Ständchen

Marschner, Heinrich

Durch der Linden Wipfel rauschen

Abendlüfte kühl und bang;

komm, Geliebte, komm zu lauschen

meinem sehnenden Gesang.

Ach, erwach aus Liebestraume,

dass mein Lied dir süßer klingt,

spähe an des Vorhangs Saume

nach dem Sänger, der es bringt.

Doch da Schatten ihn verstecken

und das duftige Gezweig,

lass die Neugier dir erwecken,

dein Gesichtchen dreister zeig!

Leiser zittern meine Saiten,

schmachtend girrt die Nachtigall;

lass, o Teure, dich verleiten,

öffne 's Fensterchen einmal.

Dein geliebtes Händchen lege

an der Lippen Purpursaum,

sachte neigend es bewege

freundlich zu dem Schattenraum.

Und vergib, dass deinen Schlummer

meines Sanges Klage stört;

weißt ja wohl, dass Liebeskummer

nicht dem Tage angehört.