Vor dem Fenster
Brahms, Johannes
"Soll sich der Mond nicht heller scheinen,
Soll sich die Sonn' nicht früh aufgehn,
So will ich diese Nacht gehn freien,
Wie ich zuvor auch hab' getan.“
Als er wohl auf die Gasse trat,
Da fing er an ein Lied und sang,
Er sang aus schöner, aus heller Stimme,
Dass sein feins Lieb zum Bett aussprang.
"Steh still, steh still, mein feines Lieb,
Steh still, steh still und rühr dich nicht,
Sonst weckst du Vater, sonst weckst du Mutter,
Das ist uns beiden nicht wohlgetan.“
"Was frag' ich nach Vater, was frag' ich nach Mutter,
Vor deinem Schlaffenster muss ich stehn,
Ich will mein schönes Lieb anschauen,
Um dass ich muss so ferne gehn.“
Da standen die zwei wohl beieinander
Mit ihren zarten Mündelein,
Der Wächter blies wohl in sein Hörnelein,
Ade, es muss geschieden sein.
Ach Scheiden, Scheiden über Scheiden,
Tut meinem jungen Herzen weh,
Dass ich mein schön Herzlieb muss meiden,
Das vergess' ich nimmermehr.