt als Freunde. Wie umnachtet

LENSKI, ONEGINvon falschem Hass ein jeder trachtet

LENSKI, ONEGINnach seines einst'gen Freundes Blut.

LENSKI, ONEGINUnd Tod sinnt jeder von uns beiden.

LENSKI, ONEGINAch, wäre Frieden nicht vernünft'ger jetzt

LENSKI, ONEGINund, eh' die Hand von Blut benetzt,

LENSKI, ONEGINin alter Freundschaft sich zu einen?

LENSKI, ONEGINNein, nein, nein, nein!

Saretzki und Guillot haben den Abstand abgeschritten und die Pistolen geladen, Saretzki gibt den Gegnern Verhaltungsmassregeln und übergibt ihnen die Waffen. Alles vollzieht sich schweigend. Guillot verbirgt sich furchtsam hinter einem Baum.

klatscht in die Hände

SARETZKIAn die Plätze!

Die Gegner haben ihre Plätze eingenommen. Onegin erhebt, vortretend, die Pistole; gleichzeitig zielt auch Lenski. Onegin schiesst zuerst. Lenski wankt, lässt die Pistole fallen und sinkt zu Boden. Saretzki eilt zu Lenski und betrachtet ihn. Onegin stürzt zu dem sterbenden Gegner.

mit dumpfer Stimme

ONEGINTot?

SARETZKITot!

SYSTEMDRITTER AUFZUG

SYSTEMSECHSTES BILD

Saal eines vornehmen, reichen Hauses in St. Petersburg.

Abend.

Festgäste aller Art, Damen und Herren, Zivil und Militär. Die Paare treten zur Polonaise an.

Nach Beendigung des Tanzes setzen sich einige Gäste.

Andere bilden Gruppen und stehen, sich unterhaltend,beieinander.

Die Vorigen. Onegin.

ONEGINNein, kein Vergessen, nirgend Ruhe, niemals Seelenfrieden!

ONEGINDas Leben, ach, nur ein ermüdend Einerlei!

ONEGINIm Zweikampf meinen Freund gemordet,

ONEGINmein Dasein ohne Sinn und Ziel.

ONEGINUnd schon sind volle sechzehn Jahr'

ONEGINseit jenem Unglückstag vergangen.

ONEGINIch fand Zerstreuung nicht noch Amt,

ONEGINvergeudete mit Nichtstun meine Zeit.

ONEGINUnd nirgends konnt' ich ruhig weilen,

ONEGINmir folgte des Gewissens Pein,

ONEGINdie Wunde blutet, statt zu heilen

ONEGINund lässt mich fried- und freudlos sein.

ONEGINEs trieb mich fort, ich musste Scheiden,

ONEGINden eignen Herd hiess es mich meiden,

ONEGINda drohend mit erhobner Hand

ONEGINdes Toten Schatten vor mir stand.

ONEGINIch irrte planlos durch die Fremde,

ONEGINan keinem Ort hielt es mich lang,

ONEGINund da mein Reisen mir misslang,

ONEGINmacht' ich der Fahrt ein rasches Ende.

ONEGINDen Frieden, den ich nirgends fand,

ONEGINihn such ich nun im Vaterland.

Die Vorigen. Tatjana in reicher Festkleidung, zu ihrer Seite Fürst Gremin.

DIE GESELLSCHAFTDie Fürstin Gremina! Da ist sie, o sehet!

EINIGESagt, welche ist's?

ANDEREDort jene, sehet!

ANDERESie setzte dort sich an den Tisch.

ANDEREWie schön, wie schlicht, wie jugendfrisch!

Tatjana aufmerksam betrachtend

ONEGINWär' es Tatjana wirklich? Nein!

ONEGINWie käm' sie her aus ihrem Dorfe?

ONEGINEs kann nicht sein, sie kann's nicht sein!

ONEGINWie anmutsvoll, wie einfach,

ONEGINreizend und wie würdig

ONEGINist sie des Festes Königin.

zeigt auf Onegin und wendet sich an die Umstehenden

TATJANAAch bitte, saget mir,

TATJANAwer stehet dort bei meinem Mann?

DIE UMSTEHENDENDas ist ein Schwärmer, ein Sonderling,

DIE UMSTEHENDENein halber Narr, der lang auf Reisen war

DIE UMSTEHENDENund jetzt nach Hause kam, Eugen Onegin.

TATJANAOnegin?

DIE UMSTEHENDENIst er Euch bekannt?

TATJANAWir waren Nachbarn auf dem Land.

Für sich

TATJANAO Himmel, gib mir Mut und Kraft

TATJANAzu dämpfen jähe Leidenschaft.

zu Gremin, der inzwischen zu ihm getreten

ONEGINSag, Fürst, kennst du die Dame nicht,

ONEGINdie dort im roten Samtbarette

ONEGINmit dem Gesandten Spaniens spricht?

GREMINMan merkt's, du kommst von langer Reise.

GREMINIch stell dich vor, wenn's dir beliebt.

ONEGINDoch sag, wer ist es?

GREMINMeine Gattin ist's!

ONEGINDu bist vermählt? Wie konnt' ich's ahnen!

ONEGINSeit wann denn?

GREMINBald sind es zwei Jahre.

ONEGINMit wem?

GREMINMit Larins Tatjana. Seid Ihr bekannt?

ONEGINNachbarn sogar.

SYSTEMArie

mit edler Würde

GREMINEin jeder kennt die Lieb' auf Erden,

GREMINein jeder muss ihr Sklave werden:

GREMINder Jugend ungebrochne Kraft,

GREMINdes reifen Alters Leidenschaft.

GREMINUnd wer an Liebe nicht mehr glaubt,

GREMINhat sich des schönsten Schmucks beraubt.

GREMINOnegin, dir kann ich's vertrauen,

GREMINunsagbar liebe ich Tatjanen.

GREMINGar trüb es um mein Leben stand,

GREMINda sah Tatjana ich und fand

GREMINgleich Sonnenstrahl nach Nebelwetter

GREMINin ihrem Wesen meinen Retter.

GREMINInmitten junger und Betagter

GREMINund aufgeblasner Ziererei,

GREMINverwegner, schlauer und verzagter,

GREMINverhasster plumper Heuchelei,

GREMINinmitten lächerlicher Schwätzer,

GREMINfrivoler, glaubensloser Ketzer

GREMINinmitten dummer Eitelkeit,

GREMINberechnend falscher Niedrigkeit,

GREMINinmitten feiler Bösewichter

GREMINund schnödem Spott, Verrat und Lug,

GREMINin einer Welt voll Hohn und Trug

GREMINund feigem, kriechendem Gelichtet,

GREMINda schimmert den Gestirnen gleich

GREMINTatjanas Unschuld hell und heiter.

GREMINSie macht mich glücklich, macht mich reich,

GREMINführt mich hinan die Himmelsleiter.

GREMINSo komm, ich stell dich meiner Gattin vor.

Er führt Onegin zu Tatjana

GREMINMein Kind, erlaub, einen Verwandten

GREMINund guten Freund dir vorzustellen:

GREMINOnegin ist's.

Onegin verbeugt sich tief, Tatjana erwidert ohne Bestürzung einfach und schlicht.

TATJANAVon Herzen freut's mich.

TATJANAMich dünkt, dass früher wir uns sahn.

ONEGINZu Hause, lang ist's her.

TATJANAUnd Ihr kommt

TATJANAam Ende gar aus jener Gegend?

SYSTEMONEGIN.

TATJANAO nein! Ich kehrte wieder von langen Reisen.

TATJANASeit wann denn?

ONEGINSoeben.

zu Gremin

TATJANAMein Freund, bin etwas müde!

Sie geht, auf Gremins Arm gestützt, ab, Onegin folgt ihr mit seinen Blicken.

SYSTEMArie

ONEGINIst dies denn wirklich die Tatjana,

ONEGINdie heimlich mir ihr Herz erklärt,

ONEGINdie ich, von falschem Wahn betört

ONEGINmit kalten Worten von mir bannte,

ONEGINweil ihren Wert ich nicht erkannte.

ONEGINSie, deren Brief ich noch bewahre

ONEGINund deren Neigung ich verschmähte,

ONEGINist sie es selbst, die eben hier

ONEGINso kalt gelassen sprach mit mir?

ONEGINMir ist's fürwahr, als wär's ein Traum!

ONEGINWas hat die Seele mir bewegt,

ONEGINmein kaltes Blut so heiss erregt,

ONEGINist's Unmut, Eitelkeit, gar Reu'?

ONEGINLieb ich am Ende gar aufs neu?

ONEGINIch täusch mich nicht, ich liebe, liebe

ONEGINmit aller Glut der ersten Jünglingstriebe.

ONEGINUnd sollte auch ein Schein mich trügen,

ONEGINsollt' falsche Hoffnung mich belügen

ONEGINich schlürf den Zaubertrank Verlangen.

ONEGINMein Traumbild lockt mich fort und fort,

ONEGINund überall, an jedem Ort

ONEGINfolgt mir ihr Blick, folgt mir ihr Wort

ONEGINund nimmt die Seele mir gefangen.

Er entfernt sich. Der Tanz, eine Ekossaise, beginnt aufs neue.

SYSTEMSIEBENTES BILD

Empfangszimmer im Hause des Fürsten Gremin.

Morgen.

ERSTER AUFTRITTTatjana allein, einen Brief in der Hand.

TATJANAWie bang ist mir ums Herz. Heut kommt Onegin,

TATJANAbedroht mit diesem Brief den kaum errungnen Frieden.

TATJANAOh, wie sein feurig Aug' die Seele mir bewegt,

TATJANAheimliches Sehnen sich im bangen Herzen regt.

TATJANAAls wär' ich wieder das Mädchen jener Tage,

TATJANAda ich zum erstenmal ihn sah, um den ich klage.

Tatjana. Onegin, der erst an der Tür stehenbleibt, dann voll Leidenschaft auf Tatjana zueilt und sich vor ihr niederwirft.

ruhig, macht ein Zeichen, dass er sich erheben solle

TATJANAGenug, ich bitte, stehn Sie auf!

TATJANAIch will mit Ihnen offen reden.

TATJANAOnegin, denken Sie der Zeit,

TATJANAals in dem Park ich war bereit,

TATJANAden Spruch aus Ihrem Mund zu hören,

TATJANAvor Ihnen hilfesuchend stand?

ONEGINVerzeihung! Oh, so habt Erbarmen.

ONEGINEin Irrtum war es. Welch herbe Sühne!

TATJANAIch stand in meinen Blütenjahren,

TATJANAich liebte Sie mit junger Glut,

TATJANAdoch ach, was musste ich erfahren?

TATJANASie stiessen mich mit kaltem Blut

TATJANAhinweg von sich. Zu schlicht war Ihnen

TATJANAmein harmlos kindlich Herz erschienen.

TATJANAJa, ja, mein Freund, Sie waren hart!

TATJANAJetzt aber? Gott, mein Blut erstarrt,

TATJANAdenk ich der Predigt Ihres Mundes

TATJANAund Ihres frost'gen Blicks.

TATJANADoch Sie nicht klag ich an.

TATJANASie taten wie ein Ehrenmann in jener Stunde,

TATJANASie zeigten sich nur ehrlich, wahr.

TATJANAWie kalt ward ich damals behandelt,

TATJANAwie haben Sie mich tief verletzt.

TATJANABin ich denn anders nun, verwandelt?

TATJANAWarum verfolgen Sie mich jetzt?

TATJANAWeil ich, umhüllt von äussrer Ehre,

TATJANAnun in der grossen Welt verkehre?

TATJANAWeil mein Gemahl mich reich gemacht?

TATJANAWeil ihn, verwundet in der Schlacht,

TATJANAund mich gleich ihm der Hof mit Ehren

TATJANAüberhäuft? Ist's nicht vielmehr,

TATJANAweil in der grossen Welt sich eh'r

TATJANATriumphe zu verbreiten pflegen

TATJANAzur Schmach der Frau, und Sie dies reizt,

TATJANAIhr Wunsch nach solchem Ruhme geizt?

ONEGINAch, o Himmel!

ONEGINEs scheint mein Flehen ihren Zorn zu wecken.

ONEGINIhr strenges Auge mag vielleicht

ONEGINnur Arglist, Heuchelei entdecken,

ONEGINwo ich mich, wie ich bin, gezeigt.

ONEGINOh, könnten Sie nur einmal fühlen

ONEGINdie Qualen, die im Herzen flammen,

ONEGINund meine Ohnmacht, sie zu kühlen,

ONEGINSie würden mich nicht so verdammen!

ONEGINZu ihren Füssen will ich künden,

ONEGINdass längst mein stolzes Herz besiegt.

ONEGINOh, könnt' ich meinen Frieden finden,

ONEGINdas Haupt in Ihren Schoss geschmiegt.

unter Tränen

TATJANAOnegin!

ONEGINTränen, reine Perlen

ONEGINweiht meinen Leiden dein Erbarmen.

TATJANA, ONEGIN-Ach, wie war einst das Glück so nahe'

TATJANAAnders hat das Schicksal es gefügt.

TATJANAUnwiderruflich bin ich gebunden.

TATJANAIhre Pflicht ist jetzt,

TATJANAzu gehn, mich zu verlassen.

SYSTEMONEGIN.

TATJANAWir sollten uns trennen? Ich soll jetzt gehn!

Mit wachsender Leidenschaft

TATJANANein, dir zur Seite lass mich stehn,

TATJANAgehorsam folgen deinen Winken,

TATJANAden holden Mund, sein Lächeln sehn,

TATJANAin deinen Anblick mich versinken,

TATJANAum alle Zauber zu verstehn

TATJANAso strahlender Vollkommenheit!

TATJANAVor Liebesqual, vor Sehnsucht zu vergehen,

TATJANAzu sterben, welche Seligkeit,

TATJANAist Seligkeit, ist Glück und Himmelsfrieden!

Er ist vor Tatjana niedergesunken und hat ihre Hand ergriffen.

ihre Hand befreiend, erschrocken

TATJANAOnegin, wenn in Ihrem Herzen Sinn für Frauenehre lebt,

TATJANAOnegin, Ihre Pflicht ist's, jetzt zu gehn, mich zu verlassen!

ONEGINNein, dich verlassen kann ich nicht! Nimmermehr!

TATJANAWas soll der Trotz, was soll das Leugnen?

TATJANAJa, noch lieb ich dich!

Sie sinkt für einen Augenblick an Onegins Brust, reisst sich aber mit jäher Bewegung wieder los.

ONEGINWas sagst du? Welch holdes Wort entfloh den Lippen?

ONEGINO Wonne, Seligkeit! Ja, so bist du Tatjana wieder!

TATJANANein, nein! Vergangnes kehrt nicht mehr zurück.

TATJANAIn Gremins Hand liegt mein Geschick.

TATJANAIhm schwur ich Treue am Altar,

TATJANAsie will ich halten immerdar.

auf den Knien

ONEGINHeiss mich nicht gehn, folg deinem Herzen,

ONEGINes schlägt für mich, für mich allein,

ONEGINdein Lebensglück wirst du verscherzen,

ONEGINwillst du nicht ganz die Meine sein.

ONEGINDie längst entflohn, die schöne Zeit,

ONEGINsie schien mir deutlich zu verkünden,

ONEGINdass mir ein Fünkchen Zärtlichkeit

ONEGINgelang in deiner Brust zu zünden.

ONEGINZur Flamme wollen wir es nähren,

ONEGINkein Zwang kann unsrer Liebe wehren,

ONEGINes hält kein Schwur dich mehr zurück,

ONEGINentsage nicht dem höchsten Glück!

TATJANAO Gott, erhöre jetzt mein Flehen,

TATJANAverleihe du mir Mut und Kraft,

TATJANAlass mich im Kampf nicht untergehen,

TATJANAim Kampfe mit der Leidenschaft!

TATJANANoch zwingt's mich, seinem Wort zu lauschen,

TATJANAdas glühend heiss ins Herz mir dringt,

TATJANAdas mich mit Zaubermacht umringt.

TATJANADie Seele, willenlos getrieben,

TATJANAwill sich daran berauschen.

ONEGINNein, verstoss mich nicht, du musst mir folgen.

ONEGINAn meinem Herzen sei fortan dein Platz!

ONEGINKomm, verlass dies Haus! In Einsamkeit,

ONEGINfern von der Welt, lass uns entfliehn.

ONEGINO weise mich nicht kalt zurück,

ONEGINdenn mir zu folgen fordert das Geschick.

ONEGINSei mein, für immer mein!

Er will sie an sich ziehen, Tatjana sträubt sich, doch ihre Kräfte drohen sie zu verlassen.

TATJANAOnegin, Mitleid!

SYSTEMONEGIN.

TATJANANein, niemals, nein! - Ach, Tatjana, höre mich!

TATJANAO Gott, ich darf nichts hören!

ONEGINIch liebe dich, ich liebe dich!

TATJANAAch, wehe mir!

ONEGINIch liebe dich!!

reisst sich mit letzter Kraft los

TATJANALeb wohl auf ewig!

Sie entflieht.

ONEGINDu bist mein!

In dumpfer Verzweiflung

ONEGINVerschmäht, verstossen! O welch hartes Los!