Parsifal

Wagner, Richard

AMFORTAS (Bariton)

TITUREL (Bass)

GURNEMANZ (Bass)

PARSIFAL (Tenor)

KLINGSOR (Bass)

KUNDRY (Sopran oder Mezzosopran)

Zwei GRALSRITTER (Tenor und Bass)

Vier KNAPPEN (Sopran und Tenor)

Klingsors ZAUBERMÄDCHEN (Sopran / Alt)

STIMME AUS DER HÖHE (Alt)

ZWEITER CHORDie Brüderschaft der Gralsritter (Tenor und Bass)

ZWEITER CHORJünglinge und Knaben (Tenor, Alt und Sopran)

SYSTEMVorspiel

SYSTEMERSTER AUFZUG

Im Gebiet des Grales. – Wald, schattig und ernst, doch nicht düster. Eine Lichtung in der Mitte. Links aufsteigend wird der Weg zur Gralsburg angenommen. Der Mitte des Hintergrundes zu senkt sich der Boden zu einem tiefer gelegenen Waldsee hinab. – Tagesanbruch. – Gurnemanz (rüstig greisenhaft) und zwei Knappen (von zartem Jünglingsalter) sind schlafend unter einem Baume gelagert. – Von der linken Seite, wie von der Gralsburg her, ertönt der feierliche Morgenweckruf der Posaunen

erwachend und die Knaben rüttelnd

GURNEMANZHe! Ho! Waldhüter ihr, –

GURNEMANZSchlafhüter mitsammen, –

GURNEMANZso wacht doch mindest am Morgen.

Die beiden Knappen springen auf

GURNEMANZHört ihr den Ruf? Nun danket Gott,

GURNEMANZdass ihr berufen, ihn zu hören!

Er senkt sich mit den Knappen auf die Knie und verrichtet mit ihnen gemeinschaftlich stumm das Morgengebet; sobald die Posaunen schweigen, erheben sie sich langsam

GURNEMANZJetzt auf, ihr Knaben! Seht nach dem Bad.

GURNEMANZZeit ist's, des Königs dort zu harren.

Er blickt nach links in die Szene

GURNEMANZDem Siechbett, das ihn trägt, voraus

GURNEMANZseh ich die Boten schon uns nahn.

Zwei Ritter treten, von der Burg her, auf

GURNEMANZHeil euch! – Wie geht's Amfortas heut?

GURNEMANZWohl früh verlangt er nach dem Bade:

GURNEMANZdas Heilkraut, das Gawan

GURNEMANZmit List und Kühnheit ihm gewann,

GURNEMANZich wähne, dass das Lind'rung schuf?

ZWEITER RITTERDas wähnest du, der doch Alles weiss?

ZWEITER RITTERIhm kehrten sehrender nur

ZWEITER RITTERdie Schmerzen bald zurück: –

ZWEITER RITTERschlaflos von starken Bresten,

ZWEITER RITTERbefahl er eifrig uns das Bad.

das Haupt traurig senkend

GURNEMANZToren wir, auf Lind'rung da zu hoffen,

GURNEMANZwo einzig Heilung lindert! –

GURNEMANZNach allen Kräutern, allen Tränken forscht

GURNEMANZund jagt weit durch die Welt –:

GURNEMANZihm hilft nur Eines, –

GURNEMANZnur der Eine!

ZWEITER RITTERSo nenn uns den!

ausweichend

GURNEMANZSorgt für das Bad!

Die beiden Knappen haben sich dem Hintergrunde zugewendet und blicken nach rechts

ZWEITER KNAPPESeht dort die wilde Reiterin!

ERSTER KNAPPEHei!

ERSTER KNAPPEWie fliegen der Teufelsmähre die Mähnen!

ZWEITER RITTERHa! Kundry dort?

ERSTER RITTERDie bringt wohl wicht'ge Kunde?

ZWEITER KNAPPEDie Mähre taumelt.

ERSTER KNAPPEFlog sie durch die Luft?

ZWEITER KNAPPEJetzt kriecht sie am Boden hin.

ERSTER KNAPPEMit den Mähnen fegt sie das Moos.

Alle blicken lebhaft nach der rechten Seite

ZWEITER RITTERDa schwingt sich die Wilde herab!

Kundry stürzt hastig, fast taumelnd, herein. Wilde Kleidung, hoch geschürzt; Gürtel von Schlangenhäuten lang herabhängend: schwarzes, in losen Zöpfen flatterndes Haar; tief braunrötliche Gesichtsfarbe; stechende schwarze Augen, zuweilen wild aufblitzend, öfters wie todesstarr und unbeweglich. – Sie eilt auf Gurnemanz zu und dringt ihm ein kleines Kristallgefäss auf

KUNDRYHier? Nimm du! – Balsam...

GURNEMANZWoher brachtest du dies?

KUNDRYVon weiter her, als du denken kannst:

KUNDRYhilft der Balsam nicht,

KUNDRYArabia birgt dann

KUNDRYnichts mehr zu seinem Heil. –

KUNDRYFrag nicht weiter! – Ich bin müde.

Sie wirft sich an den Boden. Ein Zug von Knappen und Rittern, die Sänfte tragend und geleitend, in welcher Amfortas ausgestreckt liegt, gelangt – von links her – auf die Bühne. – Gurnemanz hat sich, von Kundry ab, sogleich den Ankommenden zugewendet

GURNEMANZEr naht – sie bringen ihn getragen. –

GURNEMANZO weh! Wie trag ich's im Gemüte,

GURNEMANZin seiner Mannheit stolzer Blüte

GURNEMANZdes siegreichsten Geschlechtes Herrn

GURNEMANZals seines Siechtums Knecht zu sehn!

zu den Knappen

GURNEMANZBehutsam! Hört, der König stöhnt.

Die Knappen halten an und stellen das Siechbett nieder

der sich ein wenig erhoben

AMFORTASRecht so! Habt Dank! – Ein wenig Rast.

AMFORTASNach wilder Schmerzensnacht –

AMFORTASnun Waldes Morgenpracht!

AMFORTASIm heil'gen See

AMFORTASwohl labt mich auch die Welle:

AMFORTASes staunt das Weh,

AMFORTASdie Schmerzensnacht wird helle.

AMFORTASGawan!

ZWEITER RITTERHerr! Gawan weilte nicht;

ZWEITER RITTERda seines Heilkrauts Kraft,

ZWEITER RITTERwie schwer er's auch errungen,

ZWEITER RITTERdoch deine Hoffnung trog,

ZWEITER RITTERhat er auf neue Sucht sich fortgeschwungen.

AMFORTASOhn Urlaub! – Möge das er sühnen,

AMFORTASdass schlecht er Grals-Gebote hält!

AMFORTASO wehe ihm, dem trotzig Kühnen,

AMFORTASwenn er in Klingsors Schlingen fällt! –

AMFORTASSo breche Keiner mir den Frieden!

AMFORTASIch harre des, der mir beschieden:

AMFORTAS»durch Mitleid wissend« –

AMFORTASwar's nicht so? –

GURNEMANZUns sagtest du es so.

AMFORTAS– »der reine Tor –«

AMFORTASMich dünkt ihn zu erkennen:

AMFORTASdürft ich den Tod ihn nennen!

indem er Amfortas das Fläschchen Kundrys überreicht

GURNEMANZDoch zuvor – versuch es noch mit diesem!

AMFORTASWoher dies heimliche Gefäss?

GURNEMANZDir ward es aus Arabia hergeführt.

AMFORTASUnd wer gewann es?

GURNEMANZDort liegt's, das wilde Weib.

GURNEMANZAuf, Kundry! Komm!

Kundry weigert sich und bleibt am Boden

AMFORTASDu – Kundry?

AMFORTASMuss ich dir nochmals danken,

AMFORTASdu rastlos scheue Magd?

AMFORTASWohlan,

AMFORTASden Balsam nun versuch ich noch:

AMFORTASes sei aus Dank für deine Treue.

unruhig und heftig am Boden sich bewegend

KUNDRYNicht Dank! – Ha ha! – was wird er helfen!

KUNDRYNicht Dank! Fort, fort – in's Bad!

Amfortas gibt das Zeichen zum Aufbruch; der Zug entfernt sich nach dem tieferen Hintergrunde zu. – Gurnemanz, schwermütig nachblickend, und Kundry, fortwährend auf dem Boden gelagert, sind zurückgeblieben. – Knappen gehen ab und zu

DRITTER KNAPPEHe! Du da!

DRITTER KNAPPEWas liegst du dort wie ein wildes Tier?

KUNDRYSind die Tiere hier nicht heilig?

DRITTER KNAPPEJa –! Doch ob heilig du,

DRITTER KNAPPEdas wissen wir grad noch nicht.

VIERTER KNAPPEMit ihrem Zaubersaft – wähn ich –

VIERTER KNAPPEwird sie den Meister vollends verderben.

GURNEMANZHm! Schuf sie euch Schaden je? –

GURNEMANZWann Alles ratlos steht,

GURNEMANZwie kämpfenden Brüdern in fernste Länder

GURNEMANZKunde sei zu entsenden,

GURNEMANZund kaum ihr nur wisst wohin, –

GURNEMANZwer, ehe ihr euch nur besinnt,

GURNEMANZstürmt und fliegt dahin und zurück,

GURNEMANZder Botschaft pflegend mit Treu und Glück?

GURNEMANZIhr nährt sie nicht, – sie naht euch nie,

GURNEMANZnichts hat sie mit euch gemein:

GURNEMANZdoch, wann's in Gefahr der Hilfe gilt,

GURNEMANZder Eifer führt sie schier durch die Luft,

GURNEMANZdie nie euch dann zum Danke ruft.

GURNEMANZIch wähne, ist dies Schaden,

GURNEMANZso tät er euch gut geraten.

DRITTER KNAPPEDoch hasst sie uns;

DRITTER KNAPPEsieh nur, wie hämisch dort nach uns sie blickt!

VIERTER KNAPPEEine Heidin ist's, ein Zauberweib.

GURNEMANZJa, eine Verwünschte mag sie sein.

GURNEMANZHier lebt sie heut,

GURNEMANZvielleicht erneut,

GURNEMANZzu büssen Schuld aus früh'rem Leben,

GURNEMANZdie dorten ihr noch nicht vergeben.

GURNEMANZÜbt sie nun Buss in solchen Taten,

GURNEMANZdie uns Ritterschaft zum Heil geraten,

GURNEMANZgut tut sie dann und recht sicherlich,

GURNEMANZdienet uns – und hilft auch sich.

DRITTER KNAPPESo ist's wohl auch jen' ihre Schuld,

DRITTER KNAPPEdie uns so manche Not gebracht?

sich besinnend

GURNEMANZJa, – wann oft lange sie uns ferne blieb,

GURNEMANZdann brach ein Unglück wohl herein.

GURNEMANZUnd lang schon kenn ich sie;

GURNEMANZdoch Titurel kennt sie noch länger.

GURNEMANZDer fand, als er die Burg dort baute,

GURNEMANZsie schlafend hier im Waldgestrüpp –

GURNEMANZerstarrt, leblos, wie tot.

GURNEMANZSo fand ich selbst sie letztlich wieder,

GURNEMANZals uns das Unheil kaum geschehn,

GURNEMANZdas jener Böse über den Bergen

GURNEMANZso schmählich über uns gebracht.

zu Kundry

GURNEMANZHe! Du! Hör mich und sag:

GURNEMANZwo schweiftest damals du umher,

GURNEMANZals unser Herr den Speer verlor?

Kundry schweigt düster

GURNEMANZWarum halfst du uns damals nicht?

KUNDRYIch helfe nie.

VIERTER KNAPPESie sagt's da selbst.

DRITTER KNAPPEIst sie so treu, so kühn in Wehr,

DRITTER KNAPPEso sende sie nach dem verlor'nen Speer!

düster

GURNEMANZDas ist ein And'res,

GURNEMANZjedem ist's verwehrt. –

mit grosser Ergriffenheit

GURNEMANZOh, wundenwundervoller,

GURNEMANZheiliger Speer!

GURNEMANZDich sah ich schwingen

GURNEMANZvon unheiligster Hand!

in Erinnerung sich verlierend

GURNEMANZMit ihm bewehrt, Amfortas, Allzukühner,

GURNEMANZwer mochte dir es wehren

GURNEMANZden Zaub'rer zu beheeren?

GURNEMANZSchon nah dem Schloss – wird uns der Held entrückt:

GURNEMANZein furchtbar schönes Weib hat ihn entzückt;

GURNEMANZin seinen Armen liegt er trunken,

GURNEMANZder Speer – ist ihm entsunken.

GURNEMANZEin Todesschrei! – Ich stürm herbei:

GURNEMANZvon dannen Klingsor lachend schwand:

GURNEMANZden heil'gen Speer hat' er entwandt.

GURNEMANZDes Königs Flucht gab kämpfend ich Geleite;

GURNEMANZdoch – eine Wunde brannt ihm in der Seite,

GURNEMANZdie Wunde ist's, die nie sich schliessen will. –

Der erste und zweite Knappe kommen vom See her zurück

zu Gurnemanz

DRITTER KNAPPESo kanntest du Klingsor?

zu den zurückkommenden beiden Knappen

GURNEMANZWie geht's dem König?

ERSTER KNAPPEIhn frischt das Bad.

ZWEITER KNAPPEDem Balsam wich das Weh.

für sich

GURNEMANZDie Wunde ist's, die nie sich schliessen will! –

Der dritte und der vierte Knappe hatten sich zuletzt schon zu Gurnemanz' Füssen niedergesetzt; die beiden anderen gesellen sich jetzt in gleicher Weise zu ihnen unter dem grossen Baum

DRITTER KNAPPEDoch, Väterchen, sag und lehr uns fein:

DRITTER KNAPPEdu kanntest Klingsor, – wie mag das sein?

GURNEMANZTiturel, der fromme Held,

GURNEMANZder kannt ihn wohl.

GURNEMANZDenn ihm, da wilder Feinde List und Macht

GURNEMANZdes reinen Glaubens Reich bedrohten,

GURNEMANZihm neigten sich, in heilig ernster Nacht,

GURNEMANZdereinst des Heilands selige Boten:

GURNEMANZdaraus er trank beim letzten Liebesmahle,

GURNEMANZdas Weihgefäss, die heilig edle Schale,

GURNEMANZdarein am Kreuz sein göttlich Blut auch floss,

GURNEMANZdazu den Lanzenspeer, der dies vergoss, –

GURNEMANZder Zeugengüter höchstes Wundergut,

GURNEMANZdas gaben sie in unsres Königs Hut.

GURNEMANZDem Heiltum baute er das Heiligtum.

GURNEMANZDie seinem Dienst ihr zugesindet

GURNEMANZauf Pfaden, die kein Sünder findet, –

GURNEMANZihr wisst, dass nur dem Reinen

GURNEMANZvergönnt ist sich zu einen

GURNEMANZden Brüdern, die zu höchsten Rettungswerken

GURNEMANZdes Grales Wunderkräfte stärken. –

GURNEMANZDrum blieb es dem, nach dem ihr fragt, verwehrt,

GURNEMANZKlingsorn – wie hart ihn Müh auch drob beschwert.

GURNEMANZJenseits im Tale war er eingesiedelt;

GURNEMANZdarüber hin liegt üpp'ges Heidenland: –

GURNEMANZunkund blieb mir, was dorten er gesündigt;

GURNEMANZdoch wollt er büssen nun, ja – heilig werden.

GURNEMANZOhnmächtig, in sich selbst die Sünde zu ertöten,

GURNEMANZan sich legt er die Frevlerhand,

GURNEMANZdie nun, dem Grale zugewandt,

GURNEMANZverachtungsvoll des Hüter von sich stiess.

GURNEMANZDarob die Wut nun Klingsorn unterwies,

GURNEMANZwie seines schmähl'chen Opfers Tat

GURNEMANZihm gäb zu bösem Zauber Rat: –

GURNEMANZden fand er nun.

GURNEMANZDie Wüste schuf er sich zum Wonnegarten;

GURNEMANZdrin wachsen teuflisch holde Frauen,

GURNEMANZdort will des Grales Ritter er erwarten

GURNEMANZzu böser Lust und Höllengrauen:

GURNEMANZwen er verlockt, hat er erworben,

GURNEMANZschon Viele hat er uns verdorben. –

GURNEMANZDa Titurel, in hohen Alters Mühen,

GURNEMANZdem Sohn die Herrschaft hier verliehen,

GURNEMANZAmfortas liess es da nicht ruhn

GURNEMANZder Zauberplag' Einhalt zu tun.

GURNEMANZDas wisst ihr, wie es da sich fand:

GURNEMANZder Speer ist nun in Klingsors Hand;

GURNEMANZkann er selbst Heilige mit ihm verwunden,

GURNEMANZden Gral auch wähnt er fest schon uns entwunden!

Kundry hat sich, in wütender Unruhe, oft heftig umgewendet

VIERTER KNAPPEVor Allem nun, der Speer kehr uns zurück!

DRITTER KNAPPEHa! wer ihn brächt, ihm wär's zu Ruhm und Glück?

nach einem Schweigen

GURNEMANZVor dem verwaisten Heiligtum

GURNEMANZin brünst'gem Beten lag Amfortas,

GURNEMANZein Rettungszeichen bang erflehend: –

GURNEMANZein sel'ger Schimmer da entfloss dem Grale;

GURNEMANZein heilig Traumgesicht

GURNEMANZnun deutlich zu ihm spricht

GURNEMANZdurch hell erschauter Wortezeichen Male:

GURNEMANZ»durch Mitleid wissend,

GURNEMANZder reine Tor,

GURNEMANZharre sein,

GURNEMANZden ich erkor!«

DIE VIER KNAPPEN»Durch Mitleid wissend,

DIE VIER KNAPPENder reine Tor –«

Vom See her vernimmt man Geschrei und das Rufen der Ritter und Knappen. – Gurnemanz und die vier Knappen fahren auf und wenden sich erschreckt um

RITTER UND KNAPPENWeh! Weh! – Hoho!

RITTER UND KNAPPENAuf! – Wer ist der Frevler?

GURNEMANZWas gibt's?

Ein wilder Schwan flattert matten Fluges vom See daher: die Knappen und Ritter folgen ihm nach auf die Szene

VIERTER KNAPPEDort!

DRITTER KNAPPEHier!

ZWEITER KNAPPEEin Schwan!

VIERTER KNAPPEEin wilder Schwan!

ALLE RITTER UND KNAPPENEr ist verwundet.

ALLE RITTER UND KNAPPENHa, wehe! Weh!

GURNEMANZWer schoss den Schwan?

Der Schwan sinkt, nach mühsamem Fluge, matt zu Boden; der zweite Ritter zieht ihm den Pfeil aus der Brust

ERSTER RITTERDer König grüsste ihn als gutes Zeichen,

ERSTER RITTERals überm See kreiste der Schwan:

ERSTER RITTERda flog ein Pfeil...

Parsifal hereinführend

DIE KNAPPEN UND RITTERDer war's! Der schoss!

auf Parsifals Bogen weisend

DIE KNAPPEN UND RITTERDies der Bogen!

den Pfeil aufweisend

ZWEITER RITTERHier der Pfeil, dem seinen gleich.

GURNEMANZBist du's, der diesen Schwan erlegte?

PARSIFALGewiss! Im Fluge treff ich, was fliegt!

GURNEMANZDu tatest das? Und bangt es dich nicht vor der Tat?

DIE KNAPPEN UND RITTERStrafe den Frevler!

GURNEMANZUnerhörtes Werk! –

GURNEMANZDu konntest morden, – hier, im heil'gen Walde,

GURNEMANZdes stiller Frieden dich umfing?

GURNEMANZDes Haines Tiere nahten dir nicht zahm?

GURNEMANZGrüssten dich freundlich und fromm?

GURNEMANZAus den Zweigen was sangen die Vöglein dir?

GURNEMANZWas tat dir der treue Schwan?

GURNEMANZSein Weibchen zu suchen flog der auf,

GURNEMANZmit ihm zu kreisen über dem See,

GURNEMANZden so er herrlich weihte zum Bad. –

GURNEMANZDem stauntest du nicht?... Dich lockt es nur

GURNEMANZzu wild kindischem Bogengeschoss?

GURNEMANZEr war uns hold: was ist er nun dir?

GURNEMANZHier, – schau her! – hier trafst du ihn; –

GURNEMANZda starrt noch das Blut, matt hängen die Flügel; –

GURNEMANZdas Schneegefieder dunkel befleckt?

GURNEMANZGebrochen das Aug' – siehst du den Blick?

Parsifal hat Gurnemanz mit wachsender Ergriffenheit zugehört: jetzt zerbricht er seinen Bogen und schleudert die Pfeile von sich

GURNEMANZWirst deiner Sündentat du inne?

Parsifal führt die Hand über die Augen

GURNEMANZSag, Knab' – erkennst du deine grosse Schuld?

GURNEMANZWie konntest du sie begehn?

PARSIFALIch wusste sie nicht.

GURNEMANZWo bist du her?

PARSIFALDas weiss ich nicht.

GURNEMANZWer ist dein Vater?

PARSIFALDas weiss ich nicht.

GURNEMANZWer sandte dich dieses Weges?

PARSIFALDas weiss ich nicht.

GURNEMANZDein Name denn?

PARSIFALIch hatte viele,

PARSIFALdoch weiss ich ihrer keinen mehr.

GURNEMANZDas weisst du Alles nicht?

für sich

GURNEMANZSo dumm wie den

GURNEMANZerfand bisher ich Kundry nur!

zu den Knappen, deren sich immer mehre versammelt haben

GURNEMANZJetzt geht!

GURNEMANZVersäumt den König im Bade nicht! – Helft! –

Die Knappen heben den toten Schwan ehrerbietig auf eine Bahre von frischen Zweigen, und entfernen sich mit ihm dann nach dem See zu. – Schliesslich bleiben Gurnemanz, Parsifal und – abseits – Kundry allein zurück

wendet sich wieder zu Parsifal

GURNEMANZNun sag: nichts weisst du, was ich dich frage;

GURNEMANZjetzt meld, was du weisst;

GURNEMANZdenn etwas musst du doch wissen.

PARSIFALIch hab eine Mutter; Herzeleide sie heisst.

PARSIFALIm Wald und auf wilder Aue waren wir heim.

GURNEMANZWer gab dir den Bogen?

PARSIFALDen schuf ich mir selbst

PARSIFALvom Forst die wilden Adler zu verscheuchen.

GURNEMANZDoch adelig scheinst du selbst und hochgeboren:

GURNEMANZwarum nicht liess deine Mutter

GURNEMANZbessere Waffen dich lehren?

Parsifal schweigt

welche während der Erzählung des Gurnemanz von Amfortas' Schicksal oft in wütender Unruhe heftig sich umgewendet hatte, nun aber, immer in der Waldecke gelagert, den Blick scharf auf Parsifal gerichtet hat, ruft jetzt, da Parsifal schweigt, mit rauher Stimme daher

KUNDRYDen Vaterlosen gebar die Mutter,

KUNDRYals im Kampf erschlagen Gamuret;

KUNDRYvor gleichem frühem Heldentod

KUNDRYden Sohn zu wahren, waffenfremd

KUNDRYin Öden erzog sie ihn zum Toren: –

KUNDRYdie Törin!

Sie lacht

der mit jäher Aufmerksamkeit zugehört

PARSIFALJa! Und einst am Waldessaume vorbei,

PARSIFALauf schönen Tieren sitzend,

PARSIFALkamen glänzende Männer;

PARSIFALihnen wollt ich gleichen:

PARSIFALsie lachten und jagten davon.

PARSIFALNun lief ich nach, doch konnte sie nicht erreichen. –

PARSIFALDurch Wildnisse kam ich, bergauf, talab;

PARSIFALoft ward es Nacht, dann wieder Tag:

PARSIFALmein Bogen musste mir frommen

PARSIFALgegen Wild und grosse Männer...

hat sich erhoben und ist zu den Männern getreten; eifrig:

KUNDRYJa! Schächer und Riesen traf seine Kraft;

KUNDRYden freislichen Knaben fürchten sie Alle.

verwundert

PARSIFALWer fürchtet mich? Sag!

KUNDRYDie Bösen.

PARSIFALDie mich bedrohten, waren sie bös?

Gurnemanz lacht

PARSIFALWer ist gut?

wieder ernst

GURNEMANZDeine Mutter, – der du entlaufen,

GURNEMANZund die um dich sich nun härmt und grämt.

KUNDRYZu End ihr Gram: seine Mutter ist tot.

in furchtbarem Schrecken

PARSIFALTot? Meine Mutter? – Wer sagt's?

KUNDRYIch ritt vorbei, und sah sie sterben: –

KUNDRYdich Toren hiess sie mich grüssen.

Parsifal springt wütend auf Kundry zu und fasst sie bei der Kehle. – Gurnemanz hält ihn zurück

GURNEMANZVerrückter Knabe! Wieder Gewalt?

Nachdem Gurnemanz Kundry befreit, steht Parsifal lange wie erstarrt

GURNEMANZWas tat dir das Weib? Es sagte wahr,

GURNEMANZdenn nie lügt Kundry – doch sah sie viel.

gerät in ein heftiges Zittern

PARSIFALIch verschmachte!...

Kundry ist sogleich, als sie Parsifals Zustand gewahrte, nach einem Waldquell geeilt, bringt jetzt Wasser in einem Horne, besprengt damit zunächst Parsifal, und reicht ihm dann zu trinken

GURNEMANZSo recht! So nach des Grales Gnade:

GURNEMANZdas Böse bannt, wer's mit Gutem vergilt.

düster

KUNDRYNie tu ich Gutes: –

Sie wendet sich traurig ab, und während Gurnemanz sich väterlich um Parsifal bemüht, schleppt sie sich, von Beiden unbeachtet, einem Waldgebüsche zu

KUNDRYnur Ruhe will ich,

KUNDRYnur Ruhe – ach! – der Müden.

KUNDRYSchlafen! – Oh, dass mich keiner wecke!

scheu auffahrend

KUNDRYNein! – Nicht schlafen! – Grausen fasst mich!

Sie verfällt in heftiges Zittern; dann lässt sie die Arme matt sinken

KUNDRYMachtlose Wehr! Die Zeit ist da.

KUNDRYSchlafen – schlafen – ich muss! –

Sie sinkt hinter dem Gebüsch zusammen und bleibt von jetzt an unbemerkt. – Vom See her gewahrt man Bewegung und endlich den im Hintergrunde sich heimwendenden Zug der Ritter und Knappen mit der Sänfte

GURNEMANZVom Bade kehrt der König heim;

GURNEMANZhoch steht die Sonne:

GURNEMANZnun lass zum frommen Mahle mich dich geleiten;

GURNEMANZdenn bist du rein,

GURNEMANZwird nun der Gral dich tränken und speisen.

Gurnemanz hat Parsifals Arm sich sanft um den Nacken gelegt, und dessen Leib mit seinem eigenen Arme umschlungen; so geleitet er ihn bei sehr allmählichem Schreiten. – Hier hat die unmerkliche Verwandelung der Bühne bereits begonnen

PARSIFALWer ist der Gral?

GURNEMANZDas sagt sich nicht;

GURNEMANZdoch, bist du selbst zu ihm erkoren,

GURNEMANZbleibt dir die Kunde unverloren.

GURNEMANZUnd sieh! –

GURNEMANZMich dünkt, dass ich dich recht erkannt:

GURNEMANZkein Weg führt zu ihm durch das Land,

GURNEMANZund Niemand könnte ihn beschreiten,

GURNEMANZden er nicht selber möcht geleiten.

PARSIFALIch schreite kaum,

PARSIFALdoch wähn ich mich schon weit.

GURNEMANZDu siehst, mein Sohn,

GURNEMANZzum Raum wird hier die Zeit.

Allmählich, während Gurnemanz und Parsifal zu schreiten scheinen, hat sich die Szene bereits immer merklicher verwandelt; es verschwindet so der Wald, und in Felsenwänden öffnet sich ein Torweg, welcher die Beiden jetzt einschliesst

GURNEMANZJetzt achte wohl, und lass mich sehn:

GURNEMANZbist du ein Tor und rein,

GURNEMANZwelch Wissen dir auch mag beschieden sein. –

Durch aufsteigende gemauerte Gänge führend, hat die Szene sich vollständig verwandelt: Gurnemanz und Parsifal treten jetzt in den mächtigen Saal der Gralsburg ein. – Szene: Säulenhalle mit Kuppelgewölbe, den Speiseraum überdeckend. Auf beiden Seiten des Hintergrundes werden die Türen geöffnet: von rechts schreiten die Ritter des Grales herein und reihen sich um die Speisetafeln

DIE GRALSRITTERZum letzten Liebesmahle.

DIE GRALSRITTERgerüstet Tag für Tag,

Ein Zug von Knappen durchschreitet schnelleren Schrittes die Szene nach hinten zu

DIE GRALSRITTERgleich ob zum letzten Male

DIE GRALSRITTERes heut ihn letzen mag.

Ein zweiter Zug von Knappen durchschreitet die Halle

DIE GRALSRITTERWer guter Tat sich freut:

DIE GRALSRITTERihm sei das Mahl erneut:

DIE GRALSRITTERder Labung darf er nahn,

DIE GRALSRITTERdie hehrste Gab empfahn.

Die versammelten Ritter stellen sich an den Speisetafeln auf Stimmen der Jünglinge aus der mittleren Höhe der Kuppel vernehmbar

DIE GRALSRITTERDen sündigen Welten

DIE GRALSRITTERmit tausend Schmerzen

DIE GRALSRITTERwie einst sein Blut geflossen,

DIE GRALSRITTERdem Erlösungs-Helden

DIE GRALSRITTERsei nun mit freudigem Herzen

DIE GRALSRITTERmein Blut vergossen.

DIE GRALSRITTERDer Leib, den er zur Sühn uns bot,

DIE GRALSRITTERer leb in uns durch seinen Tod.

aus der äussersten Höhe der Kuppel

KNABENSTIMMENDer Glaube lebt;

KNABENSTIMMENdie Taube schwebt,

KNABENSTIMMENdes Heilands holder Bote.

KNABENSTIMMENDer für euch fliesst,

KNABENSTIMMENdes Weins geniesst,

KNABENSTIMMENund nehmt vom Lebensbrode!

Während des Gesanges wird von Knappen und dienenden Brüdern durch die entgegengesetzte Türe Amfortas auf einer Sänfte hereingetragen: vor ihm schreiten die vier Knappen, welche den verhängten Schrein des Grales tragen. Dieser Zug begibt sich nach der Mitte des Hintergrundes, wo ein erhöhtes Ruhebett aufgerichtet steht, auf welches Amfortas von der Sänfte herab niedergelassen wird; hiervor steht ein länglicher Steintisch, auf welchen die Knaben den verhängten Gralsschrein hinstellen. – Nachdem alle ihre Stelle eingenommen und ein allgemeiner Stillstand eingetreten war, vernimmt man, vom tiefsten Hintergrunde her, aus einer gewölbten Nische hinter dem Ruhebette des Amfortas, die Stimme des alten Titurel wie aus einem Grabe heraufdringen

TITURELMein Sohn Amfortas, bist du am Amt?

langes Schweigen

TITURELSoll ich den Gral heut noch erschaun und leben?

langes Schweigen

TITURELMuss ich sterben, vom Retter ungeleitet?

im Ausbruche qualvoller Verzweiflung sich halb aufrichtend

AMFORTASWehe! Wehe mir der Qual!

AMFORTASMein Vater, oh! noch einmal

AMFORTASverrichte du das Amt!

AMFORTASLebe, leb – und lass mich sterben.

TITURELIm Grabe leb ich durch des Heilands Huld:

TITURELzu schwach doch bin ich, ihm zu dienen.

TITURELDu büss im Dienste deine Schuld!

TITURELEnthüllet den Gral!

gegen die Knaben sich erhebend

AMFORTASNein! Lasst ihn unenthüllt! – Oh!

AMFORTASdass keiner, keiner diese Qual ermisst,

AMFORTASdie mir der Anblick weckt, der euch entzückt!

AMFORTASWas ist die Wunde, ihrer Schmerzen Wut,

AMFORTASgegen die Not, die Höllenpein,

AMFORTASzu diesem Amt – verdammt zu sein!

AMFORTASWehvolles Erbe, dem ich verfallen,

AMFORTASich – einz'ger Sünder unter Allen –

AMFORTASdes höchsten Heiligtums zu pflegen,

AMFORTASauf Reine herabzuflehen seinen Segen! –

AMFORTASOh, Strafe! Strafe ohne Gleichen

AMFORTASdes, ach! – gekränkten Gnadenreichen! –

AMFORTASNach ihm, nach seinem Weihegrusse

AMFORTASmuss sehnlich mich's verlangen;

AMFORTASaus tiefster Seele Heilesbusse

AMFORTASzu ihm muss ich gelangen.

AMFORTASDie Stunde naht –

AMFORTASein Lichtstrahl senkt sich auf das heilige Werk: –

AMFORTASdie Hülle fällt.

vor sich hinstarrend

AMFORTASDes Weihgefässes göttlicher Gehalt

AMFORTASerglüht mit leuchtender Gewalt;

AMFORTASdurchzückt von seligsten Genusses Schmerz,

AMFORTASdes heiligsten Blutes Quell

AMFORTASfühl ich sich giessen in mein Herz:

AMFORTASdes eig'nen sündigen Blutes Gewell

AMFORTASin wahnsinniger Flucht

AMFORTASmuss mir zurück dann fliessen,

AMFORTASin die Welt der Sündensucht

AMFORTASmit wilder Scheu sich ergiessen;

AMFORTASvon neuem sprengt es das Tor,

AMFORTASdaraus es nun strömt hervor,

AMFORTAShier durch die Wunde, der Seinen gleich,

AMFORTASgeschlagen von desselben Speeres Streich,

AMFORTASder dort dem Erlöser die Wunde stach,

AMFORTASaus der, mit blutigen Tränen,

der Göttliche weint ob der Menschheit Schmach

AMFORTASin Mitleids heiligem Sehnen,

AMFORTASund aus der nun mir, an heiligster Stelle,

AMFORTASdem Pfleger göttlichster Güter,

AMFORTASdes Erlösungs-Balsams Hüter –

AMFORTASdas heisse Sündenblut entquillt,

AMFORTASewig erneut aus des Sehnens Quelle,

AMFORTASdas – ach! – keine Büssung je mir stillt! –

AMFORTASErbarmen! Erbarmen!

AMFORTASDu Allerbarmer! Ach, Erbarmen!

AMFORTASNimm mir mein Erbe.

AMFORTASschliesse die Wunde,

AMFORTASdass heilig ich sterbe,

AMFORTASrein dir gesunde!

Er sinkt wie bewusstlos zurück

aus der Höhe, unsichtbar

KNABEN UND JÜNGLINGE»Durch Mitleid wissend,

KNABEN UND JÜNGLINGEder reine Tor,

KNABEN UND JÜNGLINGEharre sein,

KNABEN UND JÜNGLINGEden ich erkor!«

leise

DIE RITTERSo ward es dir verhiessen:

DIE RITTERharre getrost,

DIE RITTERdes Amtes walte heut!

TITURELEnthüllet den Gral!

Amfortas erhebt sich langsam und mühevoll. Die Knaben nehmen die Decke vom goldenen Schreine, entnehmen ihm eine antike Kristallschale, von welcher sie ebenfalls eine Verhüllung hinwegnehmen, und setzen diese vor Amfortas hin

STIMMEN AUS DER HÖHENehmet hin meinen Leib,

STIMMEN AUS DER HÖHEnehmet hin mein Blut

STIMMEN AUS DER HÖHEum unsrer Liebe Willen!

Während Amfortas andachtvoll in stummem Gebete zu dem Kelche sich neigt, verbreitet sich eine immer dichtere Dämmerung über die Halle. – Eintritt vollster Dunkelheit

KNABEN AUS DER HÖHENehmet hin mein Blut,

KNABEN AUS DER HÖHEnehmet hin meinen Leib,

KNABEN AUS DER HÖHEauf dass ihr mein gedenkt.

Ein blendender Lichtstrahl dringt von oben auf die Kristallschale herab; diese erglüht sodann immer stärker in leuchtender Purpurfarbe, alles sanft bestrahlend. Amfortas, mit verklärter Miene, erhebt den »Gral« hoch und schwenkt ihn sanft nach allen Seiten, worauf er damit Brot und Wein segnet. Alles ist auf den Knien

TITURELOh, heilige Wonne,

TITURELwie hell grüsst uns heute der Herr!

Amfortas setzt den »Gral« wieder nieder, welcher nun, während die tiefe Dämmerung wieder entweicht, immer mehr erblasst: hierauf schliessen die Knaben das Gefäss wieder in den Schrein und bedecken diesen wie zuvor. – Die frühere Tageshelle tritt wieder ein. Die vier Knaben verteilen während des Folgenden aus den zwei Krügen und Körben Wein und Brot

aus der Höhe

KNABENSTIMMENWein und Brod des letzten Mahles

KNABENSTIMMENwandelt' einst der Herr des Grales

KNABENSTIMMENdurch des Mitleids Liebesmacht

KNABENSTIMMENin das Blut, das er vergoss

KNABENSTIMMENin den Leib, den dar er bracht. –

Die vier Knaben, nachdem sie den Schrein verschlossen, nehmen nun die zwei Weinkrüge sowie die zwei Brodkörbe, welche Amfortas zuvor, durch das Schwenken des Grals-Kelches über sie, gesegnet hatte, von dem Altartische, verteilen das Brod an die Ritter und füllen die vor ihnen stehenden Becher mit Wein. Die Ritter lassen sich zum Mahle nieder, so auch Gurnemanz, welcher einen Platz neben sich leer hält und Parsifal durch ein Zeichen zur Teilnehmung am Mahle einlädt: Parsifal bleibt aber starr und stumm, wie gänzlich entrückt, zur Seite stehen

aus der mittleren Höhe der Kuppel

JÜNGLINGEBlut und Leib der heil'gen Gabe

JÜNGLINGEwandelt heut zu eurer Labe

JÜNGLINGEsel'ger Tröstung Liebesgeist

JÜNGLINGEin den Wein, der euch nun floss,

JÜNGLINGEin das Brod, das heut ihr speist.

erste Hälfte

DIE RITTERNehmet vom Brod,

DIE RITTERwandelt es kühn

DIE RITTERin Leibes Kraft und Stärke,

DIE RITTERtreu bis zum Tod,

DIE RITTERfest jedem Müh'n,

DIE RITTERzu wirken des Heilands Werke!

zweite Hälfte

DIE RITTERNehmet vom Wein,

DIE RITTERwandelt ihn neu

DIE RITTERzu Lebens feurigem Blute,

DIE RITTERfroh im Verein,

DIE RITTERBrudergetreu

DIE RITTERzu kämpfen mit seligem Mute!

DIE RITTERSelig im Glauben!

DIE RITTERSelig in Liebe!

Die Ritter haben sich erhoben und schreiten von beiden Seiten auf sich zu, um während des Folgenden sich feierlich zu umarmen

mittlere Höhe der Kuppel

JÜNGLINGESelig in Liebe!

volle Höhe der Kuppel

KNABENSelig im Glauben!

Während des Mahles, an welchem er nicht teilnahm, ist Amfortas aus seiner begeisterungsvollen Erhebung allmählich wieder herabgesunken: er neigt das Haupt und hält die Hand auf die Wunde. Die Knaben nähern sich ihm; ihre Bewegungen deuten auf das erneute Bluten der Wunde: sie pflegen Amfortas, geleiten ihn wieder auf die Sänfte, und, während alle sich zum Aufbruch rüsten, tragen sie, in der Ordnung wie sie kamen, Amfortas und den heiligen Schrein wieder von dannen. Die Ritter ordnen sich ebenfalls wieder zum feierlichen Zuge und verlassen langsam den Saal. – Verminderte Tageshelle tritt ein. – Knappen ziehen wieder in schnellerem Schritte durch die Halle. – Die letzten Ritter und Knappen haben den Saal verlassen: die Türen werden geschlossen. – Parsifal hatte bei dem vorangehenden stärksten Klagerufe des Amfortas eine heftige Bewegung nach dem Herzen gemacht, welches er krampfhaft eine Zeitlang gefasst hielt; jetzt steht er noch, wie erstarrt, regungslos da. – Gurnemanz tritt missmutig an Parsifal heran und rüttelt ihn am Arme

GURNEMANZWas stehst du noch da?

GURNEMANZWeisst du, was du sahst?

Parsifal fasst sich krampfhaft am Herzen – und schüttelt dann ein wenig mit dem Haupte

sehr ärgerlich

GURNEMANZDu bist doch eben nur ein Tor!

Er öffnet eine schmale Seitentüre

GURNEMANZDort hinaus, deinem Wege zu!

GURNEMANZDoch rät dir Gurnemanz:

GURNEMANZlass du hier künftig die Schwäne in Ruh,

GURNEMANZund suche dir Gänser die Gans!

Er stösst Parsifal hinaus und schlägt, mürrisch, hinter ihm die Türe stark zu. Während er dann de Rittern folgt, schliesst sich, auf dem letzten Takte mit der Fermate, der Vorhang

aus der Höhe

EINE ALTSTIMME»Durch Mitleid wissend,

EINE ALTSTIMMEder reine Tor...«

MITTLERE HÖHESelig im Glauben!

AUS DER HÖCHSTEN HÖHESelig im Glauben!

SYSTEMZWEITER AUFZUG

Im inneren Verliesse eines nach oben offenen Turmes; Steinstufen führen nach dem Zinnenrande der Turmmauer; Finsternis in der Tiefe, nach welcher es von dem Mauervorsprunge, den der Boden darstellt, hinabführt. Zauberwerkzeuge und nekromantische Vorrichtungen. – Klingsor auf dem Mauervorsprunge zur Seite, vor einem Metallspiegel sitzend

KLINGSORDie Zeit ist da. –

KLINGSORSchon lockt mein Zauberschloss den Toren,

KLINGSORden kindisch jauchzend fern ich nahen seh: –

KLINGSORIm Todesschlafe hält der Fluch sie fest,

KLINGSORder ich den Krampf zu lösen weiss.

KLINGSORAuf denn! Ans Werk!

Er steigt, der Mitte zu, etwas tiefer hinab, und entzündet dort Räucherwerk, welches alsbald den Hintergrund mit einem bläulichen Dampfe erfüllt. – Dann setzt er sich wieder vor die Zauberwerkzeuge und ruft, mit geheimnisvollen Gebärden, nach dem Abgrunde

KLINGSORHerauf! Herauf! Zu mir!

KLINGSORDein Meister ruft dich Namenlose,

KLINGSORUrteufelin, Höllenrose!

KLINGSORHerodias warst du, und was noch?

KLINGSORGundryggia dort, Kundry hier!

KLINGSORHieher! Hieher denn, Kundry!

KLINGSORDein Meister ruft: herauf!

In dem bläulichen Lichte steigt Kundry's Gestalt herauf. Sie scheint schlafend. – Dann macht sie die Bewegung einer Erwachenden und stösst einen grässlichen Schrei aus

KLINGSORErwachst du? Ha!

KLINGSORMeinem Banne wieder

KLINGSORverfielst du heut zur rechten Zeit.

Kundry lässt ein Klagegeheul, von grösster Heftigkeit bis zu bangem Wimmern sich abstufend, vernehmen

KLINGSORSag, wo triebst du dich wieder umher?

KLINGSORPfui! Dort, bei dem Rittergesipp,

KLINGSORwo wie ein Vieh du dich halter lässt!

KLINGSORGefällt's dir bei mir nicht besser?

KLINGSORAls ihren Meister du mir gefangen –

KLINGSORhaha! – den reinen Hüter des Grales,

KLINGSORwas jagte dich da wieder fort?

rauh und abgebrochen, wie im Versuche, wieder Sprache zu gewinnen

KUNDRYAch –! Ach –!

KUNDRYTiefe Nacht...

KUNDRYWahnsinn... Oh! – Wut..

KUNDRYAch! Jammer!

KUNDRYSchlaf... Schlaf...

KUNDRYtiefer Schlaf... Tod...!

KLINGSORDa weckte dich ein Andrer? He?

wie zuvor

KUNDRYJa... mein Fluch.

KUNDRYOh...! Sehnen... Sehnen...

KLINGSORHaha! – dort nach den keuschen Rittern?

KUNDRYDa... da... dient ich.

KLINGSORJa ja, den Schaden zu vergüten,

KLINGSORden du ihnen böslich gebracht? –

KLINGSORSie helfen dir nicht;

KLINGSORfeil sind sie Alle,

KLINGSORbiet ich den rechten Preis:

KLINGSORder festeste fällt,

KLINGSORsinkt er dir in die Arme, –

KLINGSORund so verfällt er dem Speer,

KLINGSORden ihrem Meister selbst ich entwandt. –

KLINGSORDen gefährlichsten gilt's nun heut zu bestehn:

KLINGSORihn schirmt der Torheit Schild.

KUNDRYIch – will nicht. – Oh – Oh! –

KLINGSORWohl willst du, denn du musst.

KUNDRYDu... kannst mich nicht halten.

KLINGSORAber dich fassen.

KUNDRYDu?...

KLINGSORDein Meister.

KUNDRYAus welcher Macht?

KLINGSORHa! – weil einzig an mir

KLINGSORdeine Macht nichts vermag.

grell lachend

KUNDRYHaha! Bist du keusch?

wütend

KLINGSORWas frägst du das? Verfluchtes Weib!

KLINGSORFurchtbare Not!

So lacht nun der Teufel mein,

KLINGSORdass einst ich nach dem Heiligen rang?

KLINGSORFurchtbare Not! –

KLINGSORUngebändigten Sehnens Pein,

KLINGSORschrecklichster Triebe Höllendrang,

KLINGSORden ich zum Todesschweigen mir zwang,

lacht und höhnt er nun laut

KLINGSORdurch dich, des Teufels Braut?

KLINGSORHüte dich!

KLINGSORHohn und Verachtung büsste schon Einer –

KLINGSORder Stolze, stark in Heiligkeit,

KLINGSORder einst mich von sich stiess:

KLINGSORsein Stamm verfiel mir,

KLINGSORunerlöst

KLINGSORsoll der Heiligen Hüter mir schmachten,

KLINGSORund bald – so wähn ich –

KLINGSORhüt ich mir selbst den Gral.

KLINGSORHaha!

KLINGSORGefiel er dir wohl, Amfortas, der Held –

KLINGSORden ich zur Wonne dir gesellt?

KUNDRYOh! Jammer! Jammer! –

KUNDRYSchwach auch Er – schwach – Alle,...

KUNDRYmeinem Fluche mit mir

KUNDRYAlle verfallen! –

KUNDRYOh, ewiger Schlaf,

KUNDRYeinziges Heil,

KUNDRYwie – wie – dich gewinnen?

KLINGSORHa! Wer dir trotzte, löste dich frei;

KLINGSORversuch's mit dem Knaben, der naht! –

KUNDRYIch will nicht!

steigt hastig auf die Turmmauer

KLINGSORJetzt schon erklimmt er die Burg.

KUNDRYOh! – Wehe! Wehe!

KUNDRYErwachte ich darum?

KUNDRYMuss ich? Muss...?

hinabblickend

KLINGSORHa! Er ist schön, der Knabe!

KUNDRYOh –! Oh –! Wehe mir! –

stösst, nach aussen gewandt, in ein Horn

KLINGSORHo! Ihr Wächter! Ho! Ritter!

KLINGSORHelden! Auf! Feinde nah!

Aussen wachsendes Getöse und Waffengeräusch

KLINGSORHa! Wie zur Mauer sie stürmen,

KLINGSORdie betörten Eigenholde,

KLINGSORzum Schutz ihres schönen Geteufels!

KLINGSORSo! Mutig! Mutig!

KLINGSORHaha! Der fürchtet sich nicht:

KLINGSORdem Helden Ferris entwand er die Waffe, –

KLINGSORdie führt er nun freislich wider den Schwarm.

Kundry gerät in unheimliches ekstatisches Lachen bis zu krampfhaftem Wehgeschrei

KLINGSORWie übel den Tölpeln der Eifer gedeiht!

KLINGSORDem schlug er den Arm, – jenem den Schenkel!

KLINGSORHaha! Sie weichen.

Kundry verschwindet

KLINGSORSie fliehen.

Das bläuliche Licht ist erloschen, volle Finsternis in der Tiefe, wogegen glänzende Himmelsbläue über der Mauer

KLINGSORSeine Wunde trägt jeder nach heim.

KLINGSORWie das ich euch gönne!

KLINGSORMöge denn so

KLINGSORdas ganze Rittergezücht

KLINGSORunter sich selber sich würgen!

KLINGSORHa! Wie stolz er nun steht auf der Zinne!

KLINGSORWie lachen ihm die Rosen der Wangen,

KLINGSORda kindisch erstaunt

KLINGSORin den einsamen Garten er blickt!

er wendet sich nach der Tiefe des Hintergrundes um

KLINGSORHe! Kundry!... Wie? Schon am Werk?

KLINGSORHaha! Den Zauber wusst ich wohl,

KLINGSORder immer dich wieder zum Dienst mir gesellt!

sich wieder nach aussen wendend

KLINGSORDu da, – kindischer Spross, –

KLINGSORwas auch

KLINGSORWeissagung dich wies,

KLINGSORzu jung und dumm

KLINGSORfielst du in meine Gewalt:

KLINGSORdie Reinheit dir entrissen,

KLINGSORbleibst mir du zugewiesen!

Er versinkt schnell mit dem ganzen Turme; zugleich steigt der Zaubergarten auf und erfüllt die Bühne gänzlich. Tropische Vegetation, üppigste Blumenpracht; nach dem Hintergrunde zu Abgrenzung durch die Zinne der Burgmauer, an welche sich seitwärts Vorsprünge des Schlossbaues selbst (arabischen reichen Stiles) mit Terrassen anschliessen. – Auf der Mauer steht Parsifal, staunend in den Garten hinabblickend. – Von allen Seiten her, zuerst aus dem Garten, dann aus dem Palaste, stürzen, wirr durch einander, einzeln, dann zugleich – immer mehre, schöne Mädchen herein; sie sind mit flüchtig übergeworfenen, zartfarbigen Schleiern verhüllt, wie soeben aus dem Schlafe aufgeschreckt

vom Garten kommend

DIE MÄDCHENHier war das Tosen!

DIE MÄDCHENWaffen? Wilde Rufe!

vom Schlosse heraus

DIE MÄDCHENWo ist der Frevler?

DIE MÄDCHENAuf zur Rache!

EINZELNEMein Geliebter verwundert.

ANDEREWo find ich den meinen?

ANDEREIch erwachte alleine –

ANDEREwohin entflohn sie?

IMMER ANDEREWo sind unsre Liebsten?

IMMER ANDEREWir sahn sie im Saale!

IMMER ANDEREOh! Weh! Ach Wehe!

IMMER ANDEREWer ist der Feind?

Sie gewahren Parsifal und zeigen auf ihn

IMMER ANDEREDa steht er! Seht ihn dort!

IMMER ANDEREMeines Ferris Schwert

IMMER ANDEREin seiner Hand!

IMMER ANDEREIch sah's! Der stürmte die Burg.

IMMER ANDEREIch hörte des Meisters Horn.

IMMER ANDEREMein Held lief herzu,

IMMER ANDEREsie Alle kamen, doch Jeden

IMMER ANDEREempfing seine Wehr.

IMMER ANDEREDer schlug mir den Liebsten!

IMMER ANDERENoch blutet die Waffe!

IMMER ANDEREDu dort! Du dort!

IMMER ANDEREWas schufst du uns solche Not?

IMMER ANDEREVerwünscht, verwünscht sollst du sein!

Parsifal springt etwas tiefer in den Garten herab. Die Mädchen weichen jäh zurück

DIE MÄDCHENHa! Kühner! Wagst du zu nahen?

DIE MÄDCHENWas schlugst du unsre Geliebten?

voll Verwunderung anhaltend

PARSIFALIhr schönen Kinder, musst ich sie nicht schlagen?

PARSIFALZu euch, ihr Holden, ja wehrten sie mir den Weg.

DIE MÄDCHENZu uns wolltest du?

DIE MÄDCHENSahst du uns schon?

PARSIFALNoch nie sah ich solch zieres Geschlecht:

PARSIFALnenn ich euch schön, dünkt euch das recht?

DIE MÄDCHENSo willst du uns wohl nicht schlagen?

PARSIFALDas möcht ich nicht.

DIE MÄDCHENDoch Schaden

DIE MÄDCHENschufst du uns so vielen, –

DIE MÄDCHENdu schlugest unsre Gespielen:

DIE MÄDCHENwer spielt nun mit uns?

PARSIFALDas tu ich gern.

Die Mädchen, von Verwunderung in Heiterkeit übergegangen, brechen jetzt in ein lustiges Gelächter aus. – Während Parsifal immer näher zu den aufgeregten Gruppen tritt, entweichen unmerklich die Mädchen der ersten Gruppe und des ersten Chores hinter die Blumenhäge, um ihren Blumenschmuck zu vollenden

DIE MÄDCHENBist du uns hold, so bleib nicht fern von uns!

DIE MÄDCHENUnd willst du uns nicht schelten,

DIE MÄDCHENwir werden dir's entgelten:

DIE MÄDCHENwir spielen nicht um Gold, –

DIE MÄDCHENwir spielen um Minnes Sold.

DIE MÄDCHENWillst auf Trost du uns sinnen,

DIE MÄDCHENsollst den du uns abgewinnen!

Die Mädchen der ersten Gruppe und des ersten Chores kommen mit dem Folgenden, ganz in Blumengewändern, selbst Blumen erscheinend, zurück und stürzen sich sofort auf Parsifal

DIE GESCHMÜCKTEN MÄDCHENLasset den Knaben! Er gehöret mir!

DIE GESCHMÜCKTEN MÄDCHENNein! Nein! Nein! Mir!

DIE ANDERN MÄDCHENHai Die Falschen! – Sie schmückten heimlich sich.

Während die Zurückgekommenen sich an Parsifal herandrängen, verlassen die Mädchen der zweiten Gruppe und des zweiten Chores hastig die Szene, um sich ebenfalls zu schmücken. – Während des Folgenden drehen sich die Mädchen, wie in anmutigem Kinderspiele, um Parsifal, sanft ihm Wange und Kinn streichelnd

DIE MÄDCHENKomm! Komm!

DIE MÄDCHENHolder Knabe,

DIE MÄDCHENlass mich dir blühen!

DIE MÄDCHENDir zur Wonn und Labe

DIE MÄDCHENgilt mein minniges Mühen.

Die zweite Gruppe und der zweite Chor kommen, ebenfalls geschmückt, zurück und gesellen sich zum Spiele

heiter ruhig in der Mitte der Mädchen

PARSIFALWie duftet ihr hold!

PARSIFALSeid ihr denn Blumen?

immer einzeln, bald mehrere zugleich

DIE MÄDCHENDes Gartens Zier,

DIE MÄDCHENund duftende Geister,

DIE MÄDCHENim Lenz pflückt uns der Meister.

DIE MÄDCHENWir wachsen hier

DIE MÄDCHENin Sommer und Sonne,

DIE MÄDCHENfür dich erblühend in Wonne.

DIE MÄDCHENNun sei uns freund und hold,

DIE MÄDCHENnicht karge den Blumen den Sold!

DIE MÄDCHENKannst du uns nicht lieben und minnen,

DIE MÄDCHENwir welken und sterben dahinnen.

ERSTES MÄDCHEN DER ZWEITEN GRUPPEAn deinen Busen nimm mich!

ERSTES MÄDCHEN DER ERSTEN GRUPPEDie Stirn lass mich dir kühlen!

ZWEITES MÄDCHEN DER ERSTEN GRUPPELass mich die Wange dir fühlen!

ZWEITES MÄDCHEN DER ZWEITEN GRUPPEDen Mund lass mich dir küssen!

ERSTES MÄDCHEN DER ERSTEN GRUPPENein! Ich! Die Schönste bin ich.

ZWEITES MÄDCHEN DER ERSTEN GRUPPENein! Ich bin die Schönste!

SYSTEMERSTES UND DRITTES MÄDCHEN DER ERSTEN UND

ZWEITES MÄDCHEN DER ZWEITEN GRUPPEIch bin schöner!

ERSTES MÄDCHEN DER ZWEITEN GRUPPENein! Ich dufte süsser.

BEIDE CHÖRENein! Ich! Ja, ich!

ihrer anmutigen Zudringlichkeit sanft wehrend

PARSIFALIhr wild holdes Blumengedränge,

PARSIFALsoll ich mit euch spielen, entlasst mich der Enge!

ERSTES MÄDCHEN DER ZWEITEN GRUPPEWas zankest du?

PARSIFALWeil ihr euch streitet.

ZWEITES MÄDCHEN DER ZWEITEN GRUPPEWir streiten nur um dich.

PARSIFALDas meidet!

ZWEITES MÄDCHEN DER ERSTEN GRUPPEDu lass von ihm: sieh, er will mich.

DRITTES MÄDCHEN DER ERSTEN GRUPPEMich lieber!

ZWEITES MÄDCHEN DER ZWEITEN GRUPPENein, lieber will er mich!

zu Parsifal

ERSTES MÄDCHEN DER ZWEITEN GRUPPEDu wehrest mich von dir?

ERSTES MÄDCHEN DER ERSTEN GRUPPEDu scheuchest mich fort?

ERSTER CHORBist du feige vor Frauen?

ZWEITER CHORMagst dich nicht getrauen?

SYSTEMERSTES MÄDCHEN DER ERSTEN UND ZWEITEN GRUPPE

ZWEITER CHORWie schlimm bist du, Zager und Kalter!

ERSTES MÄDCHEN DER ERSTEN GRUPPEDie Blumen lässt du umbuhlen den Falter?

ERSTER CHORAuf, weichet dem Toren!

ERSTE GRUPPEWir geben ihn verloren.

ZWEITER CHORDoch sei er uns erkoren!

BEIDE GRUPPEN UND CHÖRENein, uns! Nein, mir gehört er an!

BEIDE GRUPPEN UND CHÖREAuch mir! – Nein, uns gehört er an!

halb ärgerlich die Mädchen abschreckend

PARSIFALLasst ab! Ihr fangt mich nicht!

Er will fliehen, als er aus dem Blumenhage Kundrys Stimme vernimmt und betroffen stillsteht

KUNDRYParsifal! – Weile!

PARSIFALParsifal?...

PARSIFALSo nannte träumend mich einst die Mutter.

Die Mädchen sind bei dem Vernehmen der Stimme Kundrys erschrocken und haben sich alsbald von Parsifal zurückgehalten

allmählich sichtbar werdend

KUNDRYHier weile, Parsifal!

KUNDRYDich grüsset Wonne und Heil zumal. –

KUNDRYIhr kindischen Buhlen, weichet von ihm;

KUNDRYfrüh welkende Blumen,

KUNDRYnicht euch ward er zum Spiele bestellt.

KUNDRYGeht heim, pfleget der Wunden;

KUNDRYeinsam erharrt euch mancher Held. –

Die Mädchen entfernen sich jetzt zaghaft und widerstrebend von Parsifal und ziehen sich nach dem Schlosse zu zurück

ALLE MÄDCHENDich zu lassen, dich zu meiden,

ALLE MÄDCHENO wehe! O wehe der Pein!

ALLE MÄDCHENVon Allen möchten gern wir scheiden,

ALLE MÄDCHENmit dir allein zu sein!

ALLE MÄDCHENLeb wohl! Leb wohl!

ALLE MÄDCHENDu Holder! Du Stolzer!

ALLE MÄDCHENDu – Tor!

Mit dem Letzten sind die Mädchen, unter Gelächter, im Schlosse verschwunden

PARSIFALDies Alles – hab ich nun geträumt?

Parsifal sieht sich schüchtern nach der Seite hin um, von welcher die Stimme kam. Dort ist jetzt, durch Enthüllung des Blumenhages, ein jugendliches Weib von höchster Schönheit – Kundry, in durchaus verwandelter Gestalt – auf einem Blumenlager, in leicht verhüllender, phantastischer Kleidung – annähernd arabischen Stiles – sichtbar geworden

noch ferne stehend

PARSIFALRiefest du mich Namenlosen?

KUNDRYDich nannt ich, tör'ger Reiner:

KUNDRY»Fal-parsi« –

KUNDRYDich reinen Toren: »Parsifal«.

KUNDRYSo rief, als in arab'schem Land er verschied,

KUNDRYdein Vater Gamuret dem Sohne zu,

KUNDRYden er, im Mutterschoss verschlossen,

KUNDRYmit diesem Namen sterbend grüsste;

KUNDRYihn dir zu künden, harrt ich deiner hier:

KUNDRYwas zog dich her, wenn nicht der Kunde Wunsch?

PARSIFALNie sah ich, nie träumte mir, was jetzt

PARSIFALich schau, und was mit Bangen mich erfüllt.

PARSIFALEntblühtest du auch diesem Blumenhaine?

KUNDRYNein, Parsifal, du tör'ger Reiner!

KUNDRYFern – fern – ist meine Heimat.

KUNDRYDass du mich fändest, verweilte ich nur hier;

KUNDRYvon weither kam ich, wo ich viel ersah.

KUNDRYIch sah das Kind an seiner Mutter Brust,

sein erstes Lallen lacht mir noch im Ohr;

KUNDRYdas Leid im Herzen,

KUNDRYwie lachte da auch Herzeleide,

KUNDRYals ihren Schmerzen

KUNDRYzujauchzte ihrer Augen Weide!

KUNDRYGebettet sanft auf weichen Moosen,

KUNDRYden hold geschläfert sie mit Kosen,

KUNDRYdem, bang in Sorgen,

KUNDRYden Schlummer bewacht der Mutter Sehnen,

KUNDRYden weckt' am Morgen

KUNDRYder heisse Tau der Muttertränen.

KUNDRYNur Weinen war sie, Schmerzgebahren

KUNDRYum deines Vaters Lieb und Tod:

KUNDRYvor gleicher Not dich zu bewahren,

KUNDRYgalt ihr als höchster Pflicht Gebot.

KUNDRYDen Waffen fern, der Männer Kampf und Wüten,

KUNDRYwollte sie still dich bergen und behüten.

KUNDRYNur Sorgen war sie, ach! und Bangen:

KUNDRYnie sollte Kunde zu dir her gelangen.

KUNDRYHörst du nicht noch ihrer Klagen Ruf,

KUNDRYwann spät und fern du geweilt?

KUNDRYHei! Was ihr das Lust und Lachen schuf,

KUNDRYwann sie suchend dann dich ereilt;

KUNDRYwann dann ihr Arm dich wütend umschlang,

KUNDRYward dir es wohl gar beim Küssen bang?

KUNDRYDoch, ihr Wehe du nicht vernahmst,

KUNDRYnicht ihrer Schmerzen Toben,

KUNDRYals endlich du nicht wiederkamst,

KUNDRYund deine Spur verstoben.

KUNDRYSie harrte Nächt und Tage, –

KUNDRYbis ihr verstummt die Klage,

KUNDRYder Gram ihr zehrte den Schmerz,

KUNDRYum stillen Tod sie warb:

KUNDRYihr brach das Leid das Herz,

KUNDRYund – Herzeleide starb. –

immer ernsthafter, endlich furchtbar betroffen, sinkt, schmerzlich überwältigt, bei Kundrys Füssen nieder

PARSIFALWehe! Wehe! Was tat ich? – Wo war ich? –

PARSIFALMutter! Süsse, holde Mutter!

PARSIFALDein Sohn, dein Sohn musste dich morden! –

PARSIFALO Tor! Blöder, taumelnder Tor!

PARSIFALWo irrtest du hin, ihrer vergessend, –

PARSIFALdeiner, deiner vergessend?

PARSIFALTraute, teuerste Mutter!

KUNDRYWar dir fremd noch der Schmerz,

KUNDRYdes Trostes Süsse

KUNDRYlabte nie auch dein Herz;

KUNDRYdas Wehe, das dich reut,

KUNDRYdie Not nun büsse

KUNDRYim Trost, den Liebe dir beut.

im Trübsinn immer tiefer sich sinken lassend

PARSIFALDie Mutter, – die Mutter – konnt ich vergessen!

PARSIFALHa! – Was Alles vergass ich wohl noch?

PARSIFALWes war ich je noch eingedenk? –

PARSIFALNur dumpfe Torheit lebt in mir!

immer noch in liegender Stellung, beugt sich über Parsifals Haupt, fasst sanft seine Stirne und schlingt traulich ihren Arm um seinen Nacken

KUNDRYBekenntnis

KUNDRYwird Schuld in Reue enden –

KUNDRYErkenntnis

KUNDRYin Sinn die Torheit wenden.

KUNDRYDie Liebe lerne kennen,

KUNDRYdie Gamuret umschloss,

KUNDRYals Herzeleids Entbrennen

KUNDRYihn sengend überfloss! –

KUNDRYDie Leib und Leben

KUNDRYeinst dir gegeben,

KUNDRYder Tod und Torheit weichen muss, –

KUNDRYsie beut

KUNDRYdir heut –

KUNDRYals Muttersegens letzten Gruss,

KUNDRYder Liebe ersten Kuss.

Sie hat ihr Haupt völlig über das seinige geneigt, und heftet nun ihre Lippen zu einem langen Kusse auf seinen Mund

fährt plötzlich mit einer Gebärde des höchsten Schrekkens auf: seine Haltung drückt eine furchtbare Veränderung aus; er stemmt seine Hände gewaltsam gegen das Herz, wie um einen zerreissenden Schmerz zu bewältigen

PARSIFALAmfortas!...

PARSIFALDie Wunde! – Die Wunde! –

PARSIFALSie brennt in meinem Herzen! –

PARSIFALOh –! Klage! Klage!

PARSIFALFurchtbare Klage!

PARSIFALAus tiefstem Herzen schreit sie mir auf.

PARSIFALOh –! Oh –!

PARSIFALElender!

PARSIFALJammervollster!

PARSIFALDie Wunde sah ich bluten, –

PARSIFALnun blutet sie in mir –!

PARSIFALHier – hier!...

PARSIFALNein! Nein! Nicht die Wunde ist es.

PARSIFALFliesse ihr Blut in Strömen dahin!

PARSIFALHier! Hier im Herzen der Brand!

PARSIFALDas Sehnen, das furchtbare Sehnen,

PARSIFALdas alle Sinne mir fasst und zwingt!

PARSIFALOh! – Qual der Liebe!

PARSIFALWie Alles schauert, bebt und zuckt –

PARSIFALin sündigem Verlangen!

Während Kundry in Schrecken und Verwunderung auf Parsifal hinstarrt, gerät dieser in völlige Entrücktheit. – Schauerlich leise

PARSIFALEs starrt der Blick dumpf auf das Heilsgefäss:

PARSIFALdas heil'ge Blut erglüht;

PARSIFALErlösungswonne, göttlich mild,

PARSIFALdurchzittert weithin alle Seelen.

PARSIFALNur hier, – im Herzen will die Qual nicht weichen.

PARSIFALDes Heilands Klage da vernehm ich,

PARSIFALdie Klage, ach, die Klage

PARSIFALum das entweihte Heiligtum:

PARSIFAL»Erlöse, rette mich

PARSIFALaus schuldbefleckten Händen!«

PARSIFALSo rief die Gottesklage

PARSIFALfurchtbar laut mir in die Seele.

PARSIFALUnd ich... der Tor... der Feige...

PARSIFALzu wilden Knabentaten floh ich hin!...

Er stürzt verzweiflungsvoll auf die Knie

PARSIFALErlöser! Heiland! Herr der Hulden!

PARSIFALWie büss ich Sünder solche Schuld?

deren Erstaunen in leidenschaftliche Bewunderung übergegangen, sucht schüchtern sich Parsifal zu nähern

KUNDRYGelobter Held! Entflieh dem Wahn!

KUNDRYBlick auf, sei hold der Huldin Nah'n!

immer in gebeugter Stellung, starr zu Kundry aufblickend, während diese sich zu ihm neigt und die liebkosenden Bewegungen ausführt, die er mit dem Folgenden bezeichnet

PARSIFALJa!... diese Stimme... so – rief sie ihm;

PARSIFALund diesen Blick – deutlich erkenn ich ihn, –

PARSIFALauch diesen, der ihm so friedlos lachte; –

PARSIFALdie Lippe, ja... so zuckte sie ihm;

PARSIFALso neigte sich der Nacken, –

PARSIFALso hob sich kühn das Haupt;

PARSIFALso flatterten lachend die Locken,

PARSIFALso schlang um den Hals sich der Arm;

PARSIFALso schmeichelte weich die Wange;

PARSIFALmit aller Schmerzen Qual im Bunde,

PARSIFALdas Heil der Seele

PARSIFALentküsste ihm der Mund –!

PARSIFALHa – dieser Kuss!...

PARSIFALVerderberin! Weiche von mir!

PARSIFALEwig, ewig von mir!

Parsifal hat sich allmählich erhoben, und stösst Kundry von sich

in höchster Leidenschaft

KUNDRYGrausamer!

KUNDRYFühlst du im Herzen

KUNDRYnur And'rer Schmerzen,

KUNDRYso fühle jetzt auch die meinen!

KUNDRYBist du Erlöser,

KUNDRYwas bannt dich, Böser,

KUNDRYnicht mir auch zum Heil dich zu einen?

KUNDRYSeit Ewigkeiten harre ich deiner,

KUNDRYdes Heilands – ach! – so spät...

KUNDRYden einst ich kühn geschmäht.

KUNDRYOh!

KUNDRYKenntest du den Fluch,

KUNDRYder mich durch Schlaf und Wachen,

KUNDRYdurch Tod und Leben,

KUNDRYPein und Lachen,

KUNDRYzu neuem Leiden neu gestählt,

KUNDRYendlos durch das Dasein quält!

KUNDRYIch sah – Ihn – Ihn –

KUNDRYund... lachte:

KUNDRYda traf mich... sein Blick! –

KUNDRYihm wieder zu begegnen.

KUNDRYIn höchster Not

KUNDRYwähn ich sein Auge schon nah, –

KUNDRYden Blick schon auf mir ruhn...

KUNDRYDa kehrt mir das verfluchte Lachen wieder:

KUNDRYein Sünder sinkt mir in die Arme! –

KUNDRYDa lach ich, lache,

KUNDRYkann nicht weinen,

KUNDRYnur schreien, wüten,

KUNDRYtoben, rasen

KUNDRYin stets erneueter Wahnsinns-Nacht,

KUNDRYaus der ich büssend kaum erwacht.

KUNDRYDen ich ersehnt in Todesschmachten,

KUNDRYden ich erkannt – den blöd Verlachten:

KUNDRYlass mich an seinem Busen weinen,

KUNDRYnur eine Stunde mit dir vereinen,

KUNDRYund ob mich Gott und Welt verstösst

KUNDRYin dir entsündigt sein und erlöst!

PARSIFALIn Ewigkeit

PARSIFALwärst du verdammt mit mir

PARSIFALfür eine Stunde

PARSIFALVergessens meiner Sendung,

PARSIFALin deines Arms Umfangen!

PARSIFALAuch dir bin ich zum Heil gesandt,

PARSIFALbleibst du dem Sehnen abgewandt.

PARSIFALDie Labung, die dein Leiden endet,

PARSIFALbeut nicht der Quell, aus dem es fliesst;

PARSIFALdas Heil wird nimmer dir gespendet,

eh jener Quell sich dir nicht schliesst.

PARSIFALEin Andres ist's, ein Andres, ach! –

PARSIFALnach dem ich jammernd schmachten sah;

PARSIFALdie Brüder dort, in grausen Nöten,

PARSIFALden Leib sich quälen und ertöten.

PARSIFALDoch, wer erkennt ihn klar und hell,

PARSIFALdes einz'gen Heiles wahren Quell?

PARSIFALOh, Elend, aller Rettung Flucht!

PARSIFALOh, Weltenwahns Umnachten:

PARSIFALin höchsten Heiles heisser Sucht

PARSIFALnach der Verdammnis Quell zu schmachten!

in wilder Begeisterung

KUNDRYSo war es mein Kuss,

KUNDRYder Welt-hellsichtig dich machte?

KUNDRYMein volles Liebes-Umfangen

KUNDRYlässt dich dann Gottheit erlangen.

KUNDRYDie Welt erlöse, ist dies dein Amt,

KUNDRYschuf dich zum Gott die Stunde,

KUNDRYfür sie lass mich ewig dann verdammt,

KUNDRYnie heile mir die Wunde!

PARSIFALErlösung, Frevlerin, biet ich auch dir.

KUNDRYLass mich dich Göttlichen lieben,

KUNDRYErlösung gabst du dann auch mir.

PARSIFALLieb' und Erlösung soll dir werden,

PARSIFALzeigest du

PARSIFALzu Amfortas mir den Weg.

in Wut ausbrechend

KUNDRYNie –! sollst du ihn finden!

KUNDRYDen Verfall'nen, lass ihn verderben –

KUNDRYden Unsel'gen,

KUNDRYSchmach-lüsternen,

KUNDRYden ich verlachte – lachte – lachte – haha!

KUNDRYIhn traf ja der eigne Speer!

PARSIFALWer durft ihn verwunden mit der heil'gen Wehr?

KUNDRYEr... Er...

KUNDRYder einst mein Lachen bestraft...

KUNDRYSein Fluch – ha, mir gibt er Kraft;

KUNDRYgegen dich selbst ruf ich die Wehr,

KUNDRYgibst du dem Sünder des Mitleids Ehr'!...

KUNDRYHa... Wahnsinn!

flehend

KUNDRYMitleid! Mitleid mit mir!

KUNDRYNur eine Stunde mein!

KUNDRYNur eine Stunde dein...

KUNDRYund des Weges

KUNDRYsollst du geleitet sein!

Sie will ihn umarmen. Er stösst sie heftig von sich

PARSIFALVergeh, unseliges Weib!

rafft sich mit wildem Wutrasen auf und ruft dem Hintergrunde zu:

KUNDRYHilfe! Hilfe! Herbei!

KUNDRYHaltet den Frechen! Herbei!

KUNDRYWehrt ihm die Wege!

KUNDRYWehrt ihm die Pfade!

KUNDRYUnd flöhest du von hier, und fändest

KUNDRYalle Wege der Welt,

KUNDRYden Weg, den du suchst,

KUNDRYdes Pfade sollst du nicht finden:

KUNDRYdenn Pfad und Wege,

KUNDRYdie dich mir entführen,

KUNDRYso verwünsch ich sie dir!

KUNDRYIrre! Irre!

KUNDRYmir so vertraut –

KUNDRYdich weih ich ihm zum Geleit!

Klingsor ist auf der Burgmauer herausgetreten und schwenkt eine Lanze gegen Parsifal

KLINGSORHalt da! Dich bann ich mit der rechten Wehr!

KLINGSORDen Toren stelle mir seines Meisters Speer!

Er schleudert auf Parsifal den Speer, welcher über dessen Haupte schweben bleibt. Parsifal erfasst den Speer mit der Hand und hält ihn über seinem Haupte

PARSIFALMit diesem Zeichen bann ich deinen Zauber:

PARSIFALwie die Wunde er schliesse,

PARSIFALdie mit ihm du schlugest,

PARSIFALin Trauer und Trümmer

PARSIFALstürz' er die trügende Pracht!

Er hat den Speer im Zeichen des Kreuzes geschwungen: wie durch ein Erdbeben versinkt das Schloss. Der Garten ist schnell zu einer Einöde verdorrt; verwelkte Blumen verstreuen sich auf dem Boden. Kundry ist schreiend zusammengesunken. Parsifal hält, im Enteilen, noch einmal an

wendet sich von der Höhe der Mauertrümmer zu Kundry zurück

PARSIFALDu weisst,

PARSIFALwo du mich wiederfinden kannst!

Parsifal enteilt. Kundry hat sich ein wenig erhoben und nach ihm geblickt

SYSTEMDRITTER AUFZUG

Freie, anmutige Frühlingsgegend auf dem Gebiete des Grales. Nach dem Hintergrunde zu sanft ansteigende Blumenaue. Den Vordergrund nimmt der Saum des Waldes ein, der sich nach rechts zu, auf steigendem Felsengrund, ausdehnt. Im Vordergrunde, an der Waldseite, ein Quell; ihm gegenüber, etwas tiefer, eine schlichte Einsiedlerhütte, an einen Felsblock gelehnt. Frühester Morgen

zum hohen Greise gealtert, als Einsiedler, nur in das Hemd des Gralsritters gekleidet, tritt aus der Hütte und lauscht

GURNEMANZVon dorther kam das Stöhnen:

GURNEMANZso jammervoll klagt kein Wild,

GURNEMANZund gewiss gar nicht am heiligsten Morgen heut.

Dumpfes Stöhnen von Kundrys Stimme

GURNEMANZMich dünkt, ich kenne diesen Klageruf?

Er schreitet entschlossen einer Dornenhecke auf der Seite zu: diese ist gänzlich überwachsen; er reisst mit Gewalt das Gestrüpp auseinander: dann hält er plötzlich an

GURNEMANZHa! Sie – wieder da?

GURNEMANZDas winterlich rauhe Gedörn

GURNEMANZhielt sie verdeckt, – wie lang schon?

GURNEMANZAuf! Kundry! Auf!

GURNEMANZDer Winter floh, und Lenz ist da!

GURNEMANZErwache! Erwache dem Lenz!

Er zieht Kundry, ganz erstarrt und leblos, aus dem Gebüsch hervor und trägt sie auf einen nahen Rasenhügel

GURNEMANZKalt und starr. –

GURNEMANZDiesmal hielt ich sie wohl für tot:

GURNEMANZdoch war's ihr Stöhnen, was ich vernahm?

Er reibt der erstarrt vor ihm ausgestreckten Kundry stark die Hände und Schläfe und bemüht sich in allem, die Erstarrung von ihr weichen zu machen. Endlich scheint das Leben in ihr zu erwachen – sie erwacht völlig – als sie die Augen geöffnet, stösst sie einen Schrei aus. – Sie ist in rauhem Büssergewande, ähnlich wie im ersten Aufzuge, nur ist ihre Gesichtsfarbe bleicher, aus Miene und Haltung ist die Wildheit verschwunden. – Sie starrt lange Gurnemanz an. Dann erhebt sie sich, ordnet sich Kleidung und Haar, und lässt sich sofort wie eine Magd zur Bedienung an

GURNEMANZDu tolles Weib!

GURNEMANZHast du kein Wort für mich?

GURNEMANZIst dies der Dank,

GURNEMANZdass dem Todesschlafe

GURNEMANZnoch einmal ich dich erweckt?

neigt langsam das Haupt; dann bringt sie, rauh und abgebrochen, hervor:

KUNDRYDienen – dienen.

schüttelt den Kopf

GURNEMANZDas wird dich wenig mühn:

GURNEMANZauf Botschaft sendet sich's nicht mehr;

GURNEMANZKräuter und Wurzeln

GURNEMANZfindet ein jeder sich selbst,

GURNEMANZwir lernten's im Walde vom Tier.

Kundry hat sich während dem umgesehen, gewahrt die Hütte und geht hinein. – Gurnemanz blickt ihr verwundert nach

GURNEMANZWie anders schreitet sie als sonst!

GURNEMANZWirkte dies der heilige Tag?

GURNEMANZOh! Tag der Gnade ohne Gleichen!

GURNEMANZGewiss, zu ihrem Heile

GURNEMANZdurft ich der Armen heut

GURNEMANZden Todesschlaf verscheuchen.

Kundry kommt wieder aus der Hütte; sie trägt einen Wasserkrug und geht damit zum Quelle. Sie gewahrt hier, nach dem Walde blickend, in der Ferne einen Kommenden und wendet sich zu Gurnemanz, um ihn darauf hinzudeuten

in den Wald blickend

GURNEMANZWer nahet dort dem heiligen Quell?

GURNEMANZIn düst'rem Waffenschmucke?

GURNEMANZDas ist der Brüder keiner!

Während des folgenden Auftrittes des Parsifal entfernt sich Kundry mit dem gefüllten Kruge langsam in die Hütte, wo sie sich zu schaffen macht. – Parsifal tritt aus dem Walde auf. Er ist ganz in schwarzer Waffenrüstung; mit geschlossenem Helme und gesenktem Speere schreitet er, gebeugten Hauptes, träumerisch zögernd, langsam daher und setzt sich auf dem kleinen Rasenhügel am Quelle nieder

nachdem er Parsifal staunend lange betrachtet tritt nun näher zu ihm

GURNEMANZHeil dir, mein Gast!

GURNEMANZBist du verirrt, und soll ich dich weisen?

Parsifal schüttelt sanft das Haupt

GURNEMANZEntbietest du mir keinen Gruss?

Parsifal neigt das Haupt

unmutig

GURNEMANZHei! – Was?

GURNEMANZWenn dein Gelübde

GURNEMANZdich bindet, mir zu schweigen,

GURNEMANZso mahnt das meine mich,

GURNEMANZdass ich dir sage, was sich ziemt.

GURNEMANZHier bist du an geweihtem Ort:

GURNEMANZda zieht man nicht mit Waffen her,

GURNEMANZgeschloss'nen Helmes, Schild und Speer;

GURNEMANZund heute gar! Weisst du denn nicht,

GURNEMANZwelch heil'ger Tag heut ist?

Parsifal schüttelt mit dem Kopfe

GURNEMANZJa! Woher kommst du denn?

GURNEMANZBei welchen Heiden weiltest du,

GURNEMANZzu wissen nicht, dass heute

GURNEMANZder allerheiligste Charfreitag ist?

Parsifal senkt das Haupt noch tiefer

GURNEMANZSchnell ab die Waffen!

GURNEMANZKränke nicht den Herrn, der heute,

GURNEMANZbar jeder Wehr, sein heilig Blut

GURNEMANZder sündigen Welt zur Sühne bot! –

Parsifal erhebt sich, nach einem abermaligen Schweigen, stösst den Speer vor sich in den Boden, legt Schild und Schwert davor nieder, öffnet den Helm, nimmt ihn vom Haupte und legt ihn zu den anderen Waffen, worauf er dann zu stummem Gebete vor dem Speer niederkniet. Gurnemanz betrachtet Parsifal mit Staunen und Rührung. – Er winkt Kundry herbei, welche soeben wieder aus der Hütte getreten ist. – Parsifal erhebt jetzt seinen Blick andachtsvoll zu der Lanzenspitze auf

leise zu Kundry

GURNEMANZErkennst du ihn?

GURNEMANZDer ist's, der einst den Schwan erlegt.

Kundry bestätigt mit einem leisen Kopfnicken

GURNEMANZGewiss, 's ist Er,

GURNEMANZder Tor, den ich zürnend von uns wies.

Kundry blickt starr, doch ruhig auf Parsifal

GURNEMANZHa! Welche Pfade fand er?

GURNEMANZDer Speer, – ich kenne ihn!

in grosser Ergriffenheit

GURNEMANZOh! Heiligster Tag,

GURNEMANZan dem ich heut erwachen sollt!

Kundry hat ihr Gesicht abgewendet

erhebt sich langsam vom Gebete, blickt ruhig um sich, erkennt Gurnemanz und reicht diesem sanft die Hand zum Gruss

PARSIFALHeil mir, dass ich dich wieder finde.

GURNEMANZSo kennst auch du mich noch?

GURNEMANZErkennst mich wieder,

GURNEMANZden Gram und Not so tief gebeugt?

GURNEMANZWie kamst du heut – woher?

PARSIFALDer Irrnis und der Leiden Pfade kam ich;

PARSIFALsoll ich mich denen jetzt entwunden wähnen,

PARSIFALda dieses Waldes Rauschen

PARSIFALwieder ich vernehme,

PARSIFALdich guten Greisen neu begrüsse?...

PARSIFALOder – irr ich wieder?

PARSIFALVerändert dünkt mich alles?

GURNEMANZSo sag, zu wem den Weg du suchtest?

PARSIFALZu ihm, des tiefe Klagen

PARSIFALich törig staunend einst vernahm,

PARSIFALdem nun ich Heil zu bringen

PARSIFALmich auserlesen wähnen darf. –

PARSIFALDoch, ach! –

PARSIFALden Weg des Heiles nie zu finden,

PARSIFALin pfadlosen Irren

PARSIFALtrieb ein wilder Fluch mich umher:

PARSIFALzahllose Nöte,

PARSIFALKämpfe und Streite,

PARSIFALzwangen mich ab vom Pfade,

PARSIFALwähnt ich ihn recht schon erkannt.

PARSIFALDa musste mich Verzweiflung fassen,

PARSIFALdas Heiltum heil mir zu bergen,

PARSIFALum das zu hüten, das zu wahren,

PARSIFALich Wunden jeder Wehr mir gewann;

PARSIFALdenn nicht ihn selber

PARSIFALdurft ich führen im Streite, –

PARSIFALunentweiht

PARSIFALführ ich ihn mir zur Seite,

PARSIFALden ich nun heim geleite,

PARSIFALder dort dir schimmert heil und hehr:

PARSIFALdes Grales heil'gen Speer.

in höchstes Entzücken ausbrechend

GURNEMANZO Gnade! Höchstes Heil!

GURNEMANZOh! Wunder! Heilig, hehrstes Wunder!

Nachdem er sich etwas gefasst, zu Parsifal

GURNEMANZO Herr! War es ein Fluch,

GURNEMANZder dich vom rechten Pfad vertrieb,

GURNEMANZso glaub, er ist gewichen.

GURNEMANZHier bist du, dies des Grals Gebiet;

GURNEMANZdein harret seine Ritterschaft.

GURNEMANZAch, sie bedarf des Heiles,

GURNEMANZdes Heiles, das du bringst!

GURNEMANZSeit dem Tage, den du hier geweilt,

GURNEMANZdie Trauer, die da kund dir ward,

GURNEMANZdas Bangen wuchs zur höchsten Not.

GURNEMANZAmfortas, gegen seiner Wunden,

GURNEMANZseiner Seele Qual sich wehrend,

GURNEMANZbegehrt in wütendem Trotze nun den Tod.

GURNEMANZKein Flehn, kein Elend seiner Ritter

GURNEMANZbewog ihn mehr, des heil'gen Amts zu walten.

GURNEMANZIm Schrein verschlossen bleibt seit lang der Gral: –

GURNEMANZso hofft sein sündenreu'ger Hüter,

GURNEMANZda er nicht sterben kann

GURNEMANZwann je er ihn erschaut,

GURNEMANZsein Ende zu erzwingen,

GURNEMANZund mit dem Leben seine Qual zu enden.

GURNEMANZDie heil'ge Speisung bleibt uns nun versagt;

GURNEMANZgemeine Atzung muss uns nähren:

GURNEMANZdarob versiegte unsrer Helden Kraft.

GURNEMANZNie kommt uns Botschaft mehr,

GURNEMANZnoch Ruf zu heil'gen Kämpfen aus der Ferne:

GURNEMANZbleich und elend wankt umher

GURNEMANZdie mut- und führerlose Ritterschaft.

GURNEMANZIn dieser Waldeck' barg ich einsam mich,

GURNEMANZdes Todes still gewärtig,

GURNEMANZdem schon mein alter Waffenherr verfiel;

GURNEMANZdenn Titurel, mein heil'ger Held,

GURNEMANZden nun des Grales Anblick nicht mehr labte,

GURNEMANZer starb – ein Mensch, wie alle!

bäumt sich vor grossem Schmerz auf

PARSIFALUnd ich – ich bin's,

PARSIFALder all dies Elend schuf!

PARSIFALHa! Welcher Sünden,

PARSIFALwelches Frevels Schuld

PARSIFALmuss dieses Torenhaupt

PARSIFALseit Ewigkeit belasten,

PARSIFALda keine Busse, keine Sühne

PARSIFALder Blindheit mich entwindet,

PARSIFALzur Rettung selbst ich auserkoren,

PARSIFALin Irrnis wild verloren,

PARSIFALder Rettung letzter Pfad mir schwindet!...

Parsifal droht ohnmächtig umzusinken. Gurnemanz hält ihn aufrecht und senkt ihn zum Sitze auf den Rasenhügel nieder. – Kundry holt hastig ein Becken mit Wasser, um Parsifal zu besprengen

Kundry sanft abweisend

GURNEMANZNicht doch! Die heil'ge Quelle selbst

GURNEMANZerquicke unsres Pilgers Bad.

GURNEMANZMir ahnt, ein hohes Werk

GURNEMANZhab er noch heut zu wirken,

GURNEMANZzu walten eines heil'gen Amtes: –

GURNEMANZso sei er fleckenrein,

GURNEMANZund langer Irrfahrt Staub

GURNEMANZsoll nun von ihm gewaschen sein!

Parsifal wird von den Beiden sanft zum Rande des Quelles gewendet. Unter dem Folgenden löst ihm Kundry die Beinschienen, Gurnemanz aber nimmt ihm den Brustharnisch ab

sanft und matt

PARSIFALWerd heut zu Amfortas ich noch geleitet?

während der Beschäftigung

GURNEMANZGewisslich; unsrer harrt die hehre Burg:

GURNEMANZdie Totenfeier meines lieben Herrn,

GURNEMANZsie ruft mich selbst dahin.

GURNEMANZDen Gral noch einmal uns da zu enthüllen,

GURNEMANZdes lang versäumten Amtes

GURNEMANZnoch einmal heut zu walten,

GURNEMANZzur Heiligung des hehren Vaters,

GURNEMANZder seines Sohnes Schuld erlag,

GURNEMANZdie der nun also büssen will,

GURNEMANZgelobt' Amfortas uns. –

Kundry badet Parsifal mit demutvollem Eifer die Füsse. Er blickt mit stiller Verwunderung auf sie

zu Kundry

PARSIFALDu netztest mir die Füsse,

PARSIFALnun netze mir das Haupt der Freund!

schöpft hierbei mit der Hand aus dem Quell und besprengt Parsifals Haupt

GURNEMANZGesegnet sei, du Reiner, durch das Reine!

GURNEMANZSo weiche jeder Schuld

GURNEMANZBekümmernis von Dir!

Während Gurnemanz feierlich das Wasser sprengt, zieht Kundry ein goldenes Fläschchen aus dem Busen und giesst seinen Inhalt auf Parsifals Füsse aus; jetzt trocknet sie diese mit ihren schnell aufgelösten Haaren

nimmt Kundry sanft das Fläschchen ab und reicht es Gurnemanz

PARSIFALDu salbtest mir die Füsse:

PARSIFALdas Haupt nun salbe Titurels Genoss',

PARSIFALdass heute noch als König er mich grüsse!

Mit dem Folgenden schüttet Gurnemanz das Fläschchen vollends auf Parsifals Haupt aus, reibt dieses sanft und faltet dann die Hände darüber

GURNEMANZSo ward es uns verhiessen;

GURNEMANZso segne ich dein Haupt,

GURNEMANZals König dich zu grüssen.

GURNEMANZDu Reiner!

GURNEMANZMitleidvoll Duldender,

GURNEMANZheiltatvoll Wissender!

GURNEMANZWie des Erlösten Leiden du gelitten,

GURNEMANZdie letzte Last entnimm nun seinem Haupt! –

schöpft unvermerkt Wasser aus der Quelle, neigt sich zu der vor ihm noch knienden Kundry und netzt ihr das Haupt

PARSIFALMein erstes Amt verricht ich so:

PARSIFALdie Taufe nimm,

PARSIFALund glaub an den Erlöser!

Kundry senkt das Haupt tief zur Erde, sie scheint heftig zu weinen

wendet sich um und blickt mit sanfter Entzückung auf Wald und Wiese, welche jetzt im Vormittagslichte leuchten

PARSIFALWie dünkt mich doch die Aue heut so schön!

PARSIFALWohl traf ich Wunderblumen an,

PARSIFALdie bis zum Haupte süchtig mich umrankten,

PARSIFALdoch sah ich nie so mild und zart

PARSIFALdie Halme, Blüten und Blumen,

PARSIFALnoch duftet' All' so kindisch hold,

PARSIFALund sprach so lieblich traut zu mir.

GURNEMANZDas ist Charfreitags Zauber, Herr.

PARSIFALO wehe, des höchsten Schmerzentags!

PARSIFALDa sollte, wähn ich, was da blüht,

PARSIFALwas atmet, lebt und wieder lebt,

PARSIFALnur trauern – ach! – und weinen?

GURNEMANZDu siehst, das ist nicht so.

GURNEMANZDes Sünders Reuetränen sind es,

GURNEMANZdie heut mit heil'gem Tau

GURNEMANZbeträufet Flur und Au:

GURNEMANZder liess sie so gedeihen.

GURNEMANZNun freut sich alle Kreatur

GURNEMANZauf des Erlösers holder Spur,

GURNEMANZwill ihr Gebet ihm weihen.

GURNEMANZIhn selbst am Kreuze kann sie nicht erschauen;

da blickt sie zum erlösten Menschen auf:

GURNEMANZder fühlt sich frei von Sündenlast und Grauen,

GURNEMANZdurch Gottes Liebesopfer rein und heil.

GURNEMANZDas merkt nun Halm und Blume auf den Auen,

GURNEMANZdass heut des Menschen Fuss sie nicht zertritt,

GURNEMANZdoch wohl – wie Gott mit himmlischer Geduld

GURNEMANZsich sein erbarmt und für ihn litt –

GURNEMANZder Mensch auch heut in frommer Huld

GURNEMANZsie schont mit sanftem Schritt.

GURNEMANZDas dankt dann alle Kreatur,

GURNEMANZwas all da blüht und bald erstirbt,

GURNEMANZda die entsündigte Natur

GURNEMANZheut ihren Unschuldstag erwirbt...

Kundry hat langsam wieder das Haupt erhoben und blickt, feuchten Auges, ernst und ruhig bittend zu Parsifal auf

PARSIFALIch sah sie welken, die einst mir lachten;

PARSIFALob heut sie nach Erlösung schmachten?

PARSIFALAuch deine Träne ward zum Segenstaue:

PARSIFALdu weinest, – sieh! es lacht die Aue!

Er küsst sie sanft auf die Stirne. Glockengeläute, wie aus weiter Ferne

GURNEMANZMittag: –

GURNEMANZdie Stund ist da.

GURNEMANZGestatte, Herr, dass dein Knecht dich geleite!

Gurnemanz hat seinen Gralsritter-Mantel herbeigeholt: er und Kundry bekleiden Parsifal damit. – Parsifal ergreift feierlich den Speer und folgt mit Kundry dem langsam geleitenden Gurnemanz. Die Gegend verwandelt sich sehr allmählich, ähnlicher Weise wie im ersten Aufzuge, nur von rechts nach links. Nachdem die Drei eine Zeitlang sichtbar geblieben, verschwinden sie gänzlich, als der Wald sich immer mehr verliert und dagegen Felsengewölbe näher rücken. – Dunkle gewölbte Gänge. Anwachsendes Glockengeläute. - Die Felswände öffnen sich, und die grosse Grals-Halle, wie im ersten Aufzuge, nur ohne die Speisetafeln, stellt sich wieder dar. Düstere Beleuchtung. – Von der einen Seite ziehen die Titurels Leiche im Sarge tragenden Ritter herein; von der anderen Seite die Amfortas im Siechbette geleitenden, vor diesem der verhüllte Schrein mit dem Grale

mit dem Gral und Amfortas

ERSTER ZUGGeleiten wir im bergenden Schrein.

ERSTER ZUGden Gral zum heiligen Amte,

ERSTER ZUGwen berget ihr im düst'ren Schrein,

ERSTER ZUGund führt ihr trauernd daher?

Während die beiden Züge an einander vorbeischreiten

mit Titurels Sarge

ZWEITER ZUGEs birgt den Helden der Trauerschrein,

ZWEITER ZUGer birgt die heilige Kraft,

ZWEITER ZUGder Gott einst selbst zur Pflege sich gab:

ZWEITER ZUGTiturel führen wir her.

ERSTER ZUGWer hat ihn gefällt, der, in Gottes Hut,

ERSTER ZUGGott selbst einst beschirmte?

ZWEITER ZUGIhn fällte des Alters siegende Last,

ZWEITER ZUGda den Gral er nicht mehr erschaute.

ERSTER ZUGWer wehrt' ihm des Grales Huld zu erschauen?

ZWEITER ZUGDen dort ihr geleitet, der sündige Hüter.

ERSTER ZUGWir geleiten ihn heut, weil heut noch einmal

ERSTER ZUG– zum letzten Male! –

ERSTER ZUGwill des Amtes er walten.

Amfortas ist jetzt auf das Ruhebett hinter dem Gralstische niedergelassen, und der Sarg davor niedergesetzt worden. Die Ritter wenden sich mit dem Folgenden an Amfortas

ZWEITER ZUGWehe! Wehe! Du Hüter des Grals!

ZWEITER ZUGZum letzten Mal

ZWEITER ZUGsei des Amtes gemahnt!

sich matt ein wenig aufrichtend

AMFORTASJa – Wehe! Wehe! Weh über mich!

AMFORTASSo ruf ich willig mit euch.

AMFORTASWilliger nähm ich von euch den Tod, –

AMFORTASder Sünde mildeste Sühne!

Der Sarg wird geöffnet. Beim Anblick der Leiche Titurels bricht Alles in einen jähen Wehruf aus

von seinem Lager sich hoch aufrichtend, zur Leiche gewendet

AMFORTASMein Vater! –

AMFORTASHochgesegneter der Helden!

AMFORTASDu Reiner, dem einst die Engel sich neigten:

AMFORTASder einzig ich sterben wollt,

AMFORTASdir – gab ich den Tod!

AMFORTASOh! der du jetzt in göttlichem Glanz

AMFORTASden Erlöser selbst erschaust,

AMFORTASerflehe von ihm, dass sein heiliges Blut –

AMFORTASwenn noch einmal heut sein Segen

AMFORTASdie Brüder soll erquicken,

AMFORTASwie ihnen neues Leben –

AMFORTASmir endlich spende den Tod!

AMFORTASTod! Sterben...

AMFORTASEinz'ge Gnade!

AMFORTASDie schreckliche Wunde, das Gift, ersterbe,

AMFORTASdas es zernagt, erstarre das Herz!

AMFORTASMein Vater! Dich ruf ich –

AMFORTASrufe du ihm es zu:

AMFORTAS»Erlöser, gib meinem Sohne Ruh!«

drängen sich näher an Amfortas heran

DIE RITTEREnthülle den Gral!

DIE RITTERWalte des Amtes!

DIE RITTERDich mahnet dein Vater:

DIE RITTERdu musst, du musst!

springt in wütender Verzweiflung auf und stürzt sich unter die zurückweichenden Ritter

AMFORTASNein! – Nicht mehr! – Ha!

AMFORTASSchon fühl ich den Tod mich umnachten,

AMFORTASund noch einmal sollt ich ins Leben zurück?

AMFORTASWahnsinnige!

AMFORTASWer will mich zwingen zu leben,

AMFORTASkönnt ihr doch Tod mir nur geben?

Er reisst sich das Gewand auf

AMFORTASHier bin ich, – die off'ne Wunde hier!

AMFORTASDas mich vergiftet, hier fliesst mein Blut:

AMFORTASheraus die Waffe! Taucht eure Schwerte

AMFORTAStief, tief – bis ans Heft! –

AMFORTASAuf! Ihr Helden:

AMFORTAStötet den Sünder mit seiner Qual,

AMFORTASvon selbst dann leuchtet euch wohl der Gral!...

Alles ist scheu vor Amfortas gewichen, welcher, in furchtbarer Ekstase, einsam steht. – Parsifal ist, von Gurnemanz und Kundry begleitet, unvermerkt unter den Rittern erschienen, tritt jetzt hervor und streckt den Speer aus, mit dessen Spitze er Amfortas' Seite berührt

PARSIFALNur eine Waffe taugt:

die Wunde schliesst

PARSIFALder Speer nur, der sie schlug.

Amfortas' Miene leuchtet in heiliger Entzückung auf; er scheint vor grosser Ergriffenheit zu schwanken; Gurnemanz stützt ihn

PARSIFALSei heil, entsündigt und gesühnt!

PARSIFALDenn ich verwalte nun dein Amt.

PARSIFALGesegnet sei dein Leiden,

PARSIFALdas Mitleids höchste Kraft

PARSIFALund reinsten Wissens Macht

PARSIFALdem zagen Toren gab! –

Parsifal schreitet nach der Mitte, den Speer hoch vor sich erhebend

PARSIFALDen heil'gen Speer –

PARSIFALich bring ihn euch zurück! –

Alles blickt in höchster Entzückung auf den emporgehaltenen Speer, zu dessen Spitze aufschauend, Parsifal in Begeisterung fortfährt

PARSIFALOh! Welchen Wunders höchstes Glück!

PARSIFALDer deine Wunde durfte schliessen,

PARSIFALihm seh ich heil'ges Blut entfliessen

PARSIFALin Sehnsucht nach dem verwandten Quelle,

PARSIFALder dort fliesst in des Grales Welle!

PARSIFALNicht soll der mehr verschlossen sein: –

PARSIFALEnthüllet den Gral – öffnet den Schrein!

Parsifal besteigt die Stufen des Weihtisches, entnimmt dem von den Knaben geöffneten Schreine den Gral und versenkt sich, unter stummem Gebete, kniend in seinen Anblick. – Allmähliche sanfte Erleuchtung des Grales. – Zunehmende Dämmerung in der Tiefe bei wachsendem Lichtscheine aus der Höhe

mit Stimmen aus der mittleren sowie der höchsten Höhe

ALLEHöchsten Heiles Wunder:

ALLEErlösung dem Erlöser!

Lichtstrahl: hellstes Erglühen des Grales. Aus der Kuppel schwebt eine weisse Taube herab und verweilt über Parsifals Haupte. Kundry sinkt, mit dem Blicke zu ihm auf, vor Parsifal entseelt langsam zu Boden. Amfortas und Gurnemanz huldigen kniend Parsifal, welcher den Gral segnend über die anbetende Ritterschaft schwingt. Der Bühnenvorhang wird langsam geschlossen