Beim Weben und Nähen

M. Görres

Auf dem Hof zu Bodinkthorpe

Lastete ein dumpfes Schweigen;

Stumm der Wind und stumm der Vogel

In der Linde düstern Zweigen.

Nur der Röhrborn, rauscht' und rauschte

Fort und fort und schäumt' und schäumte;

Aiga kam mit ihrem Kruge,

Stellt' ihn unter, träumt' und träumte.

Und der Krug floß lange über,

Und das Wasser schäumt' und rauschte,

Rauscht' und schäumte, und das Mädchen

Stand und stand, wie wenn es lauschte.

In der Hand die wollne Mütze,

Lief vom Herrenhaus zur Scheuer

Und zurück zum Herrenhause

Wie betäubt der alte Meier.

Hier wie dort, in Stall und Schuppen

Schalt er säumig Mägd' und Knechte,

Und geschah, was er befohlen,

War es dennoch nicht das Rechte.

»Arnd, du triebst den Schecken müde!

Gerd, was stierst du so verdrossen?

Friedebrand, wie dir geheißen,

Sahst du nach des Bischofs Rossen?

Kleine Aiga, schläfst du wieder?

Hast du Schick und Dienst vergessen?

Seit der braune Strolch entlaufen,

Bist du dumm und wie besessen.«

Aiga ballt' ihr rundes Fäustchen.

Doch als ihr die Zähren rannen,

Lachte sie, und ohne Antwort

Flog sie mit dem Krug von dannen,

Fort zum Saal. -- Indes der bleiche

Bote war hindurchgeschritten:

Auf den Polstern lag ein Müder

Hingestreckt, der ausgelitten.

Schlaf umfing ihn weich und linde;

Nicht der traumgequälte, bange,

Nein, der tiefe, friedenvolle,

Ungestörte lange, lange.

Ihm zu Häupten Hildegunde,

Vorgebeugt, wie wenn sie früge,

Ob es wahr, ob wirklich stockten

Die geliebten Atemzüge?

Zuckte nicht die blaue Lippe?

Schien sich nicht die Brust zu dehnen?

Stumm und tot! Und niedersinkend

Brach sie aus in bittre Tränen.

Kniend bei dem Heimgegangnen,

Rang der Bischof im Gebete,

Badurad, der für des Freundes

Sel'ge Fahrt und Urständ flehte.

Heut noch hatt' er milde Worte

Von der Welt, die quält und kränket,

Von der Welt, die sühnt und sänftigt,

Trostvoll ihm ins Herz versenket;

Hatt' ihm dargereicht das letzte

Liebesmahl, die Himmelsspeise,

Und die wandermüden Füße

Ihm gesalbt zur letzten Reise.

Draußen harrte auf die Sichel

Reicher Fluren goldne Spende;

Drinnen war die strenge, rauhe

Schnitterarbeit schon zu Ende.

Und ein Falter flog am Laden,

Und die Sonne schien so heiter,

Und ihr Lichtstreif auf dem Estrich

Rückte langsam, langsam weiter.

Plötzlich schrak empor die Jungfrau;

In die Halle traten leise

Elmar mit dem Eschenburger,

Markward und Warin, die Greise.

O wie schoß der Kummerbleichen

Jäh das Blut in Stirn' und Wange!

»Elmar! -- Er ist tot! Er hoffte,

O, er harrte dein so lange!

Seht, o seht, ehrwürd'ge Vater.

Edler Rab! -- Er hoffte immer:

Elmar, als er sterben mußte,

Rief er dich, doch kamst du nimmer!«

Elmar nahm die Hand des Toten

Und die ihre: »Hildegunde,

Leid war unser Los, und leidvoll

Ist des Wiedersehens Stunde.«

Sprach der Bischof: »Tränen trocknen;

Glücklich, wer gesät im Harme;

Denn in Freuden wird er ernten:

Elmar, komm in meine Arme!

Dir und euch, ihr frommen Brüder,

Hab' ich, wie mir aufgetragen,

Dieses Toten letzte Wünsche

Mit dem letzten Gruß zu sagen.

Falk, so er durch menschlich Fehlen

Mit versah, was du gelitten:

Zeih ihn nicht; der stumme Schläfer

Läßt dich um Vergebung bitten.

Abt Warin, gern hätt' er selber

Euch gedankt; ich soll Euch danken

Für die Bergung, für die Pflege

Eines Flüchtlings, eines Kranken;

Euch für alles, guter Prior,

Was Ihr Holdes an ihm übtet,

Und zumal, daß Ihr ihn lehrtet,

Und zumeist, daß Ihr ihn liebtet.

Eins nur macht' ihm hart das Scheiden,

Der Gedanke, schwer zu fassen,

Dies sein Kind, sein teures Kleinod,

In der Welt allein zu lassen.

Nicht allein! Sein teures Kleinod

Bat er mich mit seinem Segen,

Elmar, so dein Herz ihm offen,

An dein treues Herz zu legen.«

Und der Falk, die Arme breitend:

»Du mein Bangen und Verlangen,

Hilda, kommst du?« -- Der Erlöste

Hielt die Weinende umfangen. --

Sprach der Bischof: »Amen, Amen!«

Auf die Knie sanken alle;

Friedensgeister, Gottes Engel,

Schwebten durch die stille Halle.