Die Unschuld

E. Zumsteeg

Was ist es, das im Mutterschoße

Mild aus des Säuglings Auge lacht,

Und lieblicher die zarte Rose

Auf jungfräulicher Wange macht?

Was aus des Jünglings Feuerblicken

Wie der Verklärung Schimmer strahlt?

Und noch mit himmlischem Entzücken

Dem Sterbenden die Zukunft malt?

Was ist es, das im Sturm der Zeiten

Das Herz zum Streit für Wahrheit stählt,

Daß in des Lebens Dunkelheiten

Ihm nie der Stern der Hoffnung fehlt?

Daß bei des blinden Schicksals Grimme

Der Dulder nicht im Kampf erliegt,

Und tröstend eine Friedensstimme

Sein Haupt in sanften Schlummer wiegt?

Und was beut der Verleumdung Pfeilen

Die reine Brust mit Lächeln dar,

Was kann des Unglücks Wunde heilen,

Was trotzt der drohenden Gefahr?

Was füget sich mit frommem Herzen

In des Geschickes harten Schluß?

Was hofft noch unter Todesschmerzen?

Es ist der Unschuld Genius.