Traumgekrönt. IV Laß mich bei dir

W. Kehrer

Die Hinterbühne:

Eine fürstliche Villa (gegen Ende des XVI. Jahrhunderts). Auf

offener Loggia von fünf Bogen ein einfaches, geschlossenes

Pilastergeschoß. Davor eine von Statuen eingefaßte Terrasse,

von der sich eine Treppe mit breiten Stufen nach dem Garten

niederläßt. Im Hintergrunde, hinter der Villa: der Park.

Die Mittelbühne:

Der Garten; Lorbeerbüsche, Maulbeerbäume und in der Mitte,

auf die Treppe zu, eine Platanenallee. Vorn links: eine Steinbank

mit Kissen und die Bildsäule einer vielbrüstigen Göttin.

Die Vorderbühne:

Steiniger Strand (mit Landungssteg) und das Meer, welches von

der Seite des Zuschauers her gegen die Szene wogt,

in gleichmäßig landender Bewegung. Die Villa spiegelt den Himmel

und die Weite des Meeres.

Figuren

Die weisse Fürstin. Ihre Schwester Monna Lara. Der Haushofmeister

Amadeo. Zwei Mönche in schwarzer Maske. Ein Bote.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Sie lehnt vorn auf der Steinbank. Sie trägt ein weiches,

weisses Gewand. In ihren Augen ist warten

und lauschen. Pause.

AMADEO, DER ALTE

In schwarzer Haustracht, ernst. Er neigt sich tief.

Der Fürst ist fort.

DIE WEISSE FÜRSTIN

senkt leise die Stirne

Pause

AMADEO, DER ALTE

Und was gebietet Ihr?

Pause

DIE WEISSE FÜRSTIN

in Gedanken

Es ist zum erstenmal, daß uns der Fürst verläßt,

nicht wahr?

AMADEO, DER ALTE

Es ist zum erstenmal seit Eurem Hochzeitsfest.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Und das ist lange.

AMADEO, DER ALTE

Es ist das elfte Jahr, seit wir das Tor geschmückt

Euch zum Empfange.

Pause

DIE WEISSE FÜRSTIN

Man muß nicht denken, daß das viele sind.

Ich war ein Kind.

AMADEO, DER ALTE

Ich kann mich noch entsinnen;

der Kranz schien viel zu früh für Euer Haupt--

Er zögert ängstlich

aber aus Kindern werden Königinnen...

DIE WEISSE FÜRSTIN

Ja, wenn man ihnen alle Rosen raubt

und alle Mythen

und mit den reifenden Orangenblüten

die Stirn umlaubt,

bis sie die Schatten glaubt, die kalt

vom frühen Brautkranz auf sie niederrinnen:

dann werden aus den Kindern - Königinnen.

Pause

Sie erhebt sich, lebhafter

Der Fürst nahm viele Diener in den Wald?

Rasch

Send alle fort, mach mir die Säle leer,

daß keiner mir begegne in den Gängen;

denn mir soll sein, als käm ich heute her

zu fingen und die Säulen zu umwinden

mit Fruchtgehängen,

dichtgefügt und schwer.

AMADEO, DER ALTE

Befehlt, ich werde einen Vorwand finden

und das Gefinde in die Winde streun;

ich aber darf wohl Euern Tag betreun?

DIE WEISSE FÜRSTIN

Nein. Geh auch du. Mir ist, du wolltest längst

nach Pietrasanta, deine Enkel ſehn.

Heut soll's geschehn.

AMADEO, DER ALTE

Ihr wiẞt so gütig meiner zu gedenken...

DIE WEISSE FÜRSTIN

Ich bin nicht gut. Ich kann dich nur beschenken,

weil du mit gleicher Freiheit mich beschenkst.

Und weil du so an Monna Lara hängst,

so nimm sie mit zu deinen klugen Kleinen.

AMADEO, DER ALTE

Das ist ein Goldenes, das Ihr mir gönnt.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Und dann vergeßt nicht: Seide nehmt und Leinen

aus meinen Schränken

mit, so viel Ihr könnt.

AMADEO, DER ALTE

Ihr macht uns reich.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Könnt ich Euch forglos machen!

Wer hat denn Zeit- das Leben ist so viel—,

an Not zu denken, an die kleinen Sachen,

da doch in uns die großen Dinge wachen.

Man soll nicht weinen und man soll nicht lachen;

hingleiten soll man wie ein sanfter Nachen

und horchen auf des eignen Kieles Spiel.

Pause

Verzeiht, ich rede aus Gedanken. Seht,

die sind in mir so seltsam aufgeschichtet,

so Jahr um Jahr. Wie einer, welcher dichtet

und einer, der sehr alt ist, das und das

in seinem Innern findet. - Aber, geht,

und wenn Ihr wiederkommt, erzählt mir was,

woran ein Kind sich freuen kann. Es steht

Euch Freudiges bevor. Vielleicht auch mir.

Wir wollen aneinander denken.

AMADEO, DER ALTE

verneigt sich tief. Er geht durch die

Platanenallee auf das Haus zu und quer über die Terraffe

Pause

DIE WEISSE FÜRSTIN

tritt ganz an den Rand der Küste. In

ihren Augen ift das Meer. Sie hebt langfam die Arme und hält

sie eine Weile weit ausgebreitet

Pause

MONNA LARA

kommt von der Terrasse her. Sie trägt ein

hängendes Kleid aus verblichenem Blau. Leife legt sie den Arm

um die Fürstin. Sie schauen beide aufs Meer

Pause

MONNA LARA

leise

Laß mich bei dir.

Pause

DIE WEISSE FÜRSTIN

Du liebst doch Kinder, nicht?

MONNA LARA

Ich liebe dich.

Kleine Paufe

DIE WEISSE FÜRSTIN

Du weißt, nicht wer ich bin.

MONNA LARA

wendet das Haupt und sieht der Schwester

ins Gesicht

DIE WEISSE FÜRSTIN

Du Kind...

MONNA LARA

Ob wir im Traum

nicht manchmal älter sind?

Da sah ich dich. Da warst du wie ein Baum.

Du standest einsam und so jung von Grün

und warst von einem Abend angeglüht,

und ich ging hin und kam ganz nah

und sah und sagte laut: Du hast noch nicht geblüht.

Und fragte dich: Wann wirst du blühn?

DIE WEISSE FÜRSTIN

nimmt ihre beiden Hände

leise

Nun stell dir vor, der Traum sei nicht vorbei.

Sei tief im Traum, du Schlafende. Es ſei

dein Traum und meiner. Hast du oft geträumt,

so weißt du auch, wie unberechenbar

der Traum uns trägt. Er wendet sich, er bäumt

sich auf, und er ist voll Gefahr.

Er rennt und jagt, dann wieder steht er still

und will nicht weiter; und er zittert so,

wie Pferde zittern, wenn von irgendwo

genau derselbe Reiter noch einmal

entgegenkommt, genau dasfelbe Tier,

derselbe Herr darauf, verzerrt und fahl.

So, nicht wahr, ohne Abſehn träumen wir.

Du weißt, im Traume kann so vielerlei

geschehn, und es kann so verwandelt sein.

Wie eine Blume lautlos schläfft du ein,

und du erwachst vielleicht in einem Schrei...

MONNA LARA

Doch Traum ist Traum. Das kommt und das vergeht.

Und wenn es Morgen ist, so glänzt das Haus,

und alle Träume sehen anders aus...

DIE WEISSE FÜRSTIN

Und sind doch ewig in uns eingewebt.

Bedenk, ist irgend Leben mehr erlebt

als deiner Träume Bilder? Und mehr dein?

Du schläfft, allein. Die Türe ist verriegelt.

Nichts kann geschehn. Und doch, von dir gespiegelt,

hängt eine fremde Welt in dich hinein.

Pause

So lag ich oft. Und draußen war ein Wandern,

da nahte, da entfernte sich ein Schritt;

mir aber war's der Herzschlag eines andern,

der draußen schlug und den ich drinnen litt.

Ich litt ihn, wie ein Tier den Tod erleidet,

ich konnte keinem fagen, was mir war.

Aber am Morgen kämmten sie mein Haar,

und immer wieder ward ich angekleidet

für einen Tag: —mir schien es für ein Jahr.

Mir war, als ob das ganze Leben stände,

solang ich wachte; alles, was geschah,

fiel mir vorbei den Träumen in die Hände

jetzt aber weiß ich: es ist dennoch da.

Die Welt ist groß, doch in uns wird sie tief

wie Meeresgrund. Es hat fast nichts zu sagen,

ob einer wachte oder schlief, -

er hat sein ganzes Leben doch getragen,

ein Leid wird dennoch sein, und es verliet

sein Glück sich nicht. Tief unter schwerer Ruh

geschieht Notwendiges in halbem Lichte,

und endlich kommt, mit strahlendem Gefichte,

sein Schickfal dennoch auf ihn zu.

MONNA LARA

Ich weiß nicht, Schwester, was du sagst. Ich seh

dich nur. Es tut mir alles weh

von dir. Du bist so schwer.

Und doch will ich mehr von dir wissen.

Ich will eine Nacht auf deinem Kissen

schlafen. Ich will am Morgen dein warmes

Haar kämmen— drei Stunden- solang meines Armes

Kraft ist. Ich will dir dienen.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Du bist mir nie so erwachsen erschienen.

MONNA LARA

Ich will mit dir weinen

DIE WEISSE FÜRSTIN

Ich weine nicht. Ich denke an Einen

MONNA LARA

Denkst du ihn klar?

Ich möchte so gerne an einen denken,

aber ich kann mich in keinen versenken;

jeder zerfließt mir so sonderbar.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Ich fühle ihn klarer Jahr um Jahr.

Er hat dich einmal an der Hand gehalten,

(da warst du klein).

Dir war er Gestalt unter großen Gestalten,

mir war er nicht mein.

Aber in einer Nacht, in der einen,

da ich lange und ungeftillt

weinte, da bildete sich sein Bild

aus meinen Händen unter dem Weinen.

Und seither wuchs es in mir heran

wie Knaben wachsen;

und ist ein Mann.

MONNA LARA

Das kann also sein: daß man tief vergißt,

um tief zu gedenken...

DIE WEISSE FÜRSTIN

Wir sind des Falles

entfernter Dinge dämmernder Schacht -

MONNA LARA

Und meine Tage? Und Nacht um Nacht?

Und ich soll warten? - Gott, wie ist alles

lange und langsam, was Leben ist.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Du liebe kleine Schweſter, sei nicht bange;

bedenke, das ist alles unser Traum;

da kann das Kurze lang sein, und das Lange

ist ohne Ende. Und die Zeit ist Raum.

Sie nimmt Monna Laras Haupt in ihre beiden Hände und küßt

ihre Stirne mit langer milder Zärtlichkeit. Amadeo, der Alte, der

seit einer Weile in der Allee gestanden hat, kommt vorsichtig

näher; er verneigt sich

AMADEO, DER ALTE

Frau Fürstin

DIE WEISSE FÜRSTIN

Seid Ihr noch nicht fort?

AMADEO, DER ALTE

Verzeiht.

Zum Aufbruch waren wir bereit,

da kam ein Bote in verstaubtem Kleid

mit einem Brief; jetzt wartet er im Saal.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Ich will ihn sehn.

Amadeo, der Alte, verneigt sich

DIE WEISSE FÜRSTIN

Und Monna Lara wird ein andres Mal

zu Euren blonden Enkeln Euch begleiten.

MONNA LARA

zu Amadeo

Wir wollen einmal früh hinüberreiten

an einem Sommermorgen, Ihr und ich;

mein alter Freund, heut grüß ich sie vom weiten,

ich bin zu traurig und zu feierlich…..

AMADEO, DER ALTE

verneigt sich tief. Geht in das Haus

MONNA LARA

nachdenklich lächelnd

Zu feierlich für Kinder. Und doch Kind.

Nicht wahr? Was sonft. Etwas verwandelt sich,

etwas fällt ab von mir. Doch es beginnt

noch nicht das Nächste. Meine Hände find

Zugvögel, die zum erstenmal das Meer

hinüberfliegen; da ist keine Stelle.

Und sie verfuchen, die und jene Welle

zu merken für den Weg der Wiederkehr ―

DIE WEISSE FÜRSTIN

nimmt ihre beiden Hände und betrachtet sie

Sie scheinen sich allein; doch fliegen Schwärme

desselben Weges zu den heißen Hügeln;

der Himmel liegt auf Millionen Flügeln.

Und alle kommen in die große Wärme.

Indessen ist der Bote schnellen Schrittes in der Allee näher gekommen;

da Monna Lara ihn gewahrt, macht sie sich frei und

sieht ihm entgegen. Plötzlich, wie in Angst

MONNA LARA

Soll ich hineingehn? Bist du gern allein?

DIE WEISSE FÜRSTIN

Nein. Wenn du gehst, so gehst du nur zum Schein.

Denn was bedeutet es, geht Baum nach Baum

an dir vorbei. Das, was du bist, das rührt sich kaum.

Du bist nicht fort und ich bin nicht allein.

Der Bote geht auf die Fürstin zu und reicht ihr einen Brief. Er

geht hierauf bis an den Anfang der Allee zurück.

'Die Fürstin öffnet ihn und reicht ihn, ohne zu lesen, Monna

Lara; sie lächelt.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Ich weiß die Botschaft. Lange. Aber lies.

MONNA LARA

sie liest aufmerksam, fast angestrengt

Und wenn du winkest... Was bedeutet dies?

DIE WEISSE FÜRSTIN

Daß ich allein bin. Daß ich hier gebiete.

Daß seine Barke landen kann am Strand.

Und daß ich einen, welcher uns verriete,

erwürgen würde: hier, mit dieser Hand.

MONNA LARA

staunend

So soll er kommen, heute, her? Am Parke

hier wird er landen, wirklich, wie ein Gast?

DIE WEISSE FÜRSTIN

Hast du das nicht gewußt?

MONNA LARA

Es war mir fast,

als ginge heute etwas auf uns zu.

Mit plötzlicher Bewunderung

Du Liebliche, du Wundersame, Starke.

DIE WEISSE FÜRSTIN

in Gedanken

Er schickt noch einen Brief, das große Kind.

Er muß noch schreiben, dieser liebe Knabe:

«Schau her, ich komme».. Ist mein Blut denn blind?

Und noch ein Bote. Hundert Boten habe

ich heute schon empfangen. Duft und Wind,

Gesang und Stille, fernes Wagenrollen,

ein Vogelruf, und du, dein Bleibenwollen ---

was war nicht Bote? Wieviel Boten stehn

vor meinem Herzen, — gehn mir im Gehöre

und drängen sich in meine Adern - ach!

Und er besorgt noch, daß ich ihn verlöre.

MONNA LARA

Ich kann verstehen, daß er tausendfach

sich sichern will. Wenn etwas noch geschähe,

wenn ein Geschick sich wendete und drohte,

o welche Angst ist diese große Nähe

von Kommendem...

DIE WEISSE FÜRSTIN

Der Bote.

Er wartet noch, und wir vergessen ihn.

Sie winkt. Der Bote tritt herzu und verneigt sich

Ihr sollt Euch stärken, Freund. Die Sonne schien

auf Euern Brief. Der Weg war weit und heiß.

Ihr seid aus Lucca?

DER BOTE

Wie Ihr sagt.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Ich weiß.

Wie steht es in der Stadt?

DER BOTE

Erlauchte Frau,

grau ist die Stadt. Wie dieser Staub so grau.

Sie steht, als stünde Frohes nicht bevor.

Sie war ganz ohne Stimme, nur am Tor,

da rauften sich die Wachen, da ich ging,

und schrien mich an und fielen nach mir aus.

Ich dankte Gott, daß ich mich nicht verfing

in dieses Hauen. Heil kam ich heraus

DIE WEISSE FÜRSTIN

läßt sich vorn auf der Bank nieder;

während des folgenden hört sie immer weniger auf die Worte

des Boten und versinkt in sich selbst,

mit weiten Augen hinausfchauend aufs Meer

Und wandertet, vermut ich, voller Mut

und heil des Weges? War der Weg denn gut?

DER BOTE

Der Weg war gut, erlauchte Frau. Er bot

zwar wenig Schatten. Aber das war besser,

als durch die Dörfer kommen. Wie durch Messer,

so ging man durch den Ausschrei ihrer Not.

Da ist der Tod, erlauchte Frau, der Tod.

Ich sah ein Haus, in seiner Türe schrie

ein schwangres Weib und riẞ sich an den Haaren.

Und viele Frauen, die nicht schwanger waren

das macht die Angst, so denk ich — schrien wie sie.

Und da und dort ging einer mir vorbei

und griff auf einmal so ins Ungewisse

und biß die Luft, und plötzlich durch die Bisse

des blauen Mundes drängte sich ein Schrei.

Ein Schrei, das sagt man so, wer läßt sich stören?

Ich habe viele Männer schreien hören,

und es kam vor, ich habe selbst geschrien;

doch niemals hört ich einen schrein wie ihn.

Ja, es gibt Dinge, die man nicht vergißt: -

da war die Angst, die in den Tieren ist,

die Angst von Weibern, wenn sie irre kreißen,

die Angst von kleinen Kindern war darin, —

und das ergriff ihn, und das warf ihn hin,

und das war so, als müßt es ihn zerreißen.

MONNA LARA,

die den Boten starr ansieht, tritt scheu an die

Bank zurück. Sie zwingt sich zu sagen

War das in San Terenzo, was ihr saht?

DER BOTE

Nein, edles Fräulein. In Vezzano war es.

In San Terenzo war es still. Ich trat

in eine Kirche ein und bat

im Lichte eines einzigen Altares

um gute Reife. Ich war ganz allein.

Doch in Sarzana, in der Kathedrale,

da sangen sie. Was sag ich, singen? Nein,

auch das war Schreien: wie mit einemmale

an Siebenhundert und die Orgel schrien.

Sie knieten, Fräulein. Ihre Hälfe waren

wie Stengel vom Rhabarber, stimmenstrotzend.

Die Augen waren bei den Männern glotzend,

wie Munde offen, bei den Frauen zu.

Sogar die Kinder hatten keine Ruh:

wie lange Hälse streckten sie die Arme

und hielten sie wie einen zweiten Mund

aus dem Gedränge, aus dem warmen Schwarme;

erbarme! brüllten sie, erbarme! Und:

erbarme! donnerte im Hintergrund

der breite Bischof vor dem Hochaltare

das Tabernakel an, so daß die klare

Monstranz erzitterte und schien, als sende

sie Blicke aus. Sie aber schrien, es war

als zöge Gott sie an dem obern Ende

der langen Stimmen wie an langem Haar.

Und als ich mich zwischen die andern schob,

empfand ich (noch empfind ich's an den Sohlen),

daß sich die ganze Kathedrale hobund wieder senkte,

wie ein Atemholen. -

Das war ein Wunder. Wunder tun uns not.

Ihr habt das nicht gesehen, wie der Tod

da kommt und geht, ganz wie im eignen Haus;

und ist nicht unser Tod, ein fremder, aus...

aus irgendeiner grundverhurten Stadt,

kein Tod von Gott befoldet...

DIE WEISSE FÜRSTIN

sieht plötzlich auf

Tod? Was hat er da gesagt?

MONNA LARA

Ich bitte dich, befiehl ihm, daß er ginge.

Mir graut vor ihm, er redet solche Dinge —

DER BOTE

Ein fremder Tod sag ich, den keiner kennt,

er aber ist bekannt mit einem jeden...

DIE WEISSE FÜRSTIN

sieht Monna Laras Angst

Verzeih, ich ließ ihn immer weiter reden,

mir klang's von ferne wie ein Instrument.

Sie gewahrt, daß Monna Lara in ihrer Erregung den Brief, der

sie immer noch hielt, ganz zerrissen hat.

Lächelnd

Und sieh, mein Brief...

Monna Lara erschrickt

DIE WEISSE FÜRSTIN

ohne Vorwurf

So leben deine Hände

für sich allein

zum Boten

Mein guter Freund, es wohnt

im Meierhofe mancher Mann; der stände

Euch besser zu Gehör, daß es sich lohnt.

Hier find nur Frauen und find ungewohnt

so ernsthaften Gespräches. Ihr verschont

uns sicher gern, vor allem dieses Kind

DER BOTE

tritt zurück und verneigt sich

Verzeiht, erlauchte Frau, ich war wie blind,

daß ich nicht sah, wie es dem Fräulein schadet.

Es riẞ mich mit, wie schon die Worte sind.

Doch wenn Ihr mich zu einem noch begnadet,

so laßt mich's fagen.

DIEWEISSE FÜRSTIN

Wenn es mild ist, sprecht.

DER BOTE

Ihr seid so unbewacht. Das ist nicht recht.

Der Park ist offen wie des Herrgotts Land

und hier am Strande kann ein jeder gehen.

Da denk ich mir, verzeiht, es kann geschehen,

daß diese Hunde kommen; nah von hier

gehn sie schon um. Da sah ich ihrer vier

raubvogelhaft vor einem Haus gespenstern;

sie warten überall und dauern aus,

und winkt man ihnen furchtsam aus den Fenstern,

so kommen sie und holen aus dem Haus

was Totes da ist: Kinder, Männer, Frauen, —

sie nehmen alles, ohne Unterschied.

Man sagt, daß sie auch nach den Kranken schauen;

doch wie sie schauen? Ja, weiß Gott, man sieht

nicht ihr Gesicht. Es geht ein kaltes Grauen

von ihnen aus. Ich könnte keinem trauen.

Das was sie tun mag ja barmherzig sein

und christlich gut: sie sorgen für die Toten

und tragen sie hinaus, so ist's geboten,

was aber tragen sie ins Haus hinein?

Und wenn sie draußen stehn im Feuerschein

und wenn von ihren hohen Leichenhaufen

aus Rauch und Schauder sich die Flamme hebt,

dann gehn sie in dem Feuer aus und ein.

Es ist als hätte, wer noch lebt,

die Pflicht, sich von den Brüdern freizukaufen...

DIE WEISSE FÜRSTIN

Das müßt Ihr tun, mein Freund; das Lösegeld

will ich Euch morgen senden. Bleibt zur Nacht

im Meierhofe, dort seid Ihr bewacht

und könnt geruhig schlafen und der Welt

erhalten bleiben. Geht in Gottes Namen.

DER BOTE

Dank und Vergebung, sehr erlauchte Damen,

für meine läftige Beredsamkeit.

Es tut in dieser wunderlichen Zeit

so gut, zu sprechen von der Dinge Lauf.

Dank, und vergeßt nicht, stellet Wachen auf,

besser ist besser; sie sind wie die Kletten

und hängen sich an einen an und betten

den Scheiterhaufen auf, so daß man denkt,

es bliebe einem selber nicht geschenkt

darauf zu schlafen.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Nun, für diesmal mag

Euch noch ein andres Bette wärmen. So.

Nun, hoff ich, seid Ihr auch getrost und froh,

und schlaft Euch Mut zu einem Heimkehrtag.

DER BOTE

verneigt sich tief und geht durch die Allee ab

MONNA LARA

die ganz reglos dagestanden hatte,

bricht plötzlich in Weinen aus. Die Fürstin zieht sie neben sich auf

die Bank, und sie legt ihr weinendes Haupt in den Arm ihrer

Schwester

DIE WEISSE FÜRSTIN

Mein liebes Kind, bist du erregt? Du mußt

nicht bange sein; das ist Geschwätz, geschart

um feige Furcht, geringe Redensart —

MONNA LARA

Ich habe alles dieses nicht gewußt...

Nun kommt auf einmal alles über mich,

nun bricht es über mich herein, und ich,

ich ahne jetzt erst, daß das Leben droht.

Daß das nicht Leben war das sanfte Sein,

das sich mir bot, —

wer lebt, ist traurig, hilflos und allein

mit sich, mit Sorge, Angst, Gefahr und Tod.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Und wenn er's wäre, meine Freundin, sieh, —

wenn er es ist, wie ich es bin seit Jahren,

glaubst du, die Tage, welche trostlos waren,

dürften mir fehlen in der Melodie

der großen Freude, die ich heute trage?

- Sie sagen: Tod, doch hör, wenn ich es sage:

Tod -ist es dann nicht wie aus anderm Klang?

Nur ausgelöst, vereinzelt macht es bang.

Nimm sie im ganzen -alle, als das Deine

die vielen Worte, nimm sie in Gebrauch: -

nur wo sie alle bis ins Ungemeine

und Große wachsen, wächst das eine auch.

MONNA LARA

Doch nicht um Worte handelt sich's: sie sterben.

Sie sterben, Viele. Jetzt und jetzt und jetzt.

Sie ringen noch, sie hoffen bis zuletzt;

noch wenn der Tod den Finger angesetzt,

um sie zu würgen, hoffen sie, gehetzt

von ihrer Angst.

Monna Lara sieht ratlos um sich. Es entsteht eine Stille; die

Fürstin schüttelt leise das Haupt.

MONNA LARA

horchend

Und jetzt!

Sie wirft sich der Fürstin zu Füßen,

flehend mit ringenden Händen

O laß uns helfen! Laß uns weiches Linnen

aus deinen Schränken nehmen für die Betten,

und was bereit war für die Wöchnerinnen

an Binden, Hemden, Salben, Amuletten.

Die dichten Tropfen und die leisen Öle,

die Elixiere für das trübe Blut---

o irgend etwas, das in ihrer Höhle

noch niemals war und das ein Wunder tut.

Warum geschieht kein Wunder? Daß ich wüßte

mit welchem Wort ich Dich erreichen kann:

Maria! Warum rührst Du sie nicht an?

Wo ist Dein Mund, der Jesu Wunden küßte?

Ekelt es Dich? Und willst Du nicht geruhn

ein Wunder an den Stinkenden zu tun, -

fo tu's an mir: Gib Milch in meine Brüste,

daß ich sie tränke...

Monna Lara hat sich knieend zurückgeworfen und hält mit

beiden Händen ihre Brüste hin, als wartete sie, daß sie sich füllen

sollten. So bleibt sie eine Weile, ihre Spannung steigert sich,

bricht ab, und sie fällt vornüber der Fürstin in den Schoß.

DIE WEISSE FÜRSTIN

sie streicht der Knieenden sanft,

beruhigend über das Haar und spricht, über sie geneigt, leise,

eindringlich

Wir wollen das Unfrige zu dem Ihren tun. Wir wollen

die Falten in ihren weichen Lagern glätten, so daß sie

es hätten wie die Kinder der Reichen. Wir wollen ihnen

zureden wie Tieren, daß sie sich nicht scheuen, und selbst

alle Scheu verlieren ihret wegen. Ich will mich zu denen

legen, die frieren. Ich will die Stirnen der Sterbenden

halten. Ich will die Alten reinigen, und ihnen die Bärte

über die Decken breiten. Heiter will ich zu den Kindern

hinüberschauen und die Frauen erleichtern, und

ihre blauen Nägel und ihr Eiter soll mich nicht schrekken.

Und ich will für die Toten sorgen ---

Pause

Monna Lara hebt das Haupt. Sie ist ganz ruhig, fast nüchtern.

DIE WEISSE FÜRSTIN

über sie fortschauend, zögernd

Von morgen an wird das mein Tagwerk sein

und meiner langen Nächte Werk.

MONNA LARA

Von morgen?

DIE WEISSE FÜRSTIN

Von morgen, Schwester. Heute bin ich sein,

des Kommenden.

Wie seiner Väter Erbschaft

ihm zugefallen, reich für ihn allein.

Selbst mein Gemahl hat mich für ihn bewahrt;

mit seiner Wildheit übergroßem Jähzorn,

dem keiner wehren könnte wenn er tobt,

hielt er in Bann der Andern Wort und Art:

der Edelleute, Dichter und des Herzogs.

Pause

So blieb ich Braut. Dem Weitesten verlobt.

Monna Lara hat aich während der letzten Worte erhoben; sie

steht steif und hilflos, fast puppenhaft vor der Fürstin und spricht

mit seltsam tonloser Stimme

MONNA LARA

Und dein Gemahl, der Fürst, lag nie bei dir?

Pause.

Die Fürstin aufs Meer hinausblickend

DIE WEISSE FÜRSTIN

Er lag bei mir.

Sie erhebt sich; Monna Lara tritt scheu vor ihr zurück

Wenn abends die Musik

ihn sänftigte, so daß er nichts verlangte,

so bot ich ihm mein Bett. Sein Auge dankte

mir lange. Seine harte Lippe schwieg.

So schlief er ein. Und mir war gar nicht bange.

Nachts saß ich manchmal auf und sah ihn an,

die scharfe Falte zwischen seinen Brauen,

und sah: jetzt träumte er von den andern Frauen

(vielleicht von jener blonden Loredan,

die ihn so liebte) —träumte nicht von mir.

Da war ich frei. Da sah ich stundenlang

fort über ihn durch hohe Fensterbogen:

das Meer, wie Himmel, weit und ohne Wogen,

und etwas Klares, welches langsam sank;

was keiner sieht und sagt: Monduntergang.

Dann kam ein frühes Fischerboot gezogen

im Raum und lautlos wie der Mond. Das Ziehn

von diesen beiden schien mir so verwandt.

Mit einem senkte sich der Himmel näher

und durch das andre ward die Weite weit.

Und ich war wach und frei und ohne Späher

und eingeweiht in diese Einsamkeit.

Mir war als ginge dieses von mir aus,

was sich so traumhaft durch den Raum bewegte.

Ich streckte mich, und wenn mein Leib sich regte,

entstand ein Duft und duftete hinaus.

Und wie sich Blumen geben an dem Raum,

daß jeder Lufthauch mit Geruch beladen

von ihnen fortgeht, — gab ich mich in Gnaden

meinem Geliebten in den Traum.

Mit diesen Stunden hielt ich ihn.

Pause

Es gab auch andre Stunden, da ich ihn verlor.

Wenn ich drin wachte und er ſtand davor,

vielleicht bereit, die Türe einzudrücken, -

dann war ich Grab: Stein unter meinem Rücken

und selber hart wie eine Steinfigur.

Wenn meine Züge einen Ausdruck hatten,

so war das nur der Ampel Schein und Schatten

auf einer inhaltlosen Meißelspur.

So lag ich, Bild von einer welche war,

auf meines Lagers breitem Sarkophage,

und die Sekunden gingen: Jahr und Jahr.

Und unter mir und in derselben Lage

lag meine Leiche welk in ihrem Haar.

Pause. Monna Lara tritt zur Fürstin und umfaßt sie leise.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Sieh, so ist Tod im Leben. Beides läuft

so durcheinander, wie in einem Teppich

die Fäden laufen; und daraus entsteht

für einen, der vorübergeht, ein Bild.

Wenn jemand stirbt, das nicht allein ist Tod.

Tod ist, wenn einer lebt und es nicht weiß.

Tod ist, wenn einer gar nicht sterben kann.

Vieles ist Tod; man kann es nicht begraben.

In uns ist täglich Sterben und Geburt,

und wir sind rücksichtslos wie die Natur,

die über beiden dauert, trauerlos

und ohne Anteil. Leid und Freude find

nur Farben für den Fremden, der uns schaut.

Darum bedeutet es für uns so viel,

den Schauenden zu finden, ihn, der sieht,

der uns zusammenfaßt in seinem Schauen

und einfach sagt: ich sehe das und das,

wo andere nur raten oder lügen.

MONNA LARA

Ja, ja, das ist's. Ein solcher muß es sein,

sonst wird das namenlose Bild zu schwer.

Kleine Pause

Dir kommt er heut...

Kleine Pause

Wie aber konntest du's

so lange tragen? Ich vermag's kaum mehr.

Wenn ich mir denke, daß ich noch ein Jahr

herumgehn soll mit unerklärtem Blut,

unausgeruht, — von meinem eignen Haar

hochmütig übersehen wie ein Kind,

allein und blind inmitten meiner Brände,

sogar den Hunden neu und wie versagt,

mir selbst so fremd, daß mich die eignen Hände

anrühren wie die Hände einer Magd...:

wenn ich ein Jahr noch also leben soll,

so werf ich mich nach diesem einen Jahr

einem Bedienten in den Weg wie toll

und fleh ihn an, daß er mir das erspare.

Wie trugst du das?

DIE WEISSE FÜRSTIN

Mein Blut war übervoll.

Oft rief es laut, daß ich davon erwachte,

mich weinend fand und in die Stille lachte

und in mein Kissen biß, bis es zerriß.

In einer solchen Nacht- ich weiß noch - schmolz

von seines Kreuzes Ebenholz

mein Christus los;

so groß war meine Glut:...

die Arme offen lag er über mir.

MONNA LARA

Und dennoch war so tiefe Kraft in dir.

DIE WEISSE FÜRSTIN

Das war nicht Kraft. Geiz war es, Habsucht war es,

womit ich alle Gluten jedes Jahres

aufsparte für den späten Hochzeitstag.

Nun ist er da. Mit tausendfachem Schlag

schlägt mir das Herz. Der Wurzeln letzte Süße

ist in mich eingegangen; ich bin reif.

Mein Haupt ist schön, und unter meine leichten Füße

schiebt sich die Erde wie ein Wolkenstreif.

Und morgen darf ich altern.

MONNA LARA

Du bist jung

DIE WEISSE FÜRSTIN

zärtlich lächelnd

Jugend ist nur Erinnerung

an einen, der noch nicht kam.

Sie faßt die Schwester mit beiden Händen an den Schultern

Auch du wirst sparen für den Bräutigam.

Denn deine Ungeduld ist Übergang.

Lang ist das Leben.

Pause

MONNA LARA

bewundernd

Glanz geht von dir aus

und eine Stärke wie von Königinnen.

DIE WEISSE FÜRSTIN

sieht aufgerichtet zurück nach dem Palast

Die Sonne sinkt und spiegelt sich im Haus.

Nun will ich warten, und dann will ich winken.

MONNA LARA

Winktest du nicht?

DIE WEISSE FÜRSTIN

So hieße das: uns droht

Gefahr.

MONNA LARA

mit geschloffenen Augen, traumhaft schmerzlich

Er führe wie das frühe Fischerboot

vorüber von dem rechten Rand zum linken.

Sie reißt wie in Angst die Augen auf

Aber du winkst?!

DIE WEISSE FÜRSTIN

glücklich

Wenn dort das Meer verloht,

so wink ich aufrecht in das Abendrot.

Das Haus ist leer ---

MONNA LARA

Still! Waren das nicht Schritte?

DIE WEISSE FÜRSTIN

horcht einen Augenblick

Nein; komm zur Terrasse. Man sieht von der Mitte so

weit ins Meer.

Sie gehen, sich umsaßt haltend, langsam durch die Platanen Allee.

Das Meer atmet langsamer und schwerer. Als die Fürstin

einmal stehen bleibt und zurücksieht, sagt

MONNA LARA

wie einen Kindervers

Nun kannst du nicht gehen und Linnen verschenken

und Öl und Salbe und Spezerei,

mußt an dein eigenes Bette denken,

daß es bereit und selig sei.

DIE WEISSE FÜRSTIN

nickt ernsthaft im Weitergehen.--- Ein

Stück weiter faßt Monna Lara die Fürstin an der Hand.

Sie bleiben beide stehen, die Fürstin sieht wieder nach dem Meer

MONNA LARA

Glaubst du, kann ich dir dein Lager rüsten

und das Becken in das du dein Antlitz tauchst?

Mir ist als ob meine Hände wüßten

Alles was du heute brauchst.

Die Fürstin nickt und sie gehen wieder ein Stück weiter;

so kommen sie auf die Stufen der Terrasse und bleiben wieder stehen

MONNA LARA

kniet plötzlich nieder

Ich will dich betten. Ich will dir dienen.

Alles Meine ist zu dir treu

Die weiße Fürstin hebt sie leise empor, faßt ihr Gesicht mit

beiden Händen und sieht hinein

DIE WEISSE FÜRSTIN

Deine Augen sind tief und neu.

Ich sehe mein ganzes Glück in ihnen.

Sie küẞt sie auf den Mund. Monna Lara macht sich schnell los

und eilt ins Haus hinein.

Die Fürstin schreitet jetzt die letzten Stufen empor, wendet sich

und sieht in großem Erwarten auf das Meer hinaus. Nach

einer Weile erscheint Monna Lara, einen silbernen Spiegel tragend,

den sie, indem sie niederkniet, der Fürstin vorhält.

Langsam ordnet die Fürstin ihr schweres Haar.

MONNA LARA

unter dem Spiegel, leise

Jetzt ist er mir wiedergekommen.

Er hat mich einmal an der Hand genommen.

Jetzt fühl ich es wieder in meiner Hand.

Sieh, so hab ich ihn doch gekannt...

Die Fürstin lächelt in den Spiegel hinein, zerstreut hinhörend.

Gleich darauf richtet sie sich, ausblickend, auf

MONNA LARA

Jetzt geht die Sonne ins Meer.

Sie eilt ins Haus zurück.

Pause.

Die weiße Fürstin steht jetzt allein, aufrecht und in gespanntem

Schauen, auf der Terrasse. Die Villa hinter ihr wird immer strahlender

(als leuchte ein großes Fest darin) vom Widerschein der sinkenden

Sonne. Da erkennt die Fürstin, nach rechts blickend, etwas Fernes. Sie

langt einmal flüchtig nach der Gürteltasche, wie um zum Winken bereit

zu ſein. Dann wartet sie. Endlich hört man Ruderschläge, die näher

kommen. Während die Fürstin der Bewegung draußen in ihrem ganzen Wesen

folgt, ist den Strand entlang von rechts (vom Zuschauer aus gemeint)

ein Frater der Misericordia, die schwarze Maske vor dem Geficht,

aufgetreten und bis an den Anfang der Allee gegangen. Ihm folgt ein

zweiter. Sie sehen beide nach dem Haus und flüstern miteinander.

Jetzt, da die Fürstin mit einer schnellen Gebärde nach ihrem Tuche

greift, rühren sich beide, und der erste Mönch macht einige rasche

Schritte vorwärts. Dann zögert er, wendet sich nach seinem Gefährten

zurück, steht still. Die weiße Fürstin hat ihn bemerkt. Von diesem

Augenblick an sieht sie nur ihn; ihre Gestalt erstarrt in Schrecken,

sie verliert das Meer aus den Augen, aus dem Bewußtsein, während jetzt

ganz laut die Ruderschläge von dort, langsam, zögernd, vernehmbar

sind. Die Fürstin macht eine große Anstrengung, den entsetzlichen

Bann zu brechen und dennoch zu winken. Eine Weile dauert dieser Kampf.

Bei einer ihrer schweren, mühsamen Bewegungen macht der zweite Bruder

ein paar Schritte, so daß er jetzt fast neben dem ersten in der Allee

steht. Die Fürstin rührt sich nicht mehr. Die Fronte der Villa

beginnt zu verlöschen. Das Boot muß vorbeigefahren sein; leiser,

ferner und ferner verliert sich der Ruderſchlag in dem achweren

Branden des fast nächtlichen Meeres.

Da, als man ihn eben noch unterscheiden kann, wird oben im Haus der

Vorhang von einem der hohen Bogenfenster fortgerissen und etwas

Helles, Schlankes erscheint, fast wie die Figur eines Kindes, und

winkt. Winkterst rufend; hält einen Augenblick ein und winkt dann

anders: schwer und langsam, in zögernden Zügen, wie manzum Abschied

winkt.