Der Genius
J. Sterkel
Wenn einst mein Geist, dem Irdischen entbunden,
Im Dasein höherer Naturen blüht;
Und jede Sehnsucht, die das Herz empfunden,
Und jeder Zauber längstvergang'ner Stunden
In seinem Innern nachschlägt und entglüht:
Dann wird er oft aus seinem Blüthenleben
Mit leisem Flug zu dir herniederschweben!
In holden Tönen lieblich dich umwehen,
Ein süßer Bote deiner Ahnung sein;
Wird deine Thränen, leis' und ungesehen,
Und deine Freuden, deinen Schmerz verstehen,
Und milde Tröstung deinem Herzen weih'n.
Mit ew'ger Liebe will er dich umfassen,
Es kann der Freund das Schöne nicht verlassen.
Du wirst ihn athmen in dem Lenzgedüfte
Im Kelch der Blume, die du abgepflückt;
Er säuselt dir im Kosen sanfter Lüfte,
Webt aus den Trümmern längst versunk'ner Grüfte
Gestalten, die dich selig einst beglückt;
Und wenn voll Wehmuth sich dein Blick verdüstert,
Er ists, der mild um deine Wangen flüstert.
Wenn huldvoll in das Wunderland des Schönen
Den freien Sinn die Muse dir entzückt,
Wenn deines Herzens überirdisch Sehnen
Sich ausspricht in des Liedes goldnen Tönen,
Wer ists, der freundlich dir entgegenblickt?
Der dich begeistert zu der Sehnsucht Worten,
Und zu der Liebe himmlischen Akkorden?
Es ist mein Geist, der friedlich dich umschwebet,
Des Wehen kühn in deine Saiten rauscht;
Der süßen Traum um deine Seele webet,
Der unsichtbar in deinen Tönen lebet,
Und still und leise deiner Ahnung lauscht!
O möchtest du dann seiner noch gedenken,
Und eine Thräne seinem Schatten schenken!