Holde Blume, lass den Äther
H. Proch
Eine Blume steht hoch oben
Auf dem steilen Felsenrücken,
Und mich faßt ein innig Sehnen,
Diese Blume mir zu pflücken:
„Schöne Blume, lichtumflossen,
Steig' von deiner Burg hernieder!
In dem Tale ruft die Liebe,
In dem Tale rufen Lieder.
Holde Blume, lass den Äther,
Einsam ist's in hohen Zonen;
Menschen wollen unter Blumen,
Blumen unter Menschen wohnen!
Süße Blume, komm' herunter,
Deine Reize lass' dir deuten,
Und vergönn' mir deiner Blätter
Süßes Rätsel auszubeuten.“
„Teurer Sänger, kann nicht kommen,
Kann mein Haupt nur still dir neigen,
Denn ein Fels hält mich gefangen
In den tiefsten Wurzelzweigen.
Teurer Sänger, kann nicht kommen,
Licht und Duft kann ich nur senden,
Freier Bote ist der Äther
Über Berg und Felsenwänden.
Teurer Sänger, kann nicht kommen,
Doch mit Denken an dir hangen,
Denn mein Herz schwebt hoch im Freien,
Wie mein Fuß auch ist gefangen!“
Und die Blume bleibt verwaiset
Einsam auf dem Felsen stehen,
Und der Sänger bleibt im Tale,
Unverwandt empor zu sehen.
Bis die Blume ist verblichen,
Bis die Blätter ihr entfallen,
Bis sie auf das Grab des Sängers,
Felsentfesselt, niederwallen.