Süsser Schlag der Heidelerche

M. Görres

Süßer Schlag der Heidelerche,

Sonnenschein auf allen Hügeln!

Tauwind sang, durch alle Schluchten

Flog er rasch auf weichen Flügeln.

Lustig hüpften alle Brunnen

Aus den Bergen durch die Bäume,

Um im Tale zu erzählen

Ihre langen Winterträume;

Schwere Träume, und der kleinen

Zarten Elben frost'ges Schaudern

Und der Riesen lautes Schnarchen

Und der Zwerge kluges Plaudern.

Denn der Schnee begann zu schmelzen,

Bräunlich stand des Berges Gipfel,

Und ein Frühlingsahnen rauschte

Durch die grünen Tannenwipfel.

Aus den Tannenwipfeln ragte

Eines Türmleins spitzer Kegel,

First und Giebel eines Klosters

Nach Sankt Benediktus' Regel.

Jüngst erst waren weise Männer

Angelangt aus fremden Reichen,

Segensworte auf den Lippen,

In der Hand des Friedens Zeichen;

In der Hand die fromme Waffe,

Die mit Mut beseelt den Schwachen,

Die durch Huld bezwingt die Völker

Und besiegt, um frei zu machen;

Ernste Männer, vielgeprüfte,

Die in harter Weltverachtung

Einsam sich der Arbeit weihten,

Dem Gebet und der Betrachtung;

Stille Siedler, die sich mühten,

Mit dem Spaten wilde Schluchten,

Wildre Herzen mit der Lehre

Lindem Samen zu befruchten.

Klugen Sinns und unverdrossen

Bauten sie mit Lot und Waage,

Winkelmaß und Säg' und Hammer,

Axt und Kelle Tag' auf Tage,

Bis es ihrem Fleiß gelungen,

Haus und Kirche fest zu gründen,

Bis der Brunnen rauscht im Hofe

Des Konvents von Dreizehnlinden.

In Gehorsam, Zucht und Armut

Schafften still die tapfern Streiter:

Reuteten des Urwalds Riesen,

Dorn und Farn und wüste Kräuter;

Zogen Wall und Zaun und Hecke,

Hirsch und Keiler abzuwehren,

Daß im Tale wohlumfriedet

Grünten menschenholde Ähren;

Zwängten ein den ungestümen

Strom durch Pfahlgeflecht und Dämme,

Pfropften milde Südlandsreiser

Auf des Nordens herbe Stämme.

Kräftig sproß im jungen Garten

Akelei und Ros' und Quendel,

Blasse Salbei, Dill und Eppich,

Eberraute und Lavendel.

Aber noch ein andrer Acker

Blieb den Vätern: reicher Boden,

Tiefer Grund, doch schwer zu bauen

Und voll heidnisch wilder Loden.

Traun, da gab es viel zu rupfen,

Viel zu zähmen und zu zanken,

Viel zu zerren und zu zupfen

An den ungezognen Ranken!

Auf den braunen Eichenbänken

Saß die Brut der Sachsenrecken,

Junge Bären; Riesenarbeit

War's, sie bildend zu belecken.

Erstlich galt's, der Römerrunen

Fremden Zauber zu ergründen:

O ein dornenvolles Rätsel,

Dessen Lösung kaum zu finden!

Dann gefällig nachzubilden

All die wunderlichen Zeichen:

Hohes Ziel, nur auserwählten

Fingerkünstlern zu erreichen!

Doch am schwersten war's, des Kreuzes

Milde Botschaft zu erklären,

Denn gar manchen Flachskopf dünkten

Gotteswort und Heldenmären,

Weißer Christ und weißer Balder Fußnote,

Lichte Engel, lichte Elben,

Jüngerschaft und Heerbannstreue

Ganz dasselbe, ganz dieselben.

Nur begabtre Schüler wurden

Höhern Zwecken zugeleitet

Und die sieben freien Künste

Lehrhaft ihnen ausgedeutet.

Schwer und ungelenkig waren

Noch der deutschen Zunge Laute,

Gleich den ersten Schritten eines

Hünenkinds im Heidekraute.

Rasch indes wie ehrne Pfeile

Klingend flog das Wort der Römer

Von den Lippen kurz und schneidig

Wie das Schwert der Weltbezähmer.

Willig bot es knappe Schärfe

Logikern und Exegeten,

Kraft und Fülle den Rhetoren,

Reim und Rhythmen den Poeten.

Preis den braven schwarzen Mönchen,

Preis den wackern Kuttenträgern,

Alles menschlich schönen Wissens

Frommen Hütern, treuen Pflegern!

Was auf Hellas' blauen Bergen,

Was einst am Tyrrhenermeere

Dichter sangen, Denker dachten

Später Welt zu Lust und Lehre;

Was der Geist geweihten Sehern

Offenbart' in Sturm und Stille,

Wort und Werk des Gottessohnes,

Als er ging in Manneshülle:

Von der Mönche Hand geschrieben

Blatt auf Blatt mit Müh' und Sorgen,

In den Truhen der Abteien

Lag es liebevoll geborgen.

Zärtlich ward der Schatz betrachtet,

Mit bescheidnem Stolz gepriesen

Und als Klosterhort dem fremden

Schrifterfahrnen Mann gewiesen.

Solch ein kostbar Gut zu sichern

Treu dem künftigen Geschlechte,

Schrieben sie, die braven Mönche,

Sommertag' und Winternächte.

Rot und blau und grün und golden

Schimmerten die Anfangslettern,

Reich umrankt von Blumendolden

Und von traumhaft bunten Blättern.

Rührend bat der fromme Schreiber

An des langen Werkes Ende,

Daß man seiner armen Seele

Des Gebets Almosen spende.

Trutziglich, wie schwarze Krieger,

Lanzenknechte der Konvente,

Standen Glied an Glied die Runen

Auf dem weißen Pergamente.

Ja, sie sind's, die schwarzen Krieger,

Die von einer weggestürmten

Schönheitswelt die letzten Inseln

Rettend vor den Wogen schirmten!

Weht dir aus des Mäoniden Fußnote

Sängen, wie aus Meeresrauschen,

Tiefes unerkanntes Sehnen,

Das dich zwingt zum Weiterlauschen;

Mahnt der Zorn des letzten Römers Fußnote,

Gott und Vaterland zu ehren,

Drängt er, vor dem Bild des Lasters

Dich der Tugend anzuschwören;

Strömt dir aus dem Buch der Bücher

Kraft und Trost im Kampfgewühle

Wie dem matten Wüstenwaller

Aus des Palmenquelles Kühle:

Sei gedenk der wetterfesten

Lanzenknechte der Konvente,

Sei gedenk der schwarzen Krieger

Auf dem weißen Pergamente! --

Auch zu rauherm Dienste stählten

Die Geschornen ihre Kräfte:

Schicklich wußten sie zu führen

Bogen, Beil und Lanzenschäfte,

Waren Feinde zu verjagen,

Die des Feldes Frucht verbrannten,

Oder Räuber, die der frommen

Spendebringer Weg verrannten;

Oder war ein Festtagsbraten

Zu erpirschen in den Forsten,

Sei's ein stolzer Sechzehnender,

Sei's ein Bursch mit Wehr und Borsten. --

Also übten sie beständig

Friedenswerk und Kampfespflichten,

Doch der Arbeit für der Seele

Heil vergaßen sie mitnichten.

Früh und spät zum Himmel schallte

Ihrer Hymnen und Gebete

Bange Klage, die für alle

Und für sie um Einlaß flehte. --

Süßer Schlag der Heidelerche,

Sonnenschein auf allen Hügeln!

Tauwind sang, durch alle Schluchten

Flog er rasch auf weichen Flügeln.

Friedensboten, Himmelsschlüssel

Sprossen auf der jungen Aue,

Und ein frohes Frühlingsahnen

Rauschte durch die Sachsengaue.