Der Kuß

N. von Krufft

Ein Kuß von meinem Mädchen

Enthebt mich aller Sorgen.

Er ruft den lichten Morgen

Um Mitternacht hervor.

Er zaubert Lil' und Rose

Aus dürrem Felsenmoose.

Er zaubert mir Paläste

Aus Stroh und Binsenrohr.

Ein Kuß von meinem Mädchen

Macht mich zum ersten Weisen,

Er lehrt mich, wie in Kreisen

Sich Erd' und Himmel küßt.

Er lehrt mich tief empfinden,

Was Grübler nicht ergründen,

Dass diese Welt die beste

Von allen Welten ist.

Ein Kuß von meinem Mädchen

Begeistert mich zum Guten;

Der Sittenlehre Ruthen,

Ach! die begeistern nicht.

Man lernt so leicht durch Lieben

Die schwersten Pflichten üben.

Man übt so gern im Stillen

Der Liebe süße Pflicht.

Mein Mädchen, o mein Mädchen,

Laß keinen Kuß dich reuen!

Denn deine Küsse weihen

Zum Himmel selbst mich ein.

Laß nie, nach eiteln Lehren,

Mich einen Kuß entbehren,

So werd' ich bald, dich küssend,

Wie du, ein Engel seyn.