Il Ritorno d'Ulisse in patria

Monteverdi, Claudio

> Deutsch Übersetzung

Il Ritorno d'Ulisse in patria Libretto

Deutsch Übersetzung

Personen:

L'HUMANA FRAGILITÀ (Bariton)

TEMPO (Bass)

FORTUNA (Sopran)

AMORE (Sopran)

GIOVE (Bariton)

NETTUNO (Bass)

MINERVA (Sopran)

GIUNONE (Sopran)

ULISSE (Bariton)

PENELOPE (Mezzosopran)

TELEMACO (Tenor)

ANTINOO, Freier der Penelope (Bass)

PISANDRO, Freier der Penelope (Tenor)

ANFINOMO, Freier der Penelope (Countertenor)

MELANTO, Dienerin Penelopes (Sopran)

EURIMACO, Liebhaber Melantos (Tenor)

ERICLEA, Amme des Ulisse (Mezzosopran)

EUMETE, Hirte des Ulisse (Bariton)

FEACI (Countertenor, Tenor, Bass)

CORO IN CIELO (2 Soprane, Mezzosopran, Tenor)

CORO MARITIMO (Countertenor, 2 Tenöre, Bass)

DIE MENSCHLICHE ZERBRECHLICHKEITSterblich bin ich, menschlich beschaffen;

DIE MENSCHLICHE ZERBRECHLICHKEITdas Geringste trübt mich, und schon ein Hauch kann mich zerbrechen.

DIE MENSCHLICHE ZERBRECHLICHKEITDie Zeit erzeugt mich und greift mich an.

NICHTS IST HEILvor dem Zahn der Zeit,

NICHTS IST HEILder mit Genuss nagt.

NICHTS IST HEILFlieht nicht, ihr Sterblichen!

NICHTS IST HEILIch hinke zwar, doch habe ich Flügel.

DIE MENSCHLICHE ZERBRECHLICHKEITSterblich bin ich, menschlich beschaffen;

DIE MENSCHLICHE ZERBRECHLICHKEITaussichtslos suche ich nach einer vor Gefahren sicheren Stätte,

DIE MENSCHLICHE ZERBRECHLICHKEITdenn das zerbrechliche Leben ist ein Glücksspiel.

DAS SCHICKSALWünsche, Freude und Schmerz

SYSTEMbilden mein Wesen.

DAS SCHICKSALBlind bin ich und taub,

DAS SCHICKSALich sehe und höre nicht;

DAS SCHICKSALReichtümer und Grösse

DAS SCHICKSALverteile ich nach meiner Laune.

DAS SCHICKSALDIE MENSCHLICHE ZERBRECHLICHKEI-r

DAS SCHICKSALSterblich bin ich, menschlich beschaffen.

DAS SCHICKSALAmor, dem Tyrann, gilt das Opfer

DAS SCHICKSALder kurzen Spanne meines grünen Alters.

DIE LIEBEGott, der Götter Verwunder

DIE LIEBEnennt mich, Amor, die Welt.

DIE LIEBEAls beflügelter blinder Schütze

DIE LIEBEschleudere ich die Pfeile, denen kein Schild gewachsen.

DIE MENSCHLICHE ZERBRECHLICHKEITArmselig, menschlich beschaffen bin ich wahrhaftig-.

DIE MENSCHLICHE ZERBRECHLICHKEITIst doch verhängnisvoll, Blinden und Hinkenden zu folgen!

DAS SCHICKSALDurch mich wird dieser Mensch zerbrechlich sein.

DAS SCHICKSALDurch mich wird dieser Mensch armselig sein.

DAS SCHICKSALDurch mich wird dieser Mensch trübselig sein.

DAS SCHICKSALErbarmungslos flieht die Zeit dahin!

DAS SCHICKSALErbarmungslos lockt das Glück!

DAS SCHICKSALErbarmungslos schleudert Amor seine Pfeile!

DAS SCHICKSALZerbrechlich, armselig, trübselig sei dieser Mensch!

SYSTEMERSTER AKT

DAS SCHICKSALERSTE SZENE

DAS SCHICKSALIm königlichen Palast, Penelope, Euryklea

PENELOPEIch unglückselige Königin! Meine unnennbaren Leiden kennen kein Ende!

PENELOPEDer Erwartete kehrt nicht zurück und es vergehen meine Jahre:

PENELOPEDie qualvolle Zeit ist, ach, zu lang,

PENELOPEes spürt ihre drückende Last der Leidgeprüfte.

PENELOPEO irreführende Hoffnung! O altgewordene Hoffnung'

PENELOPEDer langjährigen Qual ist Heilung nicht beschieden.

PENELOPEZwei Jahrzehnte vergingen seit dem Tage,

PENELOPEda durch die Entführung

PENELOPEder stolze Troer seine erhabene Heimat ins Unglück stürzte,

PENELOPEZu Recht brannte Troja nieder,

PENELOPEdenn die unreine Liebe, ein greulich Verbrechen,

PENELOPEwird mit dem Feuer bestraft;

PENELOPEaber zu Unrecht

PENELOPEdurch fremde Schuld bin ich, Unschuldige,

PENELOPEzu jammervollem Leid verurteilt.

PENELOPEKluger, weiser Odysseus,

PENELOPEder du dich rühmst, Treubruch zu strafen!

PENELOPEDu kämpfst verbissen mit scharfen Waffen,

PENELOPEzu rächen die Verfehlungen einer treulosen Griechin,

PENELOPEund lässt dein treues Weib

PENELOPEunter Feinden zurück,

PENELOPEihre Ehre, ja selbst ihr Leben in Gefahr.

PENELOPEDer Abreise muss Heimkehr folgen,

PENELOPEallein du kennst diesen Tag nicht.

EURYKLEAUnglückliche Euryklea, untröstliche Dienerin!

EURYKLEADu teilst den Schmerz deiner geliebten Königin.

PENELOPEÄndert sich nicht mein Los?

PENELOPETauschte Fortuna etwa das unstete Rad

PENELOPEmit einem festen? Und ihre Segel,

PENELOPEdie das menschliche Schicksal

PENELOPEdurch dauernden Wechsel führen,

PENELOPEbewegt kein Windhauch für mich?

PENELOPEFür andere allein wandelt sich das Antlitz

PENELOPEder beweglichen Sterne.

PENELOPEKomm zurück, ach, kehr heim Odysseus!

PENELOPEKehr heim, Odysseus! Penelope harrt deiner;

es seufzt die Unschuldige,

es weint die Verlassene,

PENELOPEdoch ohne dem Schuldigen zu zürnen;

PENELOPEder leidgeprüften Seele

PENELOPEverzeihe ich

PENELOPEund nenne sie nicht grausam,

PENELOPEdoch grausam nenne ich das Schicksal

PENELOPEund klage, um dich zu schonen,

PENELOPEden Himmel an als meinen Feind.

PENELOPEO kehr beim Odysseus!

EURYKLEAAbschied ohne Rückkehr ist nicht der Sterne Wille.

EURYKLEAUnsetiger Abschied!

PENELOPEÜber das Meer kehrt die Ruhe wieder,

PENELOPEund der Zephir über die Wiese,

PENELOPEwährend die Morgenröte die Sonne süss empfängt

PENELOPEund den wiederkehrenden Tag.

PENELOPEEs kehrt das Nasse zur Erde zurück,

PENELOPEes kehrt der Stein zur Mitte,

PENELOPEund gleitenden Schrittes

PENELOPEläuft zum Ozean der Strom.

PENELOPEDer Mensch, der auf Erden lebt,

PENELOPEseinem Ursprung fern,

PENELOPEbesitzt eine himmlische Seele und einen zerbrechlichen Körper,

PENELOPEBald stirbt der Sterbliche,

PENELOPEund es kehrt seine Seele zum Himmel,

PENELOPEnach kurzem Dasein

PENELOPEwird sein Körper zu Staub.

PENELOPEllein du kennst keine Rückkehr!

PENELOPEKehr heim, denn während du

PENELOPEtiefen Schmerz mir zufügst,

PENELOPEsehe ich meines Todes vorgezeichnete Stunde.

PENELOPEKomm zurück, ach, kehr heim Odysseus!

PENELOPEZWEITE SZENE

PENELOPEMelantho, Eurymachos

MELANTHOBittere Qualen

MELANTHOleidet der Liebende

MELANTHOin seinem Verlangen,

MELANTHOdoch schliesslich teuer

MELANTHOwird das Erlittene,

MELANTHOdas erst bekümmerte.

MELANTHOEin entflammtes Herz

MELANTHOist ein Feuer derFreude,

MELANTHOund es vrliert nicht,

MELANTHOwer das Spie der Liebe treibt.

MELANTHOWer erst entflammt,

MELANTHOder geht dem Sturm entgegen,

MELANTHOden ein weisser Busen entfesselt,

MELANTHOdoch selbst im Sturme

MELANTHOfindet er in der Liebe

MELANTHOeinen Hafen der Ruhe.

MELANTHOErst wird man weinen,

MELANTHOdoch endlich sich freuen:

MELANTHOEs verliert nicht

MELANTHOwer das Spiel der Liebe treibt.

EURYMACHOSMeine schöne, reizende Melantho!

EURYMACHOSDein Gesang ist beglückend

EURYMACHOSdein Antlitz bezaubernd.

EURYMACHOSMeine schöne Melantho!

EURYMACHOSAlles an dir ist verlockend

EURYMACHOSund fesselt den, den du entflammst.

MELANTHORedseliger Schmeichler,

MELANTHOo wie gut du verstehst

MELANTHOdie Schönheit zu besingen,

MELANTHOzu deinem Vorteil

MELANTHOden Glanz eines Antlitzes zu beschreiben.

MELANTHOSchmeichle mir nur

MELANTHOmit deinen süssen Lügen!

EURYMACHUSLüge wäre es,

EURYMACHUSwenn ich dich besänge, ohne dich zu lieben.

EURYMACHUSEiner Göttin gegenüber

EURYMACHUSdie Verehrung zu verschweigen

EURYMACHUSwäre erst Lüge!

MELANTHOUnserer gemeinsamen Liebe

MELANTHOlodere die Flamme empor!

MELANTHODie nicht erwiderte Liebe ist eine Beleidigung;

MELANTHOaber es ziemt sich nicht,

MELANTHOLiebe mit Beleidigungen zu belohnen.

MELANTHOLiebe ich dich nicht, mein Herz, so soll meine Seele

MELANTHOvor deinen Augen vereisen!

MELANTHOWenn dich mein Herz nicht ständig begehrt,

MELANTHOsoll mir die Welt keine Stätte, der Himmel kein Dach mehr sein!

MELANTHODu mein süsses Leben!

MELANTHOMein höchstes Gut!

MELANTHODie schöne Fessel löse sich nie!

MELANTHOOh, wie mich der Wunsch beseelt,

MELANTHOEurymachos, mein Leben,

MELANTHOohne jede Reue und Schranke

MELANTHOmit dir meinen Liebestraum zu erfüllen!

MELANTHOO wie gern tauschte ich

MELANTHOdiesen königlichen Palast mit einer Wüste,

MELANTHOwo neugierige Augen

MELANTHOuns nicht verfolgen könnten,

MELANTHOdenn einer stürmischen Brust

MELANTHOist jede Schranke zuwider.

EURYMACHOSNun versuche du erneut,

EURYMACHOSihr Liebesfeuer zu entfachen!

MELANTHOIch will ihre unnachgiebige Seele bedrängen

MELANTHOund ihr Herz,

MELANTHOTempel der Keuschheit.

MELANTHODu mein süsses Leben!

MELANTHOMein höchstes Gut!

MELANTHODie schöne Fessel löse sich nie!

MELANTHOFÜNFTE SZENE

Poseidon erscheint aus dem Meer. Zeus

POSEIDONStolz ist der Mensch und seiner Schuld Ursache.

POSEIDONDer gütige Himmel ist nur allzugern bereit,

POSEIDONBeleidigungen zu verzeihen.

POSEIDONEs kämpft mit dem Schicksal,

POSEIDONes wagt alles die menschliche Freiheit,

POSEIDONund ungezähmt streitet

POSEIDONder Wille des Menschen gegen den des Himmels!

POSEIDONDoch wenn auch Zeus, der Gütige,

POSEIDONdie Vergehen der Menschen zu leicht verzeiht,

POSEIDONruhe, wenn es ihm beliebt,

POSEIDONin seiner Rechten ungenutzt der Blitz,

POSEIDONnicht aber leide Poseidons Ehre

POSEIDONdurch der Menschen Sünde!

ZEUSGrosser Gott der salzigen Fluten!

ZEUSWarum murmelst du und schiltst

ZEUSgegen die Barmherzigkeit des höchsten Gottes?

ZEUSZum Höchsten machte mich

ZEUSmein mitleidiges Gemüt

ZEUSeher als die bewaffnete Hand.

ZEUSDer Blitz zerschmettert,

ZEUSwährend eine milde Gesinnung überzeugt

ZEUSund bewirkt Verehrung;

ZEUSaber das Zerstörte ist nicht der Verehrung fähig.

ZEUSDoch welche gerechte Rachsucht

ZEUSmacht dich schelten

ZEUSgegen Zeus' höchste Güte?

POSEIDONDie kühnen Phäaken haben,

POSEIDONgegen den Befehl meiner Hoheit,

POSEIDONOdysseus in seine Heimat Ithaka geführt.

POSEIDONSo hat die menschliche Tollheit

POSEIDONden göttlichen Willen umgangen und betrogen!

POSEIDONSchande und nicht Barmherzigkeit heisst es,

POSEIDONsolche Greuel ungestraft zu dulden.

POSEIDONUnd so nur dem Namen nach

POSEIDONsind die Götter göttlich!

ZEUSDeine Rache missbilligt der Himmel nicht,

ZEUSdenn gemeinsame Bestimmung macht uns einig.

ZEUSDu kannst die Tollkühnen selbst bestrafen.

POSEIDONNachdem mir dein göttlicher Wille es nicht verwehrt,

POSEIDONwill ich den schamlosen Hochmut bestrafen:

POSEIDONDas fahrende Schiff werde ich in einen Fels verwandeln!

ZEUSSo sei dein Wunsch erfüllt,

ZEUSman spüre deine Macht,

ZEUSder Fluten höchster Gott!

ZEUSWer gegen deine Gottheit sündigte,

ZEUSsoll zu Fels erstarren!

ZEUSSECHSTE SZENE

ZEUSDie Phäaken auf dem Schiff. Poseidon

CHOR DER PHÄAKENAuf dieser niederen Welt

CHOR DER PHÄAKENvermag der Mensch alles;

CHOR DER PHÄAKENjede Tat kann er vollbringen,

CHOR DER PHÄAKENdenn der Himmel lässt alles

CHOR DER PHÄAKENteilnahmslos geschehen.

POSEIDONverwandelt das Schiff in einen Fels

POSEIDONUm einen Fels bereichert

POSEIDONseien die schnellen Fluten.

POSEIDONMögen die Phäaken lernen an diesem Tag,

POSEIDONdass die menschliche Reise

POSEIDONgegen den Willen der Götter keine Rückkehr kennt.

POSEIDONSIEBENTE SZENE

POSEIDONOdysseus erwacht

ODYSSEUSSchlafe ich noch oder wach' ich?

ODYSSEUSWelche Gegenden umgeben mich?

ODYSSEUSWelche Luft atme ich ein?

ODYSSEUSWelchen Boden betrete ich?

ODYSSEUSSchlafe ich noch oder wach' ich?

ODYSSEUSWer wandte mir

ODYSSEUSden süssen, umschmeichelnden Schlaf

ODYSSEUSzum Quäler?

ODYSSEUSWer wandelte meine Ruhe in tiefstes Unglück?

ODYSSEUSWelche Gottheit der Schlafenden war es?

ODYSSEUSO Schlaf, Schlaf der Sterblichen!

ODYSSEUSDes Todes Bruder nennt dich mancher.

ODYSSEUSEinsam, verlassen, enttäuscht und betrogen,

ODYSSEUSerkenne ich dich genau, Vater des Irrtums!

ODYSSEUSllein meiner Irrtümer trage ich die Schuld:

ODYSSEUSDenn die Finsternis ist dem Schlaf verwandt;

ODYSSEUSwer der Finsternis vertraut,

ODYSSEUSklagt zu Unrecht sein Verderben.

ODYSSEUSO fortwährend missgestimmte Götter,

ODYSSEUSnimmerbesänftigte Götter,

ODYSSEUSgrausam selbst gegen den schlafenden Odysseus!

ODYSSEUSEure göttlichen Fügungen

ODYSSEUSwalten gegen den Willen des Menschen;

ODYSSEUSlasst aber, ach, den Toten ihren Frieden!

ODYSSEUSPhäaken, ihr Betrüger!

ODYSSEUSIhr versprachet,

ODYSSEUSmich heil auf mein Land Ithaka zu fahren

ODYSSEUSsamt meinen ReidHümern und Schätzen.

ODYSSEUSPhäaken, ihr Wortbrecher!

ODYSSEUSWarum habt ihr mich nun verlassen

ODYSSEUSauf diesem offenen,

ODYSSEUSwüsten, leeren Strand,

ODYSSEUSuntröstlich und verloren?

ODYSSEUSUnd ihr fahrt unbesorgt durch Luft und Wasser

ODYSSEUSbelastet mit solch grausamen Verbrechen!

ODYSSEUSWenn solche schändliche Greuel nicht bestraft werden,

ODYSSEUSüberlass, Zeus, den Blitzen die Aufgabe,

ODYSSEUSdenn das Gesetz des Zufalls ist sicherer.

ODYSSEUSEuren Segeln,

ODYSSEUSihr falschen Phäaken,

ODYSSEUSseien die Winde immer feindlich!

ODYSSEUSWie leichte Federn oder schwere Felsen

ODYSSEUSseien eure Schiffe im Meer:

ODYSSEUSIm Sturm leicht und schwer im günstigen Wind!

ODYSSEUSACHTE SZENE

ODYSSEUSAthene in Gestalt eines Hirtenjünglings. Odysseus

ATHENETeure, freudvolle Jugend,

ATHENEdie Betrug verabscheut,

ATHENEdie auch nicht verdriessen kann

ATHENEwas gewesen, was sein wird.

ATHENETeure, heitere Jugend!

ODYSSEUS(abseits

ODYSSEUSDer Himmel steht dem Menschen in der Not bei!

ODYSSEUSjener Jüngling, noch grün im Alter,

ODYSSEUSin Betrügen unerfahren,

ODYSSEUSkönnte meine Schwermut erleichtern,

ODYSSEUSdenn kein Betrug wohnt in der Brust,

ODYSSEUSwenn noch kein Bart das Kinn bedeckt.

ATHENEDie Jugend ist ein teurer Schatz,

ATHENEder das Herz mit Freude erfüllt.

ATHENEHinkend läuft die Zeit für sie,

ATHENEbeflügelt umschwirrt sie Amor.

ATHENEDie Jugend ist ein teurer Schatz!

ODYSSEUSLieblicher Hirtenjunge,

ODYSSEUSsteh mir, Verlorenem,

ODYSSEUSmit Rat und Hilfe bei!

ODYSSEUSUnd sag mir, o sag mir erst

ODYSSEUSden Namen dieses Strandes und dieses Hafens!

ATHENEIthaka heisst dieses Land im Meer,

ATHENEruhmreicher Hafen, Strand voll Glückseligkeit.

ATHENEDankbare Freude zeige dein Gesicht

ATHENEbeim Hören dieses Namens!

ATHENEDoch du, wo kommst du her und wohin willst du?

ODYSSEUSIch. bin Grieche und komme aus Kreta,

ODYSSEUSder Strafe eines vollbrachten Mordes zu entfliehen.

ODYSSEUSVon den Phäaken wurde ich aufgenommen, die versprachen,

ODYSSEUSmich nach Elis zu führen;

ODYSSEUSaber vom Meer wurden wir durch listige Winde

ODYSSEUSmit Gewalt auf diesen Strand geworfen.

ODYSSEUSUnfreundlich waltet' gegen mich das Schicksal:

ODYSSEUSAls ich an Land zu Ruhe ging

ODYSSEUSund wartete, dass die Winde sich beruhigen,

ODYSSEUSda übermannte mich der Schlaf so sanft,

ODYSSEUSdass ich der grausamen Phäaken Abfahrt

ODYSSEUSnicht sah noch hörte.

ODYSSEUSSo blieb ich denn mit meinen Habseligkeiten

ODYSSEUSauf dem nackten Strand, unbekannt und einsam.

ODYSSEUSDem Schlaf, der mich verliess, folgte Verzweiflung.

ATHENESehr lange hast du wahrlich geschlafen,

ATHENEdass du noch von Schatten redest und Träume erzählst.

ATHENESehr behutsam handelt Odysseus, dennoch weiser ist Athene.

ATHENENun Odysseus, folge meinen Befehlen!

ODYSSEUSWer würde es glauben!

ODYSSEUSDie Gottheit in Menschengestalt!

ODYSSEUSWer würde es glauben!

ODYSSEUSMüssen die Götter sich verstellen?

ODYSSEUSDankbar blicke ich zu dir, o schützende Göttin!

ODYSSEUSWohl weiss ich, dass deine Liebe

ODYSSEUSmich sicher durch die Gefahren leitet.

ODYSSEUSGetrost will ich nun deinen Rat befolgen.

ATHENEAls Fremder getarnt wirst du sehen

ATHENEder Freier, deiner Feinde

ATHENEschamlosen Hochmut...

ODYSSEUSO glücklicher Odysseus!

ATHENEDeiner keuschen Penelope unveränderliche Treue.

ODYSSIEUSO glücklicher Odysseus!

ATHENENun benetze dein Haupt

ATHENEan der nahen Quelle.

ATHENEUnerkannt wirst du bleiben

ATHENEin der Gestalt eines Greises.

ODYSSEUSIch will deinen Befehl ausführen und wieder zu dir eilen!

ATHENETroja sah ich

ATHENEaus Rache niederbrennen.

ATHENENun werde ich

ATHENEOdysseus zurück in seine Heimat geleiten:

ATHENEUnversöhnlich ist der Zorn einer beleidigten Göttin!

ATHENELernt, ihr törichten Sterblichen,

ATHENEdem Streit der Götter fernzubleiben,

ATHENEdenn über Götter zu urteilen ziemt euch nicht,

ATHENEund irdisch sind eure Gerichte.

ODYSSEUSHier bin ich, weise Göttin!

ODYSSEUSDiese Haare, die du siehst,

ODYSSEUSsind meines Alters

ODYSSEUStrügerische Zeugen.

ATHENENun wollen wir dein Gut

ATHENEin Sicherheit verbergen,

ATHENEin jener dunklen Höhle

ATHENEder Najaden, heiliger Nymphen.

ODYSSEUSNymphen, bewahrt den Schmuck, das Gold,

ODYSSEUSKleider und Schätze, alles bewahrt,

ODYSSEUSo heilige Nymphen!

ODYSSEUSNEUNTE SZENE

ODYSSEUSAthene und Odysseus, während die Nymphen das Gut in die Höhle tragen

ATHENEEile zur arethusischen Quelle,

ATHENEwo Eumäos, dein alter treuer Diener,

ATHENEdie Herden hütet. Dort harre meiner,

ATHENEbis ich aus Sparta zu dir führe

ATHENETelemach, deinen Sohn.

ATHENEDann will ich dich weiter beraten.

ODYSSEUSO glücklicher Odysseus!

ODYSSEUSDein Schmerz entschwindet.

ODYSSEUSLass das Weinen und löse einen Gesang

ODYSSEUSaus deinem Busen!

ODYSSEUSNie wieder verzweifeln soll ein Sterblicher auf Erden!

ODYSSEUSO glücklicher Odysseus!

ODYSSEUSGlückvolles Los, unbeständige Leiden!

ODYSSEUSBald Freude, bald Schmerz.

ODYSSEUSBald Friede, bald Krieg.

ODYSSEUSNie wieder verzweifeln soll ein Sterblicher auf Erden!

ODYSSEUSZEHNTE SZENE

ODYSSEUSIm königlichen Palast

PENELOPEGebt endlich, ihr Götter,

PENELOPEErfüllung meinen Wünschen!

MELANTHOGeliebte Königin!

MELANTHOKlug und weise

MELANTHObist du allein zu deinem Schaden.

MELANTHOWeniger weise solltest du sein!

MELANTHOWarum verschmähst du die Liebesglut

MELANTHOder lebenden Freier,

MELANTHOum Trost zu erwarten

MELANTHOvon der Toten Asche?

MELANTHOWer geniesst tut kein Unrecht den Toten.

MELANTHODie Gebeine deines Gatten,

MELANTHOverstorben und zu Asche geworden,

MELANTHOwissen nichts von deinem Leiden:

MELANTHOTrost zu erwarten von einem Toten ist nicht klug.

MELANTHOTreue und Beständigkeit

MELANTHOsind erhabene Tugenden;

MELANTHOes schätzt sie ein lebender Geliebter,

MELANTHOnicht aber -weil der Sinne bar -

MELANTHOein Mensch, der gewesen ist.

MELANTHODurch dankbare Erinnerung

MELANTHOehrt man, die Toten,

MELANTHOdoch es bleiben die Lebenden

MELANTHOmit den Lebenden verbunden.

MELANTHOEin vom inneren Kampf

MELANTHOgezeichnetes Gesicht missfällt den Toten,

MELANTHOdenn die Verflossenen suchen allein den Frieden.

MELANTHOEs schmachtet unter der Strenge

MELANTHOdeiner Entsagungen

MELANTHOdie Blüte des Alters;

MELANTHOverwitwet leidet

MELANTHOdeine Schönheit,

MELANTHOdenn durch dauerndes Weinen

MELANTHOzeigst du eine schöne Sonne hinter einem Wasserschleier.

MELANTHOLiebe doch von neuem! Amors

MELANTHOsüsse Gefährtin ist die Schönheit;

MELANTHOdie Wonnen der Liebe

MELANTHOwerden deinen Schmerz zerstreuen.

PENELOPEAmor ist ein Trugbild,

PENELOPEAmor ist ein herumstreifender Gott,

PENELOPEdessen Unbeständigkeit bekannt,

PENELOPEdessen süsser Zeiten Mass der Blitz ist.

PENELOPEEin einziger Tag kann

PENELOPEFreude in Schmerz umwandeln.

PENELOPEOft sind die Liebesgeschichten

PENELOPEdenen Theseus' und Jasons ähnlich:

PENELOPEBestrafte Unbeständigkeit,

PENELOPEQualen, Tod und Schmerz.

PENELOPEDes lieben Himmels Strahlen

PENELOPEkönnten Odysseus in einen Jason verwandeln,

MELANTHOAllein weil die Winde listig

MELANTHOeinmal das Meer betrübt,

MELANTHOollte der kühne Seemann

MELANTHOden Hafen nie wieder verlassen?

Nicht immer blickt vom Himmel

MELANTHOfinster ein Stern herab,

MELANTHOund jeder Sturm hat ein Ende.

MELANTHOLiebe doch von neuem! Amors

MELANTHOüsse Gefährtin ist die Schönheit;

MELANTHOdie Wonnen der Liebe

MELANTHOwerden deinen Schmerz zerstreuen.

PENELOPENie wieder lieben kann,

PENELOPEwer so bitter gelitten!

PENELOPEEs wird erneut leiden

PENELOPEwer erst den Fehler begangen.

SYSTEMELFTE SZENE

PENELOPEEumäos allein

EUMÄOSO wie schwer kann sich ein König

EUMÄOSgegen Unglück und übel schützen!

EUMÄOSEher benetzt die Träne das königliche Zepter

EUMÄOSals des Hirten Rute.

EUMÄOSSeide und goldene Gewänder

EUMÄOSbergen die höchsten Qualen.

EUMÄOSSicherer als das reiche,

EUMÄOSberühmte Leben

EUMÄOSist das arme, bescheidene.

EUMÄOSHügel, Auen und Wälder!

EUMÄOSWenn menschlicher Zustand jemals Glück zulässt,

EUMÄOSdann ist es in euch zu finden.

EUMÄOSGrasige Wiesen, auf euch wächst die Blume der Freude,

EUMÄOSauf euch wird die Frucht der Freiheit gepflückt;

EUMÄOSErquickung für den Menschen bietet euer Laub.

SYSTEMZWÖLFTE SZENE

EUMÄOSIros und Eumäos

IROSEin Viehhüter kann wohl Wiesen und Wälder preisen,

IROSdenn er ist gewohnt, mit der Herde zu reden.

IROSDiese Kräuter, die du nennst,

IROSsind Futter für das Vieh, und nicht für

IROSden Menschen!

IROSIch selbst lebe unter Königen,

IROSdu hier mit dem Vieh

IROSund pflegst den ganzen Tag die Freundschaft zu ihm.

IROSIch esse deine Gefährten, Hirt, und die Frucht deiner Arbeit!

EUMÄOSIros, du Vielfrass!

EUMÄOSIros du Allesverschlinger!

EUMÄOSIros: du Grossmaul!

EUMÄOSStöre nicht meinen Frieden,

EUMÄOSgeh lieber deinen Bauch füllen!

EUMÄOSDREIZEHNTE SZENE

EUMÄOSEumäos, dann Odysseus in Gestalt eines Greises

EUMÄOSGrosszügiger Odysseus! Erhabene Taten vollbrachtest du:

EUMÄOSStädte entvölkert und niedergebrannt!

Doch vielleicht der Himmel, im Zorn über den Fall Trojas,

EUMÄOSforderte dein Leben als Opfer für seinen Groll.

ODYSSEUSWenn du des genannten Odysseus Heimkehr heute herbeigesehnt,

ODYSSEUSso empfange mich, armen, alten Mann,

ODYSSEUSdenn ich bin jeglicher Hilfe bar

ODYSSEUSdurch. gebrechliches Alter und harte Schicksalsprüfungen.

ODYSSEUSDein Erbarmen sei mir letztes Geleit zum Tode.

EUMÄOSDu wirst mein Gast sein

EUMÄOSund sanfte Herberge geniessen:

EUMÄOSSind doch die Bettler

EUMÄOSGünstlinge des Himmels, Zeus' Freunde.

ODYSSEUSOdysseus lebt! Die Heimat wird ihn bald wiedersehen,

ODYSSEUSPenelope ihn wieder umarmen können,

ODYSSEUSdenn das Schicksal war nie lieblos,

ODYSSEUSund die Zeit kann viel ändern,

ODYSSEUSglaub mir das, Hirte?

EUMÄOSWie gerne empfange idi dich, bettelnde Gottheit!

EUMÄOSMein langjähriger Kummer wird durch deine Worte gelindert.

EUMÄOSFolge mir nun, Freund,

EUMÄOSdu sollst in Sicherheit ruhen.

SYSTEMZWEITER AKT

EUMÄOSERSTE SZENE

EUMÄOSTelemach und Athene auf einem Wolkenwagen

TELEMACHFröhlicher Weg,

TELEMACHsüsse Reise!

TELEMACHDer göttliche Wagen zieht vorbei,

TELEMACHals wäre er ein Lichtstrahl.

TELEMACHDie mächtigen Götter

TELEMACHeilen durch die Lüfte, durchqueren die Winde!

ATHENEHier liegen die väterlichen Gefilde,

ATHENEkluger Telemach!

ATHENEVergiss nie meine Ratschläge:

ATHENEWenn dein Geist von der rechten Bahn weicht,

ATHENEgehst du Gefahren entgegen.

TELEMACHGefahren fürchte ich nicht,

TELEMACHwenn deine Umsicht mich lenkt.

TELEMACHZWEITE SZENE

TELEMACHEumäos, Odysseus, Telemach

EUMÄOSO grosser Sohn des Odysseus!

EUMÄOSKommst du nun endlich,

EUMÄOSdeiner Mutter die Tage zu erfreuen!

EUMÄOSO grosser Sohn des Odysseus!

EUMÄOSKehrst du endlich zurück,

EUMÄOSdeines bruchreifen Hauses

EUMÄOSdie gefährlichen Risse einzudämmen!

EUMÄOSMein Schmerz vergeht und meine Tränen enden.

EUMÄOSWir wollen, o Fremder,

EUMÄOSunserer Freude Ausdruck geben durch den Gesang!

ODYSSEUSGrüne Fluren im fröhlichen Tag,

ODYSSEUSschöne Blumen, junges Gras!

ODYSSEUSFreut euch aufs höchste:

ODYSSEUSDer Himmel lächelt dem Heimkehrenden zu.

TELEMACHEuer freundlicher Empfang macht mich dankbar,

TELEMACHdennoch eines beschattet meine Freude,

TELEMACHund unruhig ist meine wartende Seele.

EUMÄOSDieser, den du hier siehst,

EUMÄOSauf dessen müden Schultern die Last der Jahre drückt,

EUMÄOSden zerrissene Lumpen nur unvollkommen bekleiden,

EUMÄOSversichert mir, Odysseus' Heimkehr

EUMÄOSsei nicht sehr weit von diesem Tage.

ODYSSEUSHirte, wenn das nicht zutrifft,

ODYSSEUSsoll meinen müden Schritten der erste Stein zum Grabe werden,

ODYSSEUSund der Tod, der mich bereits umwirbt,

ODYSSEUSsoll jetzt den letzten Tag mir bringen!

ODYSSEUSDie süsse Hoffnung schmeichelt dem Herzen.

ODYSSEUSDie frohe Botschaft erfreut die Seele,

ODYSSEUSwenngleich sie beide die Erwartung

ODYSSEUSnicht befriedigen können.

TELEMACHGeh nun behende, Eumäos,

TELEMACHzum königlichen Palast!

TELEMACHGeh und verkünde meine Ankunft

TELEMACHmeiner Mutter!

TELEMACHDRITTE SZENE

TELEMACHTelemach, Odysseus

TELEMACH(Vorn Himmel kommt ein Feuerstrahl, die Erde spaltet sich und Odysseus wird von der Erde verschluckt

TELEMACHWas sehe ich nur, was erblicke ich?

TELEMACHDiese Erde verschlingt die Lebenden!

Sie öffnet Schlünde, gierig nach menschlichem Blut,

TELEMACHund erduldet nicht mehr den Druck des Schrittes.

TELEMACHDes Menschen Fleisch schlucken die Felsen;

TELEMACHwas für ein Zauber wird hier vollbracht?

TELEMACHMein Vaterland, hast du etwa gelernt,

TELEMACHMenschen zu verschlingen?

TELEMACHSo gibst du mich, Athene, der Heimat wieder?

TELEMACHEiner Heimat voll hämischer Tücke!

TELEMACHDoch schnell ist meine Zunge,

TELEMACHund mein Gedächtnis träge.

TELEMACHDieser Bettler beschwor, um seine Lüge glaubhaft zu machen,

TELEMACHdas Grab und rief den Tod hervor;

TELEMACHom gerechten Himmel bestraft,

TELEMACHblieb er hier begraben.

TELEMACHAch, geliebter Vater! Auf seltsame Weise

TELEMACHkündigt mir deinen Tod der Himmel selbst!

TELEMACHAch, um midi zu quälen

TELEMACHvollbringt die Erde soldie Wunder!

Odysseus erscheint in seiner wahren Gestalt)

TELEMACHDochsieh, ein neues Wunder geschieht!

TELEMACHEin Tausch des Todes mit dem Leben!

TELEMACHNie wieder werde ich diese Verwandlung arg nennen,

TELEMACHweil sie Verjüngung geschenkt!

ODYSSEUSTelemach, Wandle deine Verwunderung in Freude,

ODYSSEUSdenn du verlierst den Bettler und gewinnst deinen Vater!

TELEMACHObgleidi Odysseus

TELEMACHhimmlischem Geschlecht entstammt,

TELEMACHkann sich nicht verwandeln ein Sterblicher:

TELEMACHSelbst Odysseus vermag es nicht!

TELEMACHEntweder lüstet die Götter das Spiel,

TELEMACHoder du bist ein Zauberer!

ODYSSEUSOdysseus bin ich: Athene kann es bezeugen,

ODYSSEUSdie dich durch die Lüfte trug,

ODYSSEUSdenn sie vermag meine Gestalt zu ändern nach ihrem Wunsch,

ODYSSEUSdamit ich sicher und unerkannt bleibe.

TELEMACHO langersehnter Vater!

TELEMACHO heissgeliebter Sohn!

TELEMACHRuhmreicher Vater!

TELEMACHSüsses Liebespfand!

TELEMACHIch verehre dich, ich drücke dich ans Herz!

TELEMACHO mein geliebter Sohn!

TELEMACHDie Liebe zu dir bringt mich zum Weinen!

TELEMACHDie Liebe zu dir füllt meine Augen mit Tränen.

TELEMACHDer Sterbliche vertraut dem Schicksal und hofft unerschütterlich,

TELEMACHdenn wenn der Himmel schützt,

TELEMACHhat Natur keine Macht;

TELEMACHund oft geschieht das Unmögliche!

ODYSSEUSEile nun zur Mutter,

ODYSSEUSzum königlichen Palast!

ODYSSEUSBald werde ich bei dir sein,

ODYSSEUSdoch erst muss ich erneut zum Greise werden.

ODYSSEUSVIERTE SZENE

ODYSSEUSIm königlichen Palast. Melantho, Eurymachos

MELANTHOEurymachos!

MELANTHODieses Weib hat ein steinernes Herz!

MELANTHOKein Wort kann sie bewegen,

MELANTHOvergeblich bleibt die Bitte;

MELANTHOund selbst im Liebeskummer

MELANTHObewahrt sie unnachgiebige Seele,

MELANTHOmit Treue und Stolz erfüllt.

MELANTHOSie ist wie ein Fels!

MELANTHOFeindselig gegen die Liebe,

MELANTHOhat sie kein weiches Herz,

MELANTHOsondern ein diamantenes!

EURYMACHOSDoch oft hörte ich die Schar der Dichter

EURYMACHOSbesingen die Unbeständigkeit der leichtsinnigen Frauen!

MELANTHOVergebens verschwendete ich Worte und Bitten,

MELANTHOdie Königin zu neuen Liebeswonnen zu bewegen.

MELANTHOMein Bemühen ist sinnlos,

MELANTHOsie hasst die Liebe und das Geliebtwerden.

EURYMACHOSLeide, wer Leiden begehrt! Schmachte, wer sich danach sehnt!

EURYMACHOSUnd suche im Schatten das Heil, wer die Sonne hasst!

MELANTHOPenelope geniesst Schmerz und Tränen,

MELANTHOim Kummer allein ist sie glücklich.

MELANTHOWährend Melantho fröhlich lebt,

MELANTHOnährt sich jene von Leiden.

MELANTHOIch vergnüge mich in der Süsse der Liebe,

MELANTHOdie allein die Welt verschönern kann.

MELANTHOWonnen undVergnügen vertreiben den Schmerz;

MELANTHOWir lieben, wir geniessen, was auch die anderen sagen.

MELANTHOFÜNFTE SZENE

MELANTHOAntinoos, Anfinomos, Pisandros, Eurymachos. Penelope

ANTINOOSAndere Königinnen

ANTINOOSumgeben Diener wie dich Freier,

ANTINOOSdie alle deiner Schönheit

ANTINOOSein Meer von Tränen opfern.

PISANDROSSo liebe doch endlich wieder!

PENELOPEIch will nicht lieben, denn ich kenne nur Jammer.

PISANDROSSo liebe doch endlich wieder!

PENELOPEIhr seid mir alle teuer,

PENELOPEdie ihr mich so glühend liebt:

PENELOPEaber ich lasse mich nicht zur Liebe bewegen,

PENELOPEdenn schöner ist das Feuer, wenn nicht zu nah.

PENELOPEIch will nicht lieben,

PENELOPEdenn ich kenne nur Jammer

PISANDROSDie laubreiche Weinrebe muss sich an den Baum lehnen,

PISANDROSwill sie im Herbst tragen und blühen im Mai.

PISANDROSUnd blüht sie nicht,

PISANDROSso wird sie zerstört

PISANDROSund mit Füssen zertreten.

ANFINOMOSDer schönduftende Zederbaum

ANFINOMOSlebt, wenn nicht gepfropft,

ANFINOMOSohne Frucht und dornig.

ANFINOMOSNach der Veredelung jedoch

ANFINOMOSspriessen Blüten und Früchte aus seinen Dornen.

ANTINOOSDer grünende Efeu, der selbst dem Winter zum Hohn,

ANTINOOSwie ein Smaragd grünt,

ANTINOOSverliert, ohne eine Stütze,

ANTINOOSsein schönes Grün und verdirbt im gemeinen Gras.

PISANDROSSo liebe doch endlich wieder!

PENELOPEIch will nicht mehr lieben, nein!

PENELOPEWie ein Eisenstück,

PENELOPEdas zwischen zwei Magneten nach zwei Seiten neigt

PENELOPEund angezogen wird,

PENELOPEso bleibt mein Herz im Zweifel

PENELOPEzwischen drei Liebenden.

PENELOPEAber es kann nicht lieben

PENELOPEwer nichts anderes kennt

PENELOPEals Kummer und Leid.

PENELOPETrübsal und Schmerz

PENELOPEsind der Liebe ärgste Feinde.

PISANDROSAuf zum Genuss nun, zum Tanz! Mit Gesang

PISANDROSwollen wir die Königin erfreuen;

PISANDROSein frohes Herz verliebt sich leicht.

PISANDROSBallett

PISANDROSSIEBENTE SZENE

PISANDROSEumäos und Penelope

EUMÄOSAls überbringer wichtiger Botschaft komme ich an:

EUMÄOSTelemach, grosse Königin, dein Sohn, ist eben heimgekehrt!

EUMÄOSUnd vielleicht nicht leer ist die Hoffnung, die ich verkünde:

EUMÄOSOdysseus, unser König, dein Gemahl, lebt,

EUMÄOSund seine ersehnte Heimkehr steht bevor!

PENELOPESolch unsichere Botschaft

PENELOPEmacht meinen Schmerz noch tiefer.

PENELOPEWird je mein Schicksal sich ändern?

PENELOPEACHTE SZENE

PENELOPEAntinoos, Anfinomos, Pisandros, Eurymachos

ANTINOOSFreunde, habt ihr gehört? Die bevorstehende Todesgefahr

ANTINOOSmuss euch zu grossen, entschiedenen Taten bewegen!

ANTINOOSTelemach kehrt heim, und vielleicht Odysseus selbst.

ANTINOOSDieser Palast, von euch geschändet,

ANTINOOSerwartet von seinem Herrn

ANTINOOSzwar späte, doch baldige Rache.

ANTINOOSWer zu beleidigen wagte,

ANTINOOSwird jetzt vom Morde

ANTINOOSnicht zurückschrecken!

ANTINOOSAngenehm war bisher die Sünde,

ANTINOOSnun rette das Verbrechen unser Leben!

ANTINOOSHoffen auf Versöhnung ist Torheit,

ANTINOOSdenn zu dreist war die Beleidigung.

PISANDROSDurch unser Tun und Treiben

PISANDROSsind wir Odysseus' Feinde geworden.

PISANDROSDen Feind.zu reizen

PISANDROSwar niemals klug.

ANTINOOSNun rüste sich der Mut!

ANTINOOSNoch vor Odysseus' Ankunft

ANTINOOSmüssen wir Telemach töten!

PISANDROSOft zeugt die grösste Liebe

PISANDROSden grössten Hass:

PISANDROSjene verwundet die Herzen,

PISANDROSdieser zerstört die Reiche.

PISANDROSEin Adler fliegt über das Haupt der Freier

EURYMACHOSDer Himmel, der uns hört,

EURYMACHOSgibt uns seine Antwort!

EURYMACHOSStumme Sprüche des Himmels sind die Zeichen.

EURYMACHOSSeht nur, seht!

EURYMACHOSDes grossen Zeus Adler

EURYMACHOSverheisst Gemetzel, kündet Verderben an!

EURYMACHOSEntscheide sich zum Mord

EURYMACHOSwer den gerechten Himmel nicht fürchtet!

PISANDROSWir fürchten die Drohung des zornigen Himmels:

PISANDROSWer den Himmel nicht fürchtet

PISANDROSverdoppelt seine Sünde.

ANTINOOSNoch vor Ankunft des Sohnes

ANTINOOSwollen wir, um ihr Herz zu bezwingen,

ANTINOOSmit Geschenken um sie werben,

ANTINOOSdenn eine goldene Spitze hat Amors Pfeil!

EURYMACHOSSo sei das Gold

EURYMACHOSder Liebeszauber!

EURYMACHOSJedes Frauenherz, und wäre es Stein,

EURYMACHOSwird bald vom Gold erweicht.

PISANDROSDie Liebe ist eine Harmonie,

PISANDROSderen Gesang Seufzer sind.

PISANDROSZum guten Gesang ist das Gold die beste Begleitung;

PISANDROSder liebt nicht, der nicht zu schenken versteht.

PISANDROSNEUNTE SZENE

PISANDROSIm Wald. Odysseus, dann Athene

ODYSSEUSEs kann nicht verlieren, wen derHimmel schützt,

ODYSSEUSwen ein Gott leitet.

ODYSSEUSErhabene Taten bin ich bestimmt zu vollbringen,

ODYSSEUSdoch es versündigt sich schwer

ODYSSEUSwer, vom Himmel beschützt, die Welt fürchtet.

ATHENEMutiger Odysseus!

ATHENEIch werde dafür sorgen,

ATHENEdass deine keusche Gattin den Wettkampf einleitet,

ATHENEder dir Ruhm

ATHENEund sicheren Sieg,

ATHENEden Freiern jedoch Tod bringen wird,

ATHENEsobald der Bogen von deiner Hand gespannt.

ATHENEEin Donner wird ertönen,

ATHENEund deine kühne Rechte

ATHENEwird alle töten.

ATHENEIch werde dir beistehen mit dem himmlischen Blitz

ATHENEund dir Mut einflössen,

ATHENEbis alle gefallen, Opfer deiner Rache,

ATHENEdenn keinen will der Himmel verschonen!

ODYSSEUSImmer ist der Sterbliche blind;

ODYSSEUSum so mehr muss er es sein,

ODYSSEUSwenn göttlicher Befehl ihn heisst zu handeln.

ODYSSEUSIch folge dir, Athene!

ODYSSEUSZEHNTE SZENE

ODYSSEUSEumäos, Odysseus

EUMÄOSIch sah der verliebten Freier

EUMÄOSdie Kühnheit stocken,

EUMÄOSden Mut schwinden in den zitternden Augen,

EUMÄOSund furchtsam schlug ihr Herz:

EUMÄOSAllein der Name Odysseus'

EUMÄOSdurchbohrte ihre Seelen!

ODYSSEUSDarüber freue ich mich

ODYSSEUSund muss lachen,

ODYSSEUSohne zu wissen warum!

ODYSSEUSIch freue mich so sehr,

ODYSSEUSdass ich jünger werde!

EUMÄOSSobald wir mit karger Speise

EUMÄOSunsere Körper gestärkt, wollen wir gehen.

EUMÄOSDer trotzigen Freier

EUMÄOSentsetzliche Sitten wirst du sehen

EUMÄOSund deren unehrliches Benehmen.

ODYSSEUSEs lebt nicht ewig der Übermut auf Erden,

ODYSSEUSder menschliche Stolz muss bald sich beugen:

ODYSSEUSDer Blitz des Himmels wirft die Mächtigsten nieder!

SYSTEMELFTE SZENE

ODYSSEUSTelemach, Penelope

TELEMACHDie Irrfahrten meiner langen Reise

TELEMACHerzählte ich schon, o Königin!

TELEMACHNun kann ich nicht länger verschweigen

TELEMACHder göttergleichen Griechin betörende Schönheit.

TELEMACHEs empfing mich die schöne Helena;

TELEMACHich erstarrte und dachte, in ihre Augen tief versunken,

TELEMACHob nicht die Welt voller Paris wäre:

TELEMACHFür Ledas Tochter

TELEMACHwar ein Paris allein zu geringe Beute.

TELEMACHNicht hart genug wütete der Tod,

TELEMACHund milde brannte das Feuer;

TELEMACHsolange für sie die ganze Welt nicht brennt, ist alles zuwenig!

TELEMACHIn ihren schönen Augen sah ich

TELEMACHdie ursprünglichen Funken,

TELEMACHdie ersten Flammen des trojanischen Untergangs.

TELEMACHSchon früher hätte ein Prophet,

TELEMACHdurch das Erforschen jener Augen,

TELEMACHFeuer und Flammen voraussagen können.

TELEMACHdie Städte und Herzen zugrunde gerichtet.

TELEMACHParis starb in der Tat,

TELEMACHdoch überglücklidl wurde er;

TELEMACHmit dem Leben musste er die Schande büssen,

TELEMACHein so grosses Glück jedoch bezahlt nicht ein Tod allein.

TELEMACHSeiner Seele sei die schwere Sünde vergeben:

TELEMACHDie schöne Griechin trägt in ihrem seligen Antlitz

TELEMACHdie Rechtfertigung für Trojas Fall!

PENELOPEUnglückbringende Schönheit! Schändliche Leidenschaft.

PENELOPEDen Keim des Hasses

PENELOPEsäete nicht die Anmut des Antlitzes,

PENELOPEsondern die Windung einer Schlange.

PENELOPEUngeheuerlich ist die Liebe, die im Blute badet!

PENELOPESolch greuliche Erinnerung möge in Vergessenheit versinken.

PENELOPEEs irrt dein Geist, töricht ist dein Gemüt!

TELEMACHNicht aus Torheit nannte ich Helena!

TELEMACHEinmal in Sparta

TELEMACHflog über mein Haupt

TELEMACHein Vogel, fröhlich zwitschernd;

TELEMACHda verkündete mir Helena,

TELEMACHdie verständige Meisterin

TELEMACHim Deuten der Zeichen,

TELEMACHdie bevorstehende Heimkehr Odysseus'.

TELEMACHEr würde die Freier töten

TELEMACHund wieder herrschen in seinem Reich!

SYSTEMZWÖLFTE SZENE

TELEMACHAntinoos, Eumäos, Iros, Odysseus

ANTINOOSImmer gemein, Eumäos, immer trachtest du danach,

ANTINOOSunseren Frieden zu stören, unsere Freude zu trüben,

ANTINOOSdu Überbringer des Verdrusses!

ANTINOOSWarum hast du diesen widerlichen Bettler hierhergeführt,

ANTINOOSeinen unleidlichen Greis,

ANTINOOSder mit seiner Fresslust

ANTINOOSden frohen Geist des Festes vertreiben wird!

EUMÄOSFortuna hat ihn hierher geleitet,

EUMÄOSzu Odysseus' Palästen, Stätte der Barmherzigkeit.

ANTINOOSEr soll bei dir bleiben und die Herden hüten,

ANTINOOSund nicht hier erscheinen,

ANTINOOSwo edle Leute herrschen und gebieten.

EUMÄOSEdelleute sind nicht grausam,

EUMÄOSnoch kann eine grosse Seele Grossmut schmähen,

EUMÄOSdie Königen in der Wiege liegt.

ANTINOOSVermessener! Erhabene Gefühle zu nennen

ANTINOOSziemt dir, gemeinem Menschen, nicht;

ANTINOOSmit Königen darf nicht reden eine grobe Zunge!

ANTINOOSUnd du, unwürdiger Bettler,

ANTINOOSverlasse dieses Reich!

IROSVerschwinde von diesem Ort!

IROSBist du hier, deinen Bauch zu sättigen,

IROSso bin ich vor dir da.

ODYSSEUSO Mann von Übergrösse,

ODYSSEUSund dick und breit,

ODYSSEUSein Greis bin ich zwar,

ODYSSEUSdoch feig ist nicht mein Herz!

ODYSSEUSWenn mir soviel gewährt die königliche Hoheit,

ODYSSEUSwerde ich deinen plumpen Körper unter meinen Fuss zerren,

ODYSSEUSdu scheussliches Viehstück!

IROSIdi werde dir, verblödeter Krieger,

IROSlästiger Alter,

IROSdie Barthaare einzeln ausreissen!

ODYSSEUSIch will mein Leben verlieren,

ODYSSEUSwenn ich in Kraft und Tapferkeit

ODYSSEUSdir nicht überlegen bin, du Strohsack!

ANTINOOSWir bewundern hier, Königin, in diesem Paar

ANTINOOSeinen grotesk ausgetragenen Zweikampf.

TELEMACHIch, gewähre dir freies Geleit,

TELEMACHunbekannter Fremdling.

IROSAuch ich gewähre es dir,

IROSbärtiger Kämpfer!

ODYSSEUSDie Herausforderung nehme ich an, beleibter Edelmann!

IROSbeginnt zu kämpfen

IROSWohlan nun!

IROSEs beginne der Kampf!

IROSSie kämpfen

IROSIch bin besiegt, ich Elender!

ANTINOOSSieger, verschone den du besiegt!

ANTINOOSIros, du bist ein gewaltiger Fresser,

ANTINOOSaber kein tapferer Kämpfer!

PENELOPEO tapferer Bettler!

PENELOPEBleib am Hof

PENELOPEin Ehre und Sicherheit.

PENELOPEFeige ist nicht immer ein Mann,

PENELOPEden arme, zerlumpte Kleider bedecken.

ANFINOMOSErhabene Königin!

ANFINOMOSAnfinomos verneigt sich vor dir.

ANFINOMOSWas grosszügiges Los mir schenkte,

ANFINOMOSgebe ich dir, zu deinem neuen Glück.

ANFINOMOSDiese königliche Krone, Symbol der Herrschaft

ANFINOMOSüberreiche ich dir als Pfand für all meine Geschenke.

ANFINOMOSNach dem Opfer meines Herzens

ANFINOMOSbesitze ich kein grössers Gut!

PENELOPEGrosszügige Seele, freigiebiger Edelmann!

PENELOPEWohl verdienst du ein Reich,

PENELOPEnicht weniger steht dem zu, der ein Reich schenkt!

PISANDROSBist du endlich geneigt,

PISANDROSein Reich. als Geschenk zu empfangen,

PISANDROSso kann auch ich schenken,

PISANDROSdenn auch ich bin König.

PISANDROSDiese prachtvollen Gewänder,

PISANDROSdieser königliche Schmuck

PISANDROSbezeugen dir

PISANDROSmeine Verehrung!

PENELOPEEin edler Streit, ein ehrlicher Wettkampf entsteht,

PENELOPEwo unaufdringliche Verehrer

PENELOPEdie Kunst der wahren Liebe im Schenken lernen.

ANTINOOSMein Herz, das dich verehrt,

ANTINOOSwill dich nicht Königin nennen;

ANTINOOSmeine Seele, zu deinen Füssen liegend,

ANTINOOSwill dich als Göttin anbeten.

ANTINOOSDir opfere ich mein Seufzen

ANTINOOSund mein Verlangen.

ANTINOOSDieses Gold biete ich dir

ANTINOOSals Pfand meiner Anbetung.

PENELOPENicht ohne Preis werden

PENELOPEeure erhabenen Taten bleiben,

PENELOPEdenn wenn ein Weib sich schenkt,

PENELOPEwird sie von der Liebe erfüllt;

PENELOPEein Weib, das stets umworben,

PENELOPEergibt sich schliesslich den Angriffen des Liebenden.

PENELOPEAlso beeile dich, Melantho, und trage hierher

PENELOPEBogen und Köcher des starken Odysseus.

PENELOPEUnd wer unter euch

PENELOPEam leichtesten den mächtigen Bogen

PENELOPEspannen wird,

PENELOPEdem gehört Odysseus' Frau und Reich!

TELEMACHOdysseus, was zauderst du?

TELEMACHwarum verhinderst du nicht deinen Verlust

TELEMACHund löst nicht meinen Kummer?

PENELOPEWas mein Mund leichtsinnig versprochen,

PENELOPEist nicht der Wille meines Herzens!

PENELOPEGötter des Himmels! Wenn ich versprach,

PENELOPElöstet ihr die Zunge, gabt ihr die Stimme:

PENELOPEDurch meinen Mund sprach

PENELOPEder Sterne, des Himmels Wille!

PISANDROSLieblicher, süsser Ruhm,

PISANDROSersehnter Sieg!

PISANDROSDer Liebenden Tränen

PISANDROSund das beständige Herz

PISANDROSwandeln Schmerz in Freude!

PENELOPEDies ist Odysseus' Bogen,

PENELOPEzugleich die Waffe der Liebe,

PENELOPEdie mein Herz erobern soll!

PENELOPEAnfinomos, dir reiche ich ihn:

PENELOPEWeil du als erster geschenkt,

PENELOPEsollst du als erster versuchen.

ANFINOMOSAmor, der Schütze, der mich traf,

ANFINOMOSverleihe jetzt mir Kraft,

ANFINOMOSdass ich im Sieg rufen kann:

ANFINOMOSEin Pfeil verletzte mich,

ANFINOMOSein Bogen heilte meine Wunden!

ANFINOMOSEr versucht, den Bogen zu spannen, was ihm nicht gelingt

ANFINOMOSMein Arm ist diesem Bogen nicht gewachsen,

ANFINOMOSmein Handgelenk versagt,

ANFINOMOSmeine besiegten Kräfte weichen:

ANFINOMOSMein Unvermögen dämpft in mir das Verlangen.

PISANDROSAmor, Gott in Kindergestalt,

PISANDROSweiss nicht, dass er die Sterblichen

PISANDROSmit seinen Pfeilen trifft,

PISANDROSdenn seine Geschosse

PISANDROSsind nur Blicke.

PISANDROSEinem solchen Gott

PISANDROSverweigern Gehorsam Mars' Waffen.

PISANDROSDu jedoch, Kriegsgott, bereite meinen Sieg:

PISANDROSDurch dich will ich ihn erringen!

PISANDROSEr versucht es ohne Erfolg

PISANDROSWie unbeugsam, wie unbezähmbar

PISANDROSist dieser Bogen!

PISANDROSDer gefühlskalte Busen

PISANDROSwird für mich streng

PISANDROSund unnahbar bleiben.

ANTINOOSWeiche Mars, weiche Amor

ANTINOOSder Schönheit!

ANTINOOSWer im Kampf nicht siegt, erwirbt keine Ehre!

ANTINOOSO Penelope, im Namen

ANTINOOSdeiner Schönheit tue ich den Versuch,

ANTINOOSda Tapferkeit und Kraft versagten.

ANTINOOSEr versucht es ohne Erfolg

ANTINOOSEin Zauber vielleicht

ANTINOOSverhindert meinen Sieg!

ANTINOOSAch, wahr ist es wohl, dass alles

ANTINOOSOdysseus Treue bewahrt,

ANTINOOSund selbst sein Bogen

ANTINOOSerwartet ihn!

PENELOPELeere, dünkelhafte Vorzüge

PENELOPEsind königliche Titel,

PENELOPEnicht tapfer ist das Blut, Ruhm der Könige;

PENELOPEes genügt nicht, ruhmreiche Zepter in der Hand zu halten!

PENELOPEWer Odysseus' Tapferkeit

PENELOPEnicht erreicht,

PENELOPEder ist seiner Besitztümer

PENELOPEunwürdiger Erbe.

ODYSSEUSDie stolze Jugend

ODYSSEUSist nicht immer tapfer,

ODYSSEUSund das bescheidene Alter

ODYSSEUSnicht immer feige.

ODYSSEUSO Königin! Mein Körper

ODYSSEUSbirgt eine kühne Seele,

ODYSSEUSdie mich zum Versuch drängt.

ODYSSEUSIch will aber das Mass nicht überschreiten

ODYSSEUSund verzichte auf den Preis:

ODYSSEUSIch verlange nur die Mühe des Versuchs!

PENELOPEEs sei dem Bettler

PENELOPEdie kühne Probe gewährt!

PENELOPERuhmreicher Kampf gegen junge Männerkraft,

PENELOPEder Arm eines Greises

PENELOPEwird die Gesichter zum Erröten bringen.

ODYSSEUSDiese meine Rechte

ODYSSEUSbewaffnet sich in deinem Namen, o Himmel!

ODYSSEUSBereitet meinen Sieg, ihr höchsten Götter,

ODYSSEUSwenn euch beliebt sind meine Opfert

PISANDROSO Wunder, unglaubliches Wunder!

PISANDROSUnmögliches geschieht!

ODYSSEUSZeus mit seinem Donner schreit Rache!

ODYSSEUSUnd der Bogen schleudert die Pfeile!

ODYSSEUSAthene ermuntert und demütigt, wen sie will!

ODYSSEUSUnd der Bogen schnellt die tödlichen Geschosse!

ODYSSEUSTod, Gemetzel, Verderben!

SYSTEMDRITTER AKT

ODYSSEUSERSTE SZENE

ODYSSEUSIros allein

IROSEs ist schmerzhaft, es verletzt die Seele

IROSdie grausame Erinnerung an das Gemetzel!

IROSIch sah die Freier ermordet:

IROSlle wurden sie getötet.

IROSch, mit ihnen verlor ich den Genuss für Bauch und Gaumen.

IROSer hilft mir Hungrigem, wer tröstet mich

IROSmit einem linden Wort?

IROSDie Freier, Iros, hast du verloren,

IROSdie Freier, deine Väter.

IROSVergiesse doch, soviel du kannst

IROSbittere Tränen der Trauer,

IROSdenn Vater ist nur, wer dich speist und kleidet.

IROSWer wird nun deines Hungers

IROSWünsche erfüllen?

IROSNie wirst du jemand finden,

IROSdem es gefällt,

IROSdeinen gefrässigen Wanst zu füllen.

IROSNie wirst du jemand finden,

IROSder über die Leistung deines Bauches sich ergötzt!

IROSWer hilft dem Hungrigen, wer tröstet mich?

IROSUnglückseliger Tag, gegen mich gerichtet:

IROSKurz vorher bezwang mich ein kühner Greis,

IROSnun werde ich vom Hunger geplagt, da die Nahrung mir fehlt.

IROSImmer kannte ich den Hunger als einen Feind,

IROSich hatte ihn besiegt!

IROSZu arg wäre es jetzt, ihn als Sieger über mich zu dulden.

IROSIch will mich selber töten und nicht zulassen,

IROSdass er mich zugrunde richtet.

IROSWas man dem Feind vorwegnimmt, ist schon ein Stück Sieg!

IROSMein mutiges Herz,

IROSbemeistere den Schmerz!

IROSBevor mein Körper durch Hunger verdirbt,

IROSwill ich in die gähnende Gruft hinabsteigen!

IROSDRITTE SZENE

IROSPalast. Melantho und Penelope

MELANTHOWelches neue Waffengeklirr!

MELANTHOWelches unfassbare Verderben!

MELANTHOWelche tragische Liebe!

MELANTHOWer war der Schänder, der mit neuem Krieg es wagte,

MELANTHOden Frieden deiner Augen zu trüben,

MELANTHOund niederzureissen

MELANTHOdie Amor geweihten Tempe

MELANTHOin jenen glühenden Herzen?

PENELOPEBegehrte Witwe, verwitwete Königin!

PENELOPENeue Tränen stehen mir bevor.

PENELOPEDem Unglücklichen

PENELOPEbringt alles Unglück!

MELANTHOSelbst im Schatten der Zepter

MELANTHOist das Leben unsicher! In der Nähe der Kronen

MELANTHOwerden frevelhafte Hände

MELANTHOsogar noch kühner!

PENELOPEDie Freier starben, und die von ihnen beschworenen Sterne

PENELOPEsahen dem Gemetzel unbeweglich zu!

MELANTHOPenelope!

MELANTHODie Strafe des unsterblichen Himmels

MELANTHOmuss in dir Zorn und Empörung auslösen,

MELANTHOdenn die schändliche Tat

MELANTHOverdient eine fürchterliche Rache!

PENELOPEZwar empfinden die Augen Erbarmen

PENELOPEund vergiessen Tränen,

PENELOPEaber mein Herz

PENELOPEzum Zorn und Schmerz zu zwingen

PENELOPEist mir nicht möglich.

PENELOPEVIERTE SZENE

PENELOPEEumäos betritt den Saal

EUMÄOSDie Macht eines verborgenen Gefühls

EUMÄOSversüsse dein Herz!

EUMÄOSDer mit einem einzigen Bogen

EUMÄOSHunderten den Tod bereitete,

EUMÄOSder tapfere Schütze,

EUMÄOSder den Bogen spannte und die Pfeile schnellte,

EUMÄOSder die niederträchtigen Freier

EUMÄOSim Kampf vernichtete,

EUMÄOSo Königin, freue dich,

EUMÄOSder war Odysseus!

PENELOPEDu bist ein guter Hirte, Eumäos,

PENELOPEund überzeugt glaubst du

PENELOPEgegen das, was du siehst!

EUMÄOSDer alte Mann, der Greis,

EUMÄOSder zerlumpte Bettler,

EUMÄOSder gegen die hochmütigen Freier

EUMÄOSden tödlichen Kampf aufnahm,

EUMÄOSo Königin, freue dich,

EUMÄOSder war Odysseus!

PENELOPEAlles glaubt das gemeine Volk,

PENELOPEdoch dumm und trügerisch

PENELOPEist das Gerücht.

EUMÄOSOdysseus sah ich wirklich!

EUMÄOSOdysseus lebt und ist hier!

PENELOPETrügerische Botschaft

PENELOPEeines unerwünschten Trösters!

EUMÄOSIch sage, Odysseus ist hier!

EUMÄOSIch selbst sah ihn und weiss es.

EUMÄOSGlaub doch endlich an mein Wort:

EUMÄOSOdysseus lebt und ist hier!

PENELOPEIch streite nicht mit dir,

PENELOPEdenn du bist töricht und blind!

PENELOPEFÜNFTE SZENE

PENELOPETelemach betritt den Saal

TELEMACHEumäos ist nicht von Sinnen,

TELEMACHwas er verkündet, ist lautere Wahrheit:

TELEMACHOdysseus, dein Gemahl, mein Vater,

TELEMACHhat alle Feinde vertilgt.

TELEMACHSeine veränderte Gestalt,

TELEMACHdie eines zerlumpten Greises,

TELEMACHwar Athenes Kunst und ihr Geschenk.

PENELOPEZu oft, wahrhaftig, müssen die Menschen

PENELOPEals Spiel der Götter dienen.

PENELOPEGlaubst du, was du sagst, so bist du ihr Spielzeug.

TELEMACHEs ist der Wille Athenes,

TELEMACHdass die falsche Erscheinung

TELEMACHOdysseus' Feinde täusche.

PENELOPEWenn die Götter es lieben, jemand zu täuschen,

PENELOPEwer kann mich glauben machen,

PENELOPEdass ich nicht Opfer einer Täuschung bin,

PENELOPEda ich schon zu lange gelitten?

TELEMACHDer Griechen Beschützerin

TELEMACHist, wie du weisst, Athene;

TELEMACHund am meisten Odysseus

TELEMACHgeniesst ihre Zuneigung.

PENELOPEKeinen Gedanken

PENELOPEopfern die Götter

PENELOPEden irdischen Ereignissen,

PENELOPEsie lassen das Feuer brennen

PENELOPEund das Wasser gefrieren.

PENELOPEIhre Fügungen verursachen Freude oder Schmerz.

TELEMACHLege getrost das Trauergewand ab!

EUMÄOSDeine Qualen sind zu Ende!

EUMÄOSSECHSTE SZENE

EUMÄOSÜber dem Meer

EUMÄOSAthene, Hera.

ATHENEWie eine Flamme brennt der Zorn, grosse Göttin,

ATHENEund Feuer ist der Hass.

ATHENEIn Hass und Zorn liessen wir

ATHENETroja zerstören.

ATHENEVon einem Troer wurden wir beleidigt, jedoch

ATHENEgerächt!

ATHENENun kämpft der Stärkste unter den Griechen

ATHENEnoch mit seinem Schicksal:

ATHENEder leidensschwere Odysseus.

HERAFür die willkommene Rache ist kein Preis zu hoch. Mag das trojanische Reich in Staub vergangen sein!

ATHENEUm uns zu rächen, musste Odysseus die Irrfahrt antreten: Das von uns gewollte Unglück ist seiner Leiden Ursprung. Es ziemt uns Göttern, den Rächer zu retten und den Groll des Meeresgottes zu besänftigen.

HERAFrieden und Ruhe will ich für Odysseus erflehen.

ATHENEFür dich, des höchsten Zeus Schwester und Gemahlin, stehen alle Himmelstüren offen.

ATHENESIEBENTE SZENE

ATHENEDer Ozean. Hera, Zeus, Poseidon, Athene und Chor

HERAGrosser Zeus, Vater der Götter, Gott des Geistes,

HERAGeist des Universums,

HERAder du alles lenkst und alles bist!

HERANeig deine Gnade meinen Bitten!

HERAOdysseus irrte zu lang,

HERAzuviel hat er gelitten,

HERAschcnk seinem Herzen endlich Frieden!

HERADurch göttlichen Befehl verliess er seine Heimat

HERAund irrte lange Jahre.

ZEUSNie wird die Bitte, die du, Hera,

ZEUSan mich richtest, unerfüllt bleiben.

ZEUSDoch erst ziemt sich,

ZEUSden zürnenden Poseidon zu besänftigen.

ZEUSHör mich an, Gott der Meere!

ZEUSHier, wo das Schicksal geschrieben wird,

ZEUSwurde der Niedergang Trojas vorausbestimmt.

ZEUSNun ist der Schicksalsgeprüfte ans Ziel gekommen.

ZEUSZeig deine Grossmut!

ZEUSEin Opfer des Schicksals war Odysseus;

ZEUSgelitten, gekämpft, gesiegt

ZEUShat der Götterähnliche,

ZEUSund während Troja zu Asche ward,

ZEUSumschmeichelte der Tod auch ihn.

ZEUSFriede, Poseidon!

ZEUSVerzeih dem Sterblichen die Schuld, die auf ihm lastet.

ZEUSDas Schicksal selbst ist ihm heute freundlich gesinnt.

ZEUSNicht der Mensch ist schuld, wenn der Himmel donnert.

POSEIDONWohl sind diese Fluten kühl

POSEIDONund eiskalt,

POSEIDONaber es durchdringt sie die Wärme deiner Liebe.

POSEIDONin den algenreichen Abgründen,

POSEIDONan allen Meeresenden

POSEIDONist Zeus' Ratschluss bereits bekannt.

POSEIDONGegen die vermessenen Phäaken

POSEIDONentlud sich mein Groll,

POSEIDONfür das greuliche Verbrechen

POSEIDONmusste das Schiff erstarren.

POSEIDONGlücklich und sicher

POSEIDONlebe Odysseus!

POSEIDONCHOR IM HIMMEL UND IN DEN FLUTEN

POSEIDONZeus, der Liebevolle,

POSEIDONdurchdringt den Himmel

POSEIDONmit seiner Barmherzigkeit.

POSEIDONTrotz seiner Kälte,

POSEIDONnicht minder liebevoll als der Himmel

POSEIDONist das Meer.

POSEIDONBete, o Sterblicher, bete,

POSEIDONdenn ein beleidigter Gott

POSEIDONlässt sich durch Gebete besänftigen,

ZEUSAthene! Nun sei deine Sorge,

ZEUSden Aufstand der Archaier zu zerstreuen

ZEUSdie als Rache für der Freier Ermordung,

ZEUSgedenken zu bekriegen

ZEUSdas Land der Ithaker.

ATHENEDie erzürnten Gemüter werde ich beruhigen,

ATHENEdas Entfachen der Rache verhindern,

ATHENEden Frieden erzwingen,

ATHENEZeus, wie du befohlen.

ATHENEACHTE SZENE

ATHENEEuryklea allein

EURYKLEAEuryklea, was wirst du tun?

EURYKLEAWirst du schweigen oder reden?

EURYKLEARedest du, so bringst du Trost,

EURYKLEAaber Schweigen ist deine Pflicht.

EURYKLEADem Gehorsam und zugleich

EURYKLEAder Liebe verpflichtet,

EURYKLEAwirst du schweigen oder nicht?

EURYKLEADoch weiche dem Gehorsam die Liebe:

EURYKLEAMan darf nicht alles sagen, was man weiss.

EURYKLEASinfonia

EURYKLEADem Leidenden helfen ist eine Freude,

EURYKLEAdoch Unrecht und Schande

EURYKLEAein Geheimnis zu enthüllen!

EURYKLEABesser ist, das Schweigen zu hüten.

EURYKLEABitter ist es,

EURYKLEAden Leidenden mit einem Wort

EURYKLEAtrösten zu können

EURYKLEAund es nicht tun;

EURYKLEAaber von der Reue

EURYKLEAist das Schweigen weit entfernter

EURYKLEAals die Rede.

EURYKLEARitornello

EURYKLEAEin verschwiegenes Geheimnis

EURYKLEAkann leicht enthüllt werden;

EURYKLEAdanach jedoch

EURYKLEAkann man es nicht mehr verschweigen.

EURYKLEAEuryklea, wirst du schweigen?

EURYKLEAEin strenges Schweigen wurde nie getadelt.

EURYKLEARitornello

EURYKLEANEUNTE SZENE

EURYKLEAPenelope, Telemach, Eumäos

PENELOPEAll unsere Gedanken

PENELOPEverweht der Wind!

PENELOPEUnsere Träume können

PENELOPEdie Unruhe der hilflosen Seele

PENELOPEnicht bannen.

PENELOPEDie Märchen erfreuen,

PENELOPEsie können aber kein Leben retten.

TELEMACHZu ungläubig!

TELEMACHZu hartnäckig!

TELEMACHEs ist die Wahrheit,

TELEMACHdass der alte Schütze Odysseus war!

TELEMACHEben kommt er

TELEMACHin seiner wahren Gestalt.

TELEMACHOdysseus ist er,

TELEMACHer ist hier!

TELEMACHZEHNTE SZENE

TELEMACHOdysseus betritt den Saal

ODYSSEUSOh, meiner Leiden

ODYSSEUSsüsses, liebliches Ziel!

ODYSSEUSErsehnter Liebeshafen

ODYSSEUSin dir will ich ruhen!

PENELOPEHemme deine Schritte, Krieger!

PENELOPEHeuchler oder Zauberer!

PENELOPEVon deinen verwirrenden Verwandlungskünste

PENELOPElasse ich mich nicht betören!

ODYSSEUSWillst du auf diese Weise

ODYSSEUSdeines Gemahls langersehnte

ODYSSEUSUmarmung empfangen?

PENELOPEDie Gattin bin ich des verlorenen Odysseus.

PENELOPEKein Zauber

PENELOPEwird meine Treue jemals erschüttern!

ODYSSEUSUm deiner Augen willen

ODYSSEUSlegte ich einst die Unsterblichkeit ab

ODYSSEUSund tauschte freiwillig meinen Zustand und mein Los.

ODYSSEUSUm dir Treu zu bewahren, bin ich sterblich geworden.

PENELOPEDer Macht, die dir

PENELOPEOdysseus' Gestalt gab,

PENELOPEverdanke ich den Tod

PENELOPEder niederträchtigen Freier.

PENELOPESei dies die süsse Frucht

PENELOPEdeiner Lüge.

ODYSSEUSOdysseus bin ich,

ODYSSEUSRest von Asche und Tod,

ODYSSEUSder Treulosen und Dieben

ODYSSEUSscharfer Richter und nicht ihr Gleichgesinnter.

PENELOPEDu bist nicht der erste Heuchler,

PENELOPEder es mit falschem Namen versucht,

PENELOPEHerrscher im Reich zu werden.

EURYKLEAEs ist Zeit zu reden!

EURYKLEADas ist Odysseus, o keusches Weib!

EURYKLEAIch erkannte ihn,

EURYKLEAals er nackt zum Bade kam.

EURYKLEADa entdeckte ich des wilden Ebers

EURYKLEAverursachte Narbe.

EURYKLEAIch flehe um Vergebung, dass ich nicht gesprochen!

EURYKLEAMeine gesprächige Weiberzunge

EURYKLEAschwieg, auf Befehl Odysseus',

EURYKLEAmit grosser Überwindung.

PENELOPEAns Glück zu glauben

PENELOPElehrte mich Amor,

PENELOPEaber Treue zu bewahren

PENELOPEbefiehlt meine Ehre.

PENELOPEZweifelnder Geist, was wirst du tun?

PENELOPEDen Worten und Bitten

PENELOPEdes guten Hirten

PENELOPEEumäos und meines Sohnes Telemach

PENELOPEschenkte ich keinen Glauben,

PENELOPEdenn mein keusches Bett

PENELOPEteilte ich nur mit Odysseus!

ODYSSEUSDeine keuschen Gedanken sind mir bekannt

ODYSSEUSIch weiss, dass das eheliche Bett,

ODYSSEUSdas ausser Odysseus

ODYSSEUSniemand kennt,

ODYSSEUSjede Nacht von dir geschmückt wird

ODYSSEUSmit einer von deinen Händen

ODYSSEUSgewebten Decke,

ODYSSEUSderen Muster Diana in Begleitung

ODYSSEUSihres jungfräulichen Chors darstellt.

ODYSSEUSStets begleitete mich

ODYSSEUSdiese süsse Erinnerung.

PENELOPEEndlich erkenne ich dich wieder!

PENELOPEEndlich kann ich dir glauben,

PENELOPEder du mein Herz

PENELOPEstets besessen!

PENELOPEVerzeih mir meine Strenge:

PENELOPEDie Liebe allein war die Ursache meiner Zweifel.

ODYSSEUSLöse die Zunge, o löse

ODYSSEUSaus Freude die Knoten!

ODYSSEUSEinen Seufzer, ein Ach löse deine Stimme!

PENELOPEStrahlet, o Himmel

PENELOPEErgrünt, ihr Wiesen!

PENELOPEErfreue dich, Luft!

PENELOPEDie zwitschernden Vögel,

PENELOPEdie murmelnden Bäche

PENELOPEmögen sich freuen!

PENELOPEDas grünende Gras,

PENELOPEdie plätschernden Wellen

PENELOPEmögen sich trösten!

PENELOPEGlücklich aus der trojanischen Asche

PENELOPEist mein Phönix auferstanden!

PENELOPEMeine erseufzte Sonne!

PENELOPEMein erneutes Licht!

PENELOPEHafen meiner süssen Ruhe!

PENELOPEErsehnter Geliebter,

PENELOPEdurch dich lerne ich

PENELOPEdie erlitten'en Qualen segnen!

PENELOPEKeine Erinnerung mehr

PENELOPEan das Leid!

PENELOPEO mein Leben!

PENELOPEDer Brust entfliehe

PENELOPEdie schmerzhaften Gefühle.

PENELOPEO mein Herz!

PENELOPEAlles ist Freude!

PENELOPEO mein Herz!

PENELOPEDer Tag der Freude, des Genusses

PENELOPEist endlich gekommen!

PENELOPEO mein Herz!