Die Wehmut
J. Reichardt
Mit leisen Harfentönen
Sey, Wehmuth, mir gegrüßt!
O Nymphe, die der Thränen
Geweihten Quell verschließt!
Mich weht an deiner Schwelle
Ein linder Schauer an,
Und deines Zwielichts Helle
Glimmt auf des Schicksals Bahn.
Du, so die Freude weinen,
Die Schwermuth lächeln heißt,
Kannst Wonn' und Schmerz vereinen,
Daß Harm in Lust verfleußt;
Du hellst bewölkte Lüfte
Mit Abendsonnenschein,
Hängst Lampen in die Grüfte
Und krönst den Leichenstein.
Du nahst, wenn schon die Klage
Den Busen sanfter dehnt,
Der Gram an Sarkophage
Die müden Schläfe lehnt;
Bis die Geduld gelassen
Sich an die Hoffnung schmiegt,
Der Zähren-Thau im nassen,
Schmerzlosen Blick versiegt.
Du, die auf Blumenleichen
Des Tiefsinns Wimper senkt,
Bey blätterlosen Sträuchen
Der Blüthenzeit gedenkt;
In Florens bunte Kronen
Ein dunkles Veilchen webt,
Und still, mit Alcyonen,
Ob Schiffbruchstrümmern schwebt.
O du, die sich so gerne
Zurück zur Kindheit träumt,
Selbst ihr Gewölk von Ferne
Mit Sonnengold besäumt:
Was ihr Erinn'rung schildert
Mit Westkarmin verbrämt,
Der Trennung Qualen mildert,
Und die Verzweiflung zähmt.
Der Leidenschaften Horden,
Der Sorgen Rabenzug,
Entfliehn vor den Accorden,
Die deine Harfe schlug;
Du zauberst Alpensöhnen,
Verbannt auf Flanderns Moor,
Mit Sennenreigen-Tönen
Der Heimath Bilder vor.
In deinen Schattenhallen
Weihst du die Sänger ein;
Lehrst junge Nachtigallen
Die Trauer-Melodey'n;
Du neigst, wo Gräber grünen,
Dein Ohr zu Hölty's Ton;
Pflückst Moos von Burgruinen
Mit meinem Matthisson.
Führ' unter Thränenweiden
O Nymfe, mich zum Ziel!
Verschmilz' auch Gram und Leiden
In süßes Nachgefühl;
Sei Stärkung dem Erweichten!
Heb' aus dem Trauerflor,
Wenn Gottes Sterne leuchten,
Den Andachtsblick empor!