Tell und Lyda

J. Kalliwoda

Zärtlicher als Tell und Lyda

liebten sich zwei Seelen nie;

er nur war ihr einzig Hoffen,

und sein ganzer Wunsch war sie.

Er nur war ihr mehr als Bruder,

mehr als Lied und Saitenspiel;

sie nur war in stillen Nächten

einsam seiner Tränen Ziel.

Fruchtlos bot ihr mancher Jüngling

Herz und Hand und Reichtum dar;

ach, ihr war nicht Stand, nicht Reichtum,

was ihr Tell, der Jüngling, war.

Fruchtlos reicht' ihm manches Mädchen

ihren Strauß beim Reihentanz;

süßer rochen Lydas Blumen,

schöner stand ihm Lydas Kranz.

Endlich schwand der Eltern Sträuben,

und des Priesters Wort verband

gleich den längst verbund'nen Herzen

ihren Namen, ihre Hand.

Freudig, Aug' an ihrem Auge,

saß er nun als Bräutigam,

hörte laut ihr Herzchen schlagen,

das in süßem Taumel schwamm.

Und schon war die frohe Stunde

der gewünschten Ruhe nah',

als man düst're Donnerwolken

sich am Himmel türmen sah.

Mancher Sünder bebte kniend

vor der Blitze furchtbar'm Licht;

Tell und Lyda, rein wie Engel,

Tell und Lyda bebten nicht.

Aber aus der dicksten Wolke

fuhr ein lichter Feuerstrahl,

schmetternd, dass die Erde bebte,

mitten in das frohe Mahl.

Ohne Zucken, ohne Röcheln

sinket Lyda und erbleicht,

wie, geknickt vom Hagelsturme,

sterbend sich die Lilie neigt.

Schaudernedes Entsetzen füllte

des beklemmten Jünglings Herz;

ohne Träne war sein Jammer,

ohne Seufzer war sein Schmerz.

Ach, ich folge, süße Lyda!

ruft er wankend, kniet, und fasst

ihre kalte, starre Rechte,

küsst sie dreimal, und erblasst.