Hell im Chor der Klosterkirche (Im Klosterchor)

M. Görres

Hell im Chor der Klosterkirche

Flammten weiße Opferkerzen:

Heller brannten, heißer glühten

Opferfrohe Menschenherzen.

Auf dem Altar frische Sträuße:

Heiliger und reiner blühte

Ros' und Lilie in der Beter

Stillandächtigem Gemüte.

Elmar kniete vor den Staffeln

Im Gewand von weißem Linnen,

Sanft gebückt, geschloßnen Auges,

Wie versenkt in sel'ges Sinnen;

Auf dem Antlitz Fried' und Freude,

Zartes Rot auf Kinn und Wangen,

Gleich als sei ein heil'ges Feuer

Warm im Herzen aufgegangen.

Und ein Strahl der Frühlingssonne

Glitt hinein mit goldnem Glanze

Und umwob des Jünglings Locken

Wie mit einem Glorienkranze.

Denn er siegte, und soeben,

Von des Abtes Hand ergossen,

Hatte das geweihte Wasser

Gnadenreich sein Haupt umflossen,

Dank dem Prior, der dem Ringer

Erst ein Helfer war und Rater,

Jetzt des Überwinders Zeuge,

Jetzt im Geist sein zweiter Vater.

Beide knieten ihm zur Seite,

Markward und Warin, die Greise;

Dankgebete, Segenswünsche

Flüsterten die Lippen leise.

Rechts und links die frommen Mönche

Auf den dunkeln Eichenbänken

In Betrachtung; mancher mochte

Eigner Kämpfe still gedenken.

Sigeward, dem Sänger, tropften

In den Bart viel heiße Zähren,

Und der gute Beda konnte

Kaum des Schluchzens sich erwehren.

Langes Schweigen; und ins Fenster

Nickten Blatt und Blütenflocken,

Und die warmen Sonnenlichter

Spielten um des Jünglings Locken;

Und die Sträuße auf dem Altar

Hauchten ihre Opferdüfte;

Und der Andacht Blumenkelche

Strebten in die Himmelslüfte;

Und die Weserwelle rauschte,

Und ein Bussard rief vom Walde

Einsam über Tannenwipfeln:

»Junger Weidmann, kommst du balde?«

Und der Fink im Garten lockte:

»O wie ist die Welt so sonnig,

Und das Wiegen und das Fliegen

In der Luft, wie ist es wonnig!«

Lockt und ladet nur, ihr Rufer,

Wiegt euch nur, ihr Lüfteschwimmer:

Den ihr meint, er will nicht kommen,

Den ihr ruft, er hört euch nimmer. --

Dann, sich mühevoll erhebend,

Sprach der Abt von Dreizehnlinden:

»Selig sind, die Leid getragen,

Denn sie werden Tröstung finden!

Sei willkommen! -- Elmar, endlich

Stehst du an den Altarstufen

Deines Gottes, der durch Schmerzen

Längst dich liebevoll gerufen.

Wohl durch Schmerzen! Eines Neidings

Arge List, Verrat der Feigen,

Bann und Schmach und schweres Siechtum

Mochten tief das Haupt dir beugen.

Und du kamst! -- Um Gut und Ehre?

Kamst, um Eine zu gewinnen,

Die du seit der Kindheit Tagen

Heimlich trugst in treuen Sinnen?

O du kamst, um deiner Seele

Eine Ruhstatt zu erringen,

Die du fandest; dem Aufricht'gen

Läßt es Gott der Herr gelingen.

Fandest du durch Lehr' und Leitung,

Du aus dir des Heiles Pfade?

Durch Gebet für dich? -- Das alles

Frommt, doch rettet Gottes Gnade.

Ihm der Dank, und aufwärts richte

Deine Augen mit Vertrauen:

Selig sind, die reinen Herzens,

Denn sie werden Gott anschauen!«

Elmar sprach: »Das neue Leben

Ging mir auf, das vielersehnte:

Der Verstürmte kam zum Hafen,

Als er zu versinken wähnte.

Was er zu erjagen suchte,

Ruhelos in schweren Stunden,

Ruhelos in Haß und Fehde,

Hat er endlich hier gefunden.

Den Vergeßnen, Hoffnungslosen,

Duldet ihn, ihr guten Väter,

Heißt er auch ein vogelfreier

Landesflüchtiger Verräter!

Duldet ihn, er dient euch gerne,

Und, so ihr ihn wert erachtet,

Prüft und nehmt in eure Mitte

Einen, der nach Einkehr schmachtet;

Denn er hat nach Wahn und Wirrsal

Viel zu danken, viel zu sehnen;

All die Schuld bezahlt' er nimmer,

Dürft' er alt sein Leben dienen.«

Sprach der Prior: »Du mußt harren:

Gott wird raten; sei nur stille!

Kennst du dich? In jungen Herzen

Frühlingsschnee ist Wunsch und Wille.

Jedem taugt es nicht, gesondert

Vom Gewühl der Welt, der argen,

Stumm in öder Klosterzelle

Sich lebendig einzusargen.

Dienen? Wohl! Zum Dienst bedarf es

Hier der Beter, dort der Streiter;

Weißt du, was du sollst? Die Gnade,

Die dich führte, führt dich weiter.

Harre nur!« -- Des Jünglings Auge

Sank, es glühten Stirn und Wangen;

Pater Ivo seufzte leise,

Und die schwarzen Mönche sangen:

»Auf der Heid' ein Wolkenschatten

Fährt dahin das Menschenleben:

Zittert! In des Lebens Mitte

Sind vom Tode wir umgeben.

Und der Tod, der grimme Schütze,

Hehlings ohne Köcherklirren

Tritt er an, und unaufhaltsam

Pfeil auf Pfeile läßt er schwirren,

Bleicher Jäger; was da atmet,

Königsleute, Bettelleute,

Alle Riesen, alle Krüppel,

Alle sind sie seine Beute.

Und er bläst sein Horn; so traurig

Ist der Hall, so seltsam eigen:

All die Krüppel, all die Riesen,

Alles Fleisch muß an den Reigen.

Und er bläst sein Horn, und alle

Müssen an den Tanz sie treten,

Ob sie lachen oder weinen,

Ob sie fluchen oder beten.

Niederwärts! Die Linnen flattern;

Niederwärts! Geschrei und Klage;

Denn das große Buch liegt offen,

Und der Richter hält die Waage. --

Alleluja! Wohl dem Tapfern,

Der gerungen nach Erkenntnis

Und, ob hart geprüft, doch siegreich

Drang zu seines Heils Verständnis.

Alleluja! Wohl dem Waller,

Der bergan mit wundem Fuße

Schritt in Tränen, nicht des Schmerzes,

Nein, in Tränen bittrer Buße;

Der im Kampf mit rauhern Feinden,

Als mit Schwertern dräun, geworben,

Der bezwungen Gier und Gären

Und, bevor er starb, gestorben. --

Zittert! In des Lebens Mitte

Sind vom Tode wir umgeben:

Auf der Heid' ein Wolkenschatten

Fährt dahin das Menschenleben!«