Die Abendsonne

C. Loewe

Goldne Abendsonne,

O, wie bist du schön!

Nie kann ohne Wonne

Deinen Blick ich sehn.

Lachend steigst du nieder

Deine hohe Bahn,

Blickest morgen wieder

Mich so segnend an.

Schon in früher Jugend

Sah ich gern nach dir,

Und der Trieb der Tugend

Glühte mehr in mir.

Wenn ich so am Abend

Staunend vor dir stand

Und an dir mich labend

Gottes Huld empfand:

In des Herzens Tiefe

War es, als wenn mir

Eine Stimme riefe:

Gott ist nahe dir!

Und bei dem Gefühle

Freute sich die Brust

Mehr als je beim Spiele

Jugendlicher Lust.

Doch von dir, o Sonne,

Wend' ich meinen Blick

Mit noch höhrer Wonne

Auf mich selbst zurück.

Schuf uns ja doch beide

Eines Schöpfers Hand,

Dich im Strahlenkleide,

Mich im Staubgewand.