Beim Gänserupfen

A. Winterberger

Lass Dich rupfen, liebes Gänschen,

Denn so muß es einmal sein;

Jeder sieht, daß ihm das Rupfen

Nutzen schaffe und Gedeih'n.

Ei, wie herrlich ist's, zu rupfen,

Wenn wo Federn sichtbar sind!

Nieman schämt sich zuzugreifen,

Merkt er nur, daß er gewinnt.

Viele rupfen gar gewaltig,

Haben nicht an wenig g'nug,

Und sie fragen auch nicht weiter,

Ob's geschieht mit Recht und Fug.

Der Jurist will früher wissen,

Welcher Part viel Federn hat;

Schert sich nicht um nackte Wahrheit,

D'ran er nichts zu rupfen hat.

Doktor auch curirt die Kranken

Nur so lang' er rupfen kann;

Sind sie kahl, so überläßt er

Sie dem Todtengräber dann.

Der Herr Lehrer horcht am Fenster,

Wem wohl gelte das Geläut';

Konnt' er beim Begräbniß rupfen,

Schmaust er drauf voll Seligkeit.

Lange Rosenkränze betet

Ganz zerknirscht der Wuch'rer her;

Borgt von ihm nur Geld auf Zinsen,

Rupft er Euch ganz mitleidsleer.

Hat ein Vater keine Federn,

D'ran ein Freier rupfen kann,

Hoff' er ja nicht, er bekomme

Für die Tochter einen Mann.

Ist ein Bursch besetzt mit Federn,

Bang' ihm nicht vor Hieb und Stich;

Aber hat er kahle Flügel,

Wird Recrut er sicherlich.

Auch der Fleischer, Schneider, Schuster,

Schenker, Bäcker ganze Schaar

Ist nicht faul, und weiß zu rupfen,

Wird sie Federn wo gewahr.

Bis herab auf die Garküchler,

Käsehändler ist's so Brauch;

Zwiebelkrämer, Knoblauchkrämer

Gleich den Andern, rupfen auch.

Selbst die Mütterchen, die grauen,

Kauernd bei des Ofens Gluth,

Zittert ihnen auch das Kinn schon,

Rupfen an der Ehre Gut.

Will wer in der Welt was richten,

Laß er tüchtig Federn seh'n;

Kann er's nicht, der arme Teufel,

Mag er seines Weges geh'n.

Nun, so laß Dich rupfen, Gänschen,

Und verstreu' die Federn nicht;

Weißt nicht, wer auf Dir wird schlafen --

Mann von Ehre oder Wicht!