Lieblich sind die Juninächte

M. Görres

Lieblich sind die Juninächte,

Wenn des Abendrots Verglimmen

Und des Morgens frühe Lichter

Dämmernd ineinanderschwimmen;

Wenn der Lenz in roten Rosen

Rasch verblutet und die kleinen

Nachtigallen um den Toten

Ihre letzten Lieder weinen;

Wenn im Kelch der Lindenblüte

Unterm Blätterbaldachine

Schläft, gewiegt von lauen Lüften,

Die verirrte müde Biene.

Träumerisch im Nest der Schwalbe

Zirpt die Brut und zwitschert leise

Von dem großen blauen Himmel

Und der großen Südlandsreise.

Und im Weizen schlägt die Wachtel,

Jedem Pflüger liebe Laute,

Liebe Laute all den Körnern,

Die er fromm der Flur vertraute.

Durch die frisch entsproßnen Ähren

Haucht ein Säuseln und ein Singen,

Als ob holde Himmelsgeister

Segnend durch die Saaten gingen. --

Rings der Wälder tiefes Schweigen!

Aus des Tales Nebelhülle

Hob die Iburg ihren Scheitel

In die sternenklare Stille:

Alter Hain, aus dessen Wipfeln

Sonst die Irminsäule ragte,

Die zum Schmerz und Schreck der Sachsen

König Karl zu brennen wagte;

Götterstätte, jetzt umwuchert

Von Gestrüpp und wilden Ranken

Und als Wohnort dunkler Mächte

Scheu gemieden von den Franken. --

Lieblich war die Nacht, die kurze,

Vor dem Tag der Sonnenwende;

Auf der Iburg stumpfem Kegel

Flackerten die Opferbrände;

Auf der Iburg stumpfem Kegel

Hatten sich zum Balderfeste

Fromm geschart die Heidenleute,

Gaugenossen, fremde Gäste.

Unter Eichen auf dem Rasen

Stand der Opferstein, der graue,

Neben ihm mit blut'gem Messer

Eine riesenhafte Fraue:

Swanahild, die greise Drude,

Ihres Priesteramts zu walten,

Erzgegürtet; weißes Linnen

Floß um sie in reichen Falten.

Werinhard, der freie Bauer,

Nahm den Stahl aus ihren Händen;

Fulko, Schmied von Bodinkthorpe,

Wühlte schürend in den Bränden.

Und im breiten Kupferkessel

Auf des Herdes glühen Kohlen

Brodelte mit Lauch und Mistel

Das geweihte Opferfohlen:

Freies Tier des freien Waldes,

Das den Hals vor Pflug und Wagen

Nie gebeugt und dessen Rücken

Einen Reiter nie getragen.

Elmar, Herr vom Habichtshofe,

Blickte träumend in die Gluten;

Sah er, wie das Opferfüllen,

Auch das Sachsenroß verbluten? --

Ehrfurchtsvoll und stumm im Kreise

Stand die Menge, nur ein Flüstern,

Nur ein Schauern in den Bäumen

Und der Flamme Sprühn und Knistern.

Godo kam, der Opferdiener,

Bester Fischer an der Nethe,

Zubenannt der krause Otter,

Weil sein Haar sich lockig drehte.

»Alles sicher«, sprach er leise,

»Ausgestellt sind rings die Wächter;

Stören wird die fromme Feier

Kein Verräter, kein Verächter.«

Dreimal dann mit nackten Füßen

Schritt die Priesterfrau, die hohe,

Um den Herd, und Segen sprechend

Warf sie Körner in die Lohe.

Und mit Donars Hammerzeichen

Spendend Kraft und Heil dem Sude,

Das Gesicht zum Nord gewendet,

Traurig ernst begann die Drude:

»Naht in Ehrfurcht, naht in Andacht,

Und was unhold, bleibe ferne;

Unsre Zeugen sind die Götter,

Stummer Wald und stille Sterne.

Fern sei jeder Ungezwagte;

Wollt ihr opfern, wollt ihr beten,

Reiner Hand und reinen Herzens

Sollt ihr vor die Ew'gen treten. --

Balders Sterbetag zu feiern,

Sind wir an den Stein gekommen,

Ihm, dem Frömmsten, nachzutrauern,

Wohl geziemt es allen Frommen.

Seit ihn schlug sein blinder Bruder,

Ist des Tages Glanz verblichen,

Götterfriede, Menschenfriede

Aus der dunklen Weit gewichen.

Ahnt ihr, was der große Vater

Seinem vielbeweinten Toten,

Seinem Sohn, ins Ohr geflüstert,

Als die Scheiter ihn umlohten?

O es waren hohe Worte,

Hoffnungsreiche holde Laute,

Lichte Auferstehungsworte,

Die er tröstend ihm vertraute:

Seiner Wiederkehr Geheimnis

Aus dem Reich der Nimmersatten,

Wo in nebeldüstern Schluchten

Traurig gehn die bleichen Schatten.

Wann? Der Wala selbst verborgen

Blieb der große Tag der Sühne;

Zeit und Stunde kennt nur einer,

Er, der alte Himmelshüne.

Er nur weiß es, wann im Kampfe

Untergehn die hohen Götter,

Wann im Sturm vom Zeitenbaume

Wehn die herbstlich gelben Blätter;

Wann auf feuerfarbnen Rossen

Muspels Söhne nordwärts rennen,

Um mit ungeheurer Lohe

Erd' und Himmel zu verbrennen;

Um uralte Schuld zu rächen,

Daß im Frühlingsmorgenhauche

Jung und grün aus Wasserwogen

Eine neue Erde tauche,

Rings bewohnt von stillen Menschen,

Die mit Morgentau sich nähren:

Dann, so spricht die weise Wala,

Dann wird Balder wiederkehren;

Und der Niemalsausgesprochne,

Er, der Älteste der Alten,

Wird für immer aller Dinge,

Aller Menschen liebend walten. --

Kam die Zeit, und ist der Weiße,

Den die Christen laut bekennen,

Den Allvaters Eingebornen

Und das Friedenskind sie nennen,

Ist er Balder? -- O er brachte

Kampf und Krieg der Männererde!

Ist er Balder? -- O er machte

Friedlos uns am eignen Herde!

Was wir sehn, ist Haß und Hader!

Vor den Fremden, unsern Schergen,

Muß sich selbst Gebet und Opfer

Scheu in tiefer Nacht verbergen.

Dennoch, mag die sonnenlose

Dunkle Zeit sich dunkler trüben,

Treu der Lehre, treu der Sitte

Laßt den Vaterbrauch uns üben.

Ihr mit Kranz und Binsenkörben,

Tretet in den Ring, ihr Kleinen;

Singt den Reim, wiewohl ihr heute

Klüger tätet, still zu weinen.

Dennoch singt; den jungen Nacken

Schmerzt noch nicht das Joch der Franken;

Singt, und mag es traurig lauten

Wie das Singen eines Kranken.« --

Und die Knaben und die Mädchen

Huben an mit leiser Stimme:

»Schirm uns, Balder, weißer Balder,

Vor des Christengottes Grimme!

Komm zurück, du säumst so lange;

Sieh, wie Erd' und Himmel klagen!

Komm zurück mit deinem Frieden

Auf dem goldnen Sonnenwagen.

Weißer Balder, weiße Blumen,

Wie an Bach und Rain sie sprießen,

Weiß wie deine lichten Brauen,

Legen wir dir gern zu Füßen.

Sieh, wir geben, was wir haben:

Arm sind unsre Fruchtgefilde;

Laß Geringes dir genügen,

Weißer Balder, Gott der Milde;

Gott der Liebe, weißer Balder,

Neige hold dich unsern Grüßen.

Blumen, rein wie unsre Herzen,

Legen wir dir gern zu Füßen.«

Und den Opferstein umwandelnd

Warfen sie die heil'gen Kräuter,

Lichte Glocken, lichte Flocken,

Lichte Sterne auf die Scheiter.

Dann mit leisen Wispelworten

Nahm die Priesterin die Schale:

»Trinkt des weißen Gottes Minne,

Eh ihr hebt die Hand zum Mahle!«

Durch die Runde ging ein Raunen

Und gedämpftes Becherklirren,

Wie in herbstlich dürrem Rohre

Abendlüfte heimlich schwirren.

Und der krause Opferdiener,

Aus des Kessels weitem Bauche

Gab er jedem von dem Fleische,

Von der Mistel, von dem Lauche. --

O es war kein Mahl der Freude! --

Stets des Überfalls gewärtig

Saß die Schar der Ungetauften,

Stets zum Fliehn, zum Trotzen fertig,

Wölfen gleich, die tief im Walde

Hastig einen Raub verzehren

Und in jedem Blätterrauschen

Hund und Jäger kommen hören. --

Sprach die Drude: »Dankt den Göttern,

Löscht die Glut und nehmt die Brände:

Dunkles brütet zwischen heute

Und der nächsten Sonnenwende;

Denn nicht alle kommen wieder,

Und nicht jedem ist zu trauen.

Fort! Die Sterne schimmern blasser,

Und der Tag beginnt zu grauen.« --

In die Gründe glitt die Menge,

Wie verstoßen, wie versunken;

Frische Morgenwinde spielten

Mit der Asche, mit den Funken.

Von der Sonne ersten Strahlen

Glühten rot die fernen Gipfel,

Und der Schrei der wilden Katze

Klang im höchsten Eichenwipfel.