Das Blumenopfer

C. Loewe

Noch schmückten zarte Blüten

des Knaben weiches Haar,

und Stirn und Wangen glühten

mir, wenn ich einsam war.

Mich trieb ein leises Sehnen

hinaus ins Mondenlicht;

da flossen meine Tränen,

warum? das wußt' ich nicht.

Ich küsste die Kamille,

umschlang den Fliederbaum;

mich wiegte rings die Stille

in süßer Wehmut Traum.

Mir ward so schwer, so bange;

ich sah mich sehnend um,

und heißer ward die Wange,

doch wußt' ich nicht, warum?

Da trat zu mir ein Knabe,

so sanft, so hold und schön,

so lieb und freundlich habe

ich keinen mehr geseh'n:

"Mir ist von deinem Sehnen,

von deiner Wangen Brand

und allen diesen Tränen

die Ursach' wohl bekannt.

"Noch oft wird sich bekränzen

die neu erwachte Flur,

und immer wird dir glänzen

im Bild der Sehnsucht Spur.

"Noch oft wird dir es scheinen,

das traute Mondenlicht,

und immer wirst du weinen,

warum? das frage nicht!

"Doch laß die Jahre schwinden

und Tag' und Monden flieh'n,

einst wirst du Freuden finden,

wie sie in Eden blüh'n.

"Nimm diese Frühlingsblume,

ich habe sie geweiht

zu einem Heiligtume

für eine schön're Zeit.

"Und kennst du einst, o Wonne!

Ein Weib, wie Engel mild,

als deiner Tage Sonne

und deiner Träume Bild,

"Von Grazien gekleidet,

vom Musenchor belehrt,

von Weibern laut beneidet,

von Männern still verehrt,

"Die dir mit zarter Liebe

den Lebenskelch versüßt

und jedes kummertrübe

Gewölk vom Auge küßt,

"So gib an einem Tage,

der ihr geheiligt ist,

ihr diese Blum', und sage,

daß du nun glücklich bist."