Schön Suschen war ein Bürgerskind

V. Righini

Schön Suschen war ein Bürgers Kind,

Kaum sechzehn Sommer alt,

Voll Unschuld, wie die Engel sind,

Ein Engel an Gestalt.

Auch liebte sie mancher

Im stillen schon,

Vor allen ein Junker

So reizend wie Adon.

Er hatte oft bei Mondenschein

Ein Ständchen ihr gebracht:

Dich lieb' ich, Mädchen, dich allein;

Schön Suschen! Gute Nacht!

Schön Suschen dacht im eitlen Sinn:

Bald bin ich Gnäd'ge Frau,

Sie stellte oft am Fenster hin,

Dem Junker sich zum Schau;

Dann schlichen sich Briefchen

Aus Hand in Hand,

Dann setzen die Briefchen

Schön Suschens Herz in Brand.

Um Mitternacht bei Mondenschein

War Suschen schlecht bewacht,

Man stellte sich am Fenster ein:

Schön Suschen! Gute Nacht!

Der Junker sprach ihr täglich viel

Von seiner Liebe vor,

Sie hatte da das ihr gefiel,

Dafür ein off'nes Ohr,

Sie schmiegte so traulich

Sich an ihn an,

Und nannte den Junker

Schon zärtlich ihren Mann.

Doch dies war nicht des Junkers Sinn,

Er nützt der Liebe Macht;

Er nimmt des Mädchens Ruhe hin

Und sagt ihr: Gute Nacht!

Verlassen sieht nun auf einmal

Schön Suschen sich und weint,

Weg ist Geliebter und Gemahl,

Da sie's so ernstlich meint.

Nichts bleibt nun der Armen

Als Spott und Hohn,

Der schöne Adonis

Er ist ihr nun entfloh'n.

Ihr Mädchen, denkt bei Mondenschein

Was Suschen nicht bedacht!

Dringt Liebe schon durchs Fenster ein,

Dann, Treue, gute Nacht!