Zigeunerlied

W. Schreiter

Die Lisa eine Hexe war,

das wussten alle Leute.

Als Kätzchen ging sie gestern um,

als Käutzchen flog sie heute.

Doch endlich hat man sie gefasst

im Wald beim Wurzeisuchen

und schleppte sie zum Galgenberg

trotz Wehgeheul und Fluchen.

Doch als sie auf dem Holzstoß war,

da sprach sie zu mir leise:

"Hol mir die alte Fiedel her,

zu spielen letzte Weise!"

Als ich ihr dann die Geige gab,

begann ein schrilles Tönen,

und Klänge wild, gespensterhaft

entlockte sie den Sehnen,

dass alles Volk im Kreise rings

verfiel dem Zauberreigen,

und immer toller noch begann

die Alte da zu geigen,

bis lang und kurz und jung und alt

vor wildem Taumel trunken,

da warf sie mir die Fiedel hin,

verschwand als wie versunken.

Als ich das alte Geigenholz

nun an mich hatt' genommen,

hat eine wilde Wanderlust

mich stürmisch überkommen.

Wohl durch das ganze Ungarland

begann ich froh zu wandern,

von Agram bis nach Debreczin

von einem Nest zum andern.

Wo immer meine Fiedel klingt,

muss Schmerz und Trauer schwinden.

Sie flieh'n vor meinem Zauberspiel

wie Flugsand vor den Winden. -

Drei Saiten hat die Fiedel nur,

die halten wohl noch lange,

und jeden fasset wilde Lust

bei ihrem Zauberklange. -

Doch wenn die letzte Sehne reißt,

muss ich mein Wandern enden.

Dann ruh' ich unterm Rasen aus,

die Fiedel in den Händen.