Lobegesang auf die feierliche Johannisloge

Mozart, Wolfgang Amadeus

O heiliges Band der Freundschaft treuer Brüder,

Dem höchsten Glück und Edens Wonne gleich,

Dem Glauben freund, doch nimmermehr zuwider,

Der Welt bekannt und doch geheimnisreich.

2. O heiliger! O dreimal großer Orden!

Der Weise reizt und Fürsten lüstern macht;

Mit dir ist uns die gold'ne Zeit geworden,

So schön, als sie die Fabel kaum erdacht.

3. Auf, Maurer! singt; laßt heut den Erdkreis hören,

Es sei der Tag, dem dieses Lied geweiht,

Ein herrlicher, ein großer Tag der Ehren,

Ein hohes Fest der Treu' und Einigkeit.

4. So weit die Welt nach guten Sitten wandelt,

Sei dieses Fest voll Freuden, Wohl und Heil;

Und wo Vernunft in Freiheit denkt und handelt,

Da nimmt man heut' an unserm Glücke teil!

5. Die Tugend ists, wodurch wir glücklich werden,

Es ist ihr Trieb, der unser Tun beseelt.

Die Tugend ist's, die sich ein Volk auf Erden

In uns'rer Zunft aus allen Völkern wählt.

6. Ihr sanfter Geist verbannt aus den Gemütern

Den Eifergeist, der Gott mit Blut bedient:

Ihr Band verknüpft und machet die zu Brüdern,

Die sich in Sprach' und Sitten fremde sind.

7. Durch sie sind uns der Freundschaft Pfänder eigen,

Geheimnisse, für die uns Ehrfurcht rührt,

Und unser Ruhm ein ungebroch'nes Schweigen,

Das weder Furcht noch Lieb' und Wein verführt.

8. Sie macht uns groß; sie bringt uns hoch zu Ehren,

Daß unser Preis vom Nord- zum Südpol blüht;

Und Phöbus' Aug' auf beiden Hemisphären

Nichts Herrlicher's als unsre Logen sieht.

9. Sie hat nunmehr seit so viel tausend Jahren

Ein Volk, das nie durch Waffen furchtbar ward,

Vor List und Macht in mancherlei Gefahren

Stets unbeschimpft, stets ungekränkt bewahrt.

10. Denn nicht erst heut' ist unser edler Orden,

Den Weisheit groß, Geheimniß heilig macht,

Dem Neid zur Pein, der Welt zum Wunder worden:

Sein Adel ist so alt, als Licht und Nacht.

11. Die Vorwelt sah auf Salems heil'gen Hügeln

Dem Ewigen ein wohnbar' Haus entsteh'n,

Und an dem Phrat sich manchen Bau bespiegeln,

Der würdig war, niemalen zu vergeh'n.

12. Die Wissenschaft ging zu den Griechen über,

Sobald im Ost die Tugend Abschied nahm,

Von denen sie zum stolzen Strom der Tiber,

In größer'm Schmuck und ernster Schönheit kam.

13. Fast reizender und allzeit gleich erhaben

Sah'n wir sie jüngst aus Staub und Moder zieh'n,

Nachdem sie lang' in Barbarei begraben

Und vor der Welt mehr als vergessen schien.

14. O sel'ge Zeit, die sie den Thron besitzen

Und mit dem Glück in holder Eintracht sieht.

O sich'res Volk! das Könige beschützen,

Und dessen Ruh' der Helden Faust bemüht.

15. Der tiefe Geist der gründlich weisen Briten,

Das deutsche Herz voll Redlichkeit und Treu',

Der Franzen Witz und schmeichelhafte Sitten

Sind doppelt schön im Schmuck der Maurerei.

16. Betrachtet es, es ist vor euch ein Wunder,

Verblendete! Verächter unsres Licht's!

Und sagt: warum geht dies Geschlecht nicht unter?

Wodurch besteht ein euch verächtlich Nichts?

17. Ist's Eitelkeit? sagt, oder ist es gründlich,

Das stille Glück, dem sich die Maurer weih'n?

Kann ein Gesetz, das töricht oder sündlich,

So fest besteh'n, von solcher Dauer sein?

18. Nein! Denn ist's wahr, daß Gott selbst in uns allen

Den edlen Trieb, sich zu gesellen, nährt,

So muß gewiß ihm ein Gesetz gefallen,

Das Freundschaft heißt und Menschen lieben lehrt.

19. Gefällt es ihm, so wird mit gleichem Glücke

Es fortbesteh'n und Ruhm und Preises voll,

Bis ihm's beliebt, daß selbst sein Meisterstücke,

Der Bau der Welt, nicht länger dauren soll.