Weinlied

K. Rungenhagen

Auf grünen Bergen wird geboren,

Der Gott, der uns den Himmel bringt.

Die Sonne hat ihn sich erkohren,

Daß sie mit Flammen ihn durchdringt.

Er wird im Lenz mit Lust empfangen,

Der zarte Schoß quillt still empor,

Und wenn des Herbstes Früchte prangen

Springt auch das goldne Kind hervor.

Sie legen ihn in enge Wiegen

In's unterirdische Geschoß.

Er träumt von Festen und von Siegen

Und baut sich manches luft'ge Schloß.

Es nahe keiner seiner Kammer,

Wenn er sich ungeduldig drängt,

Und jedes Band und jede Klammer

Mit jugendlichen Kräften sprengt.

Denn unsichtbare Wächter stellen

So lang er träumt sich um ihn her;

Und wer betritt die heil'gen Schwellen,

Den trift ihr luftumwundner Speer.

So wie die Schwingen sich entfalten,

Läßt er die lichten Augen sehn,

Läßt ruhig seine Priester schalten

Und kommt heraus wenn sie ihm flehn.

Aus seiner Wiege dunklem Schooße,

Erscheint er in Krystallgewand;

Verschwiegener Eintracht volle Rose

Trägt er bedeutend in der Hand.

Und überall um ihn versammeln

Sich seine Jünger hocherfreut;

Und tausend frohe Zungen stammeln,

Ihm ihre Lieb' und Dankbarkeit.

Er sprützt in ungezählten Strahlen

Sein innres Leben in die Welt,

Die Liebe nippt aus seinen Schalen

Und bleibt ihm ewig zugesellt.

Er nahm als Geist der goldnen Zeiten

Von jeher sich des Dichters an,

Der immer seine Lieblichkeiten

In trunknen Liedern aufgethan.

Er gab ihm, seine Treu zu ehren,

Ein Recht auf jeden hübschen Mund,

Und daß es keine darf ihm wehren,

Macht Gott durch ihn es allen kund.