Wilhelms Geist
K. Seckendorff
Zu Hannchens Thür, da kam ein Geist,
mit manchem Weh und Ach!
und drückt' am Schloß, und kehrt' am Schloß,
und ächzte traurig nach.
"Ist's, Vater Philipp! Der ist da?
Bist's, Bruder! Du, Johann?
Od'r ist's Wilhelm, mein Bräutigam!
Aus Schottland kommen an?"
"Dein Vater Philipp, der ist's nicht!
Dein Bruder nicht, Johann!
Es ist Wilhelm, dein Bräutigam,
aus Schottland kommen an!
Hör', süßes Hannchen, höre mich,
hör und willfahre mir!
Gieb mir zurück mein Wort und Treu,
das ich gegeben dir!"
"Dein Wort und Treu geb'ich dir nicht,
geb's nimmer wieder dir!
Bis du zu meiner Kammer kommst,
mit Liebeskuß zu mir!"
"Zu deiner Kammer soll ich ein,
und bin kein Mansch nicht mehr?
und küssen deinen Rosenmund?
So küß ich Tod dir her!
Nein, süßes Hannchen, höre mich,
hör und willfahre mir!
Gieb mir zurück mein Wort und Treu,
das ich gegeben dir!"
"Dein Wort und Treu geb' ich dir nicht,
geb's nimmer wieder dir!
Bis du mich führst zur Kirch' hinan
mit Treuering dafür!"
Und an der Kirche lieg' ich schon
und bin ein Todtenbein!
S'ist, süßes Hannchen, nur mein Geist,
der hier zu dir kommt ein!"
Ausstreckt sie ihre Lilienhand,
streckt bebend sie ihm zu:
"Da Wilhelm, hast du Wort und Treu,
und geh, und geh zu Ruh!"
Und schnell warf sie die Kleider an
und ging dem Geiste nach,
die ganze lange Winternacht
ging sie dem Geiste nach.
"Ist, Wilhelm, Raum noch, dir zu Haupt,
noch Raum zu Füssen dir?
Ist Raum zu deiner Seite noch,
so gib, so gib ihn mir!"
"Zu Haupt und Fuß ist mir nicht Raum,
kein Raum zur Seite mir!
Mein Sarg ist, süßes Hannchen, schmal
das ich ihn gebe dir!"
Da kräht' der Hahn! Da schlug die Uhr!
Da brach der Morgen für!
"Ach, Hannchen, nun, nun kommt die Zeit,
zu scheiden weg von dir!"
Der Geist -- und mehr, mehr sprach er nicht,
und seufzte traurig drein,
und schwand in Nacht und Dunkel hin,
und sie, sie stand allein.
"Bleib, treue Liebe! Bleibe noch,
dein Mädchen rufet dich!"
Da brach ihr Blick! Ihr Leib, der sank,
und ihre Wang' erblich! --