's war eine milde Maiennacht
H. Esser
'S war eine milde Maiennacht,
Ich lag im Fenster spät,
Hab' still geträumt und nachgedacht,
Wie's oft so seltsam geht.
Jüngst stand auch er am Fenster hier,
Da wo die Rosen blühn,
Und sah mich an und sprach mit mir,
Ach, und ich liebte ihn!
Da ward die holde Dämmerzeit,
Da manche Mitternacht
Mit ihm in süßer Einsamkeit
Verplaudert und gelacht.
Er kaufte mir manch buntes Band
Zu sonntäglicher Zier,
Und schlang es mit verwegner Hand
Um Hals und Nacken mir.
Auch manche Rose schenkt' ich ihm
In süßverliebtem Scherz,
Und er, mit warmem Ungestüm,
Drückt' fester mich ans Herz.
Ach, jene Rosen sind verblüht,
Verblichen ist das Band,
Mein Sehnen nur, mein Seufzen zieht
Ihm nach in's ferne Land!