O lass' sie blüh'n die sanften Tage

A. Eberhardt

O lass sie blühn, die sanften Tage -

So mild erhellt, so morgenschön!

Wie einer Jugend ew'ge Sage

Wie einer Glocke leis Getön.

O lass sie rein, die klare Welle -

An diesem Frieden rühre nicht!

Mir ist so wohl in milder Helle,

Die aus dem Aug'der Liebe spricht.

O lass sie blühn, die sanften Tage -

Und rüttle nicht an altem Leid!

Versunken liegt's im Sarkophage,

Denn wir begruben seine Zeit.

Und nun? o lehr'dein Herz verstehen

Der sel'gen Stunden Wonneschaum!

Es trägt der Mensch so kurz zu Lehen

Des Erdendaseins Blütentraum!

O lass sie blühn, die sanften Tage!

Es kommt der Sturm, eh'du's gedacht;

Es kommt die Not, des Lebens Plage,

Und das Verhängniss über Nacht;

D'rum lass sie blühn! genießen lerne

Das stille Glück, das euch umgibt!

Wie bald verschwimmt's in ew'ge Ferne,

Sein Segen bleibt - wenn du's geliebt!