Die Walküre
Wagner, Richard
SIEGMUND (Tenor)
HUNDING (Bass)
WOTAN (Bariton)
SIEGLINDE (Sopran)
BRÜNNHILDE (Sopran)
FRICKA (Mezzosopran)
DIE WALKÜREN:
HELMWIGE (Sopran)
GERHILDE (Sopran)
ORTLINDE (Sopran)
WALTRAUTE (Mezzosopran)
SIEGRUNE (Mezzosopran)
ROSSWEISSE (Mezzosopran)
GRIMGERDE (Alt)
SCHWERTLEITE (Alt)
SYSTEMERSTER AUFZUG
SYSTEMVORSPIEL UND ERSTE SZENE
Siegmund, Sieglinde
Das Innere eines Wohnraumes. In der Mitte steht der Stamm einer mächtigen Esche, dessen stark erhabene Wurzeln sich weithin in den Erdboden verlieren; von seinem Wipfel ist der Baum durch ein gezimmertes Dach geschieden, welches so durchschnitten ist, dass der Stamm und die nach allen Seiten hin sich ausstreckenden Äste durch genau entsprechende Öffnungen hindurchgehen; von dem belaubten Wipfel wird angenommen, dass er sich über dieses Dach ausbreite. Um den Eschenstamm, als Mittelpunkt, ist nun ein Saal gezimmert; die Wände sind aus roh behauenem Holzwerk, hier und da mit geflochtenen und gewebten Decken behangen. Rechts im Vordergrunde steht der Herd, dessen Rauchfang seitwärts zum Dache hinausführt: hinter dem Herde befindet sich ein innerer Raum, gleich einem Vorratsspeicher, zu dem man auf einigen hölzernen Stufen hinaufsteigt: davor hängt, halb zurückgeschlagen, eine geflochtene Decke. Im Hintergrunde eine Eingangstür mit schlichtem Holzriegel. Links die Tür zu einem inneren Gemache, zu dem gleichfalls Stufen hinaufführen; weiter vornen auf derselben Seite ein Tisch mit einer breiten, an der Wand angezimmerten Bank dahinter und hölzernen Schemeln davor
Ein kurzes Orchestervorspiel von heftiger, stürmischer Bewegung leitet ein. Als der Vorhang aufgeht, öffnet Siegmund von aussen hastig die Eingangstür und tritt ein: es ist gegen Abend, starkes Gewitter, im Begriff, sich zu legen. Siegmund hält einen Augenblick den Riegel in der Hand und überblickt den Wohnraum: er scheint von übermässiger Anstrengung erschöpft; sein Gewand und Aussehen zeigen, dass er sich auf der Flucht befinde. Da er niemand gewahrt, schliesst er die Tür hinter sich, schreitet auf den Herd zu und wirft sich dort ermattet auf eine Decke von Bärenfell
SIEGMUNDWes Herd dies auch sei, hier muss ich rasten.
Er sinkt zurück und bleibt einige Zeit regungslos ausgestreckt. Sieglinde tritt aus der Tür des inneren Gemaches; sie glaubte ihren Mann heimgekehrt: ihre ernste Miene zeigt sich dann verwundert, als sie einen Fremden am Herde ausgestreckt sieht
noch im Hintergrunde
SIEGLINDEEin fremder Mann? Ihn muss ich fragen.
Sie tritt ruhig einige Schritte näher
SIEGLINDEWer kam ins Haus und liegt dort am Herd?
Da Siegmund sich nicht regt, tritt sie noch etwas näher und betrachtet ihn
SIEGLINDEMüde liegt er, von Weges Müh'n.
SIEGLINDESchwanden die Sinne ihm? Wäre er siech?
Sie neigt sich zu ihm herab und lauscht
SIEGLINDENoch schwillt ihm der Atem; das Auge nur schloss er. -
SIEGLINDEMutig dünkt mich der Mann, sank er müd' auch hin.
fährt jäh mit dem Haupt in die Höhe
SIEGMUNDEin Quell! Ein Quell!
SIEGLINDEErquickung schaff' ich.
Sie nimmt schnell ein Trinkhorn und geht damit aus dem Hause. Sie kommt zurück und reicht das gefüllte Trinkhorn Siegmund
SIEGLINDELabung biet' ich dem lechzenden Gaumen:
SIEGLINDEWasser, wie du gewollt.
Siegmund trinkt und reicht ihr das Horn zurück. Als er ihr mit dem Haupte Dank zuwinkt, haftet sein Blick mit steigender Teilnahme an ihren Mienen
SIEGMUNDKühlende Labung gab mir der Quell,
SIEGMUNDdes Müden Last machte er leicht:
SIEGMUNDerfrischt ist der Mut,
SIEGMUNDdas Aug' erfreut des Sehens selige Lust.
SIEGMUNDWer ist's, der so mir es labt?
SIEGLINDEDies Haus und dies Weib sind Hundings Eigen;
SIEGLINDEgastlich gönn' er dir Rast: harre, bis heim er kehrt!
SIEGMUNDWaffenlos bin ich:
SIEGMUNDdem wunden Gast wird dein Gatte nicht wehren.
mit besorgter Hast
SIEGLINDEDie Wunden weise mir schnell!
schüttelt sich und springt lebhaft vom Lager zum Sitz auf
SIEGMUNDGering sind sie, der Rede nicht wert;
SIEGMUNDnoch fügen des Leibes Glieder sich fest.
SIEGMUNDHätten halb so stark wie mein Arm
SIEGMUNDSchild und Speer mir gehalten,
SIEGMUNDnimmer floh ich dem Feind,
SIEGMUNDdoch zerschellten mir Speer und Schild.
SIEGMUNDDer Feinde Meute hetzte mich müd',
SIEGMUNDGewitterbrunst brach meinen Leib;
SIEGMUNDdoch schneller, als ich der Meute,
SIEGMUNDschwand die Müdigkeit mir:
SIEGMUNDsank auf die Lider mir Nacht;
SIEGMUNDdie Sonne lacht mir nun neu.
geht nach dem Speicher, füllt ein Horn mit Met und reicht es Siegmund mit freundlicher Bewegtheit
SIEGLINDEDes seimigen Metes süssen Trank
SIEGLINDEmög'st du mir nicht verschmähn.
SIEGMUNDSchmecktest du mir ihn zu?
Sieglinde nippt am Horne und reicht es ihm wieder. Siegmund tut einen langen Zug, indem er den Blick mit wachsender Wärme auf sie heftet. Er setzt so das Horn ab und lässt es langsam sinken, während der Ausdruck seiner Miene in starke Ergriffenheit übergeht. Er seufzt tief auf und senkt den Blick düster zu Boden
mit bebender Stimme
SIEGMUNDEinen Unseligen labtest du:
SIEGMUNDUnheil wende der Wunsch von dir!
Er bricht schnell auf, um fortzugehen
SIEGMUNDGerastet hab' ich und süss geruht.
SIEGMUNDWeiter wend' ich den Schritt.
er geht nach hinten
lebhaft sich umwendend
SIEGLINDEWer verfolgt dich, dass du schon fliehst?
von ihrem Rufe gefesselt, wendet sich wieder; langsam und düster
SIEGMUNDMisswende folgt mir, wohin ich fliehe;
SIEGMUNDMisswende naht mir, wo ich mich neige. -
SIEGMUNDDir, Frau, doch bleibe sie fern!
SIEGMUNDFort wend' ich Fuss und Blick.
Er schreitet schnell bis zur Tür und hebt den Riegel
in heftigem Selbstvergessen ihm nachrufend
SIEGLINDESo bleibe hier!
SIEGLINDENicht bringst du Unheil dahin,
SIEGLINDEwo Unheil im Hause wohnt!
Siegmund bleibt tief erschüttert stehen; er forscht in Sieglindes Mienen; diese schlägt verschämt und traurig die Augen nieder. Langes Schweigen
kehrt zurück
SIEGMUNDWehwalt hiess ich mich selbst:
SIEGMUNDHunding will ich erwarten.
Er lehnt sich an den Herd; sein Blick haftet mit ruhiger und entschlossener Teilnahme an Sieglinde; diese hebt langsam das Auge wieder zu ihm auf. Beide blicken sich in langem Schweigen mit dem Ausdruck tiefster Ergriffenheit in die Augen
Die Vorigen, Hunding
Sieglinde fährt plötzlich auf, lauscht und hört Hunding, der sein Ross aussen zum Stall führt. Sie geht hastig zur Tür und öffnet; Hunding, gewaffnet mit Schild und Speer, tritt ein und hält unter der Tür, als er Siegmund gewahrt. Hunding wendet sich mit einem ernst fragenden Blick an Sieglinde
dem Blicke Hundings entgegnend
SIEGLINDEMüd am Herd fand ich den Mann:
SIEGLINDENot führt' ihn ins Haus.
HUNDINGDu labtest ihn?
SIEGLINDEDen Gaumen letzt' ich ihm, gastlich sorgt' ich sein!
der ruhig und fest Hunding beobachtet
SIEGMUNDDach und Trank dank' ich ihr:
SIEGMUNDwillst du dein Weib drum schelten?
HUNDINGHeilig ist mein Herd: -
HUNDINGheilig sei dir mein Haus!
er legt seine Waffen ab und übergibt sie Sieglinde. Zu Sieglinde
HUNDINGRüst' uns Männern das Mahl!
Sieglinde hängt die Waffen an Ästen des Eschenstammes auf, dann holt sie Speise und Trank aus dem Speicher und rüstet auf dem Tische das Nachtmahl. Unwillkürlich heftet sie wieder den Blick auf Siegmund. Hunding misst scharf und verwundert Siegmunds Züge, die er mit denen seiner Frau vergleicht; für sich
HUNDINGWie gleicht er dem Weibe!
HUNDINGDer gleissende Wurm glänzt auch ihm aus dem Auge.
er birgt sein Befremden und wendet sich wie unbefangen zu Siegmund
HUNDINGWeit her, traun, kamst du des Wegs;
HUNDINGein Ross nicht ritt, der Rast hier fand:
HUNDINGwelch schlimme Pfade schufen dir Pein?
SIEGMUNDDurch Wald und Wiese, Heide und Hain,
SIEGMUNDjagte mich Sturm und starke Not:
SIEGMUNDnicht kenn' ich den Weg, den ich kam.
SIEGMUNDWohin ich irrte, weiss ich noch minder:
SIEGMUNDKunde gewänn' ich des gern.
am Tische und Siegmund den Sitz bietend
HUNDINGDes Dach dich deckt, des Haus dich hegt,
HUNDINGHunding heisst der Wirt;
HUNDINGwendest von hier du nach West den Schritt,
HUNDINGin Höfen reich hausen dort Sippen,
HUNDINGdie Hundings Ehre behüten.
HUNDINGGönnt mir Ehre mein Gast,
HUNDINGwird sein Name nun mir gennant.
Siegmund, der sich am Tisch niedergesetzt, blickt nachdenklich vor sich hin. Sieglinde, die sich neben Hunding, Siegmund gegenüber, gesetzt, heftet ihr Auge mit auffallender Teilnahme und Spannung auf diesen
der beide beobachtet
HUNDINGTrägst du Sorge, mir zu vertraun,
HUNDINGder Frau hier gib doch Kunde:
HUNDINGsieh, wie gierig sie dich frägt!
unbefangen und teilnahmsvoll
SIEGLINDEGast, wer du bist, wüsst' ich gern.
blickt auf, sieht ihr in das Auge und beginnt ernst
SIEGMUNDFriedmund darf ich nicht heissen;
SIEGMUNDFrohwalt möcht' ich wohl sein:
SIEGMUNDdoch Wehwalt musst ich mich nennen.
SIEGMUNDWolfe, der war mein Vater;
SIEGMUNDzu zwei kam ich zur Welt,
SIEGMUNDeine Zwillingsschwester und ich.
SIEGMUNDFrüh schwanden mir Mutter und Maid.
SIEGMUNDDie mich gebar und die mit mir sie barg,
SIEGMUNDkaum hab' ich je sie gekannt.
SIEGMUNDWehrlich und stark war Wolfe;
SIEGMUNDder Feinde wuchsen ihm viel.
SIEGMUNDZum Jagen zog mit dem Jungen der Alte:
SIEGMUNDVon Hetze und Harst einst kehrten wir heim:
SIEGMUNDda lag das Wolfsnest leer.
SIEGMUNDZu Schutt gebrannt der prangende Saal,
SIEGMUNDzum Stumpf der Eiche blühender Stamm;
SIEGMUNDerschlagen der Mutter mutiger Leib,
SIEGMUNDverschwunden in Gluten der Schwester Spur:
SIEGMUNDuns schuf die herbe Not
SIEGMUNDder Neidinge harte Schar.
SIEGMUNDGeächtet floh der Alte mit mir;
SIEGMUNDlange Jahre lebte der Junge
SIEGMUNDmit Wolfe im wilden Wald:
SIEGMUNDmanche Jagd ward auf sie gemacht;
SIEGMUNDdoch mutig wehrte das Wolfspaar sich.
zu Hunding gewandt
SIEGMUNDEin Wölfing kündet dir das,
SIEGMUNDden als "Wölfing" mancher wohl kennt.
HUNDINGWunder und wilde Märe kündest du, kühner Gast,
HUNDINGWehwalt - der Wölfing!
HUNDINGMich dünkt, von dem wehrlichen Paar
HUNDINGvernahm ich dunkle Sage,
HUNDINGkannt' ich auch Wolfe und Wölfing nicht.
SIEGLINDEDoch weiter künde, Fremder:
SIEGLINDEwo weilt dein Vater jetzt?
SIEGMUNDEin starkes Jagen auf uns stellten die Neidinge an:
SIEGMUNDder Jäger viele fielen den Wölfen,
SIEGMUNDin Flucht durch den Wald
SIEGMUNDtrieb sie das Wild.
SIEGMUNDWie Spreu zerstob uns der Feind.
SIEGMUNDDoch ward ich vom Vater versprengt;
SIEGMUNDseine Spur verlor ich, je länger ich forschte:
SIEGMUNDeines Wolfes Fell nur
SIEGMUNDtraf ich im Forst;
SIEGMUNDleer lag das vor mir, den Vater fand ich nicht.
SIEGMUNDAus dem Wald trieb es mich fort;
SIEGMUNDmich drängt' es zu Männern und Frauen.
SIEGMUNDWieviel ich traf, wo ich sie fand,
SIEGMUNDob ich um Freund', um Frauen warb,
SIEGMUNDimmer doch war ich geächtet:
SIEGMUNDUnheil lag auf mir.
SIEGMUNDWas Rechtes je ich riet, andern dünkte es arg,
SIEGMUNDwas schlimm immer mir schien,
SIEGMUNDandre gaben ihm Gunst.
SIEGMUNDIn Fehde fiel ich, wo ich mich fand,
SIEGMUNDZorn traf mich, wohin ich zog;
SIEGMUNDgehrt' ich nach Wonne, weckt' ich nur Weh':
SIEGMUNDdrum musst' ich mich Wehwalt nennen;
SIEGMUNDdes Wehes waltet' ich nur.
Er sieht zu Sieglinde auf und gewahrt ihren teilnehmenden Blick
HUNDINGDie so leidig Los dir beschied,
HUNDINGnicht liebte dich die Norn':
HUNDINGfroh nicht grüsst dich der Mann,
HUNDINGdem fremd als Gast du nahst.
SIEGLINDEFeige nur fürchten den, der waffenlos einsam fährt! -
SIEGLINDEKünde noch, Gast,
SIEGLINDEwie du im Kampf zuletzt die Waffe verlorst!
immer lebhafter
SIEGMUNDEin trauriges Kind rief mich zum Trutz:
SIEGMUNDvermählen wollte der Magen Sippe
SIEGMUNDdem Mann ohne Minne die Maid.
SIEGMUNDWider den Zwang zog ich zum Schutz,
SIEGMUNDder Dränger Tross traf ich im Kampf:
SIEGMUNDdem Sieger sank der Feind.
SIEGMUNDErschlagen lagen die Brüder:
SIEGMUNDdie Leichen umschlang da die Maid,
SIEGMUNDden Grimm verjagt' ihr der Gram.
SIEGMUNDMit wilder Tränen Flut betroff sie weinend die Wal:
SIEGMUNDum des Mordes der eignen Brüder
SIEGMUNDklagte die unsel'ge Braut.
SIEGMUNDDer Erschlagnen Sippen stürmten daher;
SIEGMUNDübermächtig ächzten nach Rache sie;
SIEGMUNDrings um die Stätte ragten mir Feinde.
SIEGMUNDDoch von der Wal wich nicht die Maid;
SIEGMUNDmit Schild und Speer schirmt' ich sie lang',
SIEGMUNDbis Speer und Schild im Harst mir zerhaun.
SIEGMUNDWund und waffenlos stand ich -
SIEGMUNDsterben sah ich die Maid:
SIEGMUNDmich hetzte das wütende Heer -
SIEGMUNDauf den Leichen lag sie tot.
mit einem Blicke voll schmerzlichen Feuers auf Sieglinde
SIEGMUNDNun weisst du, fragende Frau,
SIEGMUNDwarum ich Friedmund nicht heisse!
Er steht auf und schreitet auf den Herd zu. Sieglinde blickt erbleichend und tief erschüttert zu Boden
erhebt sich, sehr finster
HUNDINGIch weiss ein wildes Geschlecht,
HUNDINGnicht heilig ist ihm, was andern hehr:
HUNDINGverhasst ist es allen und mir.
HUNDINGZur Rache ward ich gerufen,
HUNDINGSühne zu nehmen für Sippenblut:
HUNDINGzu spät kam ich, und kehrte nun heim,
HUNDINGdes flücht'gen Frevlers Spur im eignen Haus zu erspähn. -
Er geht herab
HUNDINGMein Haus hütet, Wölfing, dich heut';
HUNDINGfür die Nacht nahm ich dich auf;
HUNDINGmit starker Waffe doch wehre dich morgen;
HUNDINGzum Kampfe kies' ich den Tag:
HUNDINGfür Tote zahlst du mir Zoll.
Sieglinde schreitet mit besorgter Gebärde zwischen die beiden Männer vor
barsch
HUNDINGFort aus dem Saal! Säume hier nicht!
HUNDINGDen Nachttrunk rüste mir drin und harre mein' zur Ruh'.
Sieglinde steht eine Weile unentschieden und sinnend. Sie wendet sich langsam und zögernden Schrittes nach dem Speicher. Dort hält sie wieder an und bleibt, in Sinnen verloren, mit halb abgewandtem Gesicht stehen. Mit ruhigem Entschluss öffnet sie den Schrein, füllt ein Trinkhorn und schüttet aus einer Büchse Würze hinein. Dann wendet sie das Auge auf Siegmund, um seinem Blicke zu begegnen, den dieser fortwährend auf sie heftet. Sie gewahrt Hundings Spähen und wendet sich sogleich zum Schlafgemach. Auf den Stufen kehrt sie sich noch einmal um, heftet das Auge sehnsuchtsvoll auf Siegmund und deutet mit dem Blicke andauernd und mit sprechender Bestimmtheit auf eine Stelle am Eschenstamme. Hunding fährt auf und treibt sie mit einer heftigen Gebärde zum Fortgehen an. Mit einem letzten Blick auf Siegmund geht sie in das Schlafgemach und schliesst hinter sich die Türe
nimmt seine Waffen vom Stamme herab
HUNDINGMit Waffen wehrt sich der Mann.
Im Abgehen sich zu Siegmund wendend
HUNDINGDich Wölfing treffe ich morgen;
HUNDINGmein Wort hörtest du, hüte dich wohl!
Er geht mit den Waffen in das Gemach; man hört ihn von innen den Riegel schliessen
Siegmund, Sieglinde
Siegmund allein. Es ist vollständig Nacht geworden; der Saal ist nur noch von einem schwachen Feuer im Herde erhellt. Siegmund lässt sich, nah beim Feuer, auf dem Lager nieder und brütet in grosser innerer Aufregung eine Zeitlang schweigend vor sich hin
SIEGMUNDEin Schwert verhiess mir der Vater,
SIEGMUNDich fänd' es in höchster Not.
SIEGMUNDWaffenlos fiel ich in Feindes Haus;
SIEGMUNDseiner Rache Pfand, raste ich hier: -
SIEGMUNDein Weib sah ich, wonnig und hehr:
SIEGMUNDentzückend Bangen zehrt mein Herz.
SIEGMUNDZu der mich nun Sehnsucht zieht,
SIEGMUNDdie mit süssem Zauber mich sehrt,
SIEGMUNDim Zwange hält sie der Mann,
SIEGMUNDder mich Wehrlosen höhnt!
SIEGMUNDWälse! Wälse! Wo ist dein Schwert?
SIEGMUNDDas starke Schwert,
SIEGMUNDdas im Sturm ich schwänge,
SIEGMUNDbricht mir hervor aus der Brust,
SIEGMUNDwas wütend das Herz noch hegt?
Das Feuer bricht zusammen; es fällt aus der aufsprühenden Glut plötzlich ein greller Schein auf die Stelle des Eschenstammes, welche Sieglindes Blick bezeichnet hatte und an der man jetzt deutlich einen Schwertgriff haften sieht
SIEGMUNDWas gleisst dort hell im Glimmerschein?
SIEGMUNDWelch ein Strahl bricht aus der Esche Stamm?
SIEGMUNDDes Blinden Auge leuchtet ein Blitz:
lustig lacht da der Blick.
SIEGMUNDWie der Schein so hehr das Herz mir sengt!
SIEGMUNDIst es der Blick der blühenden Frau,
SIEGMUNDden dort haftend sie hinter sich liess,
SIEGMUNDals aus dem Saal sie schied?
von hier an verglimmt das Herdfeuer allmählich
SIEGMUNDNächtiges Dunkel deckte mein Aug',
SIEGMUNDihres Blickes Strahl streifte mich da:
SIEGMUNDWärme gewann ich und Tag.
SIEGMUNDSelig schien mir der Sonne Licht;
SIEGMUNDden Scheitel umgliss mir ihr wonniger Glanz -
SIEGMUNDbis hinter Bergen sie sank.
Ein neuer schwacher Aufschein des Feuers
SIEGMUNDNoch einmal, da sie schied,
SIEGMUNDtraf mich abends ihr Schein;
SIEGMUNDselbst der alten Esche Stamm
SIEGMUNDerglänzte in goldner Glut:
SIEGMUNDda bleicht die Blüte, das Licht verlischt;
SIEGMUNDnächtiges Dunkel deckt mir das Auge:
SIEGMUNDtief in des Busens Berge glimmt nur noch lichtlose Glut.
Das Feuer ist gänzlich verloschen: volle Nacht. Das Seitengemach öffnet sich leise: Sieglinde, in weissem Gewande, tritt heraus und schreitet leise, doch rasch, auf den Herd zu
SIEGLINDESchläfst du, Gast?
freudig überrascht aufspringend
SIEGMUNDWer schleicht daher?
mit geheimnisvoller Hast
SIEGLINDEIch bin's: höre mich an!
SIEGLINDEIn tiefem Schlaf liegt Hunding;
SIEGLINDEich würzt' ihm betäubenden Trank:
SIEGLINDEnütze die Nacht dir zum Heil!
hitzig unterbrechend
SIEGMUNDHeil macht mich dein Nah'n!
SIEGLINDEEine Waffe lass mich dir weisen: o wenn du sie gewännst!
SIEGLINDEDen hehrsten Helden dürft' ich dich heissen:
SIEGLINDEdem Stärksten allein ward sie bestimmt.
SIEGLINDEO merke wohl, was ich dir melde!
SIEGLINDEDer Männer Sippe sass hier im Saal,
SIEGLINDEvon Hunding zur Hochzeit geladen:
SIEGLINDEer freite ein Weib,
SIEGLINDEdas ungefragt Schächer ihm schenkten zur Frau.
SIEGLINDETraurig sass ich, während sie tranken;
SIEGLINDEein Fremder trat da herein:
SIEGLINDEein Greis in blauem Gewand;
SIEGLINDEtief hing ihm der Hut,
SIEGLINDEder deckt' ihm der Augen eines;
SIEGLINDEdoch des andren Strahl, Angst schuf es allen,
SIEGLINDEtraf die Männer sein mächtiges Dräu'n:
SIEGLINDEmir allein weckte das Auge
SIEGLINDEsüss sehnenden Harm,
SIEGLINDETränen und Trost zugleich.
Auf mich blickt' er und blitzte auf jene,
SIEGLINDEals ein Schwert in Händen er schwang;
SIEGLINDEdas stiess er nun in der Esche Stamm,
SIEGLINDEbis zum Heft haftet' es drin:
SIEGLINDEdem sollte der Stahl geziemen,
SIEGLINDEder aus dem Stamm es zög'.
SIEGLINDEDer Männer alle, so kühn sie sich mühten,
SIEGLINDEdie Wehr sich keiner gewann;
SIEGLINDEGäste kamen und Gäste gingen,
SIEGLINDEdie stärksten zogen am Stahl -
SIEGLINDEkeinen Zoll entwich er dem Stamm:
SIEGLINDEdort haftet schweigend das Schwert. -
SIEGLINDEDa wusst' ich, wer der war,
SIEGLINDEder mich Gramvolle gegrüsst; ich weiss auch,
SIEGLINDEwem allein im Stamm das Schwert er bestimmt.
SIEGLINDEO fänd' ich ihn hier und heut', den Freund;
SIEGLINDEkäm' er aus Fremden zur ärmsten Frau.
SIEGLINDEWas je ich gelitten in grimmigem Leid,
SIEGLINDEwas je mich geschmerzt in Schande und Schmach, -
SIEGLINDEsüsseste Rache sühnte dann alles!
SIEGLINDEErjagt hätt' ich, was je ich verlor,
SIEGLINDEwas je ich beweint, wär' mir gewonnen,
SIEGLINDEfänd' ich den heiligen Freund,
SIEGLINDEumfing' den Helden mein Arm!
mit Glut Sieglinde umfassend
SIEGMUNDDich selige Frau hält nun der Freund,
SIEGMUNDdem Waffe und Weib bestimmt!
SIEGMUNDHeiss in der Brust brennt mir der Eid,
SIEGMUNDder mich dir Edlen vermählt.
SIEGMUNDWas je ich ersehnt, ersah ich in dir;
SIEGMUNDin dir fand ich, was je mir gefehlt!
SIEGMUNDLittest du Schmach,
SIEGMUNDund schmerzte mich Leid;
SIEGMUNDwar ich geächtet, und warst du entehrt:
SIEGMUNDfreudige Rache lacht nun den Frohen!
SIEGMUNDAuf lach' ich in heiliger Lust,
SIEGMUNDhalt' ich dich Hehre umfangen,
SIEGMUNDfühl' ich dein schlagendes Herz!
Die grosse Türe springt auf
fährt erschrocken zusammen und reisst sich los
SIEGLINDEHa, wer ging? Wer kam herein?
Die Tür bleibt weit geöffnet: aussen herrliche Frühlingsnacht; der Vollmond leuchtet herein und wirft sein helles Licht auf das Paar, das so sich plötzlich in voller Deutlichkeit wahrnehmen kann
in leiser Entzückung
SIEGMUNDKeiner ging - doch einer kam:
SIEGMUNDsiehe, der Lenz lacht in den Saal!
Siegmund zieht Sieglinde mit sanfter Gewalt zu sich auf das Lager, so dass sie neben ihm zu sitzen kommt, Wachsende Helligkeit des Mondscheines
SIEGMUNDWinterstürme wichen
SIEGMUNDdem Wonnemond,
SIEGMUNDin mildem Lichte leuchtet der Lenz;
SIEGMUNDauf linden Lüften leicht und lieblich,
SIEGMUNDWunder webend er sich wiegt;
SIEGMUNDdurch Wald und Auen weht sein Atem,
weit geöffnet lacht sein Aug': -
SIEGMUNDaus sel'ger Vöglein Sange süss er tönt,
SIEGMUNDholde Düfte haucht er aus;
SIEGMUNDseinem warmen Blut entblühen wonnige Blumen,
SIEGMUNDKeim und Spross entspringt seiner Kraft.
SIEGMUNDMit zarter Waffen Zier bezwingt er die Welt;
SIEGMUNDWinter und Sturm wichen der starken Wehr:
SIEGMUNDwohl musste den tapfern Streichen
SIEGMUNDdie strenge Türe auch weichen,
SIEGMUNDdie trotzig und starr uns trennte von ihm. -
SIEGMUNDZu seiner Schwester schwang er sich her;
SIEGMUNDdie Liebe lockte den Lenz:
SIEGMUNDin unsrem Busen barg sie sich tief;
nun lacht sie selig dem Licht.
SIEGMUNDDie bräutliche Schwester befreite der Bruder;
SIEGMUNDzertrümmert liegt, was je sie getrennt:
SIEGMUNDjauchzend grüsst sich das junge Paar:
SIEGMUNDvereint sind Liebe und Lenz!
SIEGLINDEDu bist der Lenz, nach dem ich verlangte
SIEGLINDEin frostigen Winters Frist.
SIEGLINDEDich grüsste mein Herz mit heiligem Grau'n,
SIEGLINDEals dein Blick zuerst mir erblühte.
SIEGLINDEFremdes nur sah ich von je,
SIEGLINDEfreudlos war mir das Nahe.
SIEGLINDEAls hätt' ich nie es gekannt, war, was immer mir kam.
SIEGLINDEDoch dich kannt' ich deutlich und klar:
SIEGLINDEals mein Auge dich sah,
SIEGLINDEwarst du mein Eigen;
SIEGLINDEwas im Busen ich barg, was ich bin,
SIEGLINDEhell wie der Tag taucht' es mir auf,
SIEGLINDEo wie tönender Schall schlug's an mein Ohr,
SIEGLINDEals in frostig öder Fremde
SIEGLINDEzuerst ich den Freund ersah.
Sie hängt sich entzückt an seinen Hals und blickt ihm nahe ins Gesicht
mit Hingerissenheit
SIEGMUNDO süsseste Wonne!
SIEGMUNDO seligstes Weib!
dicht an seinen Augen
SIEGLINDEO lass in Nähe zu dir mich neigen,
SIEGLINDEdass hell ich schaue den hehren Schein,
SIEGLINDEder dir aus Aug' und Antlitz bricht
SIEGLINDEund so süss die Sinne mir zwingt.
SIEGMUNDIm Lenzesmond leuchtest du hell;
SIEGMUNDhehr umwebt dich das Wellenhaar:
SIEGMUNDwas mich berückt, errat' ich nun leicht,
SIEGMUNDdenn wonnig weidet mein Blick.
schlägt ihm die Locken von der Stirn zurück und betrachtet ihn staunend
SIEGLINDEWie dir die Stirn so offen steht,
SIEGLINDEder Adern Geäst in den Schläfen sich schlingt!
SIEGLINDEMir zagt es vor der Wonne, die mich entzückt!
SIEGLINDEEin Wunder will mich gemahnen:
SIEGLINDEden heut' zuerst ich erschaut,
SIEGLINDEmein Auge sah dich schon!
SIEGMUNDEin Minnetraum gemahnt auch mich:
SIEGMUNDin heissem Sehnen sah ich dich schon!
SIEGLINDEIm Bach erblickt' ich mein eigen Bild -
SIEGLINDEund jetzt gewahr' ich es wieder:
SIEGLINDEwie einst dem Teich es enttaucht,
SIEGLINDEbietest mein Bild mir nun du!
SIEGMUNDDu bist das Bild,
SIEGMUNDdas ich in mir barg.
den Blick schnell abwendend
SIEGLINDEO still! Lass mich der Stimme lauschen:
SIEGLINDEmich dünkt, ihren Klang
SIEGLINDEhört' ich als Kind.
aufgeregt
SIEGLINDEDoch nein! Ich hörte sie neulich,
SIEGLINDEals meiner Stimme Schall
SIEGLINDEmir widerhallte der Wald.
SIEGMUNDO lieblichste Laute,
SIEGMUNDdenen ich lausche!
ihm wieder in die Augen spähend
SIEGLINDEDeines Auges Glut erglänzte mir schon:
SIEGLINDEso blickte der Greis grüssend auf mich,
SIEGLINDEals der Traurigen Trost er gab.
SIEGLINDEAn dem Blick erkannt' ihn sein Kind -
SIEGLINDEschon wollt' ich beim Namen ihn nennen!
SIEGLINDESie hält inne und fährt dann leise fort
SIEGLINDEWehwalt heisst du fürwahr?
SIEGMUNDNicht heiss' ich so, seit du mich liebst:
SIEGMUNDnun walt' ich der hehrsten Wonnen!
SIEGLINDEUnd Friedmund darfst du
SIEGLINDEfroh dich nicht nennen?
SIEGMUNDNenne mich du, wie du liebst, dass ich heisse:
SIEGMUNDden Namen nehm' ich von dir!
SIEGLINDEDoch nanntest du Wolfe den Vater?
SIEGMUNDEin Wolf war er feigen Füchsen!
SIEGMUNDDoch dem so stolz strahlte das Auge,
SIEGMUNDwie, Herrliche, hehr dir es strahlt,
SIEGMUNDder war: - Wälse genannt.
ausser sich
SIEGLINDEWar Wälse dein Vater, und bist du ein Wälsung,
SIEGLINDEstiess er für dich sein Schwert in den Stamm,
SIEGLINDEso lass mich dich heissen, wie ich dich liebe:
SIEGLINDESiegmund - so nenn' ich dich!
springt auf den Stamm zu und fasst den Schwertgriff
SIEGMUNDSiegmund heiss' ich und Siegmund bin ich!
SIEGMUNDBezeug' es dies Schwert, das zaglos ich halte!
SIEGMUNDWälse verhiess mir, in höchster Not
SIEGMUNDfänd' ich es einst: ich fass' es nun!
SIEGMUNDHeiligster Minne höchste Not,
SIEGMUNDsehnender Liebe sehrende Not
SIEGMUNDbrennt mir hell in der Brust,
SIEGMUNDdrängt zu Tat und Tod:
SIEGMUNDNotung! Notung! So nenn' ich dich, Schwert -
SIEGMUNDNotung! Notung! Neidlicher Stahl!
SIEGMUNDZeig' deiner Schärfe schneidenden Zahn:
SIEGMUNDheraus aus der Scheide zu mir!
Er zieht mit einem gewaltigen Zuck das Schwert aus dem Stamme und zeigt es der von Staunen und Entzücken erfassten Sieglinde
SIEGMUNDSiegmund, den Wälsung, siehst du, Weib!
SIEGMUNDAls Brautgabe bringt er dies Schwert:
SIEGMUNDso freit er sich
SIEGMUNDdie seligste Frau;
SIEGMUNDdem Feindeshaus entführt er dich so.
SIEGMUNDFern von hier folge mir nun,
SIEGMUNDfort in des Lenzes lachendes Haus:
SIEGMUNDdort schützt dich Notung, das Schwert,
SIEGMUNDwenn Siegmund dir liebend erlag!
Er hat sie umfasst, um sie mit sich fortzuziehen
reisst sich in höchster Trunkenheit von ihm los und stellt sich ihm gegenüber
SIEGLINDEBist du Siegmund, den ich hier sehe,
SIEGLINDESieglinde bin ich, die dich ersehnt:
SIEGLINDEdie eigne Schwester
SIEGLINDEgewannst du zu eins mit dem Schwert!
SIEGMUNDBraut und Schwester bist du dem Bruder -
SIEGMUNDso blühe denn, Wälsungen-Blut!
Er zieht sie mit wütender Glut an sich; sie sinkt mit einem Schrei an seine Brust. Der Vorhang fällt schnell
SYSTEMZWEITER AUFZUG
Wildes Felsengebirge Im Hintergrund zieht sich von unten her eine Schlucht herauf, die auf ein erhöhtes Felsjoch mündet; von diesem senkt sich der Boden dem Vordergrunde zu wieder abwärts
SYSTEMVORSPIEL UND ERSTE SZENE
Wotan, Brünnhilde als Walküre, später Fricka Wotan, kriegerisch gewaffnet, mit dem Speer; vor ihm Brünnhilde, als Walküre, ebenfalls in voller Waffenrüstung
WOTANNun zäume dein Ross, reisige Maid!
WOTANBald entbrennt brünstiger Streit:
WOTANBrünnhilde stürme zum Kampf,
WOTANdem Wälsung kiese sie Sieg!
WOTANHunding wähle sich, wem er gehört;
WOTANnach Walhall taugt er mir nicht.
WOTANDrum rüstig und rasch, reite zur Wal!
jauchzend von Fels zu Fels die Höhe rechts hinaufspringend
BRÜNNHILDEHojotoho! Hojotoho!
BRÜNNHILDEHeiaha! Heiaha! Hojotoho! Heiaha!
Sie hält auf einer hohen Felsspitze an, blickt in die hintere Schlucht hinab und ruft zu Wotan zurück
BRÜNNHILDEDir rat' ich, Vater, rüste dich selbst;
BRÜNNHILDEharten Sturm sollst du bestehn.
BRÜNNHILDEFricka naht, deine Frau,
BRÜNNHILDEim Wagen mit dem Widdergespann.
BRÜNNHILDEHei! Wie die goldne Geissel sie schwingt!
BRÜNNHILDEDie armen Tiere ächzen vor Angst;
BRÜNNHILDEwild rasseln die Räder;
BRÜNNHILDEzornig fährt sie zum Zank!
BRÜNNHILDEIn solchem Strausse streit' ich nicht gern,
BRÜNNHILDElieb' ich auch mutiger Männer Schlacht!
BRÜNNHILDEDrum sieh, wie den Sturm du bestehst:
BRÜNNHILDEich Lustige lass' dich im Stich!
BRÜNNHILDEHojotoho! Hojotoho!
BRÜNNHILDEHeiaha! Heiaha!
BRÜNNHILDEHeiahaha!
Brünnhilde verschwindet hinter der Gebirgshöhe zur Seite. In einem mit zwei Widdern bespannten Wagen langt Fricka aus der Schlucht auf dem Felsjoche an, dort hält sie rasch an und steigt aus. Sie schreitet heftig in den Vordergrund auf Wotan zu
Fricka auf sich zuschreiten sehend, für sich
WOTANDer alte Sturm, die alte Müh'!
WOTANDoch stand muss ich hier halten!
je näher sie kommt, desto mehr mässigt sie den Schritt und stellt sich mit Würde vor Wotan hin
FRICKAWo in den Bergen du dich birgst,
FRICKAder Gattin Blick zu entgehn,
FRICKAeinsam hier such' ich dich auf,
FRICKAdass Hilfe du mir verhiessest.
WOTANWas Fricka kümmert, künde sie frei.
FRICKAIch vernahm Hundings Not,
FRICKAum Rache rief er mich an:
FRICKAder Ehe Hüterin hörte ihn,
FRICKAverhiess streng zu strafen die Tat
FRICKAdes frech frevelnden Paars,
FRICKAdas kühn den Gatten gekränkt.
WOTANWas so Schlimmes schuf das Paar,
WOTANdas liebend einte der Lenz?
WOTANDer Minne Zauber entzückte sie:
WOTANwer büsst mir der Minne Macht?
FRICKAWie töricht und taub du dich stellst,
FRICKAals wüsstest fürwahr du nicht,
FRICKAdass um der Ehe heiligen Eid,
FRICKAden hart gekränkten, ich klage!
WOTANUnheilig acht' ich den Eid,
WOTANder Unliebende eint;
WOTANund mir wahrlich mute nicht zu,
WOTANdass mit Zwang ich halte, was dir nicht haftet:
WOTANdenn wo kühn Kräfte sich regen,
WOTANda rat' ich offen zum Krieg.
FRICKAAchtest du rühmlich der Ehe Bruch,
FRICKAso prahle nun weiter und preis' es heilig,
FRICKAdass Blutschande entblüht
FRICKAdem Bund eines Zwillingspaars!
FRICKAMir schaudert das Herz, es schwindelt mein Hirn:
FRICKAbräutlich umfing die Schwester der Bruder!
FRICKAWann ward es erlebt,
FRICKAdass leiblich Geschwister sich liebten?
WOTANHeut' hast du's erlebt!
WOTANErfahre so, was von selbst sich fügt,
WOTANsei zuvor auch noch nie es geschehn.
WOTANDass jene sich lieben, leuchtet dir hell;
WOTANdrum höre redlichen Rat:
WOTANSoll süsse Lust deinen Segen dir lohnen,
WOTANso segne, lachend der Liebe,
WOTANSiegmunds und Sieglindes Bund!
in höchste Entrüstung ausbrechend
FRICKASo ist es denn aus mit den ewigen Göttern,
FRICKAseit du die wilden Wälsungen zeugtest?
FRICKAHeraus sagt' ich's; - traf ich den Sinn?
FRICKANichts gilt dir der Hehren heilige Sippe;
FRICKAhin wirfst du alles, was einst du geachtet;
FRICKAzerreissest die Bande, die selbst du gebunden,
FRICKAlösest lachend des Himmels Haft: -
FRICKAdass nach Lust und Laune nur walte
FRICKAdies frevelnde Zwillingspaar,
FRICKAdeiner Untreue zuchtlose Frucht!
FRICKAO, was klag' ich um Ehe und Eid,
FRICKAda zuerst du selbst sie versehrt!
FRICKADie treue Gattin trogest du stets;
FRICKAwo eine Tiefe, wo eine Höhe,
FRICKAdahin lugte lüstern dein Blick,
FRICKAwie des Wechsels Lust du gewännest
FRICKAund höhnend kränktest mein Herz.
FRICKATrauernden Sinnes musst' ich's ertragen,
FRICKAzogst du zur Schlacht mit den schlimmen Mädchen,
FRICKAdie wilder Minne Bund dir gebar:
FRICKAdenn dein Weib noch scheutest du so,
FRICKAdass der Walküren Schar
FRICKAund Brünnhilde selbst, deines Wunsches Braut,
FRICKAin Gehorsam der Herrin du gabst.
FRICKADoch jetzt, da dir neue
FRICKANamen gefielen,
FRICKAals "Wälse" wölfisch im Walde du schweiftest;
FRICKAjetzt, da zu niedrigster
FRICKASchmach du dich neigtest,
FRICKAgemeiner Menschen ein Paar zu erzeugen:
FRICKAjetzt dem Wurfe der Wölfin
FRICKAwirfst du zu Füssen dein Weib!
FRICKASo führ' es denn aus! Fülle das Mass!
FRICKADie Betrogne lass auch zertreten!
ruhig
WOTANNichts lerntest du, wollt' ich dich lehren,
WOTANwas nie du erkennen kannst,
WOTANeh' nicht ertagte die Tat.
WOTANStets Gewohntes nur magst du verstehn:
WOTANdoch was noch nie sich traf,
WOTANdanach trachtet mein Sinn.
WOTANEines höre! Not tut ein Held,
WOTANder, ledig göttlichen Schutzes,
WOTANsich löse vom Göttergesetz.
WOTANSo nur taugt er zu wirken die Tat,
WOTANdie, wie not sie den Göttern,
WOTANdem Gott doch zu wirken verwehrt.
FRICKAMit tiefem Sinne willst du mich täuschen:
FRICKAwas Hehres sollten Helden je wirken,
FRICKAdas ihren Göttern wäre verwehrt,
FRICKAderen Gunst in ihnen nur wirkt?
WOTANlhres eignen Mutes achtest du nicht?
FRICKAWer hauchte Menschen ihn ein?
FRICKAWer hellte den Blöden den Blick?
FRICKAIn deinem Schutz scheinen sie stark,
FRICKAdurch deinen Stachel streben sie auf:
FRICKAdu reizest sie einzig,
FRICKAdie so mir Ew'gen du rühmst,
FRICKAMit neuer List willst du mich belügen,
FRICKAdurch neue Ränke
FRICKAmir jetzt entrinnen;
FRICKAdoch diesen Wälsung gewinnst du dir nicht:
FRICKAin ihm treff' ich nur dich,
FRICKAdenn durch dich trotzt er allein.
ergriffen
WOTANIn wildem Leiden erwuchs er sich selbst:
WOTANmein Schutz schirmte ihn nie.
FRICKASo schütz' auch heut' ihn nicht!
FRICKANimm ihm das Schwert, das du ihm geschenkt!
WOTANDas Schwert?
FRICKAJa, das Schwert,
FRICKAdas zauberstark zuckende Schwert,
FRICKAdas du Gott dem Sohne gabst.
heftig
WOTANSiegmund gewann es sich
mit unterdrücktem Beben
WOTANselbst in der Not.
Wotan drückt in seiner ganzen Haltung von hier an einen immer wachsenden unheimlichen, tiefen Unmut aus
eifrig fortfahrend
FRICKADu schufst ihm die Not,
FRICKAwie das neidliche Schwert.
FRICKAWillst du mich täuschen,
FRICKAdie Tag und Nacht auf den Fersen dir folgt?
FRICKAFür ihn stiessest du das Schwert in den Stamm,
FRICKAdu verhiessest ihm die hehre Wehr:
FRICKAwillst du es leugnen,
FRICKAdass nur deine List
FRICKAihn lockte, wo er es fänd'?
Wotan fährt mit einer grimmigen Gebärde auf
immer sicherer, da sie den Eindruck gewahrt, den sie auf Wotan hervorgebracht hat
FRICKAMit Unfreien streitet kein Edler,
FRICKAden Frevler straft nur der Freie.
FRICKAWider deine Kraft
FRICKAführt' ich wohl Krieg:
FRICKAdoch Siegmund verfiel mir als Knecht!
Neue heftige Gebärde Wotans, dann Versinken in das Gefühl seiner Ohnmacht
FRICKADer dir als Herren hörig und eigen,
FRICKAgehorchen soll ihm dein ewig Gemahl?
FRICKASoll mich in Schmach der Niedrigste schmähen,
FRICKAdem Frechen zum Sporn,
FRICKAdem Freien zum Spott?
FRICKADas kann mein Gatte nicht wollen,
FRICKAdie Göttin entweiht er nicht so!
finster
WOTANWas verlangst du?
FRICKALass von dem Wälsung!
mit gedämpfter Stimme
WOTANEr geh' seines Wegs.
FRICKADoch du schütze ihn nicht,
FRICKAwenn zur Schlacht ihn der Rächer ruft!
WOTANIch schütze ihn nicht.
FRICKASieh mir ins Auge, sinne nicht Trug:
FRICKAdie Walküre wend' auch von ihm!
WOTANDie Walküre walte frei.
FRICKANicht doch; deinen Willen vollbringt sie allein:
FRICKAverbiete ihr Siegmunds Sieg!
in heftigen inneren Kampf ausbrechend
WOTANIch kann ihn nicht fällen: er fand mein Schwert!
FRICKAEntzieh' dem den Zauber, zerknick' es dem Knecht!
FRICKASchutzlos schau' ihn der Feind!
noch unsichtbar von der Höhe her
BRÜNNHILDEHeiaha! Heiaha! Hojotoho!
FRICKADort kommt deine kühne Maid;
FRICKAjauchzend jagt sie daher.
wie oben
BRÜNNHILDEHeiaha! Heiaha! Heiohotojo! Hotojoha!
dumpf für sich
WOTANIch rief sie für Siegmund zu Ross!
Brünnhilde erscheint mit ihrem Ross auf dem Felsenpfade rechts. Als sie Fricka gewahrt, bricht sie schnell ab und geleitet ihr Ross still und langsam während des Folgenden den Felsweg herab: dort birgt sie es dann in einer Höhle
FRICKADeiner ew'gen Gattin heilige Ehre
FRICKAbeschirme heut' ihr Schild!
FRICKAVon Menschen verlacht, verlustig der Macht,
FRICKAgingen wir Götter zugrund:
FRICKAwürde heut' nicht hehr und herrlich mein Recht
FRICKAgerächt von der mutigen Maid.
FRICKADer Wälsung fällt meiner Ehre:
FRICKAEmpfah' ich von Wotan den Eid?
in furchtbarem Unmut und innerem Grimm auf einen Felsensitz sich werfend
WOTANNimm den Eid!
Fricka schreitet dem Hintergrunde zu: dort begegnet sie Brünnhilde und hält einen Augenblick vor ihr an
zu Brünnhilde
FRICKAHeervater harret dein:
FRICKAlass' ihn dir künden, wie das Los er gekiest!
Sie besteigt den Wagen und fährt schnell davon, Brünnhilde tritt mit besorgter Miene verwundert vor Wotan, der, auf dem Felssitz zurückgelehnt, das Haupt auf die Hand gestützt, in finstres Brüten versunken ist
Brünnhilde, Wotan
BRÜNNHILDESchlimm, fürcht' ich, schloss der Streit,
BRÜNNHILDElachte Fricka dem Lose.
BRÜNNHILDEVater, was soll dein Kind erfahren?
BRÜNNHILDETrübe scheinst du und traurig!
lässt den Arm machtlos sinken und den Kopf in den Nacken fallen
WOTANIn eigner Fessel fing ich mich:
WOTANich Unfreiester aller!
BRÜNNHILDESo sah ich dich nie!
BRÜNNHILDEWas nagt dir das Herz?
von hier an steigert sich Wotans Ausdruck und Gebärde bis zum furchtbarsten Ausbruch
WOTANO heilige Schmach! O schmählicher Harm!
WOTANGötternot! Götternot!
WOTANEndloser Grimm! Ewiger Gram!
WOTANDer Traurigste bin ich von allen!
wirft erschrocken Schild, Speer und Helm von sich und lässt sich mit besorgter Zutraulichkeit zu Wotans Füssen nieder
BRÜNNHILDEVater! Vater! Sage, was ist dir?
BRÜNNHILDEWie erschreckst du mit Sorge dein Kind?
BRÜNNHILDEVertraue mir! Ich bin dir treu:
BRÜNNHILDEsieh, Brünnhilde bittet!
Sie legt traulich und ängstlich Haupt und Hände ihm auf Knie und Schoss
blickt ihr lange ins Auge; dann streichelt er ihr mit unwillkürlicher Zärtlichkeit die Locken. Wie aus tiefem Sinnen zu sich kommend, beginnt er endlich sehr leise
WOTANLass' ich's verlauten,
WOTANlös' ich dann nicht meines Willens haltenden Haft?
ihm ebenso erwidernd
BRÜNNHILDEZu Wotans Willen sprichst du,
BRÜNNHILDEsagst du mir, was du willst;
BRÜNNHILDEwer bin ich, wär' ich dein Wille nicht?
sehr leise
WOTANWas keinem in Worten ich künde,
WOTANunausgesprochen bleib' es denn ewig:
WOTANmit mir nur rat' ich, red' ich zu dir. -
mit noch gedämpfterer, schauerlicher Stimme, während er Brünnhilde unverwandt in das Auge blickt
WOTANAls junger Liebe Lust mir verblich,
WOTANverlangte nach Macht mein Mut:
WOTANvon jäher Wünsche Wüten gejagt,
WOTANgewann ich mir die Welt.
WOTANUnwissend trugvoll, Untreue übt' ich,
WOTANband durch Verträge, was Unheil barg:
WOTANlistig verlockte mich Loge,
WOTANder schweifend nun verschwand.
WOTANVon der Liebe doch mocht' ich nicht lassen,
WOTANin der Macht verlangt' ich nach Minne.
WOTANDen Nacht gebar, der bange Nibelung,
WOTANAlberich, brach ihren Bund;
WOTANer fluchte der Lieb' und gewann durch den Fluch
WOTANdes Rheines glänzendes Gold
WOTANund mit ihm masslose Macht.
WOTANDen Ring, den er schuf,
WOTANentriss ich ihm listig;
WOTANdoch nicht dem Rhein gab ich ihn zurück:
WOTANmit ihm bezahlt' ich Walhalls Zinnen,
WOTANder Burg, die Riesen mir bauten,
WOTANaus der ich der Welt nun gebot.
WOTANDie alles weiss, was einstens war,
WOTANErda, die weihlich weiseste Wala,
WOTANriet mir ab von dem Ring,
WOTANwarnte vor ewigem Ende.
WOTANVon dem Ende wollt' ich mehr noch wissen;
WOTANdoch schweigend entschwand mir das Weib...
WOTANDa verlor ich den leichten Mut,
WOTANzu wissen begehrt' es den Gott:
WOTANin den Schoss der Welt schwang ich mich hinab,
WOTANmit Liebeszauber zwang ich die Wala,
WOTANstört' ihres Wissens Stolz, dass sie Rede nun mir stand.
WOTANKunde empfing ich von ihr;
WOTANvon mir doch barg sie ein Pfand:
WOTANder Welt weisestes Weib
WOTANgebar mir, Brünnhilde, dich.
WOTANMit acht Schwestern zog ich dich auf;
WOTANdurch euch Walküren wollt' ich wenden,
WOTANwas mir die Wala zu fürchten schuf:
WOTANein schmähliches Ende der Ew'gen.
WOTANDass stark zum Streit uns fände der Feind,
WOTANhiess ich euch Helden mir schaffen:
WOTANdie herrisch wir sonst
WOTANin Gesetzen hielten,
WOTANdie Männer, denen den Mut wir gewehrt,
WOTANdie durch trüber Verträge trügende Bande
WOTANzu blindem Gehorsam wir uns gebunden,
WOTANdie solltet zu Sturm
WOTANund Streit ihr nun stacheln,
WOTANihre Kraft reizen zu rauhem Krieg,
WOTANdass kühner Kämpfer Scharen
WOTANich sammle in Walhalls Saal!
BRÜNNHILDEDeinen Saal füllten wir weidlich:
BRÜNNHILDEviele schon führt' ich dir zu.
BRÜNNHILDEWas macht dir nun Sorge, da nie wir gesäumt?
wieder gedämpfter
WOTANEin andres ist's:
WOTANachte es wohl, wes mich die Wala gewarnt!
WOTANDurch Alberichs Heer
WOTANdroht uns das Ende:
WOTANmit neidischem Grimm grollt mir der Niblung:
WOTANdoch scheu' ich nun nicht seine nächtigen Scharen,
WOTANmeine Helden schüfen mir Sieg.
WOTANNur wenn je den Ring
WOTANzurück er gewänne,
WOTANdann wäre Walhall verloren:
WOTANder der Liebe fluchte, er allein
WOTANnützte neidisch des Ringes Runen
WOTANzu aller Edlen endloser Schmach:
WOTANder Helden Mut entwendet' er mir;
WOTANdie Kühnen selber
WOTANzwäng' er zum Kampf;
WOTANmit ihrer Kraft bekriegte er mich.
WOTANSorgend sann ich nun selbst,
WOTANden Ring dem Feind zu entreissen.
WOTANDer Riesen einer, denen ich einst
WOTANmit verfluchtem Gold den Fleiss vergalt:
WOTANFafner hütet den Hort,
WOTANum den er den Bruder gefällt.
WOTANIhm müsst' ich den Reif entringen,
WOTANden selbst als Zoll ich ihm zahlte.
WOTANDoch mit dem ich vertrug,
WOTANihn darf ich nicht treffen;
WOTANmachtlos vor ihm erläge mein Mut: -
WOTANdas sind die Bande, die mich binden:
WOTANder durch Verträge ich Herr,
WOTANden Verträgen bin ich nun Knecht.
WOTANNur einer könnte, was ich nicht darf:
WOTANein Held, dem helfend nie ich mich neigte;
WOTANder fremd dem Gotte, frei seiner Gunst,
WOTANunbewusst, ohne Geheiss,
WOTANaus eigner Not, mit der eignen Wehr
WOTANschüfe die Tat, die ich scheuen muss,
WOTANdie nie mein Rat ihm riet,
WOTANwünscht sie auch einzig mein Wunsch!
WOTANDer, entgegen dem Gott, für mich föchte,
WOTANden freundlichen Feind, wie fände ich ihn?
WOTANWie schüf' ich den Freien, den nie ich schirmte,
WOTANder im eignen Trotze der Trauteste mir?
WOTANWie macht' ich den andren, der nicht mehr ich,
WOTANund aus sich wirkte, was ich nur will?
WOTANO göttliche Not! Grässliche Schmach!
WOTANZum Ekel find' ich ewig nur mich
WOTANin allem, was ich erwirke!
WOTANDas andre, das ich ersehne,
WOTANdas andre erseh' ich nie:
WOTANdenn selbst muss der Freie sich schaffen:
WOTANKnechte erknet' ich mir nur!
BRÜNNHILDEDoch der Wälsung, Siegmund, wirkt er nicht selbst?
WOTANWild durchschweift' ich mit ihm die Wälder;
WOTANgegen der Götter Rat reizte kühn ich ihn auf:
WOTANgegen der Götter Rache
WOTANschützt ihn nun einzig das Schwert,
gedehnt und bitter
WOTANdas eines Gottes Gunst ihm beschied.
WOTANWie wollt' ich listig selbst mich belügen?
WOTANSo leicht ja entfrug mir Fricka den Trug:
WOTANzu tiefster Scham durchschaute sie mich!
WOTANIhrem Willen muss ich gewähren.
BRÜNNHILDESo nimmst du von Siegmund den Sieg?
WOTANIch berührte Alberichs Ring,
WOTANgierig hielt ich das Gold!
WOTANDer Fluch, den ich floh,
WOTANnicht flieht er nun mich:
WOTANWas ich liebe, muss ich verlassen,
WOTANmorden, wen je ich minne,
WOTANtrügend verraten, wer mir traut!
Wotans Gebärde geht aus dem Ausdruck des furchtbarsten Schmerzes zu dem der Verzweiflung über
WOTANFahre denn hin, herrische Pracht,
WOTANgöttlichen Prunkes prahlende Schmach!
WOTANZusammenbreche, was ich gebaut!
WOTANAuf geb' ich mein Werk; nur eines will ich noch:
WOTANdas Ende,
WOTANdas Ende! -
Er hält sinnend ein
WOTANUnd für das Ende sorgt Alberich!
WOTANJetzt versteh' ich den stummen Sinn
WOTANdes wilden Wortes der Wala:
WOTAN"Wenn der Liebe finstrer Feind
WOTANzürnend zeugt einen Sohn,
WOTANder Sel'gen Ende säumt dann nicht!"
WOTANVom Niblung jüngst vernahm ich die Mär',
WOTANdass ein Weib der Zwerg bewältigt,
WOTANdes' Gunst Gold ihm erzwang:
WOTANDes Hasses Frucht hegt eine Frau,
WOTANdes Neides Kraft kreisst ihr im Schoss:
WOTANdas Wunder gelang dem Liebelosen;
WOTANdoch der in Lieb' ich freite,
WOTANden Freien erlang' ich mir nicht.
mit bitterem Grimm sich aufrichtend
WOTANSo nimm meinen Segen, Niblungen-Sohn!
WOTANWas tief mich ekelt, dir geb' ich's zum Erbe,
WOTANder Gottheit nichtigen Glanz:
WOTANzernage ihn gierig dein Neid!
erschrocken
BRÜNNHILDEO sag', künde, was soll nun dein Kind?
bitter
WOTANFromm streite für Fricka; hüte ihr Eh' und Eid!
trocken
WOTANWas sie erkor, das kiese auch ich:
WOTANwas frommte mir eigner Wille?
WOTANEinen Freien kann ich nicht wollen:
WOTANfür Frickas Knechte kämpfe nun du!
BRÜNNHILDEWeh'! Nimm reuig zurück das Wort!
BRÜNNHILDEDu liebst Siegmund;
BRÜNNHILDEdir zulieb', ich weiss es, schütz' ich den Wälsung.
WOTANFällen sollst du Siegmund,
WOTANfür Hunding erfechten den Sieg!
WOTANHüte dich wohl und halte dich stark,
WOTANall deiner Kühnheit entbiete im Kampf:
WOTANein Siegschwert schwingt Siegmund; -
WOTANschwerlich fällt er dir feig!
BRÜNNHILDEDen du zu lieben stets mich gelehrt,
sehr warm
BRÜNNHILDEder in hehrer Tugend dem Herzen dir teuer,
BRÜNNHILDEgegen ihn zwingt mich nimmer dein zwiespältig Wort!
WOTANHa, Freche du! Frevelst du mir?
WOTANWer bist du, als meines Willens
WOTANblind wählende Kür?
WOTANDa mit dir ich tagte, sank ich so tief,
WOTANdass zum Schimpf der eignen
WOTANGeschöpfe ich ward?
WOTANKennst du, Kind, meinen Zorn?
WOTANVerzage dein Mut,
WOTANwenn je zermalmend
WOTANauf dich stürzte sein Strahl!
WOTANIn meinem Busen berg' ich den Grimm,
der in Grau'n und Wust wirft eine Welt,
WOTANdie einst zur Lust mir gelacht:
WOTANwehe dem, den er trifft!
WOTANTrauer schüf' ihm sein Trotz!
WOTANDrum rat' ich dir, reize mich nicht!
WOTANBesorge, was ich befahl:
WOTANSiegmund falle -
WOTANDies sei der Walküre Werk!
er stürmt fort und verschwindet schnell links in Gebirge
steht lange erschrocken und betäubt
BRÜNNHILDESo sah ich Siegvater nie,
sie starrt wild vor sich hin
BRÜNNHILDEerzürnt' ihn sonst wohl auch ein Zank!
Sie neigt sich betrübt und nimmt ihre Waffen auf, mit denen sie sich wieder rüstet
BRÜNNHILDESchwer wiegt mir der Waffen Wucht: -
BRÜNNHILDEwenn nach Lust ich focht,
BRÜNNHILDEwie waren sie leicht!
BRÜNNHILDEZu böser Schlacht schleich' ich heut' so bang.
Sie sinnt vor sich hin und seufzt dann auf
BRÜNNHILDEWeh', mein Wälsung!
BRÜNNHILDEIm höchsten Leid
BRÜNNHILDEmuss dich treulos die Treue verlassen!
Sie wendet sich langsam dem Hintergrunde zu
Sieglinde, Siegmund
Auf dem Bergjoch angelangt, gewahrt Brünnhilde, in die Schlucht hinabblickend, Siegmund und Sieglinde; sie betrachtet die Nahenden einen Augenblick und wendet sich dann in die Höhle zu ihrem Ross, so dass sie dem Zuschauer gänzlich verschwindet. - Siegmund und Sieglinde erscheinen auf dem Bergjoche. Sieglinde schreitet hastig voraus; Siegmund sucht sie aufzuhalten
SIEGMUNDRaste nun hier; gönne dir Ruh'!
SIEGLINDEWeiter! Weiter!
umfasst sie mit sanfter Gewalt
SIEGMUNDNicht weiter nun!
Er schliesst sie fest an sich
SIEGMUNDVerweile, süssestes Weib!
SIEGMUNDAus Wonne-Entzücken zucktest du auf,
SIEGMUNDmit jäher Hast jagtest du fort:
SIEGMUNDkaum folgt' ich der wilden Flucht;
SIEGMUNDdurch Wald und Flur, über Fels und Stein,
SIEGMUNDsprachlos, schweigend sprangst du dahin,
SIEGMUNDkein Ruf hielt dich zur Rast!
SIEGMUNDRuhe nun aus: rede zu mir!
SIEGMUNDEnde des Schweigens Angst!
SIEGMUNDSieh, dein Bruder hält seine Braut:
SIEGMUNDSiegmund ist dir Gesell'!
Er hat sie unvermerkt nach dem Steinsitze geleitet
blickt Siegmund mit wachsendem Entzücken in die Augen, dann umschlingt sie leidenschaftlich seinen Hals und verweilt so; dann fährt sie mit jähem Schreck auf
SIEGLINDEHinweg! Hinweg! Flieh' die Entweihte!
SIEGLINDEUnheilig umfängt dich ihr Arm;
SIEGLINDEentehrt, geschändet schwand dieser Leib:
SIEGLINDEflieh' die Leiche, lasse sie los!
SIEGLINDEDer Wind mag sie verwehn,
SIEGLINDEdie ehrlos dem Edlen sich gab!
SIEGLINDEDa er sie liebend umfing,
SIEGLINDEda seligste Lust sie fand,
SIEGLINDEda ganz sie minnte der Mann,
SIEGLINDEder ganz ihre Minne geweckt:
SIEGLINDEvor der süssesten Wonne heiligster Weihe,
SIEGLINDEdie ganz ihr Sinn und Seele durchdrang,
SIEGLINDEGrauen und Schauder ob grässlichster Schande
SIEGLINDEmusste mit Schreck die Schmähliche fassen,
SIEGLINDEdie je dem Manne gehorcht,
SIEGLINDEder ohne Minne sie hielt!
SIEGLINDELass die Verfluchte, lass sie dich fliehn!
SIEGLINDEVerworfen bin ich, der Würde bar!
SIEGLINDEDir reinstem Manne muss ich entrinnen,
SIEGLINDEdir Herrlichem darf ich nimmer gehören.
SIEGLINDESchande bring' ich dem Bruder,
SIEGLINDESchmach dem freienden Freund!
SIEGMUNDWas je Schande dir schuf,
SIEGMUNDdas büsst nun des Frevlers Blut!
SIEGMUNDDrum fliehe nicht weiter; harre des Feindes;
SIEGMUNDhier soll er mir fallen:
SIEGMUNDwenn Notung ihm das Herz zernagt,
SIEGMUNDRache dann hast du erreicht!
schrickt auf und lauscht
SIEGLINDEHorch! Die Hörner, hörst du den Ruf?
SIEGLINDERingsher tönt wütend Getös':
SIEGLINDEaus Wald und Gau gellt es herauf.
SIEGLINDEHunding erwachte aus hartem Schlaf!
SIEGLINDESippen und Hunde ruft er zusammen;
SIEGLINDEmutig gehetzt heult die Meute,
SIEGLINDEwild bellt sie zum Himmel
SIEGLINDEum der Ehe gebrochenen Eid!
Sieglinde starrt wie wahnsinnig vor sich hin
SIEGLINDEWo bist du, Siegmund? Seh' ich dich noch,
SIEGLINDEbrünstig geliebter, leuchtender Bruder?
SIEGLINDEDeines Auges Stern lass noch einmal mir strahlen:
SIEGLINDEwehre dem Kuss des verworfnen Weibes nicht! -
Sie hat sich ihm schluchzend an die Brust geworfen: dann schrickt sie ängstlich wieder auf
SIEGLINDEHorch! O horch! Das ist Hundings Horn!
SIEGLINDESeine Meute naht mit mächt'ger Wehr:
SIEGLINDEkein Schwert frommt
SIEGLINDEvor der Hunde Schwall:
SIEGLINDEwirf es fort, Siegmund! Siegmund - wo bist du?
SIEGLINDEHa dort! Ich sehe dich! Schrecklich Gesicht!
SIEGLINDERüden fletschen die Zähne nach Fleisch;
SIEGLINDEsie achten nicht deines edlen Blicks;
SIEGLINDEbei den Füssen packt dich das feste Gebiss -
SIEGLINDEdu fällst - in Stücken zerstaucht das Schwert:
SIEGLINDEdie Esche stürzt, es bricht der Stamm!
SIEGLINDEBruder! Mein Bruder! Siegmund - ha! -
Sie sinkt ohnmächtig in Siegmunds Arme
SIEGMUNDSchwester! Geliebte!
Er lauscht ihrem Atem und überzeugt sich, dass sie noch lebe. Er lässt sie an sich herabgleiten, so dass sie, als er sich selbst zum Sitze niederlässt, mit ihrem Haupt auf seinem Schoss zu ruhen kommt. In dieser Stellung verbleiben beide bis zum Schlusse des folgenden Auftrittes. Langes Schweigen, währenddessen Siegmund mit zärtlicher Sorge über Sieglinde sich hinneigt und mit einem langen Kusse ihr die Stirne küsst
Brünnhilde, Siegmund
Brünnhilde, ihr Ross am Zaume geleitend, tritt aus der Höhle und schreitet langsam und feierlich nach vorne. Sie hält an und betrachtet Siegmund von fern. Sie schreitet wieder langsam vor. Sie hält in grösserer Nähe an. Sie trägt Schild und Speer in der einen Hand, lehnt sich mit der andern an den Hals des Rosses und betrachtet so mit ernster Miene Siegmund
BRÜNNHILDESiegmund! Sieh auf mich!
BRÜNNHILDEIch bin's, der bald du folgst.
richtet den Blick zu ihr auf
SIEGMUNDWer bist du, sag',
SIEGMUNDdie so schön und ernst mir erscheint?
BRÜNNHILDENur Todgeweihten taugt mein Anblick;
BRÜNNHILDEwer mich erschaut, der scheidet vom Lebenslicht.
BRÜNNHILDEAuf der Walstatt allein erschein' ich Edlen:
BRÜNNHILDEwer mich gewahrt, zur Wal kor ich ihn mir!
blickt ihr lange forschend und fest in das Auge, senkt dann sinnend das Haupt und wendet sich endlich mit feierlichem Ernste wieder zu ihr
SIEGMUNDDer dir nun folgt, wohin führst du den Helden?
BRÜNNHILDEZu Walvater, der dich gewählt,
BRÜNNHILDEführ' ich dich: nach Walhall folgst du mir.
SIEGMUNDIn Walhalls Saal Walvater find' ich allein?
BRÜNNHILDEGefallner Helden hehre Schar
BRÜNNHILDEumfängt dich hold mit hoch-heiligem Gruss.
SIEGMUNDFänd' ich in Walhall Wälse, den eignen Vater?
BRÜNNHILDEDen Vater findet der Wälsung dort.
SIEGMUNDGrüsst mich in Walhall froh eine Frau?
BRÜNNHILDEWunschmädchen walten dort hehr:
BRÜNNHILDEWotans Tochter reicht dir traulich den Trank!
SIEGMUNDHehr bist du,
SIEGMUNDund heilig gewahr' ich das Wotanskind:
SIEGMUNDdoch eines sag' mir, du Ew'ge!
SIEGMUNDBegleitet den Bruder die bräutliche Schwester?
SIEGMUNDUmfängt Siegmund Sieglinde dort?
BRÜNNHILDEErdenluft muss sie noch atmen:
BRÜNNHILDESieglinde sieht Siegmund dort nicht!
neigt sich sanft über Sieglinde, küsst sie leise auf die Stirn und wendet sich ruhig wieder zu Brünnhilde
SIEGMUNDSo grüsse mir Walhall, grüsse mir Wotan,
SIEGMUNDgrüsse mir Wälse und alle Helden,
SIEGMUNDgrüss' auch die holden Wunschesmädchen: -
SIEGMUNDsehr bestimmt
SIEGMUNDzu ihnen folg' ich dir nicht.
BRÜNNHILDEDu sahest der Walküre sehrenden Blick:
BRÜNNHILDEmit ihr musst du nun ziehn!
SIEGMUNDWo Sieglinde lebt in Lust und Leid,
SIEGMUNDda will Siegmund auch säumen:
SIEGMUNDnoch machte dein Blick nicht mich erbleichen:
SIEGMUNDvom Bleiben zwingt er mich nie.
BRÜNNHILDESolang du lebst, zwäng' dich wohl nichts:
BRÜNNHILDEdoch zwingt dich Toren der Tod:
BRÜNNHILDEihn dir zu künden kam ich her.
SIEGMUNDWo wäre der Held, dem heut' ich fiel?
BRÜNNHILDEHunding fällt dich im Streit.
SIEGMUNDMit Stärkrem drohe,
SIEGMUNDals Hundings Streichen!
SIEGMUNDLauerst du hier lüstern auf Wal,
SIEGMUNDjenen kiese zum Fang:
SIEGMUNDich denk ihn zu fällen im Kampf!
den Kopf schüttelnd
BRÜNNHILDEDir, Wälsung - höre mich wohl:
BRÜNNHILDEdir ward das Los gekiest.
SIEGMUNDKennst du dies Schwert?
SIEGMUNDDer mir es schuf, beschied mir Sieg:
SIEGMUNDdeinem Drohen trotz' ich mit ihm!
mit stark erhobener Stimme
BRÜNNHILDEDer dir es schuf, beschied dir jetzt Tod:
BRÜNNHILDEseine Tugend nimmt er dem Schwert!
heftig
SIEGMUNDSchweig, und schrecke die Schlummernde nicht!
Er beugt sich mit hervorbrechendem Schmerze zärtlich über Sieglinde
SIEGMUNDWeh! Weh! Süssestes Weib!
SIEGMUNDDu traurigste aller Getreuen!
SIEGMUNDGegen dich wütet in Waffen die Welt:
SIEGMUNDund ich, dem du einzig vertraut,
SIEGMUNDfür den du ihr einzig getrotzt,
SIEGMUNDmit meinem Schutz nicht soll ich dich schirmen,
SIEGMUNDdie Kühne verraten im Kampf?
SIEGMUNDHa, Schande ihm, der das Schwert mir schuf,
SIEGMUNDbeschied er mir Schimpf für Sieg!
SIEGMUNDMuss ich denn fallen, nicht fahr' ich nach Walhall:
SIEGMUNDHella halte mich fest!
Er neigt sich tief zu Sieglinde
erschüttert
BRÜNNHILDESo wenig achtest du ewige Wonne?
zögernd und zurückhaltend
BRÜNNHILDEAlles wär' dir das arme Weib,
BRÜNNHILDEdas müd' und harmvoll matt von dem Schosse dir hängt?
BRÜNNHILDENichts sonst hieltest du hehr?
bitter zu ihr aufblickend
SIEGMUNDSo jung und schön erschimmerst du mir:
SIEGMUNDdoch wie kalt und hart erkennt dich mein Herz!
SIEGMUNDKannst du nur höhnen, so hebe dich fort,
SIEGMUNDdu arge, fühllose Maid!
SIEGMUNDDoch musst du dich weiden an meinem Weh',
SIEGMUNDmein Leiden letze dich denn;
SIEGMUNDmeine Not labe dein neidvolles Herz:
SIEGMUNDnur von Walhalls spröden Wonnen
SIEGMUNDsprich du wahrlich mir nicht!
BRÜNNHILDEIch sehe die Not, die das Herz dir zernagt,
BRÜNNHILDEich fühle des Helden heiligen Harm -
BRÜNNHILDESiegmund, befiehl mir dein Weib:
BRÜNNHILDEmein Schutz umfange sie fest!
SIEGMUNDKein andrer als ich soll die Reine lebend berühren:
SIEGMUNDverfiel ich dem Tod, die Betäubte töt' ich zuvor!
in wachsender Ergriffenheit
BRÜNNHILDEWälsung! Rasender! Hör' meinen Rat:
BRÜNNHILDEbefiehl mir dein Weib um des Pfandes willen,
BRÜNNHILDEdas wonnig von dir es empfing!
sein Schwert ziehend
SIEGMUNDDies Schwert, das dem Treuen ein Trugvoller schuf;
SIEGMUNDdies Schwert, das feig vor dem Feind mich verrät:
SIEGMUNDfrommt es nicht gegen den Feind,
SIEGMUNDso fromm' es denn wider den Freund! -
Er zückt das Schwert auf Sieglinde
SIEGMUNDZwei Leben lachen dir hier:
SIEGMUNDnimm sie, Notung, neidischer Stahl!
SIEGMUNDNimm sie mit einem Streich!
im heftigsten Sturme des Mitgefühls
BRÜNNHILDEHalt' ein Wälsung! Höre mein Wort!
BRÜNNHILDESieglinde lebe - und Siegmund lebe mit ihr!
BRÜNNHILDEBeschlossen ist's; das Schlachtlos wend' ich:
BRÜNNHILDEdir, Siegmund, schaff' ich Segen und Sieg!
Man hört aus dem fernen Hintergrunde Hornrufe erschallen
BRÜNNHILDEHörst du den Ruf? Nun rüste dich, Held!
BRÜNNHILDETraue dem Schwert und schwing' es getrost:
BRÜNNHILDEtreu hält dir die Wehr,
BRÜNNHILDEwie die Walküre treu dich schützt!
BRÜNNHILDELeb' wohl, Siegmund, seligster Held!
BRÜNNHILDEAuf der Walstatt seh' ich dich wieder!
Sie stürmt fort und verschwindet mit dem Rosse rechts in einer Seitenschlucht. Siegmund blickt ihr freudig und erhoben nach. Die Bühne hat sich allmählich verfinstert; schwere Gewitterwolken senken sich auf den Hintergrund herab und hüllen die Gebirgswände, die Schlucht und das erhöhte Bergjoch nach und nach gänzlich ein
Siegmund, Sieglinde, Hunding, Brünnhilde, Wotan
neigt sich wieder über Sieglinde, dem Atem lauschend
SIEGMUNDZauberfest bezähmt ein Schlaf
SIEGMUNDder Holden Schmerz und Harm.
SIEGMUNDDa die Walküre zu mir trat,
SIEGMUNDschuf sie ihr den wonnigen Trost?
SIEGMUNDSollte die grimmige Wal
SIEGMUNDnicht schrecken ein gramvolles Weib?
SIEGMUNDLeblos scheint sie, die dennoch lebt:
SIEGMUNDder Traurigen kost ein lächelnder Traum. -
Neue Hornrufe
SIEGMUNDSo schlummre nun fort,
SIEGMUNDbis die Schlacht gekämpft,
SIEGMUNDund Friede dich erfreu'!
Er legt sie sanft auf den Steinsitz und küsst ihr zum Abschied die Stirne. Siegmund vernimmt Hundings Hornruf und bricht entschlossen auf
SIEGMUNDDer dort mich ruft, rüste sich nun;
SIEGMUNDwas ihm gebührt, biet' ich ihm:
SIEGMUNDNotung zahl' ihm den Zoll!
Er zieht das Schwert, eilt dem Hintergrunde zu und verschwindet, auf dem Joche angekommen, sogleich in finstrem Gewittergewölk, aus welchem alsbald Wetterleuchten aufblitzt
beginnt sich träumend unruhiger zu bewegen
SIEGLINDEKehrte der Vater nur heim!
SIEGLINDEMit dem Knaben noch weilt er im Wald.
SIEGLINDEMutter! Mutter! Mir bangt der Mut:
SIEGLINDEnicht freund und friedlich scheinen die Fremden!
SIEGLINDESchwarze Dämpfe - schwüles Gedünst -
SIEGLINDEfeurige Lohe leckt schon nach uns -
SIEGLINDEes brennt das Haus - zu Hilfe, Bruder!
SIEGLINDESiegmund! Siegmund!
Sie springt auf. Starker Blitz und Donner
SIEGLINDESiegmund - Ha!
Sie starrt in Angst um sich her: fast die ganze Bühne ist in schwarze Gewitterwolken gehüllt, fortwährender Blitz und Donner. Der Hornruf Hundings ertönt in der Nähe
im Hintergrunde vom Bergjoche her
HUNDINGWehwalt! Wehwalt!
HUNDINGSteh' mir zum Streit, sollen dich Hunde nicht halten!
von weiter hinten her aus der Schlucht
SIEGMUNDWo birgst du dich, dass ich vorbei dir schoss?
SIEGMUNDSteh', dass ich dich stelle!
in furchtbarer Aufregung lauschend
SIEGLINDEHunding! Siegmund!
SIEGLINDEKönnt' ich sie sehen!
HUNDINGHieher, du frevelnder Freier!
HUNDINGFricka fälle dich hier!
nun ebenfalls vom Joche her
SIEGMUNDNoch wähnst du mich waffenlos, feiger Wicht?
SIEGMUNDDrohst du mit Frauen, so ficht nun selber,
SIEGMUNDsonst lässt dich Fricka im Stich!
SIEGMUNDDenn sieh: deines Hauses heimischem Stamm
SIEGMUNDentzog ich zaglos das Schwert;
SIEGMUNDseine Schneide schmecke jetzt du!
Ein Blitz erhellt für einen Augenblick das Bergjoch, auf welchem jetzt Hunding und Siegmund kämpfend gewahrt werden
mit höchster Kraft
SIEGLINDEHaltet ein, ihr Männer!
SIEGLINDEMordet erst mich!
Sie stürzt auf das Bergjoch zu, ein von rechts her über den Kämpfern ausbrechender, heller Schein blendet sie aber plötzlich so heftig, dass sie, wie erblindet, zur Seite schwankt. In dem Lichtglanze erscheint Brünnhilde über Siegmund schwebend und diesen mit dem Schilde deckend
BRÜNNHILDETriff ihn, Siegmund!
BRÜNNHILDEtraue dem Schwert!
Als Siegmund soeben zu einem tödlichen Streiche gegen Hunding ausholt, bricht von links her ein glühend rötlicher Schein durch das Gewölk aus, in welchem Wotan erscheint, über Hunding stehend und seinen Speer Siegmund quer entgegenhaltend
WOTANZurück vor dem Speer!
WOTANIn Stücken das Schwert!
Brünnhilde weicht erschrocken vor Wotan mit dem Schilde zurück; Siegmunds Schwert zerspringt an dem vorgehaltenen Speere. Dem Unbewehrten stösst Hunding seinen Speer in die Brust. Siegmund stürzt tot zu Boden.
Sieglinde, die seinen Todesseufzer gehört, sinkt mit einem Schrei wie leblos zusammen. Mit Siegmunds Fall ist zugleich von beiden Seiten der glänzende Schein verschwunden; dichte Finsternis ruht im Gewölk bis nach vorn: in ihm wird Brünnhilde undeutlich sichtbar, wie sie in jäher Hast sich Sieglinden zuwendet
BRÜNNHILDEZu Ross, dass ich dich rette!
Sie hebt Sieglinde schnell zu sich auf ihr der Seitenschlucht nahestehendes Ross und verschwindet sogleich mit ihr. - Alsbald zerteilt sich das Gewölk in der Mitte, so dass man deutlich Hunding gewahrt, der soeben seinen Speer dem gefallenen Siegmund aus der Brust zieht. - Wotan, von Gewölk umgeben, steht dahinter auf einem Felsen, an seinen Speer gelehnt und schmerzlich auf Siegmunds Leiche blickend
zu Hunding
WOTANGeh' hin, Knecht! Kniee vor Fricka:
WOTANmeld' ihr, dass Wotans Speer
WOTANgerächt, was Spott ihr schuf.
WOTANGeh'! - Geh'!
Vor seinem verächtlichen Handwink sinkt Hunding tot zu Boden
plötzlich in furchtbarer Wut auffahrend
WOTANDoch Brünnhilde! Weh' der Verbrecherin!
WOTANFurchtbar sei die Freche gestraft,
WOTANerreicht mein Ross ihre Flucht!
Er verschwindet mit Blitz und Donner. - Der Vorhang fällt schnell
SYSTEMDRITTER AUFZUG
Auf dem Gipfel eines Felsenberges. Rechts begrenzt ein Tannenwald die Szene. Links der Eingang einer Felshöhle, die einen natürlichen Saal bildet: darüber steigt der Fels zu seiner höchsten Spitze auf. Nach hinten ist die Aussicht gänzlich frei; höhere und niedere Felssteine bilden den Rand vor dem Abhange, der - wie anzunehmen ist - nach dem Hintergrund zu steil hinabführt. Einzelne Wolkenzüge jagen, wie vom Sturm getrieben, am Felsensaume vorbei
SYSTEMVORSPIEL UND ERSTE SZENE
Gerhilde, Ortlinde, Waltraute und Schwertleite, später Helmwige, Siegrune, Grimgerde, Rossweisse, Brünnhilde, Sieglinde, Gerhilde, Ortlinde, Waltraute und Schwertleite haben sich auf der Felsspitze, an und über der Höhle, gelagert, sie sind in voller Waffenrüstung
zuhöchst gelagert und dem Hintergrunde zurufend, wo ein starkes Gewölk herzieht
GERHILDEHojotoho! Hojotoho! Heiaha! Heiaha!
GERHILDEHelmwige! Hier! Hieher mit dem Ross!
im Hintergrunde
HELMWIGEHojotoho! Hojotoho! Heiaha!
In dem Gewölk bricht Blitzesglanz aus; eine Walküre zu Ross wird in ihm sichtbar: über ihrem Sattel hängt ein erschlagener Krieger. Die Erscheinung zieht, immer näher, am Felsensaume von links nach rechts vorbei
der Ankommenden entgegenrufend
SCHWERTLEITEHeiaha! Heiaha!
Die Wolke mit der Erscheinung ist rechts hinter dem Tann verschwunden
in den Tann hineinrufend
ORTLINDEZu Ortlindes Stute stell deinen Hengst:
ORTLINDEmit meiner Grauen grast gern dein Brauner!
hineinrufend
WALTRAUTEWer hängt dir im Sattel?
aus dem Tann auftretend
HELMWIGESintolt, der Hegeling!
SCHWERTLEITEFühr' deinen Brauen fort von der Grauen:
SCHWERTLEITEOrtlindes Mähre trägt Wittig, den Irming!
ist etwas näher herabgestiegen
GERHILDEAls Feinde nur sah ich Sintolt und Wittig!
springt auf
ORTLINDEHeiaha! Die Stute stösst mir der Hengst!
Sie läuft in den Tann
Schwertleite, Gerhilde und Helmwige lachen laut auf
GERHILDEDer Recken Zwist entzweit noch die Rosse!
in den Tann zurückrufend
HELMWIGERuhig, Brauner!
HELMWIGEBrich nicht den Frieden!
auf der Höhe, wo sie für Gerhilde die Wacht übernommen, nach rechts in den Hintergrund rufend
WALTRAUTEHoioho! Hoioho!
WALTRAUTESiegrune, hier! Wo säumst du so lang?
Sie lauscht nach rechts
von der rechten Seite des Hintergrundes her
SIEGRUNEArbeit gab's!
SIEGRUNESind die andren schon da?
nach rechts in den Hintergrund rufend
SCHWERTLEITEHojotoho! Hojotoho!
SCHWERTLEITEHeiaha!
GERHILDEHeiaha!
Ihre Gebärden sowie ein heller Glanz hinter dem Tann zeigen an, dass soeben Siegrune dort angelangt ist. Aus der Tiefe hört man zwei Stimmen zugleich
links im Hintergrunde
ROSSWEISSEHojotoho! Hojotoho!
ROSSWEISSEHeiaha!
nach links
WALTRAUTEGrimgerd' und Rossweisse!
ebenso
GERHILDESie reiten zu zwei.
In einem blitzerglänzenden Wolkenzuge, der von links her vorbeizieht, erscheinen Grimgerde und Rossweisse, ebenfalls auf Rossen, jede einen Erschlagenen im Sattel führend. Helmwige, Ortlinde und Siegrune sind aus dem Tann getreten und winken vom Felsensaume den Ankommenden zu
SIEGRUNEGegrüsst, ihr Reisige!
SIEGRUNERossweiss' und Grimgerde!
ROSSWEISSEHojotoho! Hojotoho!
ROSSWEISSEHeiaha!
Die Erscheinung verschwindet hinter dem Tann
DIE SECHS ANDEREN WALKÜRENHojotoho! Hojotoho! Heiaha! Heiaha!
in den Tann rufend
GERHILDEIn Wald mit den Rossen zu Weid' und Rast!
ebenfalls in den Tann rufend
ORTLINDEFühret die Mähren fern von einander,
ORTLINDEbis unsrer Helden Hass sich gelegt!
Die Walküren lachen
während die anderen lachen
HELMWIGEDer Helden Grimm büsste schon die Graue!
Die Walküren lachen
aus dem Tann tretend
ROSSWEISSEHojotoho! Hojotoho!
DIE SECHS ANDEREN WALKÜRENWillkommen! Willkommen!
SCHWERTLEITEWart ihr Kühnen zu zwei?
GRIMGERDEGetrennt ritten wir und trafen uns heut'.
ROSSWEISSESind wir alle versammelt, so säumt nicht lange:
ROSSWEISSEnach Walhall brechen wir auf,
ROSSWEISSEWotan zu bringen die Wal.
HELMWIGEAcht sind wir erst: eine noch fehlt.
GERHILDEBei dem braunen Wälsung
GERHILDEweilt wohl noch Brünnhilde.
WALTRAUTEAuf sie noch harren müssen wir hier:
WALTRAUTEWalvater gäb' uns grimmigen Gruss,
WALTRAUTEsäh' ohne sie er uns nahn!
auf der Felswarte, von wo sie hinausspäht
SIEGRUNEHojotoho! Hojotoho!
in den Hintergrund rufend
SIEGRUNEHieher! Hieher!
zu den anderen
SIEGRUNEIn brünstigem Ritt
SIEGRUNEjagt Brünnhilde her.
alle eilen auf die Warte
DIE ACHT WALKÜRENHojotoho! Hojotoho!
DIE ACHT WALKÜRENBrünnhilde! Hei!
Sie spähen mit wachsender Verwunderung
WALTRAUTENach dem Tann lenkt sie das taumelnde Ross.
GRIMGERDEWie schnaubt Grane vom schnellen Ritt!
ROSSWEISSESo jach sah ich nie Walküren jagen!
ORTLINDEWas hält sie im Sattel?
HELMWIGEDas ist kein Held!
SIEGRUNEEine Frau führt sie!
GERHILDEWie fand sie die Frau?
SCHWERTLEITEMit keinem Gruss grüsst sie die Schwestern!
hinabrufend
WALTRAUTEHeiaha! Brünnhilde! Hörst du uns nicht?
ORTLINDEHelft der Schwester
ORTLINDEvom Ross sich schwingen!
Gerhilde und Helmwige stürzen in den Tann. Siegrune und Rossweisse laufen ihnen nach
SYSTEMHELMWIGE, GERHILDE, SIEGRUNE, ROSSWEISSE
ORTLINDEHojotoho! Hojotoho!
SYSTEMORTLINDE, WALTRAUTE, GRIMGERDE, SCHWERTLEITE
ORTLINDEHeiaha!
in den Tann blickend
WALTRAUTEZu Grunde stürzt Grane, der Starke!
GRIMGERDEAus dem Sattel hebt sie hastig das Weib!
SYSTEMORTLINDE, WALTRAUTE, GRIMGERDE, SCHWERTLEITE
alle in den Tann laufend
GRIMGERDESchwester! Schwester! Was ist geschehn?
Alle Walküren kehren auf die Bühne zurück; mit ihnen kommt Brünnhilde, Sieglinde unterstützend und hereingeleitend
atemlos
BRÜNNHILDESchützt mich und helft in höchster Not!
DIE ACHT WALKÜRENWo rittest du her in rasender Hast?
DIE ACHT WALKÜRENSo fliegt nur, wer auf der Flucht!
BRÜNNHILDEZum erstenmal flieh' ich und bin verfolgt:
BRÜNNHILDEHeervater hetzt mir nach!
heftig erschreckend
DIE ACHT WALKÜRENBist du von Sinnen? Sprich! Sage uns! Wie?
DIE ACHT WALKÜRENVerfolgt dich Heervater?
DIE ACHT WALKÜRENFliehst du vor ihm?
wendet sich ängstlich, um zu spähen, und kehrt wieder zurück
BRÜNNHILDEO Schwestern, späht von des Felsens Spitze!
BRÜNNHILDESchaut nach Norden, ob Walvater naht!
Ortlinde und Waltraute springen auf die Felsenspitze zur Warte
BRÜNNHILDESchnell! Seht ihr ihn schon?
ORTLINDEGewittersturm naht von Norden.
WALTRAUTEStarkes Gewölk staut sich dort auf!
DIE WEITEREN SECHS WALKÜRENHeervater reitet sein heiliges Ross!
BRÜNNHILDEDer wilde Jäger, der wütend mich jagt,
BRÜNNHILDEer naht, er naht von Norden!
BRÜNNHILDESchützt mich, Schwestern! Wahret dies Weib!
SECHS WALKÜRENWas ist mit dem Weibe?
BRÜNNHILDEHört mich in Eile:
BRÜNNHILDESieglinde ist es, Siegmunds Schwester und Braut:
BRÜNNHILDEgegen die Wälsungen
BRÜNNHILDEwütet Wotan in Grimm;
BRÜNNHILDEdem Bruder sollte Brünnhilde heut'
BRÜNNHILDEentziehen den Sieg;
BRÜNNHILDEdoch Siegmund schützt' ich mit meinem Schild,
BRÜNNHILDEtrotzend dem Gott!
BRÜNNHILDEDer traf ihn da selbst mit dem Speer:
BRÜNNHILDESiegmund fiel;
BRÜNNHILDEdoch ich floh fern mit der Frau;
BRÜNNHILDEsie zu retten, eilt' ich zu euch -
BRÜNNHILDEob mich Bange auch
kleinmütig
BRÜNNHILDEihr berget vor dem strafenden Streich!
in grösster Bestürzung
SECHS WALKÜRENBetörte Schwester, was tatest du?
SECHS WALKÜRENWehe! Brünnhilde, wehe!
SECHS WALKÜRENBrach ungehorsam
SECHS WALKÜRENBrünnhilde Heervaters heilig Gebot?
von der Warte
WALTRAUTENächtig zieht es von Norden heran.
ebenso
ORTLINDEWütend steuert hieher der Sturm.
SCHWERTLEITEdem Hintergrunde zugewendet
SCHWERTLEITEWild wiehert Walvaters Ross.
SCHWERTLEITESchrecklich schnaubt es daher!
BRÜNNHILDEWehe der Armen, wenn Wotan sie trifft:
BRÜNNHILDEden Wälsungen allen droht er Verderben! -
BRÜNNHILDEWer leiht mir von euch das leichteste Ross,
BRÜNNHILDEdas flink die Frau ihm entführ'?
SIEGRUNEAuch uns rätst du rasenden Trotz?
BRÜNNHILDERossweisse, Schwester,
BRÜNNHILDEleih' mir deinen Renner!
ROSSWEISSEVor Walvater floh der fliegende nie.
BRÜNNHILDEHelmwige, höre!
HELMWIGEDem Vater gehorch' ich.
BRÜNNHILDEGrimgerde! Gerhilde! Gönnt mir eu'r Ross!
BRÜNNHILDESchwertleite! Siegrune! Seht meine Angst!
BRÜNNHILDESeid mir treu, wie traut ich euch war:
BRÜNNHILDErettet dies traurige Weib!
die bisher finster und kalt vor sich hingestarrt, fährt, als Brünnhilde sie lebhaft - wie zum Schutze - umfasst, mit einer abwehrenden Gebärde auf
SIEGLINDENicht sehre dich Sorge um mich:
SIEGLINDEeinzig taugt mir der Tod!
SIEGLINDEWer hiess dich Maid,
SIEGLINDEdem Harst mich entführen?
SIEGLINDEIm Sturm dort hätt' ich den Streich empfah'n
SIEGLINDEvon derselben Waffe, der Siegmund fiel:
SIEGLINDEdas Ende fand ich
SIEGLINDEvereint mit ihm!
SIEGLINDEFern von Siegmund - Siegmund, von dir! -
SIEGLINDEO deckte mich Tod, dass ich's denke!
SIEGLINDESoll um die Flucht
SIEGLINDEdir, Maid, ich nicht fluchen,
SIEGLINDEso erhöre heilig mein Flehen:
SIEGLINDEstosse dein Schwert mir ins Herz!
BRÜNNHILDELebe, o Weib, um der Liebe willen!
BRÜNNHILDERette das Pfand, das von ihm du empfingst:
stark und drängend
BRÜNNHILDEein Wälsung wächst dir im Schoss!
erschrickt zunächst heftig; sogleich strahlt aber ihr Gesicht in erhabener Freude auf
SIEGLINDERette mich, Kühne! Rette mein Kind!
SIEGLINDESchirmt mich, ihr Mädchen, mit mächtigstem Schutz!
Immer finstereres Gewitter steigt im Hintergrunde auf: nahender Donner
auf der Warte
WALTRAUTEDer Sturm kommt heran.
ebenso
ORTLINDEFlieh', wer ihn fürchtet!
DIE SECHS ANDEREN WALKÜRENFort mit dem Weibe, droht ihm Gefahr:
DIE SECHS ANDEREN WALKÜRENder Walküren keine wag' ihren Schutz!
auf den Knien vor Brünnhilde
SIEGLINDERette mich, Maid! Rette die Mutter!
mit lebhaftem Entschluss hebt sie Sieglinde auf
BRÜNNHILDESo fliehe denn eilig - und fliehe allein!
BRÜNNHILDEIch bleibe zurück, biete mich Wotans Rache:
BRÜNNHILDEan mir zögr' ich den Zürnenden hier,
BRÜNNHILDEwährend du seinem Rasen entrinnst.
SIEGLINDEWohin soll ich mich wenden?
BRÜNNHILDEWer von euch Schwestern schweifte nach Osten?
SIEGRUNENach Osten weithin dehnt sich ein Wald:
SIEGRUNEder Niblungen Hort entführte Fafner dorthin.
SCHWERTLEITEWurmesgestalt schuf sich der Wilde:
SCHWERTLEITEin einer Höhle hütet er Alberichs Reif!
GRIMGERDENicht geheu'r ist's dort für ein hilflos' Weib.
BRÜNNHILDEUnd doch vor Wotans Wut schützt sie sicher der Wald:
BRÜNNHILDEihn scheut der Mächt'ge und meidet den Ort.
auf der Warte
WALTRAUTEFurchtbar fährt
WALTRAUTEdort Wotan zum Fels.
SECHS WALKÜRENBrünnhilde, hör' seines Nahens Gebraus'!
Sieglinde die Richtung weisend
BRÜNNHILDEFort denn eile, nach Osten gewandt!
BRÜNNHILDEMutigen Trotzes ertrag' alle Müh'n, -
BRÜNNHILDEHunger und Durst, Dorn und Gestein;
BRÜNNHILDElache, ob Not, ob Leiden dich nagt!
BRÜNNHILDEDenn eines wiss' und wahr' es immer:
BRÜNNHILDEden hehrsten Helden der Welt
BRÜNNHILDEhegst du, o Weib, im schirmenden Schoss! -
Sie zieht die Stücken von Siegmunds Schwert unter ihrem Panzer hervor und überreicht sie Sieglinde
BRÜNNHILDEVerwahr' ihm die starken Schwertesstücken;
BRÜNNHILDEseines Vaters Walstatt entführt' ich sie glücklich:
BRÜNNHILDEder neugefügt das Schwert einst schwingt,
BRÜNNHILDEden Namen nehm' er von mir -
BRÜNNHILDE"Siegfried" erfreu' sich des Siegs!
in grösster Rührung
SIEGLINDEO hehrstes Wunder! Herrlichste Maid!
SIEGLINDEDir Treuen dank' ich heiligen Trost!
SIEGLINDEFür ihn, den wir liebten, rett' ich das Liebste:
SIEGLINDEmeines Dankes Lohn lache dir einst!
SIEGLINDELebe wohl! Dich segnet Sieglindes Weh'!
Sie eilt rechts im Vordergrunde von dannen. - Die Felsenhöhe ist von schwarzen Gewitterwolken umlagert; furchtbarer Sturm braust aus dem Hintergrunde daher, wachsender Feuerschein rechts daselbst
WOTANSteh'! Brünnhild'!
Brünnhilde, nachdem sie eine Weile Sieglinde nachgesehen, wendet sich in den Hintergrund, blickt in den Tann und kommt angstvoll wieder vor
von der Warte herabsteigend
WALTRAUTEDen Fels erreichten Ross und Reiter!
DIE ACHT WALKÜRENWeh', Brünnhild'! Rache entbrennt!
BRÜNNHILDEAch, Schwestern, helft! Mir schwankt das Herz!
BRÜNNHILDESein Zorn zerschellt mich,
BRÜNNHILDEwenn euer Schutz ihn nicht zähmt.
flüchten ängstlich nach der Felsenspitze hinauf; Brünnhilde lässt sich von ihnen nachziehen
DIE ACHT WALKÜRENHieher, Verlor'ne! Lass dich nicht sehn!
DIE ACHT WALKÜRENSchmiege dich an uns und schweige dem Ruf!
Sie verbergen Brünnhilde unter sich und blicken ängstlich nach dem Tann, der jetzt von grellem Feuerschein erhellt wird, während der Hintergrund ganz finster geworden ist
DIE ACHT WALKÜRENWeh'! Wütend schwingt sich Wotan vom Ross! -
DIE ACHT WALKÜRENHieher rast sein rächender Schritt!
Die Vorigen, Wotan
ZWEITE SZENEWotan tritt in höchster zorniger Aufgeregtheit aus dem Tann auf und schreitet vor der Gruppe der Walküren auf der Höhe, nach Brünnhilde spähend, heftig einher.
WOTANWo ist Brünnhild', wo die Verbrecherin?
WOTANWagt ihr, die Böse vor mir zu bergen?
DIE ACHT WALKÜRENSchrecklich ertost dein Toben!
DIE ACHT WALKÜRENWas taten, Vater, die Töchter,
DIE ACHT WALKÜRENdass sie dich reizten zu rasender Wut?
WOTANWollt ihr mich höhnen? Hütet euch, Freche!
WOTANIch weiss: Brünnhilde bergt ihr vor mir.
WOTANWeichet von ihr, der ewig Verworfnen,
WOTANwie ihren Wert von sich sie warf!
ROSSWEISSEZu uns floh die Verfolgte.
DIE ACHT WALKÜRENUnsern Schutz flehte sie an!
DIE ACHT WALKÜRENMit Furcht und Zagen fasst sie dein Zorn:
DIE ACHT WALKÜRENfür die bange Schwester bitten wir nun,
DIE ACHT WALKÜRENdass den ersten Zorn du bezähmst.
DIE ACHT WALKÜRENLass dich erweichen für sie, zähm deinen Zorn!
WOTANWeichherziges Weibergezücht!
WOTANSo matten Mut gewannt ihr von mir?
WOTANErzog ich euch, kühn zum Kampfe zu zieh'n,
WOTANschuf ich die Herzen
WOTANeuch hart und scharf,
dass ihr Wilden nun weint und greint,
WOTANwenn mein Grimm eine Treulose straft?
WOTANSo wisst denn, Winselnde, was sie verbrach,
WOTANum die euch Zagen die Zähre entbrennt:
WOTANKeine wie sie
WOTANkannte mein innerstes Sinnen;
WOTANkeine wie sie
WOTANwusste den Quell meines Willens!
WOTANSie selbst war
WOTANmeines Wunsches schaffender Schoss: -
WOTANund so nun brach sie den seligen Bund,
WOTANdass treulos sie meinem Willen getrotzt,
WOTANmein herrschend Gebot offen verhöhnt,
WOTANgegen mich die Waffe gewandt,
WOTANdie mein Wunsch allein ihr schuf! -
WOTANHörst du's, Brünnhilde? Du, der ich Brünne,
WOTANHelm und Wehr, Wonne und Huld,
WOTANNamen und Leben verlieh?
WOTANHörst du mich Klage erheben,
WOTANund birgst dich bang dem Kläger,
WOTANdass feig du der Straf' entflöhst?
tritt aus der Schar der Walküren hervor, schreitet demütigen, doch festen Schrittes von der Felsenspitze herab und tritt so in geringer Entfernung vor Wotan
BRÜNNHILDEHier bin ich, Vater: gebiete die Strafe!
WOTANNicht straf' ich dich erst:
WOTANdeine Strafe schufst du dir selbst.
WOTANDurch meinen Willen warst du allein:
WOTANgegen ihn doch hast du gewollt;
WOTANmeinen Befehl nur führtest du aus:
WOTANgegen ihn doch hast du befohlen;
WOTANWunschmaid warst du mir:
WOTANgegen mich doch hast du gewünscht;
WOTANSchildmaid warst du mir:
WOTANgegen mich doch hobst du den Schild;
WOTANLoskieserin warst du mir:
WOTANgegen mich doch kiestest du Lose;
WOTANHeldenreizerin warst du mir:
WOTANgegen mich doch reiztest du Helden.
WOTANWas sonst du warst, sagte dir Wotan:
WOTANwas jetzt du bist, das sage dir selbst!
WOTANWunschmaid bist du nicht mehr;
WOTANWalküre bist du gewesen:
WOTANnun sei fortan, was so du noch bist!
heftig erschreckend
BRÜNNHILDEDu verstössest mich? Versteh' ich den Sinn?
WOTANNicht send' ich dich mehr aus Walhall;
WOTANnicht weis' ich dir mehr Helden zur Wal;
WOTANnicht führst du mehr Sieger
WOTANin meinen Saal:
WOTANbei der Götter trautem Mahle
WOTANdas Trinkhorn nicht reichst du traulich mir mehr;
WOTANnicht kos' ich dir mehr den kindischen Mund;
WOTANvon göttlicher Schar bist du geschieden,
WOTANausgestossen aus der Ewigen Stamm;
WOTANgebrochen ist unser Bund;
WOTANaus meinem Angesicht bist du verbannt.
verlassen, in aufgeregter Bewegung, ihre Stellung, indem sie sich etwas tiefer herabziehen
DIE ACHT WALKÜRENWehe! Weh'!
DIE ACHT WALKÜRENSchwester, ach Schwester!
BRÜNNHILDENimmst du mir alles, was einst du gabst?
WOTANDer dich zwingt, wird dir's entziehn!
WOTANHieher auf den Berg banne ich dich;
WOTANin wehrlosen Schlaf schliess' ich dich fest:
WOTANder Mann dann fange die Maid,
WOTANder am Wege sie findet und weckt.
kommen in höchster Aufregung von der Felsenspitze ganz herab und umgeben in ängstlichen Gruppen Brünnhilde, welche halb kniend vor Wotan liegt
DIE ACHT WALKÜRENHalt' ein, o Vater! Halt' ein den Fluch!
DIE ACHT WALKÜRENSoll die Maid verblühn und verbleichen dem Mann?
DIE ACHT WALKÜRENHör unser Fleh'n! Schrecklicher Gott,
DIE ACHT WALKÜRENwende von ihr die schreiende Schmach!
DIE ACHT WALKÜRENWie die Schwester träfe uns selber der Schimpf!
WOTANHörtet ihr nicht, was ich verhängt?
WOTANAus eurer Schar ist die treulose Schwester geschieden;
WOTANmit euch zu Ross durch die Lüfte nicht reitet sie länger;
WOTANdie magdliche Blume verblüht der Maid;
WOTANein Gatte gewinnt ihre weibliche Gunst;
WOTANdem herrischen Manne gehorcht sie fortan;
WOTANam Herde sitzt sie und spinnt,
WOTANaller Spottenden Ziel und Spiel.
Brünnhilde sinkt mit einem Schrei zu Boden; die Walküren weichen entsetzt mit heftigem Geräusch von ihrer Seite
WOTANSchreckt euch ihr Los? So flieht die Verlorne!
WOTANWeichet von ihr und haltet euch fern!
WOTANWer von euch wagte bei ihr zu weilen,
WOTANwer mir zum Trotz
WOTANzu der Traurigen hielt' -
WOTANdie Törin teilte ihr Los:
WOTANdas künd' ich der Kühnen an!
WOTANFort jetzt von hier; meidet den Felsen!
WOTANHurtig jagt mir von hinnen,
WOTANsonst erharrt Jammer euch hier!
DIE ACHT WALKÜRENWeh! Weh!
Die Walküren fahren mit wildem Wehschrei auseinander und stürzen in hastiger Flucht in den Tann. Schwarzes Gewölk lagert sich dicht am Felsenrande: man hört wildes Geräusch im Tann. Ein greller Blitzesglanz bricht in dem Gewölk aus; in ihm erblickt man die Walküren mit verhängtem Zügel, in eine Schar zusammengedrängt, wild davonjagen. Bald legt sich der Sturm; die Gewitterwolken verziehen sich allmählich. In der folgenden Szene bricht, bei endlich ruhigem Wetter, Abenddämmerung ein, der am Schlusse Nacht folgt
Wotan, Brünnhilde
Wotan und Brünnhilde, die noch zu seinen Füssen hingestreckt liegt, sind allein zurückgeblieben. Langes, feierliches Schweigen: unveränderte Stellung
beginnt das Haupt langsam ein wenig zu erheben. Schüchtern beginnend und steigernd
BRÜNNHILDEWar es so schmählich, was ich verbrach,
BRÜNNHILDEdass mein Verbrechen so schmählich du bestrafst?
BRÜNNHILDEWar es so niedrig, was ich dir tat,
BRÜNNHILDEdass du so tief mir Erniedrigung schaffst?
BRÜNNHILDEWar es so ehrlos, was ich beging,
BRÜNNHILDEdass mein Vergehn nun die Ehre mir raubt?
Sie erhebt sich allmählich bis zur knienden Stellung
BRÜNNHILDEO sag', Vater! Sieh mir ins Auge:
BRÜNNHILDEschweige den Zorn, zähme die Wut,
BRÜNNHILDEund deute mir hell die dunkle Schuld,
BRÜNNHILDEdie mit starrem Trotze dich zwingt,
BRÜNNHILDEzu verstossen dein trautestes Kind!
in unveränderter Stellung, ernst und düster
WOTANFrag' deine Tat, sie deutet dir deine Schuld!
BRÜNNHILDEDeinen Befehl führte ich aus.
WOTANBefahl ich dir, für den Wälsung zu fechten?
BRÜNNHILDESo hiessest du mich als Herrscher der Wal!
WOTANDoch meine Weisung nahm ich wieder zurück!
BRÜNNHILDEAls Fricka den eignen Sinn dir entfremdet;
BRÜNNHILDEda ihrem Sinn du dich fügtest,
BRÜNNHILDEwarst du selber dir Feind.
leise und bitter
WOTANDass du mich verstanden, wähnt' ich,
WOTANund strafte den wissenden Trotz:
WOTANdoch feig und dumm dachtest du mich!
WOTANSo hätt' ich Verrat nicht zu rächen;
WOTANzu gering wärst du meinem Grimm?
BRÜNNHILDENicht weise bin ich, doch wusst' ich das eine,
BRÜNNHILDEdass den Wälsung du liebtest.
BRÜNNHILDEIch wusste den Zwiespalt, der dich zwang,
BRÜNNHILDEdies eine ganz zu vergessen.
BRÜNNHILDEDas andre musstest einzig du sehn,
BRÜNNHILDEwas zu schaun so herb schmerzte dein Herz:
BRÜNNHILDEdass Siegmund Schutz du versagtest.
WOTANDu wusstest es so, und wagtest dennoch den Schutz?
leise beginnend
BRÜNNHILDEWeil für dich im Auge das eine ich hielt,
BRÜNNHILDEdem, im Zwange des andren
BRÜNNHILDEschmerzlich entzweit,
BRÜNNHILDEratlos den Rücken du wandtest!
BRÜNNHILDEDie im Kampfe Wotan den Rücken bewacht,
BRÜNNHILDEdie sah nun das nur, was du nicht sahst: -
BRÜNNHILDESiegmund musst' ich sehn.
BRÜNNHILDETod kündend trat ich vor ihn,
BRÜNNHILDEgewahrte sein Auge, hörte sein Wort;
BRÜNNHILDEich vernahm des Helden heilige Not;
BRÜNNHILDEtönend erklang mir des Tapfersten Klage:
BRÜNNHILDEfreiester Liebe furchtbares Leid,
BRÜNNHILDEtraurigsten Mutes mächtigster Trotz!
BRÜNNHILDEMeinem Ohr erscholl, mein Aug' erschaute,
BRÜNNHILDEwas tief im Busen das Herz
BRÜNNHILDEzu heilgem Beben mir traf.
BRÜNNHILDEScheu und staunend stand ich in Scham.
BRÜNNHILDEIhm nur zu dienen konnt' ich noch denken:
BRÜNNHILDESieg oder Tod mit Siegmund zu teilen:
BRÜNNHILDEdies nur erkannt' ich zu kiesen als Los! -
BRÜNNHILDEDer diese Liebe mir ins Herz gehaucht,
BRÜNNHILDEdem Willen, der dem Wälsung mich gesellt,
BRÜNNHILDEihm innig vertraut, trotzt' ich deinem Gebot.
WOTANSo tatest du, was so gern zu tun ich begehrt,
WOTANdoch was nicht zu tun die Not zwiefach mich zwang?
WOTANSo leicht wähntest du Wonne des Herzens erworben,
WOTANwo brennend Weh' in das Herz mir brach,
WOTANwo grässliche Not
WOTANden Grimm mir schuf,
WOTANeiner Welt zuliebe der Liebe Quell
WOTANim gequälten Herzen zu hemmen?
WOTANWo gegen mich selber
WOTANich sehrend mich wandte,
WOTANaus Ohnmachtschmerzen
WOTANschäumend ich aufschoss,
WOTANwütender Sehnsucht sengender Wunsch
WOTANden schrecklichen Willen mir schuf,
WOTANin den Trümmern der eignen Welt
WOTANmeine ew'ge Trauer zu enden: -
WOTANda labte süss dich selige Lust;
WOTANwonniger Rührung üppigen Rausch
WOTANenttrankst du lachend der Liebe Trank,
WOTANals mir göttlicher Not nagende Galle gemischt?
WOTANDeinen leichten Sinn lass dich denn leiten:
WOTANvon mir sagtest du dich los.
WOTANDich muss ich meiden,
WOTANgemeinsam mit dir
WOTANnicht darf ich Rat mehr raunen;
WOTANgetrennt, nicht dürfen
WOTANtraut wir mehr schaffen:
WOTANso weit Leben und Luft
WOTANdarf der Gott dir nicht mehr begegnen!
BRÜNNHILDEWohl taugte dir nicht die tör'ge Maid,
BRÜNNHILDEdie staunend im Rate
BRÜNNHILDEnicht dich verstand,
BRÜNNHILDEwie mein eigner Rat
BRÜNNHILDEnur das eine mir riet:
BRÜNNHILDEzu lieben, was du geliebt. -
BRÜNNHILDEMuss ich denn scheiden und scheu dich meiden,
BRÜNNHILDEmusst du spalten, was einst sich umspannt,
BRÜNNHILDEdie eigne Hälfte fern von dir halten,
BRÜNNHILDEdass sonst sie ganz dir gehörte,
BRÜNNHILDEdu Gott, vergiss das nicht!
BRÜNNHILDEDein ewig Teil nicht wirst du entehren,
BRÜNNHILDESchande nicht wollen, die dich beschimpft:
BRÜNNHILDEdich selbst liessest du sinken,
BRÜNNHILDEsähst du dem Spott mich zum Spiel!
WOTANDu folgtest selig der Liebe Macht:
WOTANfolge nun dem, den du lieben musst!
BRÜNNHILDESoll ich aus Walhall scheiden,
BRÜNNHILDEnicht mehr mit dir schaffen und walten,
BRÜNNHILDEdem herrischen Manne gehorchen fortan:
BRÜNNHILDEdem feigen Prahler gib mich nicht preis!
BRÜNNHILDENicht wertlos sei er, der mich gewinnt.
WOTANVon Walvater schiedest du -
WOTANnicht wählen darf er für dich.
BRÜNNHILDEleise mit vertraulicher Heimlichkeit
BRÜNNHILDEDu zeugtest ein edles Geschlecht;
BRÜNNHILDEkein Zager kann je ihm entschlagen:
BRÜNNHILDEder weihlichste Held - ich weiss es -
BRÜNNHILDEentblüht dem Wälsungenstamm.
WOTANSchweig' von dem Wälsungenstamm!
WOTANVon dir geschieden, schied ich von ihm:
WOTANvernichten musst' ihn der Neid!
BRÜNNHILDEDie von dir sich riss, rettete ihn.
heimlich
BRÜNNHILDESieglinde hegt die heiligste Frucht;
BRÜNNHILDEin Schmerz und Leid, wie kein Weib sie gelitten,
BRÜNNHILDEwird sie gebären,
BRÜNNHILDEwas bang sie birgt.
WOTANNie suche bei mir Schutz für die Frau,
WOTANnoch für ihres Schosses Frucht!
heimlich
BRÜNNHILDESie wahret das Schwert, das du Siegmund schufest.
heftig
WOTANUnd das ich ihm in Stücken schlug!
WOTANNicht streb', o Maid, den Mut mir zu stören;
erwarte dein Los, wie sich's dir wirft;
WOTANnicht kiesen kann ich es dir!
WOTANDoch fort muss ich jetzt, fern mich verziehn;
WOTANzuviel schon zögert' ich hier;
WOTANvon der Abwendigen wend' ich mich ab;
WOTANnicht wissen darf ich, was sie sich wünscht:
WOTANdie Strafe nur muss vollstreckt ich sehn!
BRÜNNHILDEWas hast du erdacht, dass ich erdulde?
WOTANIn festen Schlaf verschliess' ich dich:
WOTANwer so die Wehrlose weckt,
WOTANdem ward, erwacht, sie zum Weib!
stürzt auf ihre Knie
BRÜNNHILDESoll fesselnder Schlaf fest mich binden,
BRÜNNHILDEdem feigsten Manne zur leichten Beute:
BRÜNNHILDEdies eine muss du erhören,
BRÜNNHILDEwas heil'ge Angst zu dir fleht!
BRÜNNHILDEDie Schlafende schütze mit scheuchenden Schrecken,
BRÜNNHILDEdass nur ein furchtlos freiester Held
BRÜNNHILDEhier auf dem Felsen einst mich fänd'!
WOTANZu viel begehrst du, zu viel der Gunst!
seine Knie umfassend
BRÜNNHILDEDies eine musst du erhören!
BRÜNNHILDEZerknicke dein Kind, das dein Knie umfasst;
BRÜNNHILDEzertritt die Traute, zertrümmre die Maid,
BRÜNNHILDEihres Leibes Spur zerstöre dein Speer:
BRÜNNHILDEdoch gib, Grausamer, nicht
BRÜNNHILDEder grässlichsten Schmach sie preis!
mit wilder Begeisterung
BRÜNNHILDEAuf dein Gebot entbrenne ein Feuer;
BRÜNNHILDEden Felsen umglühe lodernde Glut;
BRÜNNHILDEes leck' ihre Zung', es fresse ihr Zahn
BRÜNNHILDEden Zagen, der frech sich wagte,
BRÜNNHILDEdem freislichen Felsen zu nahn!
überwältigt und tief ergriffen, wendet sich lebhhaft zu Brünnhilde, erhebt sie von den Knien und blickt ihr gerührt in das Auge
WOTANLeb' wohl, du kühnes, herrliches Kind!
WOTANDu meines Herzens heiligster Stolz!
WOTANLeb' wohl! Leb' wohl! Leb' wohl!
sehr leidenschaftlich
WOTANMuss ich dich meiden,
WOTANund darf nicht minnig
WOTANmein Gruss dich mehr grüssen;
WOTANsollst du nun nicht mehr neben mir reiten,
WOTANnoch Met beim Mahl mir reichen;
WOTANmuss ich verlieren dich, die ich liebe,
WOTANdu lachende Lust meines Auges:
WOTANein bräutliches Feuer soll dir nun brennen,
WOTANwie nie einer Braut es gebrannt!
WOTANFlammende Glut umglühe den Fels;
WOTANmit zehrenden Schrecken
WOTANscheuch' es den Zagen;
WOTANder Feige fliehe Brünnhildes Fels! -
WOTANDenn einer nur freie die Braut,
WOTANder freier als ich, der Gott!
Brünnhilde sinkt, gerührt und begeistert, an Wotans Brust; er hält sie lange umfangen. Sie schlägt das Haupt wieder zurück und blickt, immer noch ihn umfassend, feierlich ergriffen Wotan in das Auge
WOTANDer Augen leuchtendes Paar,
WOTANdas oft ich lächelnd gekost,
WOTANwenn Kampfeslust ein Kuss dir lohnte,
WOTANwenn kindisch lallend der Helden Lob
WOTANvon holden Lippen dir floss:
WOTANdieser Augen strahlendes Paar,
WOTANdas oft im Sturm mir geglänzt,
WOTANwenn Hoffnungssehnen das Herz mir sengte,
WOTANnach Weltenwonne mein Wunsch verlangte
WOTANaus wild webendem Bangen:
WOTANzum letztenmal
WOTANletz' es mich heut'
WOTANmit des Lebewohles letztem Kuss!
WOTANDem glücklichen Manne
WOTANglänze sein Stern:
WOTANdem unseligen Ew'gen
WOTANmuss es scheidend sich schliessen.
WOTANEr fasst ihr Haupt in beide Hände
WOTANDenn so kehrt der Gott sich dir ab,
WOTANso küsst er die Gottheit von dir!
Er küsst sie lange auf die Augen. Sie sinkt mit geschlossenen Augen, sanft ermattend, in seinen Armen zurück. Er geleitet sie zart auf einen niedrigen Mooshügel zu liegen, über den sich eine breitästige Tanne ausstreckt. Er betrachtet sie und schliesst ihr den Helm: sein Auge weilt dann auf der Gestalt der Schlafenden, die er mit dem grossen Stahlschilde der Walküre ganz zudeckt. Langsam kehrt er sich ab, mit einem schmerzlichen Blicke wendet er sich noch einmal um. Dann schreitet er mit feierlichem Entschlusse in die Mitte der Bühne und kehrt seines Speeres Spitze gegen einen mächtigen Felsstein
WOTANLoge, hör'! Lausche hieher!
WOTANWie zuerst ich dich fand, als feurige Glut,
WOTANwie dann einst du mir schwandest,
WOTANals schweifende Lohe;
WOTANwie ich dich band, bann ich dich heut'!
WOTANHerauf, wabernde Lohe,
WOTANumlodre mir feurig den Fels!
Er stösst mit dem Folgenden dreimal mit dem Speer auf den Stein
WOTANLoge! Loge! Hieher!
Dem Stein entfährt ein Feuerstrahl, der zur allmählich immer helleren Flammenglut anschwillt. Lichte Flackerlohe bricht aus. Lichte Brunst umgibt Wotan mit wildem Flackern. Er weist mit dem Speere gebieterisch dem Feuermeere den Umkreis des Felsenrandes zur Strömung an; alsbald zieht es sich nach dem Hintergrunde, wo es nun fortwährend den Bergsaum umlodert
WOTANWer meines Speeres Spitze fürchtet,
WOTANdurchschreite das Feuer nie!
Er streckt den Speer wie zum Banne aus, dann blickt er schmerzlich auf Brünnhilde zurück, wendet sich langsam zum Gehen und blickt noch einmal zurück, ehe er durch das Feuer verschwindet. Der Vorhang fällt