Erwachen des Morgens
E. Keller
Feierstille, Andachtwehen
Waltet rings in der Natur,
Denn des Himmels Engel gehen
Leise durch die Morgenflur.
Engel schützen vor Gefährden
Über Nacht den Erdenraum,
Wecken, wenn es Tag will werden,
Wald und Felder aus den Traum.
Wenn der Sonne erster Schein,
Kaum die müden Erde traf,
Wischen Waldesblümelein
Aus den Augen sich den Schlaf,
Strecken schläfrig noch die Glieder,
Seufzend ein gedehntes Ach!
Bücken sich zum Bächlein nieder:
"Freundchen, bist du auch schon wach?"
Und die Tannen und die Rüstern
Wachen auf aus ihrer Ruh,
Schütteln froh ihr Haupt und flüstern
Sich des Schlummers Träume zu.
Auch die Vöglein in den Zweigen
Springen lustig aus dem Bett,
Brechen bald das nächt'ge Schweigen
Durch ein schönes Quodlibet.
Wie das alles voll Behagen
Durch die Blätter purrt und schwirrt,
Meisen piepen, Finken schlagen,
Amsel flötet, Tauben girrt --
So in mannigfachen Weisen
Singt der Wald und girrt und lacht,
Um den lieben Gott zu preisen
Der die Welt so schön gemacht!