Der Kobold

K. Reinecke

„Heut ist die Walpurgisnacht,

schliess', Gretchen, die Fenster zu,

Hör' nur, hör', wie's im Wald kracht,

lösch dein Licht und geh' zur Ruh'.

Heut ist die Walpurgisnacht,

Alp und Kobold schleichen hier,

denk' den Schrecken wenn er lacht

In das off'ne Fenster dir!“

Und die alte Muhme ging,

Gretchen trat ans Fenster sacht,

sternenvoll der Himmel hing,

o wie lieblich war die Nacht!

Gretchen schloss das Fenster

vor dem hellen Mondenlicht,

Gretchen schloss das Fenster zu,

doch die Türe schloss sie nicht;

und zur Türe huscht's hinein,

schlang um Gretchen einen Arm,

Hell beglänzt vom Mondenschein,

küsste herzlich sie und warm.

Wer es war, das sag' ich nicht,

ein Gespenst ganz eig'ner Art,

Muhme macht' ein bös Gesicht,

hätt' den Kobold sie gewahrt;

denn das Gretchen schien im gar so gut,

schmiegt' an ihn so zärtlich sich,

zeigte ganz erstaunlich Mut

und sprach leis: ich liebe dich.