Im Frühling 1915
E. Reichert
Manchmal seh ich unsre Zeit so hell
Wie ein Auge aufgetan,
Aus zerschlagnem Wahn
Seh ich stürzen Quell um Quell,
Und von seinem Kreuz gestiegen
Den Erlöser groß und bleich
Über allen Kriegen
Predigen der Liebe ewiges Reich.
Manchmal seh ich nichts als schwarzen Haß,
Menschenleiber wutverbissen,
Schwache Seelen ohne Maß
Im Verbrechen hingerissen,
Leid aus hohlen Augen stierend,
Und der arme Gott der Liebe irrt,
Ehe alles dunkel wird,
Übers Blutfeld bang und frierend.
Aber neue Blumen bringt
Unsre Wiese jeden Tag,
Amselschlag
Aus der Ulme süß und trunken schwingt,
Und die Welt weiß nichts von Morden,
Und die Welt ist Kind geworden,
Daß wir mit beklommenem Atem stehen
Und im duftend lauen Wehen
Angst und Leid und Tod nicht mehr verstehen.