An die Freude

Mozart, Wolfgang Amadeus

Freude, Königin der Weisen,

Die, mit Blumen um ihr Haupt,

Dich auf güldner Leier preisen,

Ruhig, wenn die Bosheit schnaubt:

Höre mich von deinem Throne,

Kind der Weisheit, deren Hand

Immer selbst in deine Krone

Ihre schönsten Rosen band.

Rosen, die mit frischen Blättern,

Trotz dem Nord, unsterblich blüh'n,

Trotz dem Südwind, unter Wettern.

Wenn die Wolken Flammen sprüh'n,

Die dein lockicht Haar durchslingen,

Nicht nur an Cytherens Brust,

Wenn die Grazien dir singen,

Oder bei Lyäens Lust.

Sie bekränzen dich in Zeiten,

Die kein Sonnenblick erhellt,

Sahen dich das Glück bestreiten,

Den Tyrannen unsrer Welt,

Der um seine Riesenglieder

Donnerndes Gewölke zog,

Und mit schrecklichem Gefieder

Zwischen Erd' und Himmel flog.

Dich und deine Rosen sahen

Auch die Gegenden der Nacht

Sich des Todes Throne nahen,

Wo das kalte Schrecken wacht.

Deinen Pfad, wo du gegangen,

Zeichnete das sanfte Licht

Cynthiens mit vollen Wangen,

Die durch schwarze Schatten bricht.

Dir war dieser Herr des Lebens,

War der Tod nicht fürchterlich,

Und er schwenkete vergebens

Seinen Wurfspiess wider dich:

Weil im traurigen Gefilde

Hoffnung dir zur Seite ging

Und mit diamantnem Schilde

Über deinem Haupte hing.

Hab' ich meine kühnen Saiten

Dein lautschallend Lob gelehrt,

Das vielleicht in späten Zeiten

Ungeborne Nachwelt hört;

Hab' ich den beblümten Pfaden,

Wo du wandelst, nachgespürt,

Und von stürmischen Gestaden

Einige zu dir geführt:

Göttin, o so sei, ich flehe,

Deinem Dichter immer hold,

Daß er schimmernd Glück verschmähe,

Reich in sich auch ohne Gold;

Daß sein Leben zwar verborgen,

Aber ohne Sklaverei,

Ohne Flecken, ohne Sorgen,

Weisen Freunden theuer sei!