Reinmar der Alte

H. Riedel

Der Tag verglüht, des Hochwalds Wipfel schweigen

Derweil in goldnem Dunst die Halde schwimmt;

Ich steh am Rain, wo wir den Frühlingsreigen

So oft aus hellsten Kehlen angestimmt...

Die Nachtigall schlug damals in den Zweigen

Und pries mit uns des ersten Veilchens Blüh'n

Und manchen Mund sah man zum Kuß sich neigen,

Wenn sich die Tänzer lagerten im Grün.

Wer küßt ihn heut? Gelb sind der Blätter Farben,

Die Nachtigall flog aus in and're Land,

Die Veilchen welkten und die Frauen starben,

Die klaren Ritter deckt der welsche Sand.

Gebeugt am Stab und wohlgeschult im Darben

Keuch' ich des Wegs, fahl und spätherbstiglich,

Und Niemand weiß Bescheid, wo Wein und Garben

Gekellert und gespeichert sind für mich.

Ich klag' es nicht. -- Ich hab' mit meinem Pfunde

Gewuchert wie ein andrer frommer Knecht.

Zwar wuchs nur wenig Korn auf meinem Grunde

Und viel Geblüm zu Strauß und Kranzgeflecht...

Doch Mancher dankt mir eine gute Stunde,

Manch goldnen Preis gewann mein Lautenklang

Und manch ein Herz schuf meine Kunst gesunde...

Wo Reinmar singt, da währt kein Jammer lang.