Abendgemählde

A. Harder

Des Abends stille Feier,

Die Ruhe der Natur,

Umwebt mit düstrern Schleier

Die sanft gekühlte Flur;

Des Waldes Wipfel beben

Im letzten Sonnenstrahl,

Und dunkle Schatten schweben

Stets schwärzer in das Thal.

Der Schiffer strebt erschrocken

Auf leichtem Kahn daher,

Der Dörfer dumpfe Glocken

Verstummen rings umher,

Aus dichten Büschen schimmert

Des Landmanns fernes Licht,

Das weite Feld verflimmert

Gleich einem Traumgesicht.

Im Westen säumt den Aether

Romantisch helle Gluth,

Stets feuriger und röther

Entwallt die Strahlengluth;

Jezt steigt mit Königsmilde

Aus dem umglänzten Thor

Gleich einem Flammenschilde

Der volle Mond empor.

Jezt überschweift beflügelt

Das ganze Thal sein Blick,

Aus tausend Quellen spiegelt

Sein Antlitz sich zurück,

Wie ein Feuersäule

Ruht er dem Strom entlang,

Der Zauber seiner Pfeile

Dringt durch den Pappelgang.

Ein Silberflor unwebet

Den ernsten Eichenhain,

Auf seinem Haupte schwebet

Der holde Dämmerschein;

Des Flusses Weiden flimmern

Im kühlen Nebelduft

Und helle Funken schimmern

In der durchglühten Luft.

O Cidli, welche Fülle!

Wie ahnend und wie hehr!

Und welche Sabbathsstille

Auf diesem Schönheitsmeer!

Wie sanft die Nachtluft fächelt!

Wie froh mein Herze schwellt!

Denn seinem Blick entlächelt

Mir schöner noch die Welt.

Vom treuen Arm umschlungen

Durchwandern wir jezt stumm

Und in uns selbst gedrungen

Dies lichte Heiligthum.

Wie in Elysiens Gängen

Auf mildbeglänzten Höhn'

Bei heiligen Gesängen

Die frommen Mannen gehn.