Das Leben

J. Reichardt

Des Lebens Pfad ist Labyrinth,

Des Lebens Freuden fliehn geschwind,

Des Lebens Kummer nistet sich

In unser Herz so festiglich.

Sein Morgenroth ist schön und licht,

Hat rosenwangigt Angesicht,

Doch Sturm und Hagelwetter droht

Oft seinem schönsten Morgenroth.

Dann schwindet von der trüben Au

Die tausendfache Sonn' im Thau,

Die Söhne des Gesangs entfiieh

Und aller Jubel schwindet hin.

Die Mittagssonn' ist brükkend heiß,

Da kostets manchen Tropfen Schweiß

Und manches O! und manches Ach!

Bis endlich neiget sich der Tag.

Und dennoch, dennoch nistet sich

Des Lebens Liebe festiglich

Wie Lebenskummer uns ins Herz;

Und weicht und wanket keinem Schmerz.

Ja, denn nach Hagelwettern wehn

Die Lüfte freundlich; es entstehn

Der Blumen viel auf trüber Au,

Und glänzen frischer dann im Thau.

Am Mittag thut der Schatte wohl,

Und wieder wird das Herz uns voll

Von neuem frischem frohem Muth,

Und achtet nicht der Sonne Gluth.

Auch quillt in uns ein steter Quell

So freundlich labend und so hell,

Heißt Hoffnung, stärket wunderbar,

Oft, was schon halb verschmachtet war;

Quillt rastlos und versieget nicht,

Auch wenn herein der Abend bricht,

Die lange Nacht sich niedersenkt,

Uns freundlich noch sein Nektar tränkt.

O liebevoller Vater, du,

Von dir kommt dieser Quell der Ruh,

Daß er uns sey ein Unterpfand

Von einem bessern Vaterland.