Venezia

F. Draeseke

Es schlummert eine hehre

Seltsame Stadt im Meere

Mit tausend bunten Zinnen

Im Meere blau und still,

Schön wie ein Traum zu schauen,

Der bei des Morgens Grauen

In Luft und Duft zerinnen,

In Nichts zerfliessen will.

Der Weg zu ihren Toren,

Er ist im Meer verloren.

Durch ihre Gassen flutet

Und ebbt die salz'ge See.

Frühlicht, das mit Trauern

Auf ihren Marmormauern

Sich täglich neu verblutet,

Weint Tränen ihrem Weh!

Die Klöster und die Dome

Wie Schlösser für Phantome,

Die trauernden Paläste

Auf Inseln rings umher.

Die Gassen und die Brücken,

Wo nie ein Ross zu blicken,

Dei alten Mauerreste

Wie prachtvoll und wie leer!

Gesanglos wie die Schwäne

Ziehn am Kanal die Kähne.

Der Britte fährt in ihnen,

Nicht Masken schön und jung!

Hoch ob der Flut gezogen

Starrt des Rialto Bogen,

Ruine bei Ruinen,

Nichts als Erinnerung.

Veröden und Verwildern

Du Moos an Marmorbildern

Du blasses Phosphorschimmern,

Wo eine Leiche ruht.

Meerried auf allen Stufen,

Wehlaut in jedem Rufen.

Ein still verhalt'nes Wimmern

Geht durch die ganze Flut.

Du aber, Herz, das säumen

Will in geweihten Räumen

Bei schöner Vorzeit Runen,

Bei alter Helden Schrein!

Komm, eh' mit Morgenwinden

Die Träume alle schwinden

Die Stadt in den Lagunen

Ist auch ein Traum von Stein.