Kastengeist
E. Hecht
Vom Kasten Noah ist bekannt,
dass drin die Tiere steckten,
als Wasserfluten alles Land
vor langer Zeit bedeckten.
Ein Männlein und ein Weiblein war
geborgen drin von allen;
der sich're Kasten hat fürwahr
dem guten Vieh gefallen.
Und fort bis auf die neue Zeit
trug sich die Sagenkunde
der alten Kastenherrlichkeit
und ging von Mund zu Munde.
Den Kasten hat die Phantasie
verschönt in so viel Jahren;
so ist zuletzt in alles Vieh
ein Kastengeist gefahren.
Doch gibt's von vorn gleich manchen Span;
sie wollen nicht zusammen.
Der pocht auf Rang, der auf den Ahn,
von dem die Edlen stammen.
Und jeder will für sich allein
ein Köstlein abgeschlossen,
um von den andern fern zu sein
mit seinen Standsgenossen.
Da tritt Vernunft heran und spricht
mit höflichen Gebärden:
Wart ihr im Kasten Noah nicht
zusammen all', ihr Werten?
Warum jetzt in Disharmonie
so abgesondert wandern?
ihr seid ja ehrenwertes Vieh,
die einen wie die andern!
Vergebens redet die Vernunft,
sie widersprechen alle,
und jedes bildet eine Zunft
und wohnt in seinem Stalle.
Und wenn der Sturm wo niederreißt
ein Stück der alten Mauer,
so baut der edle Kastengeist
sie gleich von neuer Dauer.