Pique Dame

Tschaikowski, Peter

Pique Dame

HERMANN (Tenor)

GRAF TOMSKY (Bariton)

FÜRST JELETZKY (Bariton)

TSCHEKALINSKY (Tenor)

SURIN (Bass)

TSCHAPLITZKY (Tenor)

NARUMOFF (Bass)

DIE GRÄFIN (Mezzosopran)

LISA, ihre Enkelin (Sopran)

PAULINE, deren Freundin (Alt)

GOUVERNANTE (Mezzosopran)

MASCHA, Kammermädchen (Sopran)

FESTORDNER (Tenor)

CHORSpaziergänger, Gäste, Masken, Spieler

CHORPetersburg

CHORErste Hälfte des 19. Jahrhunderts

SYSTEMERSTER AKT

SYSTEMERSTE SZENE

Frühling. In Petersburg im "Sommergarten". Kleiner Platz.

Kinderfrauen, Gouvernanten und Ammen sitzen auf Bänken oder gehen durch den Garten auf und ab.

Kinder spielen Fangen, Seilspringen und werfen Bälle.

CHOR DER KLEINEN MÄDCHENBrenne, brenne helle,

CHOR DER KLEINEN MÄDCHENDass es nicht ersticke

CHOR DER KLEINEN MÄDCHENEins, zwei, drei!

CHOR DER KINDERFRAUENAmüsiert euch, liebe Kinder!

CHOR DER KINDERFRAUENSelten verschafft euch die Sonne,

CHOR DER KINDERFRAUENIhr Lieben, das Vergnügen!

CHOR DER KINDERFRAUENWenn ihr Lieben, nach Herzenslust

CHOR DER KINDERFRAUENEuch in Spielen austobt,

CHOR DER KINDERFRAUENSo verschafft ihr euren Kinderfrauen

CHOR DER KINDERFRAUENEin klein wenig Ruhe.

CHOR DER KINDERFRAUENWärmt euch, lauft, liebe Kinder,

CHOR DER KINDERFRAUENUnd lasst's euch in der Sonne gut gehen.

CHOR DER GOUVERNANTENGott sei Dank,

CHOR DER GOUVERNANTENWenigstens ein bisschen

CHOR DER GOUVERNANTENKann man ausruhen,

CHOR DER GOUVERNANTENDie Frühlingsluft atmen, ein bisschen 'was sehen!

CHOR DER GOUVERNANTENOhne zu schreien, ohne mit Verweisen

CHOR DER GOUVERNANTENDie Zeit hinzubringen wegen Vorsagen,

CHOR DER GOUVERNANTENOhne Bestrafungen für vergessene Lektion.

CHOR DER AMMENBaju, baju, baj!

CHOR DER AMMENSchlaf, mein Liebling, komm zur Ruh!

CHOR DER AMMENMach die hellen Äuglein zu!

Hinter der Szene werden Trommelgeräusche und Kindertrompeten hörbar.

CHOR DER AMMENCHOR DER KINDERFRAUEN, AMMEN und GOUVERNANTEN

CHOR DER AMMENDa kommen unsere Krieger, unsere kleinen Soldaten.

CHOR DER AMMENWie ordentlich! Tretet beiseite!

CHOR DER AMMENPlatz da! Platz da!

CHOR DER AMMENEins, zwei, eins, zwei!

CHOR DER JUNGENEins, zwei, eins, zwei,

CHOR DER JUNGENLinks, rechts, links, rechts!

CHOR DER JUNGENGleichschritt, Brüder!

CHOR DER JUNGENNicht aus dem Tritt kommen!

DER KOMMANDIERENDE JUNGERechte Schulter voran!

DER KOMMANDIERENDE JUNGEEins, zwei, Halt!

Die Jungen bleiben stehen

DER KOMMANDIERENDE JUNGEAchtung! Gewehr nach vorn!

DER KOMMANDIERENDE JUNGEFassen am Lauf! Gewehr bei Fuss!

Die Jungen führen das Kommando aus

CHOR DER JUNGENWir sind hier alle versammelt,

CHOR DER JUNGENden russischen Feinden zur Abschreckung.

CHOR DER JUNGENBöser Gegner, hüte dich,

CHOR DER JUNGENMach dich davon mit deinen üblen Absichten,

CHOR DER JUNGENOder unterwirf dich! Hurra!

CHOR DER JUNGENDas Vaterland zu schützen ist unser Los.

CHOR DER JUNGENWir stehn bereit zu kämpfen und die Feinde

CHOR DER JUNGENOhne Zögern gefangenzunehmen!

CHOR DER JUNGENHurra! Hirra! Hurra!

CHOR DER JUNGENEs lebe die Frau, die allweise Zarin,

CHOR DER JUNGENUns allen ist sie Mutter, und aller Länder Herrscherin,

CHOR DER JUNGENUnd Stolz und Zier!

CHOR DER JUNGENHurra! Hurra! Hurra!

DER KOMMANDIERENDE JUNGEPrachtkerle, Jungs!

DIE JUNGENGern zu Diensten, Euer Hochwohlgeboren!

DER KOMMANDIERENDE JUNGEAchtung! Präsentiert das Gewehr! Marsch!

DER KOMMANDIERENDE JUNGECHOR DER KINDERFRAUEN, AMMEN und GOUVERNANTEN

DER KOMMANDIERENDE JUNGENun schau an, unsere jungen Soldaten!

DER KOMMANDIERENDE JUNGEUnd wirklich werden sie dem Feind Furcht einjagen.

DER KOMMANDIERENDE JUNGEDiese Kerle! Wie ordentlich!

Den Jungen nach, verlassen auch andere Kinder die Bühne. Die Kinderfrauen und Gouvernanten gehen auseinander und machen anderen Spaziergängern Platz. Tschekalinski und Surin treten ein.

SYSTEMZWEITE SZENE

TSCHEKALINSKIWie ist das Spiel gestern ausgegangen?

SURINAch, ich hab wieder 'mal furchtbar verloren.

SURINEs glückt mir nicht.

TSCHEKALINSKIHaben Sie wieder bis zum Morgengrauen gespielt?

SURINJa, es hat mich schrecklich angestunken.

SURINHol's der Teufel, wenn man nur einmal gewönne!

TSCHEKALINSKIWar Hermann da?

SURINEr war da, und wie immer, von abends um acht

SURINBis morgens um acht,

SURINSass er wie angenagelt am Spieltisch,

SURINSass da, schweigend, und soff Wein.

TSCHEKALINSKIUnd?

SURINUnd schaute auf das Spiel der anderen.

TSCHEKALINSKIWas ist das für ein seltsamer Mensch!

SURINAls wenn er mindestens drei Verbrechen

SURINAuf dem Gewissen hätte!

TSCHEKALINSKIIch hörte, er sei arm...

SURINJa, reich ist er nicht.

Hermann tritt ein, in Gedanken und trübsinnig; mit ihm Graf Tomski

SURINDa ist er, schau!

SURINWie ein Dämon der Hölle, trübselig.... bleich

Surin und Tschekalinskj treten ab

TOMSKISag mir, Hermann, was ist mit dir?

HERMANNMit mir? Nichts.

TOMSKIBist du krank?

HERMANNNein, ich bin gesund.

TOMSKIDu hast dich irgendwie verändert...

TOMSKIMit irgendetwas bist du unzufrieden.

TOMSKIGewöhnlich warst du gefasst, zurückhaltend,

TOMSKIZumindest fröhlich;

TOMSKIJetzt bist du trübselig, schweigsam

TOMSKIUnd - ich traue meinen Ohren nicht

TOMSKI- von einer neuen Leidenschaft erfasst:

TOMSKIMan sagt, du verbringst die Nächte

TOMSKIBis zum Morgen am Spieltisch?

HERMANNJa! Einem Ziel zustreben mit festem Schritt,

HERMANNWie früher - ich kann es nicht.

HERMANNIch weiss selber nicht, was mit mir ist.

HERMANNIch habe mich einer unwürdigen

HERMANNSchwäche hingegeben, und mich zu beherrschen,

HERMANNSteht nicht mehr in meinen Kräften

HERMANNIch bin verliebt. Verliebt!

TOMSKIWas? Du bist verliebt? In wen denn?

HERMANNIhren Namen kenne ich nicht, und will

HERMANNIhn auch nicht erfahren; ich will sie nicht

HERMANNMit einem irdischen Namen benennen...

HERMANNAlle Vergleiche durchgehend, weiss ich nicht,

HERMANNWomit ich meine Liebe vergleichen sollte;

HERMANNDie Seligkeit des Paradieses -

HERMANNIch wünschte, dass sie ewig Wirklichkeit sei!

HERMANNAber der eifersüchtige Gedanke, dass sie ein anderer

HERMANNBeherrscht, während ich die Spur ihres Fusses

HERMANNNicht zu küssen wage, martert mich.

HERMANNIch verfluche mich selbst, und diese irdische

HERMANNLeidenschaft versuche ich vergeblich zu bändigen,

HERMANNUnd alles möchte ich dann umarmen,

HERMANNUnd immerfort möchte ich dann sie umarmen,

HERMANNMeine Heilige! Ich kenne ihren Namen nicht

HERMANNUnd möchte ihn nicht erfahren!

TOMSKINa, wenn das so ist, dann rasch zur Sache!

TOMSKIWir werden erfahren, wer sie ist,

TOMSKIDann machst du ihr kühn einen Heiratsantrag,

TOMSKIUnd die Sache ist gelaufen

HERMANNO nein! Verdammt!

HERMANNSie ist von Adel, und kann nicht mir gehören!

HERMANNDas ist es, was mich martert und quält!

TOMSKIWir finden eine andre.

TOMSKIEs gibt nicht nur eine auf der Welt...

HERMANNDu kennst mich nicht!

HERMANNNein, sie so einfach vergessen: das geht nicht!

HERMANNAch, Tomski, du verstehst mich nicht!

HERMANNIch habe bis jetzt ruhig gelebt,

HERMANNBevor diese Leidenschaften in mir erwachten...

HERMANNBis jetzt hatte ich mich selbst in der Hand,

HERMANNDoch nun, da meine Seele in der Macht

HERMANNJenes Traumes ist, ist es mit meiner Ruhe aus!

HERMANNIch bin vergiftet, ich bin wie betrunken,

HERMANNIch bin krank, ja: krank, ich bin verliebt!

TOMSKISo steht es mit dir, Hermann? Ich muss gestehen:

TOMSKINie wäre ich auf den Gedanken gekommen,

TOMSKIDass du imstande wärest, so zu lieben!

Hermann und Tomski treten ab. Spaziergänger füllen die Szene.

ALLEEndlich hat uns Gott so einen sonnigen Tag geschickt!

ALLEWelche Luft! Was für ein Himmel!

ALLEEs ist regelrecht Mai bei uns!

ALLEAch, wie schön; wirklich:

ALLEDen ganzen Tag kann man spazierengehen!

ALLEEinen solchen Tag hat man nicht mehr erwartet! -

ALLEEinen solchen Tag haben wir lange nicht mehr erlebt!

JUNGE DAMENWelche Freude! Welche Freude!

JUNGE DAMENWie schon, wie schön zu leben!

JUNGE DAMENWie angenehm,wie reizend,

JUNGE DAMENIm Sommergarten spazierenzugehen!

JUNGE DAMENSchaut, schaut, wieviel junge Menschen,

JUNGE DAMENSoldaten und Zivilisten, die Alleen entlangbummeln.

JUNGE DAMENSchaut, schaut,wie es dort wimmelt

JUNGE DAMENVon Soldaten und Zivilisten.

JUNGE DAMENWie elegant, wie herrlich, wie schön, schaut doch,

JUNGE DAMENSchaut!

ÄLTERE FRAUENFrüher ging es uns besser,

ÄLTERE FRAUENUnd solche Tage gab es jedes Jahr

ÄLTERE FRAUENIm frühen Frühling.

ÄLTERE FRAUENAber jetzt gibt es sie selten;

ÄLTERE FRAUENDie Sonne ist schon von Morgen

ÄLTERE FRAUENan schwächer, wirklich schwächer;

ÄLTERE FRAUENEs wird Zeit zu sterben!

ÄLTERE FRAUENFrüher, wirklich, war es besser;

ÄLTERE FRAUENEs lebte sich fröhlicher.

ÄLTERE FRAUENFür uns war die Sonne am Himmel

ÄLTERE FRAUENNoch keine Seltenheit.

JUNGE HERRENSonne, Himmel,

JUNGE HERRENNachtigallengesang,

JUNGE HERRENUnd die helle Roteauf den Wangen der Mädchen:

JUNGE HERRENDies schenkt der Frühling,

JUNGE HERRENUnd mit ihm bringt auch

JUNGE HERRENDie Liebe das junge Blut

JUNGE HERRENIn süsse Wallung.

ÄLTERE MÄNNERSchon viele Jahre haben wir solche Tage nicht erlebt;

ÄLTERE MÄNNERFrühergab es sie oft.

ÄLTERE MÄNNERZur Zeit Elisabeths war es eine wunderbare Zeit.

ÄLTERE MÄNNERViel besser waren Sommer, Herbst und Frühling.

ÄLTERE MÄNNERAch, es sind schon viele Jahre,

ÄLTERE MÄNNERDass es solche Tage nicht gab.

ÄLTERE MÄNNERAch, früher lebte es sich besser, fröhlicher.

ÄLTERE MÄNNERSolche klaren Frühlingstage

ÄLTERE MÄNNERHat es schon ewig nicht mehr gegeben.

ALLEEndlich hat uns Gott einen Sonnentag geschickt!

ALLEWas für eine Luft! Was für ein Himmel!

ALLEEs ist regelrecht Mai bei uns.

ALLEAch, welche Freude, wirklich:

ALLEDen ganzen Tag spazierenzugehen!

ALLEEinen solchen Tag hat man nicht erwartet.

Hermann und Tomski treten auf.

TOMSKIUnd bist du überzeugt,

TOMSKIDass sie dich nicht bemerkt hat?

TOMSKIIch möchte wetten, dass auch sie sich in

TOMSKILiebe zu dir verzehrt .

HERMANNSobald ich dieses angenehmen

HERMANNZweifels beraubt wäre,

HERMANNMüsste meine Seele dann nicht

HERMANNEin Martyrium davontragen?

HERMANNDu siehst, ich lebe, ich leide, aber in jenem

HERMANNSchrecklichen Moment, da ich mir sagen müsste,

HERMANNDass es mir nicht beschieden sei, sie zu besitzen,

HERMANNDann bliebe mir nur noch eines . .

TOMSKIWas?

HERMANNZu sterben!

Fürst Jeletski tritt ein. Ihm nähern sich Tschekalinski und Surin.

TSCHEKALINSKIDich kann man beglückwünschen.

SURINDu bist Bräutigam, wie man hört?

JELETSKIJa, meine Herren, ich heirate.

JELETSKIEin strahlender Engel hat sein Jawort gegeben,

JELETSKISein Schicksal mit meinemauf ewig zu verbinden.

TSCHEKALINSKINa dann, viel Glück!

SURINVon ganzem Herzen bin ich froh.

SURINSei glücklich, Fürst!

TOMSKIJeletski, ich gratuliere!

JELETSKIIch danke euch, Freunde!

SYSTEMDuett

JELETSKIGlücklicher Tag, dich preise ich!

JELETSKIAls wenn sich alles in Jubel mit mir vereint hätte!

JELETSKIÜberall erglänzt die Gnade des überirdischen Lebens

JELETSKIAlles lächelt, alles strahlt.

HERMANNUnglücklicher Tag, dich verfluche ich!

HERMANNAls wenn sich alles zum Kampf mit mir verschworen

HERMANNHätte!

HERMANNÜberall spiegelt sich Freude, nur nicht in meiner

HERMANNKranken Seele. Alles lächelt, alles strahlt.

JELETSKIIn meinem Herzen hebt alle Freude

JELETSKIDes Lebens, zur Gnade des Paradieses winkend!

JELETSKIWelch ein glücklicher Tag,dich preise ich!

HERMANNIch aber spüre, wie in meinem

HERMANNHerzen höllischer Zorn bebt,

HERMANNDer einzig Qualen mir verheisst,

HERMANNO ja, der nur Qualen mir verspricht.

TOMSKISag, mit wem willst du dich verheiraten?

HERMANNFürst, wer ist deine Braut?

Die Gräfin und Lisa treten ein

auf Lisa weisend

JELETSKIDa ist sie!

HERMANNSie? Sie ist seine Braut? O Gott! O Gott!

HERMANNLISA und DIE GRÄFIN

HERMANNDa ist er wieder!

zu Hermann

TOMSKIDas also ist deine namenlose Schönheit?!

SYSTEMQuintett

TOMSKILISA und DIE GRÄFIN

TOMSKIMir ist so bang! Wieder steht vor mir

TOMSKIDer geheimnisvolle, düstere Unbekannte!

LISAIn seinen Augen hat ein stummer Vorwurf eine

LISAFlamme zum Feuer wilder Leidenschaft entfacht...

LISAWer ist er? Warum verfolgt er mich?

LISAMir ist so bang, als wenn ich in der Gewalt

LISAVon seiner Augen düsterem Feuer wäre.

LISAMir ist bang! Bang ist mir!

DIE GRÄFINMir ist so bang! Wieder steht vor mir

DIE GRÄFINDer geheimnisvolle, schreckliche Unbekannte!

DIE GRÄFINEr ist ein verhängnisvolles Vorzeichen,

DIE GRÄFINVöllig ergriffen von irgendeiner wilden Leidenschaft .

DIE GRÄFINWas will er? Warum verfolgt er mich?

DIE GRÄFINWarum steht er wieder vor mir?

HERMANNMir ist so bang! Wieder steht vor mir,

HERMANNwie ein verhängnisvolles Vorzeichen,

HERMANNDie bleiche Alte...

HERMANNIn ihren schrecklichen Augen

HERMANNLese ich mein stummes Urteil!

HERMANNWas möchte sie? Was will sie von mir?

HERMANNAls wenn ich in der Gewalt

HERMANNVon ihrer Augen düsterem Feuer wäre!

HERMANNWer, wer ist sie?

HERMANNMir ist bang! Ich fühle Angst!

JELETSKIMir ist so bang!

JELETSKIMein Gott, wie ist sie verstört!

JELETSKIWoher kommt diese seltsame Aufregung?

JELETSKIIhre Seele leidet.

JELETSKIIn ihren Augen ist irgendeine stumme Furcht!

JELETSKIAuf jenen klaren Tag, wie kommt es,

JELETSKIDass da plötzlich ein Nebelschleier fällt?

JELETSKIWas ist mit ihr? Sie schaut nicht her zu mir!

JELETSKIO, mir ist bang, als wenn irgendein unerwartetes

JELETSKIUnglück nahe bevorstünde... Mir ist bang!

TOMSKIDas ist sie, von der er gesprochen hat!

TOMSKIWie ist er verstört von der unerwarteten Erkenntnis.

TOMSKIIn seinen Augen sehe ich eine stumme Furcht,

TOMSKIDas Feuer wilder Leidenschaft entfacht!

TOMSKIAber mit ihr, was ist mit ihr?

TOMSKIWie ist sie bleich!

TOMSKIO, mir ist bang um sie! Mir ist bang!

Graf Tomski tritt zur Gräfin

TOMSKIGräfin! Erlauben Sie, Sie zu beglückwünschen

GRÄFINSag mal, wer ist dieser Offizier?

TOMSKIWelcher? Dieser?

TOMSKIHermann, mein Freund.

GRÄFINWo kommt denn der her,

GRÄFINWie ist er schrecklich!

reicht Lisa die Hand

JELETSKIDer Himmel entzückender Zauber,

JELETSKIRingsum das Rauschen der leichten Zephire,

JELETSKIDie fröhlichen Scharen, der Gruss der Freunde

JELETSKIVerheissen uns für künftig

JELETSKIViele Jahre des Glücks!

Die Gräfin, Tomski, Lisa und der Fürst gehen ab

HERMANNFreu dich, Freund! Hast du vergessen,

HERMANNDass es nach stillen Tagen gewöhnlich Gewitter gibt,

HERMANNDass der Schöpfer zum Glück die Tränen

HERMANNGegeben hat und zum schönen

HERMANNSommerwetter den Donner?

Es donnert von fern. Hermann last sich, in düsterer Versunkenheit, auf eine Bank nieder.

SURINWas für eine Hexe ist diese Gräfin!

TSCHEKALINSKIEin Scheusal!

TOMSKINicht umsonst hat man ihr den Spitznamen

TOMSKI"Pique Dame" gegeben!

TOMSKIIch kann nicht verstehen: Warum sticht sie nicht mehr?

SURINWieso? Dieses alte Wrack?

TSCHEKALINSKIDiese achtzigjährige Mumie! Ha, ha, ha!

TOMSKISo wisst ihr nichts über sie?

SURINNein, wirklich, nichts!

TSCHEKALINSKINichts!

TOMSKIO, dann hört!

TOMSKIDie Gräfin galt vor vielen Jahren

TOMSKIIn Paris als Schönheit. Alle jungen Männer

TOMSKIMachte sie verrückt, und sie nannten sie:

TOMSKI"Die Venus von Moskau".

TOMSKIGraf Saint Germain unter anderen,

TOMSKIDamals selbst noch ein hübscher Bursche,

TOMSKIVerliebte sich in sie, aber erfolglos schmachtete

TOMSKIEr nach der Gräfin!

TOMSKIAlle Nächte hindurch ununterbrochen

TOMSKISass die Süsse am Spieltisch und zog,

TOMSKIWie schade, die Liebe des "Pharao" vor.

TOMSKIEinmal in Versailles, beim "jeu de la reine",

TOMSKIHatte Venus moscovite alles bis aufs Hemd verloren.

TOMSKIUnter den Gästen war auch Graf Germain.

TOMSKIDas Spiel verfolgend, hörte er, wie sie auf dem

TOMSKIHöhepunkt ihres Hazardspiels vor sich hinsprach:

TOMSKI"O Gott! O Gott! O Gott, ich könnte alles gewinnen,

TOMSKIWenn es reichte, noch einmal zu setzen

TOMSKIDrei Karten, drei Karten, drei Karten!"

TOMSKIDer Graf ergriff die günstige Gelegenheit,

TOMSKIAls die Schöne verstohlen

TOMSKIden Saal voller Gäste verliess:

TOMSKISchweigend sass sie da allein,

TOMSKIUnd er flüsterte ihr verliebt ins Ohr

TOMSKIWorte, süsser als Mozarts Klänge:

TOMSKI"Gräfin, Gräfin! Für ein einziges Rendezvous,

TOMSKIWenn Ihr wollt, nenne ich Euch

TOMSKIDrei Karten, drei Karten, drei Karten."

TOMSKIDie Gräfin empörte sich: "Was erlauben Sie sich!''

TOMSKIDoch der Graf war kein Feigling

TOMSKIUnd als ein Tag vergangen war,

TOMSKIErschien die Schöne wieder, ohne einen Pfennig

TOMSKIIn der Tasche, zum "Jeu de la Reine",

TOMSKIAber nun kannte sie drei Karten

TOMSKISie setzte sie tapfer eine nach der anderen,

TOMSKISie gewann alles wieder ... Aber um welchen Preis

TOMSKIEinmal verriet sie diese Karten ihrem Mann,

TOMSKIEin zweites Mal erfuhr sie von ihr ein hübscher Jüngling.

TOMSKIAber noch in derselben Nacht, sobald sie allein war,

TOMSKIErschien ihr ein Gespenst und sprach zu ihr

TOMSKImit drohender Stimme:

TOMSKI"Du wirst einen tödlichen Schlag erhalten

TOMSKIvon dem dritten, der, leidenschaftlich liebend, kommt,

TOMSKIUm mit Gewalt von dir zu erfahren

TOMSKIDas Geheimnis der drei Karten!

TSCHEKALINSKISi non è vero, è ben trovato.

SURINLustig! Aber die Gräfin kann ruhig schlafen:

SURINEin verwirrter Liebhaber wird sich für sie

SURINSchwerlich finden!

TSCHEKALINSKISo hör doch, Hermann!

TSCHEKALINSKIHier ist für dich eine einzigartige

TSCHEKALINSKIGelegenheit, ohne Geld zu spielen.

TSCHEKALINSKIUberleg's dir! Würd' ich mir überlegen!

TSCHEKALINSKITSCHEKALINSKI und SURIN

TSCHEKALINSKI''Vom dritten, der, verwirrt und leidenschaftlich liebend,

TSCHEKALINSKIKommt, um mit Gewalt von dir zu erfahren

TSCHEKALINSKIDas Geheimnis der drei Karten".

Sie treten ab. Ein starker Donnerschlag. Das Gewitter bricht aus. Die Spaziergänger eilen nach allen Seiten fort.

CHOR DER SPAZIERGÄNGERWie schnell das Gewitter hereinbrach,

CHOR DER SPAZIERGÄNGERWer hätte das erwartet?

CHOR DER SPAZIERGÄNGERVerdammt! Mit solcher Wucht!

CHOR DER SPAZIERGÄNGERDonner für Donner wird lauter und schlimmer!

CHOR DER SPAZIERGÄNGERLaufen wir schneller! Um schneller das Tor zu Erreichen!

CHOR DER SPAZIERGÄNGERSchneller nach Hause zu kommen!

CHOR DER SPAZIERGÄNGERAch Gott, ach Gott! Verdammt! Verdammt!

in Gedanken versunken

HERMANN''Du wirst einen tödlichen Schlag erhalten

HERMANNVon dem dritten, der, leidenschaftlich liebend,

HERMANNKommt, um mit Gewalt von dir zu erfahren

HERMANNDas Geheimnis der drei Karten!

HERMANNAch, was habe ich mit ihnen zu tun!

HERMANNAuch wenn ich sie besitzen würde...

HERMANNAlles ist jetzt ohnehin verloren...

HERMANNIn mir selbst sind alle Leidenschaften

HERMANNZu solch mörderischer Kraft erwacht,

HERMANNDass dieses Gewitter mit ihnen nicht zu

HERMANNVergleichen ist!

HERMANNNein, mein Fürst! Noch bin ich am Leben,

HERMANNnoch überlasse ich sie dir nicht!

HERMANNDonner, Blitze, Unwetter!

HERMANNVor euch tue ich den feierlichen Schwur:

HERMANNSie wird mein sein, oder ich werde nicht mehr sein!

SYSTEMDRITTE SZENE

Lisas Zimmer. Lisa an einem Cembalo, neben ihr Pauline und Freundinnen

LISA UND PAULINEAbend ist's …

LISA UND PAULINEDer letzte Strahl der Dämmerung

LISA UND PAULINEErlischt an den Türmen,

LISA UND PAULINEDie letzte glitzernde Welle auf dem Fluss verebbt.

LISA UND PAULINEStill ist's... die Wälder schlafen, ringsum herrscht Friede,

LISA UND PAULINEAusgestreckt im Gras unter der Trauerweide,

LISA UND PAULINEVernehme ich, wie leisedie herbstliche Reihe der

LISA UND PAULINEWeiden rauscht.

LISA UND PAULINEWie süss in der Stilledas Plätschern der Wellen

LISA UND PAULINEAm Ufer tönt,

LISA UND PAULINEWie still das Wehen Zephirs über den Wassern steht,

LISA UND PAULINEUnd das Zittern der biegsamen Eibe.

CHOR DER FREUNDINNENEntzückend! Bezaubernd! Wunderschön!

CHOR DER FREUNDINNENNoch 'mal, Mesdames, noch 'was!

LISASing du allein etwas, Polja!

PAULINEAllein? Aber was soll ich singen?

CHOR DER FREUNDINNENBitte, was du halt kannst,

CHOR DER FREUNDINNENMa chère, Schätzchen, sing uns 'was!

PAULINEIch sing euch meine Lieblingsromanze. Wartet!

Pauline setzt sich ans Cembalo

PAULINEWie ging sie doch gleich?

Pauline präludiert

PAULINESo! Jetzt hab' ich's.

PAULINEFreundinnen, ihr lieben, in ausgelassenem

PAULINELeichtsinn tummelt ihr euch singend und tanzend

PAULINEAuf den Wiesen.

PAULINEUnd auch ich lebte, wie ihr, im glücklichen Arkadien.

PAULINEAuch ich habe am Morgen der Tage

PAULINEIn diesen Hainen und Feldern

PAULINEVergängliche Freude gekostet.

PAULINEDie Liebe hat in goldenen Träumen

PAULINEMir Glück verheissen, doch was wurde mir

PAULINEIn dieser freundlichen Gegend zuteil.

PAULINEEin Grab, ein Grab, ein Grab!

PAULINEDa kam mir in den Sinn, ein Lied zu singen,

PAULINEEin solches Klagelied... Aber warum?

PAULINEDu bist schon ohnedies etwas traurig, Lisa,

PAULINEAn einem solchen Tag, bedenke doch!

PAULINEDu bist doch verlobt, ei, ei, ei!

PAULINENun, was lässt ihr alle die Nasen bangen?

PAULINEJetzt singt 'mal etwas Fröhliches, etwas Russisches

PAULINEzu Ehren des Bräutigams und der Braut.

PAULINEIch fange an, und ihr singt mir nach!

CHOR DER FREUNDINNENJa, wirklich, ja wirklich,

CHOR DER FREUNDINNENJetzt etwas Fröhliches, Russisches!

PAULINENun, mein Schätzchen Mariechen,

PAULINEBist du froh, tanz herum!

PAULINEPAULINE und CHOR

PAULINEEi ljuli, ljuli, ljuli,

PAULINEbist du froh, tanz herum!

PAULINEDeine weissen Händchen wirf zur Seite hoch!

PAULINEPAULINE und CHOR

PAULINEEi ljuli, ljuli, ljuli,

PAULINEwirf zur Seite hoch!

PAULINEDeine schnellen Füsschen schone nicht, nutze sie!

PAULINE UND CHOREi ljuli, ljuli, ljuli,

PAULINE UND CHORschone nicht, nutze sie!

PAULINEWas auch immer die Mama fragt,

PAULINEsage: ''Mir gehts gut!"

PAULINE UND CHOREi ljuli, ljuli, ljuli,

PAULINE UND CHORsage ''Mir gehts gut!"

PAULINEUnd dem Papa gib zur Antwort:

PAULINE"Ich habe bis zum Morgengrauen gesungen!"

PAULINEPAULINE und CHOR

PAULINEEi ljuli, ljuli, ljuhi,

PAULINESag: "Ich habe bis zum Morgengrauen gesungen!"

PAULINEEin Jüngling will dir Vorwürfe machen -

PAULINE''Mach dich fort, verschwinde!"

PAULINEPAULINE und CHOR

PAULINEEi ljuli, ljuli, ljuli,

PAULINE''Mach dich fort, verschwinde!"

Die Gouvernante tritt auf.

GOUVERNANTEMesdemoiselles, was ist das hier für ein Lärm

GOUVERNANTEDie Gräfin ärgert sich, ei, ei, ei!

GOUVERNANTESchämen Sie sich nicht, russisch zu tanzen

GOUVERNANTEFi, quel mal genre, mesdames!

GOUVERNANTEJunge Damen aus Ihren Kreisen

GOUVERNANTESollten gutes Benehmen kennen!

GOUVERNANTEDie Regeln der Welt sollten

GOUVERNANTESie sich gegenseitig beibringen.

GOUVERNANTENur unter Dienstmägden tollt man so herum,

GOUVERNANTENicht hier, mes mignonnes!

GOUVERNANTEWenn man unbedingt fröhlich sein muss,

GOUVERNANTEdann vergisst man doch nicht le bon ton!

GOUVERNANTEIhnen ziemt es nicht, herumzutollen.

GOUVERNANTEVolkstänze sind nicht Sache von Fürstinnen!

GOUVERNANTESie sollten einander gegenseitig

GOUVERNANTEDiesen Satz wiederholen:

GOUVERNANTEJunge Damen Ihrer Kreise sollten gutes

GOUVERNANTEBenehmen kennen!

GOUVERNANTEEs ist Zeit, auseinanderzugehen.

GOUVERNANTESie sollten sich verabschieden -

Die jungen Damen gehen auseinander.

PAULINELisa, warum bist du derart traurig?

LISAIch? Traurig? Nicht im geringsten!

LISASchau, was für eine Nacht!

LISAWie nach diesem schrecklichen Gewitter

LISAAlles plötzlich wie neu geworden ist!

PAULINEPass auf:

PAULINEIch werde dem Fürsten sagen,

PAULINEDass du am Tag deiner Verlobung so traurig warst...

LISANein, um Gottes willen, sag nichts!

PAULINEDann beliebe jetzt wieder zu lächeln.

PAULINENa also! Und nun gute Nacht!

LISAIch begleite dich.

Gehen ab. Ein Zimmermädchen kommt herein und löscht alle Kerzen bis auf eine. Als sie

an die Balkontür tritt, um sie zu schliessen, kommt Lisa zurück

LISABrauchst du nicht zuzumachen! Lass offen!

MASCHADass Sie sich aber nicht erkälten, gnädiges Fräulein!

LISANein, Mascha, die Nacht ist so warm, so schön!

MASCHABefehlen Sie Hilfe beim Auskleiden?

LISANein, mach ich selbst. Leg dich schlafen!

MASCHAEs ist schon spät, gnädiges Fräulein . .

LISALass mich, geh!

Mascha tritt ab. Lisa steht lange in tiefenm Nachdenken und beginnt leise zu weinen

LISAWoher kommen diese Tränen?

LISAWorum weine ich? Meine Mädchenträume,

LISAIhr habt mich ganz im Stich gelassen

LISADa seid ihr nun in wachem Zustand wahr geworden

LISAIch habe mein Leben nun einem

LISAFürsten anvertraut,

LISAEinem Auserwählten nach Herzen, Wesen und Verstand,

LISAAn Schönheit, Adel und Reichtum,

LISAWürdig einer Freundin, die nicht so ist wie ich.

LISAWer ist adlig, schön und stattlich so wie er?

LISAKeiner! Und was jetzt?

LISAIch bin von Schwermut und Furcht erfüllt,

LISAIch zittere und weine. Woher diese Tränen?

LISAWorum weine ich? Meine Mädchenträume,

LISAIhr habt mich ganz im Stich gelassen.

LISAEs ist schwer, es ist schrecklich.

LISAAber warum sich Illusionen machen?

LISAIch hin hier ganz allein, ringsum schläft alles friedlich..

LISAO höre, Nacht! Dir allein kann ich das Geheimnis

LISAMeiner Seele anvertrauen.

LISASie ist finster, so wie du,

LISASie ist wie ein Blick betrübter Augen;

LISAFriede und Glück sind mir abgestorben...

LISAKönigin Nacht!

LISAWie du, du Schöne,

LISAWie ein gefallener Engel ist er schön,

LISAIn seinen Augen brennt das Feuer der Leidenschaft,

LISAWie ein wunderbarer Traum lockt er mich,

LISAUnd meine ganze Seele ist in seiner Macht.

LISAO Nacht! O Nacht!

In der Balkontür erscheint Hermann.

Lisa tritt in stummem Schrecken zurück. Sie mustern einander, schweigend, Lisa macht eine Bewegung, als wolle sie weglaufen.

HERMANNBleiben Sie, ich beschwöre Sie!

LISAWarum sind Sie hier, Sie verrückter Mensch?

LISAWas wollen Sie?

HERMANNVerzeihen Sie! Gehen Sie nicht weg! Bleiben Sie!

HERMANNIch gehe selbst gleich fort

HERMANNUnd komme nie wieder hierher

HERMANNEine Minute! Was macht es Ihnen aus?

HERMANNZu Ihnen spricht ein Sterbender.

LISAWarum, warum sind Sie hier?

LISAGehen Sie tort!

HERMANNNein!

LISAIch schreie!

HERMANNSchreien Sic! Wecken Sie alle!

HERMANNIch sterbe sowieso, allein oder vor anderen.

Lisa senkt den Kopf und schweigt.

HERMANNAber wenn in dir, schönes Mädchen,

HERMANNEin Funken von Mitleid ist,

HERMANNDann bleib stehen, und geh nicht weg!

LISAO Gott, o Gott!

HERMANNDenn das ist meine letzte, meine Todesstunde,

HERMANNMein Urteil habe ich heute erfahren.

HERMANNEinem anderen hast du,

HERMANNGrausame, dein Herz vergeben.

HERMANNNun lass mich sterben, indem ich dich segne,

HERMANNUnd nicht, indem ich dir fluche.

HERMANNKann ich denn den Tag überleben,

HERMANNAn dem du für mich eine Fremde wirst?

HERMANNIch lebte für dich; ein einziges Gefühl und ein

HERMANNEinziger hartnäckiger Gedanke beherrschten mich.

HERMANNIch gehe zugrunde, aber zuvor,

HERMANNWenn ich vom Leben Abschied nehme,

HERMANNSchenk mir nur einen Augenblick,

HERMANNAllein zu sein mit dir,

HERMANNZu zweit in der wundervollen Stille der Nacht,

HERMANNgib mir von deiner Schönheit zu trinken!

HERMANNDann mag der Tod kommen

HERMANNUnd mit ihm der Friede'

Lisa steht da, traurig auf Hermann blickend

HERMANNBleib so stehen! O, wie bist du schön!

mit schwächerer Stimme

LISAGehen Sie! Gehen Sie!

HERMANNSchönes Mädchen! Göttin! Engel!

er fällt ihr zu Füssen

HERMANNVerzeih, du himmlisches Geschöpf,

HERMANNDass ich in deinen Frieden einbrach,

HERMANNVerzeih, aber wende deinen Sinn

HERMANNNicht ab von einem Besessenen,

HERMANNStoss die Leidenschaft nicht zurück!

HERMANNO, erbarm dich! Bevor ich sterbe,

HERMANNTrage ich dir mein Gebet vor:

HERMANNBlick aus der Höhe des himmlischen Paradieses

HERMANNAuf den tödlichen Kampf einer Seele,

HERMANNDie vom Martyrium erschöpft ist, dich zu lieben.

HERMANNO, erbarme dich und erwärme

HERMANNMeinen zärtlichen Geist mit deinem Mitleid,

HERMANNmit deiner Träne.

Lisa weint.

HERMANNDu weinst! Du?

HERMANNWas bedeuten diese Tränen?

HERMANNDu verstösst mich nicht und erbarmst dich?

HERMANNIch danke dir!

HERMANNSchönes Mädchen! Göttin! Engel!

fasst ihre Hände und küsst sie. Es nähern sich Schritte; jemand klopft an die Tür

DIE GRÄFINLisa, mach auf!

LISADie Gräfin! Gerechter Gott!

LISAIch bin verloren, laufen Sie! ...

Das Klopfen wird stärker. Lisa weist Hermann in eine Portiere.

LISAZu spät! Dorthinein!

Lisa geht zur Tür und öffnet sie. Die Gräfin tritt ein im Schlafrock, umgeben von Zimmermädchen mit Kerzen.

GRÄFINWarum schläfst du nicht? Wozu bist du angezogen?

GRÄFINWas ist das für ein Lärm?…

in Verwirrung

LISAGrossmutter, ich bin im Zimmer

LISAauf und ab gegangen ... ich kann nicht schlafen...

GRÄFINWarum ist der Balkon offen?

befiehlt mit einer Geste, die Balkontür zu schliessen

GRÄFINWas sind das für Phantasien?

GRÄFINPass auf, du! Mach keinen Unsinn!

GRÄFINSofort hinlegen!

Stösst mit dem Stock auf

GRÄFINHörst du?

LISAJa, Grossmutter, sofort!

GRÄFINNicht schlafen können' Hat man so was schon gehört!

GRÄFINWas sind das bloss für Zeiten!

GRÄFINNicht schlafen können

GRÄFINSofort legst du dich hin!

LISAIch gehorche ja schon! Verzeiht!

abgehend

GRÄFINAber ich habe doch einen Lärm gehört.

GRÄFINDu raubst deiner Grossmutter die Ruhe!

GRÄFINGehen wir!

GRÄFINUnd lass dir nicht einfallen, hier Dummheiten anzustellen!

geht ab

HERMANN"Wer, leidenschaftlich liebend,

HERMANNkommt, um sicher von dir zu erfahren

HERMANNdrei Karten, drei Karten, drei Karten!"

HERMANNEine Grabeskälte wehte um sie herum.

HERMANNO schreckliches Gespenst,

HERMANNTod, ich will dich nicht!...

Lisa, die Tür hinter der Gräfin verschliessend, tritt zur Balkontür, öffnet sie und befiehlt Hermann mit einer Geste, hinauszugehen.

HERMANNO, schone mich!

HERMANNDer Tod schien mir vor einigen Minuten

HERMANNnoch die Rettung,

HERMANNfast als Glück.

HERMANNJetzt ist es nicht mehr so:

HERMANNEr ist mir schrecklich Du hast mir

HERMANNeine Dämmerung des Glücks wiederentdeckt:

HERMANNIch möchte leben und mit dir sterben!

LISAVerrückter Mensch,

LISAWas wollen Sie son mir:

LISAWas kann ich tun?

HERMANNMein Schicksal entscheiden!

LISAErbarmen Sie sich, Sie richten mich zugrunde

LISAGehn Sie fort, ich bitte Sie,

LISAIch befehle es Ihnen!

HERMANNSo also sprichst du das Todesurteil über mich aus!

LISAO Gott! Mir wird schwach...

LISAGeh, ich bitte darum!

HERMANNSag dann: So stirb!

LISAGerechter Gott!

HERMANNLeb wohl!

macht Anstalten wegzugehen

LISANein! Bleib am Leben!

schliesst sie in die Arme; sie lässt den Kopf auf seine Schulter sinken

HERMANNSchönes Mädchen! Göttin! Engel!

HERMANNHERMANN und LISA

HERMANNDich liebe ich!

HERMANNIch bin dein!

SYSTEMZWEITER AKT

SYSTEMERSTE SZENE

Maskenball bei einem reichen Würdenträger.

Grosser Saal. Zur Seite, zwischen Säulen, sind Logenhergerichtet. Adlige junge Damen und Herren tanzen Kontratänze. Auf Emporen singen Chorsänger.

CHORFreudig und fröhlich vereinigt euch

CHORAn diesem Tag, Freunde!

CHORWerft ab eure Geschäftigkeit,

CHORSpringt und tanzt immer kühner!

CHORKlatscht in die Hände,

CHORSchnalzt laut mit den Fingern!

CHORSchwarz habt ihr die Augen maskiert,

CHORAlles drückt ihr aus mit dem Körper!

CHORDie Hände seitwärts in die Hüfte gestemmt,

CHORVollführt ihr leichte Sprünge,

CHORStiefel fur Stiefel poltert ihr,

CHORKühner pfeift ihr Zum Angriff.

CHORDer Hausherr und seine Frau

CHORHeissen die lieben Gäste willkommen!

FESTORDNERDer Hausherr bittet die lieben Gäste, sich die

FESTORDNERDarbietung eines Feuerwerks anschauen zu wollen.

TSCHEKALINSKIUnser Hermann tragt die Nase wieder höher.

TSCHEKALINSKIIch wette mit Ihnen, er ist verliebt.

TSCHEKALINSKIErst war er traurig, dann wurde er wieder fröhlich.

SURINNein, meine Herren. Er ist ganz erfüllt,

SURINWas denken Sie wovon?

SURINWovon?

SURINVon der Hoffnung, drei Karten zu erfahren.

TSCHIKALINSKIKomischer Kauz -

TOMSKI- ich glaube es nicht.

TOMSKIDazu müsste er keinen Verstand haben.

TOMSKIAber er ist kein Dummkopf!

SURINEr hat es mir selbst gesagt.

TOMSKIIm Scherz!

zu Surin

TSCHEKALINSKIKomm, gehen wir ihn ein bisschen necken!

Sie verlassen den Saal

TOMSKIUnd im übrigen gehört er zu denen,

TOMSKIDie, einmal zu etwas entschlossen,

TOMSKIDann auch alles ausführen müssen.

TOMSKIArmer Kerl! Armer Kerl!

Geht ab. Diener treten ein, um die Mitte der Szene für ein Intermezzo vorzubereiten.

Der Fürst und Lisa treten auf.

JELETSKISie sind so betrübt, meine Liebe,

JELETSKIAls hatten Sie einen Kummer

JELETSKIVertrauen Sie sich mir an!

LISANein, spitter, Fürst, ein andermal...

LISAIch flehe Sie an!

möchte weggehen

JELETSKIWarten Sie, auf einen Augenblick!

JELETSKIIch muss es, muss es Ihnen sagen:

JELETSKIIch liebe Sie, liebe Sie unermesslich, ohne Sie könnte

JELETSKIIch mir nicht mehr vorstellen, einen Tag zu erleben.

JELETSKILeistungen von beispiellosr kraft

JELETSKIKönnte ich Für Sie vollbringen,

JELETSKIAber Sie sollten wissen: die Freiheit ihres Herzens

JELETSKIMöchte ich in keiner Weise einschränken.

JELETSKIIch bin bereit, mich Ihnen zuliebe davonzuschleichen

JELETSKIUnd die Hitze eifersuchtiger Gefühle zu Beschwichtigen:

JELETSKIZu allem, zu allem bin ich für Sie bereit!

JELETSKIIch möchte nicht nur Ihr liebender Gatte

JELETSKIUnd dann und wann Ihr nützlicher Diener sein;

JELETSKIIch wünsche Ihr Freund zu sein und ihr Tröster

JELETSKIfür immer.

JELETSKIAber klar sehe ich, und fühle ich,

JELETSKIWie sehr ich mich in Träumen verrant habe,

JELETSKIWie wenig Sie zu mir Vertrauen haben,

JELETSKIWie Fremd ich ihnen bin und entfernt.

JELETSKIAch, ich zermartere mich über dieses Schicksal

JELETSKIIch fühle mit Ihnen von ganzer Seele mit,

JELETSKIIhr Kummer macht mich bekümmert,

JELETSKIIhre Tränen machen mich weinen.

Gehen ab. Hermann tritt ein ohne Maske, im Kostüm, und hält einen Zettel in Händen.

liest

HERMANN"Erwarten Sie mich nach der Vorstellung im Saale,

HERMANNIch muss Sie sehen ,..'' Sie umso eher wiedersehe und diesen Gedanken loswerden...Drei Karten!

HERMANNDrei Karten wissen, und ich bin reich!...

HERMANNDann kann ich zusammen mit ihr der Welt davonlaufen...Verdammt!

HERMANNDieser Gedanke bringt mich um den Verstand!

einige Gäste kehren in den Saal zurück, darunter Tschekalinski und Surin. Sie zeigen auf Hermann,

nähern sich ihm und flüstern untereinander, zu ihm gewandt.

HERMANNTSCHEKALINSKI und SURIN

HERMANNBist du nicht jener dritte,

HERMANNDer leidenschaftlich liebend,

HERMANNKommt, um von ihr zu erfahren

HERMANNDrei Karten, drei Karten, drei Karten?

Verschwinden.

Hermann richtet sich verstört auf, so als ob er sich keine Rechenschaft von dem abgäbe, was da vorgeht. Als er sich umblickt, sind Tschekalinski und Surin schon in der Menge der jungen Leute verschwunden.

HERMANNWas ist das?

HERMANNFieberphantasie oder Spott?

HERMANNNein!

HERMANNUnd was, wenn nun...

bedeckt das Gesicht mit den Händen

HERMANNVerrückt, verrückt bin ich!

FESTORDNERDer Hausherr bittet die lieben Gäste nun,

FESTORDNEReiner Pastorale beizuwohnen unter dem Titel:

FESTORDNER"Die Aufrichtigkeit der Schäferin."

SYSTEMIntermezzo

Eine Gruppe prominenter, schöner Frauen, junger Männer und Mädchen, gekleidet in Schäferkostüme, tritt auf die Wiese und führt entsprechende Spiele und Tänze auf.

FESTORDNERSCHÄFER und SCHÄFERINNEN

FESTORDNERUnter dem dichten Schatten,

FESTORDNERNahe dem stillen Bach,

FESTORDNERKamen wir hier zusammen,

FESTORDNERUm uns zu erfreuen,

FESTORDNERZu singen, fröhlich zu sein

FESTORDNERUnd Reigen zu tanzen,

FESTORDNERUns an der Natur zu erfreuen,

FESTORDNERBlumenkränze zu flechten.

SYSTEMDuett

PRILEPA (CHLOE)Mein lieber Freund,

PRILEPA (CHLOE)Der freundliche Schäfer,

PRILEPA (CHLOE)Nach dem ich seufze,

PRILEPA (CHLOE)Und dem ich meine

PRILEPA (CHLOE)Leidenschaft entdecken möchte,

PRILEPA (CHLOE)Ach, ist nicht zum Tanz gekommen.

MILOWSOR (DAPHNIS)Ich hin hier, aber bedrückt und bekümmert.

MILOWSOR (DAPHNIS)Schau, wie ich abgemagert bin!

MILOWSOR (DAPHNIS)Ich werde nicht mehr bescheiden sein,

MILOWSOR (DAPHNIS)Ich habe lange genug meine Leidenschaft bezähmt.

PRILEPAMein lieber Freund, du freundlicher Schäfer,

PRILEPAWie ich mich ohne dich langweile,

PRILEPAWie ich um dich leide, ach, ich kann's nicht sagen.

PRILEPAIch weiss nicht, wie das kommt!

PRILEPAMlLOWSOR

PRILEPASchon lange liebt' ich dich,

PRILEPAOhne dich hab ich mich gelangweilt,

PRILEPAUnd du weisst nichts davon,

PRILEPAUnd hier verbirgst du dich

PRILEPAVor meinem Blick.

PRILEPAIch weiss nicht, ich weiss nicht, was das soll!

Das Gefolge von Pluto trägt wertvolle Geschenke herein.

SLATOGOR (PLUTO)Wie bist du lieb und schön!

SLATOGOR (PLUTO)Sag: von uns beiden wen,

SLATOGOR (PLUTO)Mich oder ihn

SLATOGOR (PLUTO)Bist du gewillt, für immerdar zu lieben?

MILOWSORIch bin mit meinem Herzen einig,

MILOWSORDie zu lieben,

MILOWSORDie es mir befiehlt,

MILOWSORZu der es spricht.

SLATOGORIch habe goldene Berge

SLATOGORUnd wertvolle Steine bei mir!

SLATOGORIch verspreche,

SLATOGORDich gänzlich mit ihnen zu verschönen.

MILOWSORIch habe nur einen Besitz: Der Liebe echte Glut!

MILOWSORUnd ihren ewigen Besitz nimm als ihr Geschenk.

MILOWSORUnd Vögel und Blumen und Bänder und Kränze

MILOWSORAnstelle bestickter, wertvoller Kleider

MILOWSORWerde ich bringen und dir schenken.

PRILEPAIch brauche keine Güter

PRILEPAUnd keine seltenen Juwelen;

PRILEPAIch bin es zufrieden, mit dem Liebsten

PRILEPAInmitten der Felder in einer Hütte zu leben.

PRILEPANun, gnädiger Herr, guten Weg,

zu MiIowsor

PRILEPAUnd du sei beruhigt!

PRILEPAHier auf der Stelle, in der Einsamkeit,

PRILEPAEmpfange die Belohnung für deine sanften Worte

PRILEPAUnd bring mir einen Strauss Blumen.

PRILEPAPRILEPA und MILOWSOR

PRILEPAEs kam ein Ende der Qualen;

PRILEPAden Entzückungen der Liebe

PRILEPASchlägt bald die Stunde.

PRILEPALiebe, vereinige du uns.

PRILEPASCHÄFER und SCHÄFERINNEN

Amor und Hymen kommen mit Gefolge, Prilepa (Chloe) und Milowsor (Daphnis) zu bekränzen.

PRILEPAEs kam ein Ende der Qualen!

PRILEPABräutigam und Braut sind würdig des Entzückens;

PRILEPALiebe, vereinige du sie!

PRILEPADie Sonne glänzt so schön,

PRILEPAdie Zephirwinde wehen,

PRILEPAMit einem schönen Jüngling

PRILEPAErfreue dich, Prilepa.

Alle gehen paarweise ab. Nach Beendigung des Intermezzos stehen einige der Gäste auf, andere bleiben an ihren Plätzen und unterhalten sich angeregt. Hermann tritt an die Rampe.

versunken

HERMANN"Wer, verwirrt und leidenschaftlich liebend...!"

HERMANN- Na, und? Liebe ich etwa nicht?

HERMANNSelbstverständlich … ja!

Dreht sich um und sieht vor sich die Gräfin. Beide zucken zusammen und mustern einander durchdringend.

maskiert

SURINSchau an, ist das deine Liebste?

kichert und entfernt sich

HERMANNSchon wieder! Schon wieder!

HERMANNMir ist bang!

HERMANNDieselbe Stimme...

HERMANNWer ist das? Ein Dämon oder Mensch?

HERMANNWarum verfolgen sie mich?

HERMANNVerflucht!

HERMANNO, wie bin ich unglücklich und verspottet!

Lisa tritt maskiert ein.

LISAHör zu, Hermann!

HERMANNDu, endlich du!

HERMANNWie bin ich glücklich, dass du gekommen bist!

HERMANNIch liebe dich!

LISAHier ist nicht der Ort...

LISANicht dafür habe ich dich hergerufen!

LISAHör zu... Hier ist der Schlüssel zu einer geheimen

LISATür in den Garten... da ist eine Treppe ... über sie

LISAkommst du ins Schlafzimmer der Grossmutter...

HERMANNWie? Zu ihr ins Schlafzimmer? .

LISASie wird nicht da sein...

LISAIm Schlafzimmer, in der Nähe ihres Portraits,

LISAGibt es eine Tür zu mir...

LISAIch werde dich erwarten!

LISADir, dir möchte ich ganz allein gehören.

LISAWir müssen die Sache jetzt entscheiden.

LISABis morgen, mein Geliebter, mein Ersehnter!

HERMANNNein, nicht morgen,

HERMANNnoch heute werde ich bei dir sein!

ängstlich

LISAAber, Geliebter

HERMANNIch will es so!

LISADann sei es halt!

LISADenn ich bin deine Sklavin! Entschuldige mich!

verschwindet

HERMANNNicht ich mehr allein,

HERMANNDas Schicksal selbst will es so, -

HERMANNund ich werde die drei Karten erfahren!

DER FESTORDNERIhre Majestät beliebt uns jetzt zu beehren...

Im Chor grosse Unruhe. Der Festordner teilt die Menge so, dass in der Mitte ein Durchgang für die Zarin entsteht

CHOR DER GÄSTEDie Zarin! Ihre Hoheit! Die Zarin!

CHOR DER GÄSTESie kommt selbst hierher...

CHOR DER GÄSTEWelch eine Ehre für den Hausherrn,

CHOR DER GÄSTEwelch ein Glück!

CHOR DER GÄSTEWelche Freude, unsere Landesmutter zu sehen!

CHOR DER GÄSTEDer französische Gesandte wird sie begleiten!

CHOR DER GÄSTEFin preussischer Prinz!

CHOR DER GÄSTEWelche Freude! Welches Glück!

zu den Sängern

FESTORDNERIhr stimmt gleich ,,Heil dir" an!

CHOREin Festtag ist gekommen! Stimmt ''Heil dir" an!

CHORDa kommt sie, sie kommt,unsere Landesmutter,

CHORunsere Landesmutter!

Alle drehen sich in Richtung zur Mitteltüre um, Der Festordner gibt den Sängern ein Zeichen, anzufangen

CHOR DER GÄSTEHeil dir, Katharina,

CHOR DER GÄSTEHeil dir, unsere zsrtliche Mutter!

CHOR DER GÄSTEVivat! Vivat!

Die Männer stellen sich in tiefer höfischer Verbeugung auf. Die Damen machen den tiefen Hofknicks.

Paarweise treten Pagen aus der Tür.

SYSTEMZWEITE SZENE

Schlafzimmer der Gräfin, von Öllämpchen erleuchtet. Durch die geheime Tür tritt Hermann ein. Er besieht sich das Zimmer.

HERMANNAlles ist so, wie sie mir gesagt hat...

HERMANNWas nun? Ich fürchte mich, nicht wahr?

HERMANNNein! Es ist so beschlossen.

HERMANNIch werde der Alten das Geheimnis herauslocken!

überlegt

HERMANNUnd wenn es nun überhaupt kein Geheimnis gibt?

HERMANNWenn das nun alles nur ein Wahngebilde

HERMANNMeiner kranken Seele ist?

Tritt zur Tür Lisas. Dabei bleibt er vor dem Portrait der Gräfin stehen. Es schlägt Mitternacht.

HERMANNAh, da ist sie, die ''Venus von Moskau"!

HERMANNDurch irgendeine geheime Macht ist

HERMANNMein Schicksal mit ihr verbunden.

HERMANNIch an dir oder du an mir,

HERMANNDas fühle ich: einer von uns beiden

HERMANNWird an dem anderen zugrundegehen!

HERMANNIch starre auf dich und hasse dich,

HERMANNAber ich kann mich nicht satt sehen an dir!

HERMANNIch möchte davonlaufen,

HERMANNAber habe nicht die Kraft dazu.

HERMANNMein begieriger Blick kann sich nicht von dem

HERMANNSchrecklichen, wunderbaren Gesicht losreissen!

HERMANNNein, ohne eine schicksalhafte Begegnung

HERMANNWerden wir nicht auseinanderkommen!

HERMANNSchritte! Sie kommen hierher!

HERMANNJa! Ach, komme, was da kommt!

Versteckt sich hinter dem Vorhang des Boudoirs, ein Zimmermädchen tritt ein und zündet eilends Kerzen an. Die Gräfin tritt ein, umgeben von geschäftigen Zimmermädchen und Gefolge.

CHORUnsere Wohltäterin, wie beliebten Sie auszugehen

CHORSie sind das Licht unserer Augen.

CHORSind Sie ermüdet? Tee?

CHORNun, und wie war's?

CHORWar jemand bessres da als Sie?

CHOREs waren wohl, sicherlich, jüngere da,

CHORaber schönere keine einzige, keine einzige!

Lisa tritt ein, hinter ihr Mascha.

LISANein, Mascha, komm mir nicht nach!

MASCHAIst 'was mit Ihnen, Fräulein? Sie sind so bleich!

LISANein, nichts!

die Wahrheit ahnend

MASCHAAch, mein Gott! Wirklich nichts?

LISADoch! Er kommt.

LISAVielleicht ist er schon da und wartet.

LISAPass für uns auf, Mascha!

LISASei mir ein Freund!

MASCHAAch, als ob wir es daran fehlen liessen!

LISAEr hat es so befohlen.

LISAIch habe ihnals meinen Gatten auserwählt,

LISAUnd ich werde eine gehorsame, treue

LISADienerin dessen sein,

LISADen das Schicksal mir geschickt hat!

Das Gefolge und die Zimmermädchen führen die Gräfin hinaus. Sie ist im Schlafrock und trägt eine

Nachthaube. Sie legen sie ins Bett.

CHORUnsere Wohltäterin,

CHORSie ist das Licht unserer Augen.

CHORSie ist wohl ermüdet,

CHORsie muss 'letzt schlafen.

CHORWohltäterin,

CHORAllerschönste!

CHORLeg dich ins Beitchen,

CHORMorgen wirst du umso schöner aufstehen

CHORBeim Schein der Morgenröte!

CHORWohltäterin, leg dich ins Bettchen,

CHORRuh dich aus!

GRÄFINGenug gelogen! Ihr langweilt mich. Ich bin müde.

GRÄFINHab' keine Kraft. Ich möchte nicht im Bett schlafen.

Sie setzen sie in einen Sessel und umgeben sie mit Kissen

GRÄFINAch, widerlich ist mir diese Welt!

GRÄFINWas für Zeiten!

GRÄFINSich richtig vergnügen können sie nicht mehr.

GRÄFINWas für Manieren!

GRÄFINWas für ein Ton!

GRÄFINUnd wohin man auch sieht:

GRÄFINNicht tanzen, nicht singen können sie.

GRÄFINWer ist noch Tänzerin?

GRÄFINWer singt noch?

GRÄFINDie kleinen Mädchen!

GRÄFINAch, früher: wer da tanzte, wer da alles sang!

GRÄFINLe duc d'Orléans, Ie duc d'Ayen,

GRÄFINDuc de Coigny...

GRÄFINLa comtesse d'Estrades,

GRÄFINLa duchesse de Brancas . .

GRÄFINWas für Namen!

GRÄFINUnd manchmal sogar sie selbst,

GRÄFINDie Marquise von Pompadour selbst!

GRÄFINVor ihnen habe ich manchmal gesungen ...

GRÄFINLe due de la Vallière lobte mich!

GRÄFINEinmal, in Chantilly, beim Prince dc Condé,

GRÄFINHat sogar der König mir zugehört!

GRÄFINIch sehe das noch vor mir...

GRÄFINJe crains de lui parler la nuit,

GRÄFINJ'écoute trop tout ce qu'il dit,

GRÄFINIl me dit: je vous aime,

GRÄFINEt je sens malgré moi,

GRÄFINJe sens mon cceur qui bat, qui bat,

GRÄFINJe ne sais pas pourquoi!

Blickt sich um, als ob sie aus einem Traum erwachte

GRÄFINWas steht ihr hier? Macht euch fort!

Die Zimmermädchen und das Gefolge entfernen sich, und die Gräfin schläft ein

GRÄFINJe crains de lui parler la nuit...t

Hermann kommt aus seinem Versteck und steht vor der Gräfin. Sie wacht auf und bewegt in stummem Entsetzen unhörbar die Lippen.

HERMANNErschrecken Sie nicht!

HERMANNUm Gottes willen, erschrecken Sie nicht!

HERMANNIch will Ihnen nichts tun! Ich bin gekommen,

HERMANNUm von Ihnen einen Gefallen zu erbitten!

Die Gräfin blickt ihn schweigend an wie bisher …

HERMANNSie können das Glück eines ganzen Lebens begründen!

HERMANNUnd das wird Sie nichts kosten!

HERMANNSie kennen drei Karten...

Die Gräfin richtet sich kurz auf

HERMANNFür wen hüten Sie dieses Geheimnis?

Hermann kniet vor ihr nieder

HERMANNWenn Sie jemals das Gefühl

HERMANNDer Liebe kennengelernt haben,

HERMANNWenn Sie sich an die Verwirrung und Begeisterung

HERMANNDes jungen Blutes erinnern können,

HERMANNWenn Sie nur ein einziges Mal zur

HERMANNLiebkosung eines Kindes gelächelt haben,

HERMANNWenn in Ihrer Brust jemals ein Herz geschlagen hat,

HERMANNDann flehe ich Sie an, um der Gefühle einer Gattin,

HERMANNEiner Geliebten, einer Mutter, um alles dessen willen,

HERMANNWas Ihnen in Ihrem Leben teuer war:

HERMANNSagen Sie, sagen Sie, entdecken Sie mir Ihr

HERMANNGeheimnis!

HERMANNWozu brauchen Sie es?

HERMANNVielleicht ist es verknüpft mit schrecklicher Sunde,

HERMANNMit dem Verderben der Seligkeit,

HERMANNMit teuflischen Bedingungen?

HERMANNBedenken Sie: Sie sind alt,

HERMANNSie haben nicht mehr lange zu leben.

HERMANNIch bin bereit, Ihre Sünde auf mich zu nehmen!

HERMANNVertrauen Sie sich mir an! Sagen Sie es mir!

Die Gräfin hat sich aufgerichtet und blickt Hermann drohend an

HERMANNAlte Hexe! So muss ich dich zur Antwort zwingen!

Zieht eine Pistole. Die Gräfin nickt mit dem Kopf, hebt die Hände, als wollte sie sich vor dem Schuss

schützen, und fällt tot um.

HERMANNWohl völlig kindisch geworden?

HERMANNWollen Sie mir die drei Karten nennen?

HERMANNJa, oder nein?

HERMANNSie ist tot! Es ist schiefgegangen!

HERMANNUnd das Geheimnis habe ich nicht erfahren!

steht wie versteinert

HERMANNTot!

tritt mit einer Kerze ein

LISAWas ist hier für Lärm?

erblickt Hermann

LISADu, du bist hier?

HERMANNSchweig still! Still!

HERMANNSie ist tot,

HERMANNUnd das Geheimnis habe ich nicht erfahren!

LISAWer ist tot?

LISAWovon sprichst du?

zeigt auf den Leichnam

HERMANNEs ist alles schief gegangen!

HERMANNSie ist tot,und das Geheimnis habe ich nicht erfahren! …

Lisa stürzt zum Leichnam der Gräfin.

LISAJa! Sie ist tot! O Gott!

LISAUnd das hast du getan?

HERMANNIch habe ihren Tod nicht gewollt.

HERMANNIch wollte nur die drei Karten erfahren!

LISAAlso darum bist du hergekommen!

LISANicht meinetwegen!

LISADu wolltest drei Karten erfahren!

LISANicht mich wolltest du haben, sondern Karten!

LISAO Gott, mein Gott!

LISAUnd ich habe ihn geliebt,

LISAFür ihn habe ich mich zugrundegerichtet!

LISAScheusal! Mörder! Verschwinde!

Hermann will etwas sagen, doch sie weist ihn mit befehlender Geste zur Geheimtür hinaus.

LISAFort! Verbrecher! Fort! Raus!

HERMANNSie ist tot!

Hermann läuft hinaus. Lisa wirft sich schluchzend auf die Leiche der Gräfin.

SYSTEMDRITTER AKT

SYSTEMERSTE SZENE

Kaserne. Hermanns Zimmer. Am späten Abend.

Mondlicht beleuchtet das Zimmer bisweilen, manchmal verschwindet es. Wind heult.

Hermann Sitzt am Tisch und liest einen Brief. Eine Kerze brennt.

HERMANN"Ich glaube nicht, dass du den Tod der

HERMANNGräfin gewollt hast.

HERMANNIch quäle mich mit dem Bewusstsein,

HERMANNVor Dir schuldig zu sein.

HERMANNBeruhige mich!

HERMANNHeute werde ich am Ufer auf Dich warten,

HERMANNWenn uns niemand sehen kann.

HERMANNWenn Du bis Mitternacht nicht kommst, muss ich

HERMANNJenen schrecklichen Gedanken, den ich von mir

HERMANNWeise, für wahr halten.

HERMANNVerzeih, aber ich leide so!..." Die Ärmste!

HERMANNIn solch ein Unglück hab' ich sie mit mir gezogen!

HERMANNAch, wenn ich doch vergessen könnte und schlafen!

Lässt sich in einen Sessel nieder und scheint, in tiefer Versunkenheit zu träumen.

hinter der Szene von weitem

CHORHerr, ich flehe zu dir,

CHORDass du meiner Traurigkeit Gehör schenkst,

CHORDenn meine Seele hat Übles begangen,

CHORUnd ich fürchte mich vor der Strafe der Hölle.

CHORO schaue, mein Gott,

CHORAuf die Leiden deines Knechtes!

HERMANNAll jene Gedanken, der ganze schreckliche Traum

HERMANNUnd düstere Bilder von ihrem Begräbnis

HERMANNSteigen wie lebendig vor mir auf.

HERMANNWas ist das?

HERMANNGesang oder heult der Wind?

HERMANNIch kann es nicht unterscheiden.

HERMANNGanz, als käme es von da. Ja, ja, man singt!

HERMANNUnd dort ist die Kirche,die Menschenmenge, und

HERMANNKerzen, und Weihiauchfässer, dort ist der Katafalk,

HERMANNDort das Grab.

HERMANNUnd im Grab die Alte, reglos, ohne Atem.

HERMANNVon irgendeiner Gewalt gezogen,

HERMANNSteige ich über eine dunkle Treppe.

HERMANNMir ist bang, aber ich habe keine Kraft umzukehren.

HERMANNIch schaue auf das tote Antlitz,

HERMANNUnd plötzlich, gleichsam spöttisch

HERMANNDie Augen zukneifend, lächelt es mir Zu!

HERMANNFort, du schreckliches Gespenst!

Ein Klopfen am Fenster. Hermann hebt den Kopf und lauscht. Der Wind heult. Aus dem Fenster

schaut jemand heraus und verschwindet wieder.

Erneutes Klopfen am Fenster. Ein Windstoss öffnet es, und dabei zeigt sich wieder ein Schatten. Die Kerze verlischt.Hermann steht wie versteinert vor Schrecken.

HERMANNMir ist bang! Bang!

HERMANNDa … , da … kommen Schritte,

HERMANNdort geht die Tür auf...

HERMANNNein, nein, ich halte es nicht aus.

Läuft zur Tür, aber dort steht vor ihm das Gespenst der Gräfin. Er tritt zurück; das Gespenst kommt näher.

DAS GESPENST DER GRAFINIch bin zu dir gekommen wider Willen,

DAS GESPENST DER GRAFINAber mir ist aufgetragen, deine Bitte zu erfüllen.

DAS GESPENST DER GRAFINRette Lisa, heirate sie, und drei Karten, drei Karten,

DAS GESPENST DER GRAFINDrei Karten werden hintereinander gewinnen.

DAS GESPENST DER GRAFINPass auf:

DAS GESPENST DER GRAFINDie Drei, die Sieben, das As!!

Das Gespenst verschwindet.

in grosser Verwirrung

HERMANNDrei … Sieben … As

SYSTEMZWEITE SZENE

Nacht. Winterliche Gracht. Im Hintergrund der Szene werden eine Uferstrasse und die Peter-Pauls-Festung vom Mondlicht erhellt. Unter einem Brückenbogen, in einer Ecke, ganz in Schwarz, steht Lisa.

LISABald ist Mitternacht,

LISAAber von Hermann ist nichts zu sehen.

LISAIch weiss, er kommt, er wird den Verdacht zerstreuen.

LISAEr ist Opfer eines Zufalls;

LISAEin Verbrechen kann er nicht begehen.

LISAAch, ich quäle mich, ich leide!

LISAAch, ich quäle mich vor Kummer

LISANacht oder Tag, nur im Gedanken an ihn

LISAVerzehre ich mich

LISAWo bist du, frühere Freude?

LISAAch, ich quäle mich, ich hin müde!

LISADas Leben hatte mir Freude verheissen,

LISAAber eine dunkle Wolke kam, ein Donnerschlag -

LISAAlles, was ich auf der Welt geliebt hatte:

LISAGlück und Hoffnung haben sie zerschlagen.

LISAAch, ich bin gequält, ich bin müde!

LISANacht oder Tag,nur im Gedanken an ihn

LISAVerzehre ich mich.

LISAIch kann nicht mehr! Ich bin es leid!

LISADie Hoffnungslosigkeit nagt an mir

LISAund drückt mich nieder...

Vom Festungsturm beginnt es Zwölf zu schlagen.

LISAO Zeit! Warte ein bisschen,

LISAEr wird gleich da sein

in Verzweiflung

LISAAch, Liebster, komm, erbarme dich,

LISAMein Gatte, mein Gebieter!

LISASo ist es wahr! Mit einem Verbrecher

LISAHabe ich mein Schicksal verknüpft.

LISAEinem Mörder, einem Auswurf gehört meine

LISASeele auf ewig!

LISAIn seiner Verbrecherhand befinden sich mein

LISALeben und meine Ehre,

LISADurch den unglückseligen Willen des Himmels

LISABin auch ich zusammen mit einem Mörder verflucht!

Will weglaufen. Hermann kommt

LISADu bist da, du bist da!

LISADu bist kein Verbrecher!

LISADu bist da! Es kam ein

LISAEnde der Qualen,

LISAUnd wieder bin ich die deine!

LISAFort, ihr Tränen, Qualen und Zweifel!

LISADu bist wieder mein,und ich dein!

Stürzt auf ihn zu und umarmt ihn.

SYSTEMDuett

HERMANNJa, da bin ich, meine Liebste!

küsst sie

LISAO a, vergangen sind die Leiden,

LISAIch bin wieder mit dir vereint, mein Freund!

HERMANNIch bin wieder mit dir vereint, meine Freundin

LISAO ja, die Leiden sind vorbei; ich hin wieder bei dir!

HERMANNO ja, die Leiden sind vorbei; ich bin wieder bei dir!

HERMANNEs war nur der Wahn eines leeren Traumbildes!

LISADer Wahn eines leeren Traumbildes!

HERMANNVergessen sind die Qualen und Tränen!

HERMANNIch bin wieder bei dir!

HERMANNDie glückliche Stunde des

HERMANNWiedersehens ist gekommen,

HERMANNO mein Engel, ich bin wieder bei dir!

LISAVergessen sind die Qualen und Tränen!

LISAO mein Liebster, Ersehnter,

LISAIch bin wieder bei dir.

LISAVorbei sind auf ewig unsere Leiden,

LISAZu Ende die Qualen,ich bin wieder bei dir!

HERMANNAber, Liebste, wir haben keine Zeit zu verlieren,

HERMANNDie Stunden verrinnen ... bist du bereit? Eilen wir!

LISAWohin eilen? Mit dir bis ans Ende der Welt!

HERMANNWohin eilen? Wohin? Zur Spielbank!

LISAO Gott! Was ist mit dir, Hermann?

HERMANNDort sind Haufen von Gold, und sie gehören mir,

HERMANNMir allein gehören sie!

LISAHermann, was sprichst du da? Komm zu dir!

HERMANNAch so, ich vergass: du weisst es ja noch nicht!

HERMANNDrei Karten, du erinnerst dich, dass ich die damals

HERMANNVon der alten Hexe herauslocken wollte.

LISAO Gott, er ist verrückt!

HERMANNDieser Dickschädel! Sie wollte sie mir nicht sagen.

HERMANNAber jetzt war sie bei mir und nannte mir selbst

HERMANNDie drei Karten.

LISADas heisst, dass du sie getötet hast?

HERMANNO nein! Wozu?

HERMANNIch habe nur ein wenig die Pistole gehoben,

HERMANNUnd die alte Hexe fiel tot um!

lacht

LISASo ist es wahr? Es ist wahr!

LISASo ist es wahr: mit einem Verbrecher

LISAHabe ich mein Schicksal verbunden!

LISAEinem Mörder, einem Auswurf

LISAGehört auf ewig meine Seele!

LISAVon seiner Verbrecherhand wurde

LISAMein Leben und meine Ehre genommen.

LISANach dem unglückseligen Willen des Himmels

LISABin ich mit einem Mörder zusammen verflucht!

HERMANNJa! Ja! Es ist wahr, drei Karten weiss ich jetzt!

HERMANNIhrem Mörder hat sie die drei Karten,

HERMANNDrei Karten genannt!

HERMANNSo war es vom Schicksal bestimmt:

HERMANNIch musste das Verbrechen begehen,

HERMANNDrei Karten konnte ich nur um diesen Preis kaufen.

LISAAber nein, es kann nicht sein

LISABesinn dich, Hermann!

in Extase

HERMANNJa! Ich war jener Dritte,der, leidenschaftlich

HERMANNBebend kam, um von dir mit Gewalt

HERMANNZu erfahren die Drei, die Sieben und das As!

LISAWer immer du auch bist, ich bin trotzdem die deine.

LISAEilen wir, komm mit mir, ich rette dich!

HERMANNJa, von dir habe ich erfahren, erfahren

HERMANNVon der Drei, der Sieben und dem As!

Lacht und stösst Lisa von sich weg.

HERMANNLass mich! Wer bist du? Dich kenne ich nicht!

HERMANNFort! Fort!

LISAEr ist verloren, und mit ihm auch ich!

Läuft zum Ufer und stürzt sich in den Fluss.

SYSTEMDRITTE SZENE

In der Spielbank.Einige Gäste speisen, andere spielen Karten.

CHOR DER GÄSTEWoIl'n wir trinken und Spass haben,

CHOR DER GÄSTEwoll'n wir mit dem Leben spielen!

CHOR DER GÄSTEDie Jugend dauert nicht ewig.

CHOR DER GÄSTEAuf das Alter müssen wir nicht lange warten,

CHOR DER GÄSTEMöge unsere Jugend vergehen mit

CHOR DER GÄSTELiebe, Karten und Wein!

CHOR DER GÄSTEDas allein macht auf der Welt Freude;

CHOR DER GÄSTEDas Leben jagt dahin wie ein Traum.

am Kartentisch

SURINGewonnen!

TSCHAPLIZKIBiete Paroli!

NARUMOWGeschlagen!

TSCHAPLIZKIParoli!

TSCHEKALINSKIBelieben Sie zu setzen?

NARUMOWAttendez! As!

SURINIch den Mirandol...

Fürst Jeletski tritt ein.

zum Fürsten Jeletski

TOMSKIWie bist denn du hierher geraten?

TOMSKIIch habe dich bisher nie unter Spielern gesehen.

JELETSKIJa! Ich bin hier das erste Mal.

JELETSKIDu weisst, man sagt:

JELETSKIUnglück in der Liebe, Glück im Spiele...

TOMSKIWas willst du damit sagen?

JELETSKIIch bin nicht mehr verlobt.

JELETSKIFrag mich nicht!

JELETSKIEs tut mir zu weh, mein Freund!

JELETSKIIch bin hier, um mich zu rächen!

JELETSKIDenn Glück in der Liebe

JELETSKIzieht Unglück im Spiele nach sich...

TOMSKIErkläre, was das heissen soll!

JELETSKIDu wirst schon sehen!

TSCHEKALINSKIHe, meine Herren!

TSCHEKALINSKITomski soll uns etwas vorsingen!

CHORSing uns was, Tomski, aber etwas Fröhliches,

CHOREtwas zum Lachen

TOMSKIMir ist nicht so nach singen...

TSCHEKALINSKIAch, hör auf, was ist das für ein Unsinn!

TSCHEKALINSKITrink aus, und dir wird nach Singen sein!

TSCHEKALINSKIAuf die Gesundheit Tomskis, Freunde! Hurra!

CHORAuf die Gesundheit Tomskis! Hurra!

TOMSKIWenn die lieben Mädchen fliegen könnten

TOMSKIWie die Vögel,

TOMSKIUnd sich auf den Ästen niederlassen,

TOMSKIO, dann möchte ich gern ein Ästchen sein,

TOMSKIDamit Tausende von Mädchen,

TOMSKIDann auf meinen Zweigen sässen!

CHORBravo! Bravo! Ach, sing noch ein Couplet!

TOMSKIUnd dann sässen sie und sängen,

TOMSKIBauten Nester, tirilierten,

TOMSKIZögen ihre Jungen auf!

TOMSKINiemals würde ich mich krümmen,

TOMSKIImmer würd' die Sache stimmen,

TOMSKIUnd ich lachte mir 'nen Ast,

CHORBravo! Bravo!

CHORDas ist ein Lied!

CHORDas ist herrlich!

CHORBravo! So ein Kerl!

CHOR“Niemals würde ich mich krümmen,

CHORimmer würd' die Sache stimmen,

CHORund ich lachte mir 'nen Ast!"

TSCHEKALINSKIUnd jetzt, wie immer,

TSCHEKALINSKIFreunde, das Spielerlied!

TSCHEKALINSKITSCHEKALINSKI, SURIN, TSCHAPLIZKI, NARUMOW und CHOR

TSCHEKALINSKISo haben sie sich an den trüben Tagen oft Versammelt.

TSCHEKALINSKISie zielten, Gott verzeih ihnen, von fünfzig auf hundert.

TSCHEKALINSKIMal gewannen sie, mal sassen sie in der Kreide.

TSCHEKALINSKISo haben sie an den trüben Tagen

TSCHEKALINSKISich mit der Sache beschäftigt.

TSCHEKALINSKISie zielten, Gott verzeih ihnen, von fünfzig auf hundert.

TSCHEKALINSKIZur Sache, ihr Herren, an die Karten!

TSCHEKALINSKIWein her, Wein her!

CHORHeh, Wein her!

TSCHAPLIZKIDie Neun!

NARUMOWParoli...

TSCHAPLIZKIVerlorene Liebesmüh!

SURINIch setze auf Karo...

TSCHAPIJZKIGewonnen!

NARUMOWVom Transport zur Zehn!

Hermann tritt ein.

erblickt Hermann

JELETSKIMeine Vorahnung hat mich nicht getäuscht.

Zu Tornski

JELETSKIIch werde vielleicht einen Sekundanten brauchen.

JELETSKIDu schlägst es doch nicht ab?

TOMSKIZähl' auf mich!

CHORAh! Hermann, Freund!

CHORWieso so spät? Wo kommst du her?

TSCHEKALINSKISetz dich zu mir,

TSCHEKALINSKIdu bringst mir Glück.

SURINWo kommst du her? Wo warst du?

SURINNicht etwa schon in der Hölle?

SURINSchau, wie du aussiehst!

TSCHEKALINSKISchlimmer geht es nicht!

TSCHEKALINSKIBist du denn gesund?

HERMANNErlaubt, ich möchte Karten setzen.

CHORWelch ein Wunder,

CHOREr möchte stechen, unser Hermann!

NARUM0WFreund, ich beglückwünsche dich zur Aufgabe

NARUM0WEiner so lang gehaltenen Position!

TSCHEKALINSKIUnd wieviel?

HERMANNVierzigtausend!

CHORVierzigtausend!

CHORDas ist ein Haufen!

CHORDu bist verrückt!

SURINDu hast wohl von der

SURINGräfin drei Karten erfahren?

verärgert

HERMANNAlso was nun: spielt ihr oder nicht?

TSCHEKALINSKIEs geht los! Welche Karte?

HERMANNDie Drei.

Tschekalinski zieht

HERMANNGewonnen!

CHOREr hat gewonnen! So ein Glückspilz!

CHORTSCHEKALINSKI, SURIN, NARUMOW, TSCHAPLIZKI und TOMSKI

CHORHier geht es nicht mit rechten Dingen zu!

CHORSeiner Augen Flimmern verheisst nichts Gutes.

CHOREr ist wie ohne Besinnung!

JELETSKIHier geht es nicht mit rechten Dingen zu!

JELETSKIAber die Strafe ist nahe! Ich zahle es dir heim.

JELETSKIVerbrecher, meine Leiden zahle ich dir heim!

HERMANNErfüllt sind meine geheimen Wünsche. Nein, nein!

HERMANNNicht betrügerisch war der Rat der Alten!

CHORHier geht es nicht mit rechten Dingen zu!

CHORSeiner Augen Flimmern verheisst nichts Gutes.

CHOREr ist wie ohne Besinnung!

TSCHEKALINSKIMöchtest du ausgezahlt haben?

HERMANNNein! Ich versuch's noch mal!

CHOREr hat den Verstand verloren!

CHORIst das die Möglichkeit?

CHORNein, Tschekalinski, spiel nicht mit ihm,

CHORSchau, er ist nicht bei Sinnen!

HERMANNEs geht los!

TSCHEKALINSKIEs geht los? Und die Karte?

HERMANNNun die Sieben!

Tschekalinski zieht

HERMANNIst meine!

CHORWieder seine!

CHORDa ist irgendetwas Ungutes mit ihm im Bunde.

HERMANNWas lasst ihr die Nasen hängen?

HERMANNIst was? Ist euch bange?

HERMANNWein her! Wein her!

CHORHermann, was ist mit dir?

HERMANNWas ist unser Leben? Ein Spiel!

HERMANNGut und Böse, das sind nur Phantasien!

HERMANNArbeit und Ehrlichkeit, das sind Märchen für Weiber!

HERMANNWer ist rechtschaffen, wer ist glücklich hier, Freunde?

HERMANNHeute du, morgen ich!

HERMANNSo lasst das Kämpfen sein,

HERMANNErgreift den Augenblick des Erfolges!

HERMANNMag der Erfolglose weinen, mag er fluchen, seinem

HERMANNSchicksal fluchen!

HERMANNWas ist zuverlässig? Der Tod allein

HERMANNWie die Küste am Meer der Eitelkeit

HERMANNIst er uns allen die letzte Zuflucht.

HERMANNWer von uns, Freunde, ist verliebt in ihn?

HERMANNHeute du, morgen ich!

HERMANNSo lasst das Kämpfen sein,

HERMANNErgreift den Augenblick des Erfolges!

HERMANNMag der Erfolglose weinen,

HERMANNMag er seinem Schicksal fluchen!

HERMANNSpielen wir noch 'mal?

TSCHEKALINSKINein, lass dich auszahlen!

TSCHEKALINSKIDer Teufel selbst spielt mit dir in einer Person!

HERMANNUnd wenn es so wäre, was wäre es für ein Unglück?

HERMANNWer möchte noch mal?

HERMANNDies alles auf eine Karte? Na?

JELETSKIIch!

CHORFürst, was ist mit dir? Lass es sein!

CHORDenn das ist kein Spiel, das ist Wahnsinn!

JELETSKIIch weiss, was ich tue!

JELETSKIIch habe eine Rechnung mit ihm!

verlegen

HERMANNSie? Sie möchten?

JELETSKIJa, ich!

JELETSKIZiehen Sie, Tschekalinski!

Tschekalinski zieht.

HERMANNMein As!

JELETSKINein! Ihre Dame ist geschlagen!

HERMANNWelche Dame?

JELETSKIDie, die Sie in Händen halten:

JELETSKIDie Pique-Dame!

Das Gespenst der Gräfin erscheint. Alle treten von Hermann zurück.

entsetzt

HERMANNDie Alte! Du! Du bist hier!

HERMANNWas lachst du so?

HERMANNDu hast mich um den Verstand gebracht.

HERMANNVerfluchte!

HERMANNWas ist? Was willst du von mir?

HERMANNDas Leben, mein Leben?

HERMANNNimm es, nimm es!

ersticht sich. Das Gespenst verschwindet.

Einige der Anwesenden stürzen zu Hermann, der hingesunken ist.

CHORDer Unglückselige!

CHORAuf welch schreckliche Weise

CHORhat er mit sich Schluss gemacht!

CHOREr lebt, er lebt noch!

Hermann kommt zu sich. Er erblickt den Fürsten und versucht sich aufzurichten.

HERMANNFürst! Fürst, verzeihen Sie mir!

HERMANNMir ist elend, elend, ich sterbe!

HERMANNWas ist das? Lisa?

HERMANNDu bist hier? Mein Gott!

HERMANNWarum, warum? Du vergibst mir! ja?

HERMANNDu fluchst mir nicht?

HERMANNSchönes Mädchen! Göttin! Mein Engel!

stirbt

CHORHerr, verzeih ihm und gib seiner unruhigen und

CHORGequälten Seele Frieden!