Gott, wie mager

E. Hecht

Ein Jud' zu einem Bauersmann,

sein Pferd zu kaufen, trat heran.

Der Bauer hat es längst verkauft,

doch foppt er den, der ungetauft,

und sprach: „Na, tretet in den Stall

und seht es Euch erst einmal an.“

Pechfinster war der Stall, doch Saul

schreit gleich: „Au wei, heißt das ä Gaul?"

Gott, wie moger!“

Zur Brautschau geht es auf die Reis',

wo man ein reiches Mädchen weiß.

Der Vater ist ein Millionär,

da fällt gewiss die Wahl nicht schwer.

Kaum hat die Holde er erschaut,

so ruft der Jüngling selig laut:

„O welch ein Wuchs, wie königlich!“

Doch ach, im Stillen denkt er sich:

Gott, wie moger!

Zur Soirée, im schwarzen Frack,

im Arme den geknautschten Claque,

kommt man zu Herrn Geheimrat X,

macht der Gesellschaft seinen Knix.

Vier Stunden wird erst musiziert,

dann deklamiert, bis man soupiert.

„Solch ein Souper sah ich noch nich!“

Doch ach, im Stillen denkt man sich:

Gott, wie moger!

In London hört ein edler Whig

von uns'res Vaterlandes Glück,

wie uns vertreten im Verein

sechshundert Männer an dem Main.

Nach Frankfurt kommt er angereist,

wo man nach Stuttgart ihn verweist.

Dort außer Atem rennt der Lord

ins deutsche Parlament gleich fort:

Gott, wie moger!