Demagogisch

K. Zelter

Es wollt' im heil'gen röm'schen Reich

Der Frühling nicht erscheinen.

Der Kaiser war in großer Noth,

Und rief zum Rath die Seinen.

Da wurde, nach des Kanzlers Rath,

Einem alten Frosch befohlen,

Mit seinen junger grünen Schaar

Den Frühling einzuholen.

Sobald der Frosch im Garten schreit,

Der Kaiser fühlt Behagen,

Er rief: "Ich wittre Frühlingsluft,

Laßt mich in's Freie tragen!"

Da saß er denn, auf sammtnen Stuhl,

Und wehrte sich die Schnacken,

Und höret in dem trüben Pfuhl

Den Frosch manierlich quacken.

Ein Zweiter zu dem Ersten kam,

Mit ihm zu concertiren,

Der Dritte stellte bald sich ein,

D'rauf sangen sie zu Vieren.

Ein Jeder nahm das Maul recht voll,

Wie schmetterten die Kehlen,

Um sich für's heil'ge röm'sche Reich

Gehorsamst abzuquälen.

Und immer toller ward der Lärm,

Der Kaiser konnt's nicht tragen.

Da rief er seiner Kanzler zu,

Das Volk aufs Maul zu schlagen.

Der sprach: "Wir haben Frühlingszeit,

Und bleiben euch gewogen,

So schweiget nun bei unserm Zorn,

Euch soll -- ihr Demagogen!"

Da loben wir uns unser Reich,

Wie sind wir wohl berathen,

Was kümmern uns die Frösch' im Teich

Und ihre Potentaten?

Der Frühling geht, der Sommer kehrt,

Der Herbst, der Winter wieder;

Wir singen fest und unverwehrt

Die allerschönsten Lieder.