Der Tag will uns entwerden

W. Rettich

Der Tag will uns entwerden

Es dunkelt rings auf Erden;

Was blühte, laubte, sproßte,

Verging in Schnee und Froste.

Nacht rückt auf Nacht gedrange,

Dem kranken Tag wird bange,

Als wär nun gar verblichen

Die Sonn und fern entwichen.

Ach Herr, uns fehlt des Lichtes

Im Abend des Gerichtes!

Ob einer schlief, ob wachte,

Muß straucheln hie zunachte,

Muß fallen und verderben,

Müßt ewiglich ersterben,

Wo du nicht selbst ein Gleißen

Vom Firmament verheißen:

Den Trost, den unsre Väter

Erwartet, deine Beter,

Daß er die Nacht zerteile

Mit Kundschaft von dem Heile.

Entzünd ihn, Herr, aufs neue,

Daß unser Herz sich freue,

Den Boten vor der Wende,

Den Stern, den Führer sende,

Der spräch: Dies Jahr der Strafen

Und des Gerichts geht schlafen.

Ich komm, euch einzuladen

Ins Neujahr voller Gnaden.