Ballade vom blutigen Gewand
J. Raff
Es war wohl in der Stadt Benevent
vor Sankt Johannis Tag;
ein tapf'rer Ritter, Thomas von Kent,
schlaflos im Zelte lag.
"Von England kam zum Turnier ich her,
die Liebe im Herzen mich drücket so schwer,
des Fürsten Tochter ich einzig begehr',
die nicht gewinnen ich mag."
Da naht sich ein Page eilig und sacht:
"Mich sendet die Herrin mein.
Die will, dass dies Kleid dir sei überbracht,
und nennt sich die Dame dein,
wenn's morgen dich decket beim Ritterstreit."
Der Page enteilt; mit Innigkeit
drückt das Gewand, so wallend und weit,
der Ritter ans Herze sein.
Und als beim Turnier am anderen Tag
wohl fochten die Ritter voll Mut,
da führt' auch Herr Thomas manch wuchtigen Schlag,
das Kleid ganz bedecket mit Blut.
Kein anderer Held vor ihm hielt Stand,
von allen ward er als Sieger erkannt;
da sendet zuletzt er das Blutgewand
zu seiner Herrin gut.
Und als nun der Edlen und Damen Kranz
zur Messe geordnet den Zug,
die Fürstentochter ob all ihrem Glanz
das Kleid voll von Blute trug.
Der Fürst ersah es und rief voll Wut:
"Verbannt sei mit ihm, der dies für dich tut;
deine Minne, für die vergoss er sein Blut,
sie lohn' ihm nun ohne Trug."
Da erhebt sich Herr Thomas in tönender Hall',
da des Fürsten Wort so entbrennt,
und durchdringt das Tosen mit rufendem Schall:
"So sei es denn, Fürst Benevent!
Du selbst gabst mir deiner Tochter Hand;
doch verschmerzen soll sie bald ihren Stand,
wenn ich wohl im fröhlichen Engeland
sie heiße die Gräfin von Kent."