Die Geburt der Freude

F. Himmel

Es war ein feierlicher Morgen;

Die Sonne ruhte, duftig frisch,

Noch tief im Horizont verborgen,

Wie Lieb' im rosigen Gebüsch.

Schon richtet leise Morgenkühle

Die Blumen auf in jedem Kranz,

Der Hain, als ob er sinnend fühle,

Taucht seine Kronen all' in Glanz.

Jetzt fliegen die bestrahlten Thore

Des jungen Tages flammend auf;

In goldnen Wolken fährt Aurore

Mit ihrem Götterzug herauf.

Von schönem Purpurlichte glühten

Gebirg' und Hügel auf und ab;

Die Horen warfen Rosenblüthen

Auf die entzückte Flur herab.

Und die Natur, in ihrer schönen

Begeistrung, weckt des Haines Chor;

Und das Entzücken fliegt in Tönen

Vom Nachtigallgebüsch empor.

Sanft, wie ein Wort, das von den Lippen

Der zarte Liebe sich ergiesst,

Ertönt es von den rauhen Klippen,

Um die ein blauer Äther fliesst.

Der Lenz belebt die Felsenmauer

Zur schönen, blühenden Gestalt,

Und haucht geheimnissvolle Schauer

Von Götterahnung in den Wald.

Wie trunken, taumeln Laub und Halme,

Durch die ein geistig Säuseln fuhr;

Und voller rauschten schon die Psalme,

Der grossen Hymnen der Natur.

Wenn Erd' und Himmel sich verschwistern:

Dann, Götterfriede, waltest du;

Die Auen horchen, Töne flüstern

Den Auen Festgefühlen zu.

Erwartung lispelt in den Bächen,

Erwarten stehn die Blumen da.

Mit leisen Geisterlippen sprechen

Die Lüft': "Ein heilig Fest ist nah."

Nun wehen süßen Nymphen-Stimmen

Durch die beseelte Maienluft,

Von fernen Ufern her, und schwimmen

Im wallenden Orangen-Duft.

Der Friede lauscht im Grün der Blätter,

Von Taubenzärtlichkeit umgirrt,

Dem Feste, das zu Menschen Götter,

Zu Göttern Menschen führen wird.

Dort, in des Palmenthales Mitte,

Blüht noch, zum Heiligthum geweiht,

Die feierliche Bundeshütte

Der Unschuld und der Göttlichkeit.

Von ihres Gottes Wink getrieben,

Erschien die Unschuld, hoch und hehr. --

Ein Leben, das die Götter lieben,

O, das verlassen sie nicht mehr!

So stand sie, unter Myrtenzweigen

Und Palmen, die zur Huldigung

Herab zu ihr die Krone neigen,

In einer süßen Dämmerung.

Jedoch mit leisem Schimmer füllte

Des hehrem Gottes Gegenwart

Die Stelle, wo die keusch Verhüllte

Der höchsten aller Wonnen harrt.

Ein Raum! zur weichen Ruh' erlesen,

Nahm sie in seinen Blumenschooß:

Da wand ein kleines, holdes Wesen

Aus ihrem Mutterarm sich los.

Ein Götterkind, mit Psyche's Flügeln,

Mit einem Blick, voll Sonnenschein;

Es hing an allen Rosenhügeln,

Und flog mit Liedern durch den Hain.

Es erbte, daß es nichts entbehre,

Vom Vater Glanz und Herrlichkeit,

Und von der Mutter -- jene Zähre

Der Wonn' und der Bescheidenheit.

Die Charis drückt' es an den Busen,

Als eine vierte Charitinn;

Die Freude nannten es die Musen,

Und schmückten sie mit Liedersinn.

Ein Tropfen Quell von Aganippen

Wusch ihr die Augen klar und blau,

Die Suade goß auf ihre Lippen

Der süßen Rede honigthau.

Die Liebe trat aus ihren Myrten,

Und flößt' ihr Huld und Anmuth ein,

Erzogen ward sie unter Hirten,

In einem heil'gen Palmenhain.

Und, daß sich all ihr Heil vollende,

Naht sich die holde Scham, und drückt

Die Lilienkelch ihr in die Hände,

Der nicht berauscht, nur still entzückt.

Doch dürfen nur geweihte Lippen

Ambrosisch geistiges Gedüft

Aus diesem weißen Kelche nippen;

Den Frevler wird der Nectar Gift.

Die sanfte Weisheit stand nicht ferne;

Sie sprach: "Wenn du das Leben lernst:

Dann sieh, o Kind, nach meinem Sterne;

Der Freude ziemt der hohe Ernst."

Die Musen sangen und die Horen:

"Die Erd' ist nicht mehr wild und wüst!

Die schöne Freud' ist ihr geboren!

Sei, Göttertochter, sei gegrüßt!"