Das Lied der völlig Arglosen

A. Immisch

Blauäugig blond, den Scheitel glatt:

wer uns noch nicht gesehen hat,

der blättre nur in Romanen

aus bessern Tagen der Ahnen.

Laut schwatzend, lachend, Arm in Arm

schwankt durch die Wiesen toll der Schwarm,

und unsre Gedanken und Träume

sind rein wie die ewigen Räume.

Vom Tagesgrauen bis zum Abendrot

jagen wir flatternde Falter tot,

und riesige Schäferhüte

bewahren dem Teint die Blüte.

Und Kleidchen umflattern uns weiss wie Schnee.

Wie winken die Kavaliere, o weh!

Und bitten und betteln und flüstern

und zwinkern, die Frechen, so lüstern!

Doch eitel bleibt ihr böses Bemühn,

und vor Ärger werden sie gelb und grün.

Ein Knicks: und spöttische Falten

umspülen unsre Gestalten.

Denn unsre Tugend ist grandios:

Kommt nur heran, gleich geht sie los!

Ihr glaubt wohl gar, ihr Gecken,

dass wir vor euch erschrecken?

Nur freilich schlägt uns das Herzchen oft

heiss über dem Gürtel, und unverhofft

kribbeln und krabbeln Gelüste,

und es ist uns, als ob man uns küsste...